Praktische Theologie

„Den Schatz bewahren“

Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz warnt die Kirchen vor einer Anpassung an die Erwartungen der Medien. „Nichts wäre schlimmer, als wenn die katholische Kirche den Weg vieler protestantischer Kirchen einschlagen und sich immer gnadenloser der Medienwirklichkeit anpassen würde“, sagte Bolz am Donnerstag in Berlin. Katholisch.de berichtet:

„Sie sollte den Schatz ihrer zweitausendjährigen Lebenserfahrung und Spiritualität wahren und nicht gegen Talkshowtauglichkeit eintauschen“, so Bolz, der übrigens selbst evangelisch ist. In der Logik der Medien führe jede Anpassung schließlich zur „Nichtbeachtung und Gleichgültigkeit.“ „Nur das Widerständige bleibt interessant und eine News“, sagte der Wissenschaftler. Deshalb sei die Frage entscheidend, „ob die Kirche den Mut zur Authentizität aufbringt“. Die Medien böten der Kirche und dem Papst immer wieder an: „Wir finden dich gut, wenn du unseren Erwartungen entsprichst“. Als sich Papst Benedikt XVI. „nicht darauf einließ, stempelte man ihn als Reaktionär ab“.

Mehr: www.katholisch.de.

VD: RS

Bastelreligionen

In seinem Artikel „Grenzauflösend und ganzheitlich: Die Bastelreligionen als Forschungsgegenstand der Soziologie“ schreibt Alexander Grau unter Berufung auf Thesen von Annette Wilke für die FAZ (vom 31.07.3013, Nr. 175, S. N4):

Die wichtigsten, auf Deutschland bezogenen empirischen Befunde des Monitors lauten zusammengefasst [Anmerkung: gemeint ist der Religionsmonitor 2008 von der Bertelsmann-Stiftung]: Etwa jeweils dreißig Prozent der Deutschen gehören einer der beiden großen christlichen Konfessionen an oder sind konfessionslos. Von den Konfessionslosen bezeichnen sich gleichwohl 32 Prozent als religiös. Neun Prozent bekennen sich zu einer „freischwebenden Religiosität“, einer „Spiritualität“. Insbesondere unter den in den traditionellen Kirchen Aktiven gibt es eine hohe Affinität zu allen Formen von Spiritualität und Esoterik, zu Alternativmedizin, Yoga oder Ayurveda – auch wenn deren Lehren den Glaubengrundsätzen der jeweiligen Konfession widersprechen. Sowohl unter Konfessionsangehörigen wie unter Religionslosen sind pantheistische und „ganzheitliche“ Weltbilder verbreitet. Dies gilt auch für den Glauben an Telepathie oder an Wiedergeburt.

Diese Daten relativieren laut Wilke die Säkularisierungsthese nicht, können sie aber auch nicht belegen. Unübersehbar sei allerdings ein Trend zur Individualisierung des Religiösen. Grau: „Der Markt der Religionen und Sinnstiftungen ist in Bewegung, theologische Lehrmeinungen spielen kaum eine Rolle, das autonome Subjekt bedient sich aus den unterschiedlichsten Traditionen und bastelt sich ein individuelles religiöses Weltbild. Da theistische Lehren kaum noch überzeugen, bedienen sich selbst kirchennahe Menschen bei Motiven fernöstlicher atheistischer Spiritualität.“

Es wird nie wieder gut

Wie gehen Menschen mit Schuld um, die keinen vergebenden Gott kennen? Dieser bedrückende Artikel aus der FAZ zeigt auf indirekte Weise, wie arm eine schuldverstrickte Welt ist, die keine Vergebung kennt. Da, wo jemand wirklich schuldig wird, stößt die Ratgeberkultur an ihre Grenzen.

Die Psychologin sagt, die Frau müsse sich selbst verzeihen. Aber die Frau weiß nicht, wie das geht. Sie kennt keinen Gott, den sie um Vergebung bitten könnte. Sie hat keine Religion, die festlegen würde, wann es genug wäre mit der Buße. Ihre Blumenerde kauft sie inzwischen im Supermarkt. Die Boss- Hoss-CD hat sie verbannt. Eine Zeitlang dachte sie, sie dürfe nie wieder in den Urlaub fahren. Nicht lachen, wenn jemand einen Witz erzählt. Sie hat aufgehört, sich die Fingernägel zu lackieren. Als habe sie jedes Recht auf Glück verwirkt.

