Theologie

Marx hat den Kapitalismus nicht verstanden

Der katholische Moraltheologe Martin Rhonheimer hat sich – wie ich übrigens auch – über die Verteidigung eines sanften und menschenfreundlichen Marxismus aufgeregt, die derzeit fast allerorts wahrnehmbar ist. Von katholischer Seite bemüht Kardinal Marx gern die Marxsche Kritik des Kapitalismus, so wie etwa in der Talkshow mit Anne Will am 6. Mai 2018 oder in einem Interview mit der FAS am 29. April (Nr, 17, S. 28–29):

Marx ist gewiss nicht der Auslöser der Sozialen Marktwirtschaft, aber seine Analyse und Kritik des Kapitalismus hat viele inspiriert und angeregt, eine bessere Antwort auf einen ungezügelten Kapitalismus zu finden, darunter übrigens auch die katholische Soziallehre. Es gehe in der Geschichte immer dialektisch zu, schreibt der Philosoph Hegel. An dieser Dialektik der Geschichte hat auch das Marxsche Denken seinen Anteil.

Martin Rhonheimer hat sich eine Woche später, ebenfalls in der FAS, dazu geäußert (06.05.2018, NR 18, S. 27):

Die notorische Wirtschaftsferne der katholischen Soziallehre erklärt auch ihre Anfälligkeit für Marxsche Denkmuster. Jüngstes Beispiel: Namensvetter Kardinal Marx im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) am vergangenen Sonntag. Einmal mehr zeigt sich: Der katholischen Sozialethik fehlt Verständnis für den im Kontext freier Märkte und des Wettbewerbs agierenden Unternehmer und deshalb dafür, wie Wertschöpfung und damit Wohlstand entsteht – wohlverstanden: Massenwohlstand. Sie meint, wir verdanken ihn der Sozialpolitik und den Gewerkschaften. Doch das ist sowohl ökonomisch wie auch historisch falsch.

Heute wissen wir, dass der Kapitalismus innerhalb weniger Jahrzehnte einstigen Luxuskonsum zum Massenkonsum gemacht hat. Hinsichtlich für die Lebensqualität grundlegender Aspekte wie Haushaltsgeräten, die das Leben, vor allem dasjenige der Frauen, tiefgreifend verändert haben, Ernährung, sanitären Einrichtungen, Kommunikations- und Verkehrsmitteln, Zugang zu Information und Bildung unterscheidet sich heute das Leben der Superreichen und des einfachsten Arbeiters im Vergleich zu früheren Zeiten nur unwesentlich. Der Prozess läuft weiter, auf globaler Ebene. Der Abstand zwischen reichen und armen Ländern verringert sich konstant.

Die Kirche ist berechtigterweise Anwalt der Schwachen und Notleidenden. Heute sind einige ihrer Exponenten aber mit ihrem auf – angeblich ungerechte soziale Ungleichheit zentrierten Diskurs zum Anwalt einer wohlstandsgesättigten Anspruchs- und Neidgesellschaft geworden. Damit bedienen sie Kräfte, die mit der Heilsbotschaft der Kirche und ihrem Ethos im tiefsten Widerspruch stehen. Zum Ärgernis vieler Christen – auch derer, denen wir unseren Wohlstand verdanken.

Siehe auch die Rezension von Christentum und säkularer Staat hier.

 

Sollten Pastoren ihre Predigten ins Netz stellen?

Sollten Pastoren ihre Predigten ins Netz stellen? Ja und Nein. Die Predigt-Podcasts können ein Segen sein, aber sie können auch betören. So halten Predigtmitschnitte etliche Kirchenmitglieder davon ab, am Sonntag die Ortsgemeinde aufzusuchen und mit anderen Gottesdienst zu feiern. Für andere, die wegen Krankheit und oder anderer Malaisen nicht zum Gotttesdienst kommen können, sind die Mitschnitte hingegen eine erbauliche Fügung.

Was Jake Meador gesagt hat, verdient ebenfalls Beachtung:

Die größere Zuhörerschaft im digitalen Zeitalter verleitet uns dazu, uns zu wichtig zu nehmen und mit der Menschenmenge anstatt mit unserer Gemeinschaft zu kommunizieren. Predigt-Podcasts machen unsere Pastoren zu Medienmarken und verlagern das Anliegen der Botschaft weg von der Ortsgemeinde, die eine der letzten Formen nicht-kommerzieller lokaler Gemeinschaft ist, die viele von uns kennen. Wenn Stolz die große Sünde ist, dann ist Demut eine der großen Tugenden, die Christen schützen sollten, auch wenn die Welt in eine andere Richtung zieht.

