Wissenschaft

Was die Rückkehr des Heidentums mit der Kindstötung zu tun hat

T.S. Eliot hatte 1939 in einer Reihe von Vorlesungen an der Universität von Cambridge eine berühmt gewordene Weggabelung beschrieben. Die westliche Zivilisation könnte den christlichen Weg weitergehen, sagte er voraus, oder sie könnte das „moderne Heidentum“ annehmen. Eliot, der zum Christentum konvertiert war, hoffte auf das Erstere, befürchtete aber, dass wir uns bereits auf das Letztere eingestellt haben.

Die britische Journalistin Louise Perry beschreibt in einem Artikel für FirstThings, dass die Wiederkehr der Kindstötung, die – wie wir wissen – durch das Christentum verdrängt wurde und nun etwa in Kanada wieder erlaubt werden soll, singnalisieren könnte, dass das Heidentum mit aller Wucht zurückkehrt ist. Das läge auch daran, dass das Christentum in mancher Hinsicht immer heidnisch geblieben sei.

Sie schreibt: 

Eliots Dualismus ist die Grundlage eines 2018 erschienenen Buches des Rechtshistorikers Steven Smith mit dem Titel Pagans and Christians in the City. Man könnte vernünftigerweise fragen, warum unsere Wahlmöglichkeiten auf diese beiden Optionen beschränkt sein sollten, nämlich Heiden oder Christen zu sein. Wenn wir das Christentum vollständig aufgeben, so sagen die säkularen Reformer, sollte das dann nicht den Weg für eine neuere und bessere Leitphilosophie frei machen?

Während Kanada [im Blick auf die gewünschte Sterbehilfe] immer mehr auf die schiefe Bahn gerät, wird in der kanadischen Regierung bereits in aller Ruhe über die Legalisierung der Kindstötung diskutiert. Im Oktober erklärte Louis Roy vom Quebecer Ärztekollegium vor dem „Gemeinsamen Sonderausschuss für ärztliche Sterbehilfe“, dass Eltern die Möglichkeit haben sollten, den Tod von Säuglingen bis zu einem Jahr zu arrangieren, wenn „sehr schwere und schwerwiegende Syndrome“ festgestellt werden. Wenn die Kindstötung wieder legalisiert wird – zuerst in Kanada und dann unweigerlich in der ganzen entchristlichten Welt – werden wir mit Sicherheit wissen, dass sich das Christentum in die Katakomben zurückgezogen hat. Und das Datum wird, so vermute ich, als eine klare historische Linie angesehen werden: der Moment, in dem wir an T.S. Eliots Weggabelung angekommen sind und den älteren, dunkleren Weg gewählt haben.

Das Christentum wird oft als Wasser vorgestellt. „Aber das Recht fließe wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein immerwährender Strom“: die Worte aus Amos 5,24, die von Martin Luther King Jr. neu interpretiert wurden. „Wer an mich glaubt“, verspricht Christus, „aus seinem Herzen werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Wasser tauft, spendet Leben, löscht den Durst, reinigt den Schmutz, vertreibt die Flammen, verwandelt die Dinge zum Besseren. Wenn das Christentum Wasser ist, dann ist es eine unaufhaltsame Kraft: Es fließt nach unten und sickert nach oben, egal wie groß das Hindernis ist.

Was aber, wenn das Christentum kein Wasser ist? Was wäre, wenn wir stattdessen das christliche Zeitalter als eine Lichtung in einem Wald verstehen? Der Wald ist das Heidentum: dunkel, wild, kraftvoll und bedrohlich, aber auf seine Weise auch magisch. Zweitausend Jahre lang haben die Christen den Wald zurückgedrängt, mit Brennen und Hacken, aber auch mit Beschneiden und Kultivieren, um auf der Lichtung einen Garten mit Blick zum Himmel zu schaffen.

Aber sehen Sie, wie sich die Wurzeln ausbreiten und neue Triebe aus dem Boden sprießen. Das Stückchen Himmel weicht zurück. „Das Heidentum musste nicht neu erfunden werden“, schreibt Steven Smith: Es ist nie verschwunden. „In gewissem Sinne ist die westliche Welt wohl immer mehr heidnisch als christlich geblieben. In mancher Hinsicht war das Christentum eher eine Verkleidung als eine substantielle Realität.“

Da es niemanden mehr gibt, der den Garten pflegt, erobert sich der Wald seinen Boden zurück.

Mehr: www.firstthings.com.

Paul Minot: Was ist mit der Psychiatrie los?

Ich zitiere mal aus einem Twitterbeitrag von Paul Minot: 

Ich bin seit 38 Jahren in der Psychiatrie tätig. Ich liebe meine Arbeit, meine Kollegen und meine Patienten. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich an dem größten intellektuellen Betrug dieser Zeit beteiligt bin. Wir behaupten, eine Wissenschaft zu sein, haben aber keine Ahnung, wie Gedanken oder Verhalten entstehen. Viele Milliarden Dollar werden jedes Jahr in einer Industrie ausgegeben, die auf einer korrupten Pseudowissenschaft aufbaut, die seit Jahrzehnten von Geldgebern kultiviert und ausgenutzt wird. 