Die Schuld klebt an ihr, sagt die Frau. Die Psychologin widerspricht: „Das ist ein Teil von Ihnen, Sie tragen das. Und Sie dürfen sich ruhig eine Kerze anzünden und es sich daheim gemütlich machen.“ Die Frau spult Ratgebersätze herunter: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich muss das akzeptieren. Ich muss mich trotzdem lieben. Es hilft niemanden, wenn ich wie ein Trauerklops herumlaufe.“

Neulich hat sie sich einen neuen Rock gekauft. Dann ein Armband. Sie hat es getan, ganz bewusst, obwohl ihr das passiert ist. Die Schuld hat sich nicht gerührt. Manchmal stellt sie fest, dass sie ein paar Stunden lang überhaupt nicht an den Unfall gedacht hat, und die Freude darüber ist größer als das schlechte Gewissen. Manchmal schreckt sie nachts nur noch zweimal hoch. „Es wird nie wieder gut“, sagt die Frau. Aber vielleicht wird es eines Tages besser.

Mehr: www.faz.net.

VD: WH

Die reaktiven Schraubenbewegungen der Kirche

Hubert Windisch schreibt in seiner Minima Pastoralia (Würzburg: 2001, S. 11):

Wir leben … im Zeitalter des »atmosphärischen Nietzsche« (Johann B. Metz): Weil alles gilt, gilt nichts. Die popularphilosophische Praxis dieser Wahrheit führt vor allem in den unter quantitativem Quoten- bzw. Profitdruck stehenden Medien leicht »von Nietzsche zu Naddel«: »Pompös inszenierte Leere – ist das die Botschaft der Kultur nach dem Tod Gottes und dem Verenden linker wie rechter Utopien?«

Läßt sich die Kirche vor diesem Hintergrund vom Hase-und-Igel-Wettlauf-Fieber anstecken, gerät sie in die reaktive Schraubenbewegung, um des Eigenstandes willen Zeitläufte kopieren zu müssen.

Vom Glück der Selbstkontrolle

Selbstkontrolle (gr. ἐγκράτεια) wird schon in der Bibel sehr hoch bewertet. Wem sie fehlt, „der ist blind, kurzsichtig, der hat vergessen, dass er gereinigt worden ist von den einst begangenen Sünden“ (2Petr 1,9). Von einem Gemeindeleiter wird sogar erwartet, dass er sich selbst beherrschen kann (vgl. Tit 1,8).

Eine junge Psychologiestudie bestätigt die Güte der Selbstbeherrschung. Menschen, die sich nicht vom Spass oder dem kurzweiligen Glücksgefühl „einfangen lassen“, leben zufriedener.

Selbstdisziplinierten Menschen sagt man nach, eher grimmige und freudlose Zeitgenossen zu sein. Klar, sie halten bei Diäten länger durch, können sich besser zu Sport motivieren, sind vermutlich ausgeschlafener und im Job erfolgreich. Studien zeigen: Wer schon als Kind eher diszipliniert handelte, ist als Erwachsener gesünder, hat weniger finanzielle Probleme und kommt seltener in Konflikt mit dem Gesetz. Aber Menschen, die aus Vernunft Salat einer Schokoladentorte vorziehen oder auf einer Party nur Brause trinken, weil sie drei Tage später eine Prüfung haben, können doch keinen Spaß am Leben haben. Oder? Sehr wohl haben sie das, wie jetzt eine Studienreihe im „Journal of Personality“ von deutschen und US- amerikanischen Psychologen um Wilhelm Hofmann von der University of Chicago belegt. Demnach erleben Menschen mehr positive Gefühle und sind zufriedener mit ihrem Leben, wenn sie sich gut im Griff haben – und Bedürfnisse aufschieben können, um ein anderes wichtigeres Ziel zu erreichen. Die Forscher befragten zunächst mehr als 400 Männer und Frauen, wie viel Selbstkontrolle sie im Alltag zeigen. Die meisten Menschen nutzen diese Fähigkeit oft und automatisch: In der Regel geben wir von fünf Impulsen nur zweien tatsächlich nach. Doch individuell handelt natürlich jeder verschieden. Personen, die gerne mal etwas tun, was eigentlich schlecht für sie ist, aber eben Spaß bringt, ordneten die Wissenschaftler in die Kategorie der weniger selbstdisziplinierten Menschen ein.

Mehr: www.spiegel.de.