Mehr hier: www.christianitytoday.com.

Zeugnis als Erweisung des Geistes

Martyn Lloyd-Jones 1970 (Vollmacht, 1984, S. 96–97):

Ich bin überzeugt, daß [1. Korinther 2] für die evangelikale Christenheit unserer Tage in vieler Hinsicht das wichtigste Kapitel der ganzen Bibel ist. Schauen wir uns doch den Apostel Paulus an. Diese überragende Persönlichkeit, ein geistiger Riese. Er war einer der größten Geister, die die Erde je gekannt hat. Und doch sagt uns dieser Paulus, daß er nach Korinth in „Schwachheit, Furcht und großem Zittern“ gegangen ist. Er ist nicht leichtfüßig ans Rednerpult getreten, Selbstsicherheit und Überlegenheit ausstrahlend. Er fing nicht mit einigen guten Witzen an, um erst mal Atmosphäre zu schaffen. Er war nicht der gekonnte Beherrscher einer Versammlung, mit der er machen konnte, was er wollte: „Schwachheit, Furcht und großes Zittern!“ Warum? Paulus kannte seine eigenen Grenzen. Er wußte, was er nicht tun konnte. Er war von der Aussicht umgetrieben, mit seiner Persönlichkeit zwischen die Menschen mit der ungewöhnlichen Botschaft zu treten, die er zu verkündigen hatte. Er hat nichts aufgetragen, von dem er wußte, daß es die Menschen beeindrucken könnte. Er machte genau das Gegenteil. Er hatte sich entschlossen, „daß ich nichts wüßte unter euch, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“. Weiter sagt er: „Mein Wort und meine Predigt geschah nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, auf daß euer Glaube bestehe nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“ Paulus nahm keine Rücksicht auf den öffentlichen Geschmack, sowohl was den Inhalt seiner Rede betraf, als auch die Art und Weise, wie er die Botschaft weitergab. Daher sagten manche von ihm, seine Rede sei verachtenswert. Dennoch war Kraft dahinter, so daß Männer und Frauen innerlich überführt und bekehrt und Glieder der christlichen Gemeinde wurden. Was war das Geheimnis? Es war diese Erweisung des Geistes und der Kraft. Es war die Vollmacht des Heiligen Geistes. In 1. Thessalonicher 1, 5 sagt Paulus: „Denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewißheit.“ Ich bin gewiß, diese Gewißheit war nicht nur bei dem Apostel Paulus, sondern auch bei denen, die gläubig wurden. Es waren eben nicht nur Worte eines Menschen. Seine Hörer setzten sich nicht menschlicher Auslegungskunst aus. Paulus machte sie nicht mit einer seltsamen Philosophie bekannt. Es war das Wort Gottes, das „in Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewißheit“ zu ihnen kam.

Der Apostel Petrus sagt es ähnlich. Im 1. Petrusbrief 1,12 schreibt er von „dem, was euch verkündigt ist durch die, so euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist — was auch die Engel gelüstet zu schauen.“ Es geschieht durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, wenn das Evangelium überführend und überzeugend gesagt werden kann.

Gott verherrlicht sich durch den „Rest“

Martyn Lloyd-Jones 1970 (Vollmacht, 1984, S. 78–80):

Die Frage wird immer wieder gestellt: „Warum kommen wir nicht an die Massen heran, die außerhalb der Kirche leben? Wie können wir mit ihnen in Verbindung kommen? Wie können wir sie dazu bringen, auf uns zu hören? Was können wir tun, damit die Aussagen und Lehren der Kirche vollmächtig werden?“ Achten wir mal darauf, auf welche Art und Weise diese Fragen angegangen werden! „Das Hauptproblem ist“, so wird gesagt, „die Kirche hat nicht mit der Entwicklung Schritt gehalten. Sie verkauft sich nicht so, wie sie es eigentlich sollte. Große Firmen sind erfolgreich, weil sie gute Reklame betreiben.“ Deshalb haben die großen Kirchen damit angefangen, Abteilungen für die Öffentlichkeitsarbeit einzurichten. Diese Büros sorgen dafür, daß die entsprechenden Anzeigen regelmäßig in der Tagespresse erscheinen. „Bringt das unters Volk, und das Volk wird darauf hören!“, so heißt das Schlagwort. Sie klammern sich an die große Reklame, an die laute Stimme.