…

Bei dem Versuch, ein korporatistisches, medikamentenorientiertes Behandlungsmodell zu verkaufen, war die Psychiatrie erstaunlich erfolgreich, neu zu definieren, was es bedeutet, ein menschliches Wesen zu sein. In der Zwischenzeit haben 20 Jahre Spitzenpsychiatrie zu einem 30%-igen Anstieg der Selbstmorde in den Vereinigten Staaten geführt – und die amerikanische Psychiatrie hat absolut nichts Konstruktives dazu zu sagen.

Mehr: threadreaderapp.com.

Identität muss sich entwickeln

Renommierte Psychotherapeuten warnen vor den Folgen des geplanten Selbstbestimmungsgesetzes für Kinder und Jugendliche. Im Magazin Cicero haben Alexander Korte und Volker Tschuschke Stellung bezogen und schreiben zum Thema „Selbst im falschen Körper“:

Immer wieder ist davon die Rede, die „Geschlechtsangleichung“ sei erforderlich und unhinterfragt zu ermöglichen, wenn man sich im falschen Körper befinde. Könnte es aber nicht vielleicht so sein, dass es sich um eine „falsche Psyche“ – um ein „falsches Leben“, ein „falsches Selbst“ – in einem „richtigen Körper“ handelt? Jedwede Prämisse, die a priori von einer naturalistisch oder essentialistisch gefassten Identitätsentwicklung ausgeht respektive diese zum Inhalt hat, basiert auf fundamentalen Missverständnissen über psychische Entwicklungsprozesse.

Sämtlichen neurobiologischen Erklärungsmodellen zur Transsexualität ist gemeinsam, dass sie davon ausgehen, diese werde durch ein gegengeschlechtlich funktionierendes oder strukturiertes Gehirn verursacht. Fakt ist jedoch: Die neurowissenschaftlich-genetische Forschung hat bislang keine wirklich überzeugenden Nachweise erbringen können, dass „Geschlechtsidentität“ biologisch bedingt (determiniert) und eine persistierenden Trans-Identifizierung auf eine vorrangig oder gar ausschließlich genetisch beziehungsweise hormonell bedingte Ätiologie [Lehre von den Ursachen der Krankheiten] zurückzuführen ist.

Aus Sicht der Entwicklungspsychologie ist es komplett abwegig, davon auszugehen, dass Identität etwas sei, mit dem man zur Welt kommt. Schon die ersten ausführlicheren Monographien zum Konstrukt „Geschlechtsidentität“ (engl. gender identity) betonten deren bio-psychosoziale Grundlage. Im Zuge der psychosexuellen Entwicklung konstituiert sich ab dem Kleinkindalter ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Geschlecht, das sich im weiteren Verlauf, insbesondere in der Adoleszenz im Zusammenhang mit der Entwicklung der eigenen Sexualität und den ersten soziosexuellen Kontakten konsolidiert und individuell ausgestaltet.

Auch Ponseti und Stirn heben hervor, dass „Geschlechtsidentität“ stets das Ergebnis einer individuellen Bindungs-, Beziehungs- und Körpergeschichte ist. Identitätskonstruktion ist also ein (lebenslang anhaltender) Prozess, so dass geschlechtsbezogenes Identitätserleben ein (sic!) Teil der Persönlichkeit ist und wie „Geschlechtsidentität“ – wie Identität überhaupt – erst mühselig entwickelt werden muss.

Mehr: www.cicero.de.

VD: ÍS

Die Väterverunsicherung

Früher war klar: Der Vater ist das Familienoberhaupt und bringt dem Sohn Disziplin und Leistung bei. Heute gilt es schon als toxisch, wenn Väter ihre Jungs zur Männlichkeit erziehen. Das führt zu einer weitreichenden Verunsicherung im Blick auf das Selbstverständnis der Väter. Susanne Grautmann schreibt dazu in der FAZ:

Die Idealbilder, Vorstellungen und Anforderungen, die die Gesellschaft für moderne Familien und Väter formuliert, will er sich auf keinen Fall zum Maßstab machen. „Wenn ich mich umblicke, sehe ich so viele Familien, die sich so unter Druck setzen, alles perfekt hinzukriegen, dass sie am Ende komplett überfordert sind.“ Diesem Anspruch, alles richtig zu machen, will er genauso wenig gerecht werden wie dem Ideal des modernen Vaters: Erfolgreich im Job soll der sein, dazu ein Top-Vater und Partner, sportlich, gesund – das könne man doch gar nicht alles gleichzeitig erfüllen.