 

Was Gemeinden festigt

Christliche Gemeinden verlieren ihre Ausstrahlungskraft, wenn sie aufhören, den Charakter Gottes widerzuspiegeln. Deshalb sei es wichtig, sagte Mark Dever am 1. Juli in München, dass Ortsgemeinden der Heiligen Schrift viel Raum geben. „Wer Gott ist und wie Gemeinde funktioniert, lehrt uns die Bibel“, so Dever. Wenn Gemeindeleiter selbst aus dem Wort leben und es gewissenhaft predigen, wird das Gemeindeleben von Gottes Liebe und Heiligkeit geprägt. Nicht die permanente Suche nach Gesellschaftsrelevanz oder cleveres Marketing, „sondern die Verkündigung des Evangeliums stillt den geistlichen Durst der Menschen“, sagte der Theologe.

Mark Dever ist Hauptpastor der Capitol Hill Baptist Gemeinde im Herzen von Washington D.C. (USA) und Präsident von 9Marks Ministries. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel veröffentlicht. In deutscher Sprache sind erschienen: Neun Merkmale einer gesunden Gemeinde (2009), Was ist eine gesunde Gemeinde? (2008) und Persönliche Evangelisation: Motivation, Inhalt, Praxis (2008). Mark und seine Frau Connie haben zwei erwachsene Kinder.

Als der promovierte Kirchenhistoriker 1994 zum geistlichen Dienst in der Gemeinde berufen wurde, befand sie sich in einer bedrohlichen Krise. Die Gemeinde war überaltert und orientierungslos. Dever begann mit einer konsequent evangeliumszentrierten Verkündigung und unterrichtete Leiter und Mitarbeiter nach biblischen Maßstäben. Bald erfuhr die Capitol Hill Baptistengemeinde eine tiefgreifende Erneuerung. Heute zählt sie 900 Mitglieder und ist ein beliebter Ausbildungsort für angehende Pastoren.

Eingeladen wurde Mark Dever von dem Martin Bucer Seminar und Evangelium21. Evangelium21 stärkt durch Konferenzen und evangeliumszentrierte Ressourcen die Ortsgemeinden. Matthias Lohmann, Vorsitzender des Netzwerkes, hat mehrere Jahre mit Dever in Washington zusammengearbeitet.

Mark Dever ist gewöhnlich ein voll ausgebuchter Mann. Wir sind ihm und Gott sehr dankbar, dass er in München vorbeigeschaut hat.

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Dr. Mark Dever während eines Vortrags.

 

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Mark Dever mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Matthias Lohmann,
der ihn in München übersetzt hat.
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Vorlesung über den Ersten Korintherbrief.
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Mark Dever stand nach den Vorlesungen und Vorträgen gern für Gespräche zur Verfügung.

Die Kunst des Schriftstudiums

Wilhelm Lütgert schrieb 1905 in einer Andacht für die Zeitschrift Die Studierstube:

Es gibt ein Studium der Schrift, durch das man nicht reicher wird. Man liest alte, längst bekannte Dinge und Gedanken und erfährt durch all sein Schriftstudium nichts Neues. Die Kunst des Schriftstudiums besteht darin, daß man liest, als läse man zum erstenmal. Man muß glauben, daß es hier etwas zu lernen gibt, was uns neu ist. Wir müssen unsere eigenen Gedanken beiseitesetzen und auf den Gedanken des Textes eingehen. Wer Gottes Gedanken fassen will, muß seine eigenen Gedanken preisgeben. Wer lernen will, muß verlernen können.

Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten. Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort. Fragen aber regt unser Leben täglich und reichlich in uns an. Gegen diese Fragen, die uns das Leben stellt, darf man sich nicht abstumpfen. Man muß sie hören. Hört das Fragen auf, so hört das Wachsen auf. Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm, als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben. Der Reichtum Gottes wäre dann für uns umsonst da. So ist auch der Reichtum Gottes an Wahrheit für uns vergeblich da, wenn wir nicht mehr fragen, sondern uns einbilden, daß es für uns nichts mehr zu fragen und zu lernen gäbe.

Mit immer neuen Fragen an die Bibel heranzutreten, das ist der sicherste Schutz vor Verarmung. Daß es immer neue Fragen für uns gibt, dafür sorgt der Gang unseres Lebens reichlich. Doch gibt uns die Welt nur Fragen und nicht auch Antworten. Antworten, solche Antworten, die gewisse Erkenntnis geben, kann nur Gott geben. Mit dem Verlangen nach immer neuem Licht, immer reicherer Erkenntnis, immer mehr Wahrheit, müssen wir daher an die Schrift herantreten.

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