Andere sagen: „Nein, das ist nicht der Weg. Was wir brauchen, ist soziales Engagement. Die Menschen sind zuallererst an materiellen Dingen, an sozialen Problemen interessiert. Die Kirche muß daher deutlich zeigen, daß sie sich auch dafür interessiert. Sie muß somit häufiger Stellung zu sozialen und politischen Fragen nehmen. Dann werden die Menschen auch darauf hören, was in der Kirche gepredigt wird. Andere sind wiederum der Ansicht, der einzige Weg, den Einfluß zurückzugewinnen, gehe über Rundfunk und Fernsehen. »Das sind die Instrumente mächtiger Beeinflussung“, so sagen sie.

„Die Kirche muß diese Möglichkeiten auskaufen. Laßt uns dort das Geld hineinstecken. Laßt uns diese großen Medien für Reklame und Propagierung gebrauchen!“ Andere setzen ihr ganzes Vertrauen auf Schriften und Bücher.

Dem allen liegt selbstverständlich der hohe Stellenwert von Bildung und Wissen zugrunde. Folgende Überzeugung trifft man häufig an: Wenn wir nur den Eindruck hinterlassen könnten, daß der moderne Christ sich gut in der Wissenschaft auskennt, daß er kein Dummkopf ist und kein Träumer, daß er vernünftig und intellektuell ist, dann wird seine Umgebung bereit sein, auf ihn zu hören. Das sind auch so die gängigen Überlegungen, die hinter den vielen Büchern stecken, die Glauben und Wissenschaft harmonisieren wollen. Das sind die Hauptargumente. Aber die allerwichtigste Frage, so sagt man uns, ist die Frage nach der Einheit und einer einheitlich organisierten Weltkirche. Das eigentliche Problem ist, so sagt man, daß die Christenheit so gespalten ist. Die Welt ist eine Einheit, dagegen ist die Kirche in viele Fragmente gespalten. Darum ist es unmöglich, von Vollmacht zu reden, wenn solche unsicheren Fundamente da sind. Es gibt nur einen Weg, so sagt man uns: „Wir brauchen eine große Weltkirche. Wenn wir nur eine wären und so der Welt gegenübertreten könnten, dann müßte sie auf uns hören. Das ist das Geheimnis der Vollmacht.“

Mit dem Gesagten beschreibe ich nicht nur die Teile der Kirche, die nicht bibelgläubig sind. Leider rede ich auch vom evangelikalen Flügel. Es erscheint mir so, als ob wir in den gleichen Fehler verfallen sind. Wir zitieren zwar sehr oft: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr.“

In der praktischen Druchführung vertrauen wir dann doch dem „allmächtigen Dollar“, der Macht der Presse und der Reklame. Wir scheinen überzeugt zu sein: unser Einfluß hinge von der Technik ab, von den Programmen, die wir produzieren, von den großen Zahlen und den Massen. Wir haben vergessen, daß Gott in der Geschichte der Kirche seine Taten meistens durch den „Rest“ getan hat. Es sieht so aus, als ob wir die große Geschichte um Gideon vergessen haben. Wie Gott dort darauf bestanden hat, die Zahl der Krieger von 32000 auf 300 zu reduzieren, bevor er das Heer gebrauchen konnte. Wir sind fasziniert von der Idee der Größe, und wir sind überzeugt, wenn wir nur etwas Großes »aufziehen« (ja, das ist der richtige Ausdruck) könnten vor der Welt, dann würden wir sie erschüttern und eine große Erweckung wäre die Folge. Das ist das heutige Konzept für Vollmacht und Autorität.

Al Mohler: Reformation heute

Dr. Al Mohler (Foto: E21, B. Gödderz)

Auf der 7. E21-Konferenz 2017 hat Dr. Al Mohler, Präsident des Southern Baptist Theological Seminary aus Louisville (Kentucky, USA) einen Vortrag unter dem Titel „Reformation heute – Was wir von den Südlichen Baptisten lernen können“ gehalten.  Mohler beschrieb, wie eine große Denomination weg vom theologischen Liberalismus zurück zu einer biblisch-reformatorischen Theologie fand. Die Entwicklung der Südlichen Baptisten ist ein hoffnungsvolles Beispiel dafür, dass sich auch ein großer Bund theologisch erneuern kann.

Mohler teilte unter anderem folgende bemerkenswerte Erfahrung:

Der größte Widerstand gegen eine Reformation kommt aus der Mitte, von denen, die sich nicht genau positionieren wollen, die den Frieden in der Denomination unbedingt wahren möchten. Das sind diejenigen, die den hohen Preis nicht bezahlen wollen. Bei den Südlichen Baptisten war die zentrale Frage: „Wer will wirklich dabeibleiben, bis es zur Abstimmung kommt?“ Durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch hatten vor allem diejenigen gewonnen, die den Frieden bewahren wollten. In den späten Siebzigern war jedoch klar, dass die Basisbewegung nicht mehr breit aufgestellt war. Eine deutliche Anzahl von Leuten erschien bei Veranstaltungen, um das auszudrücken. Die größten Helden unserer Reformation sind die Versicherungsverkäufer, die Lehrer und andere, die zu unseren Tagungen gekommen sind und ihre Urlaubstage geopfert haben, um bei Wahlen für konservative theologische Kandidaten, die die Wahrheit bewahren, zu stimmen. Der anglikanische Historiker John Shelton Reed kam eines Tages zu unserem Campus, um über die Reformation der Südlichen Baptisten zu referieren. Er erzählte uns, dass von außen betrachtet die Reform wie ein Bauernaufstand ausgesehen habe. Es seien nämlich nicht die Eliten gewesen, die die Entscheidungen herbeigeführt hatten. „Die Bauern mit ihren Heugabeln machten den Unterschied aus.“ Er hatte völlig Recht. Ich fragte ihn nach seinem Vortrag, warum es in seiner Kirche nicht auch so eine Reformation gegeben habe. Die Antwort, sagte er, sei einfach: „Wir haben keine Bauern.“ Durch Gottes Gnade erschienen die Bauern und verteidigten die Wahrheit.

Der Vortrag wurde inzwischen mit freundlicher Genehmigung von Albert Mohler verschriftlicht und kann als digitales Booklet von der E21-Internetseite heruntergeladen werden. Wer lieber eine gedruckte Ausgabe möchte, kann diese an dieser Stelle ordern.

Petrus van Mastricht (1630–1706)

440px Petrus van MastrichtPetrus van Mastricht wurde 1630 als Sohn des reformierten Predigers Thomas von Mastrich und dessen Frau Jeanne de la Planque in Köln geboren. Seine erste akademische Ausbildung erhielt er an der Lateinschule in Duisburg. 1647 begann er an der Universität Utrecht mit einem Theologiestudium. Zu seinen Lehrern gehörten Größen wie  Gisbert Voetius und Carolus de Maets. Später studierte er noch in Leiden und wahrscheinlich in Heidelberg.

Nachdem er Erfahrungen als Gemeindepastor in Xanten und Glücksstadt gesammelt hatte, folgte er einem Ruf an die preußisch reformierte Universität Frankfurt (Oder) und unterrichtete dort Hebräisch und Praktische Theologie (damals die Bezeichnung für „Ethik“). Später wurde er Professor an der Universität Duisburg und nach dem Tod von Voetius sein Nachfolger an der Universität Utrecht.

In Utrecht entstand auch sein bedeutendes Hauptwerk Theoretico-practica theologia mit 1236 Seiten. Bisher war diese Abhandlung nur in lateinischer und holländischer Sprache verfügbar. Mit Unterstützung der Dutch Reformed Translation Society und Reformation Heritage Books wird derzeit an einer Übertragung ins Englische gearbeitet. Der erste Band wird demnächst verfügbar gemacht.

Jonathan Edwards schrieb in einem Brief an Joseph Bellamy am 15. Januar 1747 über das Werk:

VanMastricht 2 3D preview 1 76649 1525111024 1280 1280Was die Bücher angeht, von denen du sprichst: Mastricht ist manchmal in einem Band, einem sehr großen dicken Quartband, manchmal in zwei Quartbänden, zu haben. Ich glaube, es konnte neu nicht unter 8 oder 10 Pfund erworben werden. Turretin ist in drei Bänden zum wahrscheinlich fast gleichen Preis erschienen. Beide Werke sind ausgezeichnet. Turretin ist auf die polemische Theologie ausgerichtet, auf die 5 Punkte und allen anderen umstrittenen Sachen und ist in diesen Dingen viel umfangreicher als Mastricht und ist besser für jemanden, der nur in den kontrovers-theologischen Punkten gründlich versiert sein möchte. Aber nehmen Sie Mastricht für Theologie im Allgemeinen, Lehre, Praxis und die Kontroversen oder als ein universelles System der Theologie. Es ist außer der Bibel viel besser als Turretin oder irgendein anderes Buch in der Welt, jedenfalls meiner Meinung nach.

„Herrlichkeitstheologie“ oder „Kreuzestheologie“?

440px Luther Cranach the Elder BM 1837 0616 363
Lucas Cranach der Ältere – Marie-Lan Nguyen (2012), Gemeinfrei.

Die Heidelberger Disputation (Disputatio Heidelbergensis) war ein von Johann von Staupitz an der Heidelberger Universität einberufenes Generalkonvent für den Zeitraum vom 25. bis zum 27. April 1518. Es fand also vor 500 Jahren statt. Luther gewann damals etliche Anhänger unter den Studenten und Magistern der Artistenfakultät. Spätere Reformatoren wie Martin Bucer oder Johannes Brenz waren unter den Zuhörern und ließen sich für die Anliegen der reformatorischen Theologie begeistern.

Die Disputation ist stark mit der Theologie des Kreuzes verbunden. Bei Luther tritt der Begriff zwar nur vereinzelt auf. Bei den Erörterungen 1518 verwendet der junge Reformator die Formulierung allerdings in einer sehr grundlegenden und bahnbrechenden Weise. Er stellt die sogenannte „Herrlichkeitstheologie“ (theologia gloriae) der „Kreuzestheologie“ (theologia crucis) gegenüber.

Der Theologe der Herrlichkeit findet Gott durch die Schöpfung. Der Aufbau der Summe der Theologie des großen Thomas von Aquin (1225–1274) kann beispielsweise auf die Formel „Von Gott durch die Welt zu Gott in Christus – dem Gekreuzigten“ gebracht werden.

Luther wendet sich nun nachdrücklich gegen eine Theologie, die unter dem Eindruck der griechischen Philosophie (bes. Aristoteles) vorgibt, vernünftige Wege zu Gott gefunden zu haben. Luther verurteilte sie in seiner 19. These mit den Worten, dass der nicht wert sei, „ein Theologe zu heißen, der Gottes ‚unsichtbares Wesen durch das Geschaffene erkennt und erblickt‘ (Röm 1,20)“. Die Theologie der Herrlichkeit verzwecke Gott und raube ihm die Ehre. Sie „bläht auf, macht blind und verstockt“, heißt es in der 22. These. „Das (dem Menschen) zugewandte und sichtbare Wesen Gottes ist das Gegenteil des Unsichtbaren, nämlich: seine Menschheit, Schwachheit, Torheit“ (20. These). Gott will im Leiden erkannt sein. Und so formuliert Luther in der 20. These:

So genügt oder nützt es keinem schon, Gott in seiner Herrlichkeit und Majestät zu erkennen, wenn er ihn nicht zugleich in der Niedrigkeit und Schande des Kreuzes erkennt … Also liegt in Christus dem Gekreuzigten die wahre Theologie und Erkenntnis Gottes. Und [in] Joh. 14, 6 heißt es: ‚Niemand kommt zum Vater, denn durch mich …

In letzter Analyse setzt nach Luther die Theologie der Herrlichkeit das Vertrauen auf die Werke und führt deshalb zur Verherrlichung des Menschen. Sie beschönigt das desolate Sündersein, das sogar die Erkenntnis Gottes aus der Schöpfung missbraucht. Allein die Kreuzestheologie lässt Gott dem ihm geschuldeten Ruhm zukommen, da sie alles von Christus erwartet. Wir finden nur durch Christus zu Gott (und in einem gewissen Sinn auch zur Welt). Es gibt keine wahre Theologie ohne Kreuz.

Nachfolgend einige Zitate aus den Disputationen (Luther, M. (2006). HEIDELBERGER DISPUTATION. In W. Härle, J. Schilling, & G. Wartenberg (Hrsg.), W. Härle (Übers.), Der Mensch vor Gott: Deutsche Texte (Bd. 1, S. 37–39). Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, zitiert aus der digitalen Logos-Ausgabe).

III:

DIE WERKE DER MENSCHEN, WIE SCHÖN SIE AUCH IMMER SEIEN UND WIE GUT SIE ERSCHEINEN, SO GLAUBHAFT IST DOCH, DASS SIE TODSÜNDEN SIND.

Die Werke der Menschen erscheinen schön, aber innerlich sind sie hässlich, wie Christus von den Pharisäern Mt 23 sagt. Denn sie erscheinen ihnen und anderen gut und schön, aber Gott ist es, der nicht nach dem äußeren Ansehen urteilt, sondern die Nieren und Herzen erforscht. Aber ohne Gnade und Glauben ist es unmöglich, ein reines Herz zu haben. Apg 15: „Durch den Glauben reinigt er ihre Herzen.“

Die These wird deshalb [so] bewiesen: Wenn die Werke der gerechten Menschen Sünden sind, wie die These VII sagt, wie viel mehr der Menschen, die noch nicht gerecht sind. Aber die Gerechten sagen im Blick auf ihre Werke: „Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, Herr, denn vor dir wird kein Lebender gerechtfertigt werden.“ Ebenso der Apostel Gal 3: „Die aus den Werken des Gesetzes sind, sind unter dem Fluch.“ Aber Menschenwerke sind Gesetzeswerke. Und die Verfluchung wird nicht lässlichen [Sünden] zuteil, also sind sie Todsünden. Drittens Röm 2: „Der du lehrst, man solle nicht stehlen, stiehlst.“ Das erklärt der Selige Augustinus [so]: „Nach ihrem schuldigen Willen sind sie nämlich Diebe, auch wenn sie äußerlich andere Diebe verurteilen und belehren.“

XVI:

DER MENSCH, DER GLAUBT, ER WOLLE DADURCH ZUR GNADE GELANGEN, DASS ER TUT, WAS IN SEINEN KRÄFTEN STEHT, FÜGT SÜNDE ZUR SÜNDE HINZU, SO DASS ER DOPPELT SCHULDIG WIRD.

Denn aus dem Gesagten ist offenkundig: Indem er tut, was in seinen Kräften steht, sündigt er und sucht überhaupt das Seine. Aber wenn er glauben sollte, durch Sünde der Gnade würdig oder für die Gnade geeignet zu werden, fügt er sogleich hochmütige Vermessenheit hinzu und glaubt, dass Sünde nicht Sünde und Böses nicht Böses sei, was eine überaus große Sünde ist. So Jer 2: „Mein Volk hat eine zweifache Sünde begangen: Mich, die lebendige Quelle, haben sie verlassen und graben sich rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten können.“ D. h.: Durch die Sünde sind sie weit weg von mir und maßen sich dennoch an, aus sich heraus Gutes zu tun.

Nun sagst du: Was sollen wir also tun? Sollen wir in Tatenlosigkeit verharren, weil wir nur Sünde tun [können]? Ich antworte: Nein, sondern, wenn du diese [Worte] gehört hast, dann knie nieder und bete um Gnade, setze deine Hoffnung auf Christus, in dem unser Heil, unser Leben und unsere Auferstehung ist. Denn dies wird deshalb gelehrt, deshalb macht das Gesetz die Sünde bekannt, damit, wenn die Sünde erkannt ist, die Gnade gesucht und erlangt wird. So, so gibt er den Demütigen Gnade, und so wird, wer sich demütigt, erhöht. Das Gesetz demütigt, die Gnade erhöht. Das Gesetz wirkt Furcht und Zorn, die Gnade Hoffnung und Erbarmen. Denn durch das Gesetz kommt die Erkenntnis der Sünde, durch die Erkenntnis der Sünde aber die Demut, durch die Demut wird die Gnade erlangt. So führt Gottes fremdes Werk schließlich sein eigenes Werk herbei: indem es einen zum Sünder macht, um ihn zum Gerechten zu machen.

XXI:

DER THEOLOGE DER HERRLICHKEIT NENNT DAS ÜBEL GUT UND DAS GUTE EIN ÜBEL. DER THEOLOGE DES KREUZES SAGT, WAS DIE SACHE IST.

Das ist offenkundig; denn solange er Christus nicht kennt, kennt er den in den Leiden verborgenen Gott nicht. So zieht er die Werke den Leiden vor, die Herrlichkeit dem Kreuz, die Macht der Schwäche, die Weisheit der Torheit und insgesamt das Gute dem Übel. Das sind solche, die der Apostel ,Feinde des Kreuzes Christi‘ nennt, und das, weil sie das Kreuz und die Leiden hassen, dagegen die Werke und ihren Ruhm lieben und so das Gute des Kreuzes ein Übel nennen und das Übel des Werkes ein Gutes. Aber dass Gott nur gefunden wird in den Leiden und im Kreuz, ist schon gesagt.

So sagen die Freunde des Kreuzes, das Kreuz sei ein Gutes und die Werke [seien] ein Übel, weil durch das Kreuz die Werke zerstört werden und [der alte] Adam gekreuzigt wird, der durch die Werke vielmehr aufgebaut wird. Es ist nämlich unmöglich, dass der nicht durch seine guten Werke aufgebläht werde, der nicht vorher durch Leiden und Übel erniedrigt und zerstört worden ist, bis er weiß, dass er nichts sei und die Werke nicht seine, sondern Gottes sind.

 

Quo vadis, EAD?

Jonas Erne hat die überarbeitete Glaubensbasis genau gelesen und seine Gedanken in einen Artikel gepackt. Sein Fazit:

Und jetzt … wie weiter? Diese Frage wird sich in den nächsten Jahren jede Gemeinde, jeder Gemeindebund, jedes christliche Werk stellen müssen. Es gibt starke Tendenzen an vielen Orten, welche in dieselbe Richtung weisen wie diese Neuverfassung der Glaubensbasis. Es ist mein Gebet, dass wir aufwachen mögen und uns ganz neu dem Herrn Jesus weihen, und Ihm furchtlos und mutig, aber kompromisslos und mit Klarheit der Wahrheit nachfolgen.

Hier der vollständige Text: Quo_vadis_EAD.pdf.

Neuformulierte Glaubensbasis der Deutschen Evangelischen Allianz

Die Evangelische Allianz in Deutschland hat die Glaubensbasis überarbeitet. Der neue Text lautet wie folgt:

Wir glauben an den dreieinen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er hat die Welt erschaffen, er liebt sie und erhält sie. Darin zeigt er seine Souveränität und Gnade.

Der Mensch besitzt als Ebenbild Gottes eine unverwechselbare Würde. Er ist als Mann und Frau geschaffen. Er ist durch Sünde und Schuld von Gott getrennt.

Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist stellvertretend für alle Menschen gestorben. Sein Opfertod allein ist die Grundlage für die Vergebung von Schuld, für die Befreiung von der Macht der Sünde und für den Freispruch in Gottes Gericht. Jesus Christus, durch Gott von den Toten auferweckt, ist der einzige Weg zu Gott. Der Mensch wird allein durch den Glauben an ihn durch Gottes Gnade gerecht gesprochen.

Durch den Heiligen Geist erkennen Menschen Gott. Der Heilige Geist schafft durch die Wiedergeburt neues Leben und befähigt die Gläubigen, nach Gottes Willen zu leben. Er schenkt ihnen Gaben zum Dienen.

Jesus Christus baut seine weltweite Gemeinde. Er beruft und befähigt die Gläubigen, das Evangelium zu verkündigen und liebevoll und gerecht zu handeln.

Jesus Christus wird für alle sichtbar in Macht und Herrlichkeit wiederkommen, die Lebenden und die Toten richten und das Reich Gottes vollenden. Er wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.

Hier zum Vergleich die 1972 überarbeitete Glaubensbasis:

Wir bekennen uns:

• zur Allmacht und Gnade Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in Schöpfung, Offenbarung, Erlösung, Endgericht und Vollendung;

• zur göttlichen Inspiration der Hl. Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung;

• zur völligen Sündhaftigkeit und Schuld des gefallenen Menschen, die ihn Gottes Zorn und Verdammnis aussetzen;

• zum stellvertretenden Opfer des menschgewordenen Gottessohnes als einziger und allgenugsamer Grundlage der Erlösung von der Schuld und Macht der Sünde und ihren Folgen;

• zur Rechtfertigung des Sünders allein durch die Gnade Gottes aufgrund des Glaubens an Jesus Christus, der gekreuzigt wurde und von den Toten auferstanden ist;

• zum Werk des Heiligen Geistes, welcher Bekehrung und Wiedergeburt des Menschen bewirkt, im Gläubigen wohnt und ihn zur Heiligung befähigt;

• zum Priestertum aller Gläubigen, welche die weltweite Gemeinde bilden, den   Leib, dessen Haupt Christus ist, und die durch seinen Befehl zur Verkündigung des Evangeliums in aller Welt verpflichtet ist;

• zur Erwartung der persönlichen, sichtbaren Wiederkunft des Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit; zum Fortleben der von Gott gegebenen Personalität des Menschen; zur Auferstehung des Leibes zum Gericht und zum ewigen Leben der Erlösten in Herrlichkeit.

Prof. Christoph Raedel hat den neuen Text kommentiert. Kritische Anfragen lauten:

Einige Anfragen an den neuen Text bleiben jedoch. So ist es zwar theologisch ganz richtig, den Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes wahrzunehmen, doch muss diese Aussage (wie die britische Fassung belegt) nicht durch Streichung von Aussagen zur Sündhaftigkeit des Menschen erkauft werden. Ist der Mensch, wie es auch weiterhin heißt, „durch Sünde und Schuld von Gott getrennt“, dann steht er unter „Gottes Zorn und Verdammnis“ – was nun nicht mehr gesagt wird. Problematisch ist dies vor allem in Verbindung mit der Beobachtung, dass von einem doppelten Ausgang der Weltgeschichte (also der Gemeinschaft mit oder Trennung von Gott) nicht die Rede ist. Doch wenn der Glaube an Christus rettet, dann hat es doch wohl auch Konsequenzen, nicht an ihn zu glauben.

Das Bekenntnis zur Bibel ist in der Neufassung ganz ans Ende gerückt. Damit durchbricht der Artikel zur Bibel nicht mehr die trinitarische Struktur am Anfang, wo er bisher zwischen dem Bekenntnis zum Vater und zum Sohn stand. Doch wäre das Bekenntnis zur Bibel an den Beginn und nicht, wie jetzt geschehen, ans Ende gerückt worden, würde vermutlich weniger Aufmerksamkeit finden, dass aus der „völligen Zuverlässigkeit“ ein „zuverlässig“ wurde. Auch hier wird ein Signalwort, das deutsch- und englischsprachige Fassungen bisher verband, aufgegeben.

Am heutigen Sprachempfinden gemessen, ist der neue Text sicherlich gelungen. Doch muss die Frage gestellt werden, ob der Maßstab einer Glaubensbasis sein kann, dass sie allgemein, also „auch von säkularen Menschen besser verstanden werden kann“. Wenn das tatsächlich so sein sollte, bleibt unklar, warum „Rechtfertigung“, „Heiligung“ und „Inspiration“ durch andere Formulierungen ersetzt werden, „Wiedergeburt“ oder „Opfertod“ dagegen nicht. Sprachlich verdichtete Grundüberzeugungen bedürfen doch grundsätzlich der näheren Erklärung, und zwar nach innen wie nach außen.

Fazit: Der Text verdeutlicht einige Anliegen der evangelikalen Bewegung stärker als vorherige Fassungen, während Punkte wie Gotteszorn und Verdammnis noch stärker zurücktreten. Zu bedenken bleibt: Sich am Sprachempfinden von Jugendlichen und säkularen Zeitgenossen zu orientieren, nötigt dazu, den Text der Glaubensbasis in immer kürzeren Abständen anzupassen. Das aber scheint mir als Form der Beschäftigung mit sich selbst wenig verheißungsvoll.

Der vollständige Kommentar kann bei IDEA abgerufen werden: www.idea.de.

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Nachtrag: Moritz Vollmayr hat freundlicherweise die Dokumente von 1972, 2005 (England) und 2018 gegenübergestellt. Ich stelle das Dokument mit freundlicher Genehmigung hier zur Verfügung:Basis EA Vergleich.pdf.

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