Ahnert weiß, woher die Überforderung kommt, die viele derzeit empfinden: „Das gegenwärtige Vaterbild weist nach wie vor viele Merkmale des alten auf, die der Versorgung und dem sozialen Status der Familie gelten. Zugleich ist es aber mit neuen Ansprüchen angereichert.“ Kurz: Mann soll nicht nur Karriere machen, sondern auch wickeln, vorlesen, Elterngespräche führen und kochen. Und dabei auch noch männlich herüberkommen. Aber was heißt das überhaupt? Alexander Cherdron, der selbst ein Buch über Väter und Söhne veröffentlicht hat, glaubt, dass die Verunsicherung umso tiefer greife, als die Männlichkeit an sich gerade in der Krise stecke. „MeToo“ und andere MachtmissbrauchsSkandale hätten ihre Spuren hinterlassen: „Viele Väter fragen sich, wie männlich sie eigentlich noch sein dürfen oder ob sie selbst auch Anteile toxischer Männlichkeit in sich tragen.“ Sie seien unsicher, wie sie sich verhalten sollen, um ein gutes role model für ihre Söhne abzugeben.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Tom Holland: Warum ich meine Meinung über das Christentum geändert habe

Der Historiker Tom Holland war kirchlich sozialisiert, hat sich aber schon früh leise vom christlichen Glauben verabschiedet. Seit Jahren erzählt er allerdings davon, dass er das, was der Glaube an Jesus von Nazareth den westlichen Kulturen gebracht hat, immer mehr zu schätzen lernt. Er zeigt in seinen Büchern und Vorträgen die Geschichte des Westens ausgehend von seinem antiken und christlichen Erbe und begründet, dass „genuin christliche Traditionen und Vorstellungshorizonte auch in unserer modernen Gesellschaft sowie ihren vermeintlich universellen Wertesystemen allgegenwärtig sind – sogar dort, wo sie negiert werden: etwa im Säkularismus, Atheismus oder in den Naturwissenschaften“ (siehe hier).

Vor einigen Monaten hat Tom Holland in Rumänien einen Vortrag gehalten, in dem er in englischer Sprache sehr persönlich und verständlich schildert, warum sich seine Sichtweise auf das Christentum ändert. Der christliche Glaube habe die harten Machstrukturen der antiken Kulturen aufgebrochen und den Blick für die Nöte der Schwächeren geschärft und eine Kultur der Fürsorge hervorgebracht. Holland erklärt auch, dass er Anzeichen dafür sieht, dass der heidnische Traum vom starken Menschen (vgl. Nietzsche oder Hitler) wieder an Attraktivität gewinnt, wo sich der christliche Geist verflüchtigt.

Hier gehts zum Vortrag: www.youtube.com.

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Mehr Gender Studies

Der Wissenschaftsrat hat Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in Deutschland verabschiedet. Wer der Meinung war, die Gender Studies in Deutschland seien zu sehr in den Vordergrund gerückt, wird in den Empfehlungen eines Besseren belehrt. Die FAZ schreibt: 

Die deutsche Geschlechterforschung ist zu schwach und zu provinziell, um im internationalen Maßstab mithalten zu können. Sie müsse darum unbedingt ausgebaut werden. Es brauche mehr unbefristete Professuren, eine verlässliche Grundausstattung für die hochschulischen Einrichtungen der Geschlechterforschung und insgesamt eine tiefere Vernetzung des Faches in der deutschen Forschungslandschaft. Vergegenwärtigt man sich die aktuelle gesellschaftliche Debatte um das Gendern von Sprache, die Kritik an binären Konzepten des Geschlechts und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, dann wäre es naheliegend, von dieser enormen öffentlichen Präsenz ihrer Themen auf eine entsprechende Stärke der Geschlechterforschung zu schließen. Doch der Wissenschaftsrat kommt in seiner Evaluation zu einem ganz anderen Ergebnis: Die Geschlechterforschung spiele im deutschen Wissenschaftssystem quantitativ und institutionell eine eher marginale Rolle, ihre akademische Institutionalisierung sei prekär geblieben. 

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Das macht Einsamkeit

Niemand ist gerne allein. Dass es sich bei Einsamkeit nicht nur um ein abstraktes Gefühl handelt, sondern sie auch messbare Folgen für die Gesundheit haben kann, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse der Universitätsmedizin Leipzig. 

DIE WELT schreibt: 

Für die Studie beobachteten die Forscher für einen Zeitraum von sechs Jahren mithilfe regelmäßiger MRT-Scans die Hirnsubstanz von 1.992 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter zwischen 50 und 82 Jahren. Begleitend wurden die Probanden zudem zu ihren sozialen Kontakten befragt. Sie absolvierten außerdem diverse Gedächtnis- sowie Aufmerksamkeits-Tests und ihre mentale Flexibilität wurde überprüft.

Dabei fanden die Forscher heraus: Bei Menschen, die wenig soziale Kontakte haben und älter als 50 Jahre sind, nimmt die Struktur der grauen Hirnsubstanz im Zeitverlauf stärker ab als bei Personen, die weniger isoliert sind. Auch die kognitive Leistungsfähigkeit nimmt bei ihnen ab. Die graue Substanz ist essenziell für das Gehirn: Sie steuert alle Hirnfunktionen sowie das Zentralnervensystem. Vor allem im Hippocampus und der Hirnrinde konnten die Forscher bei einsamen Probanden einen rapiden Abbau der grauen Substanz feststellen. Der Hippocampus ist insbesondere für Gedächtnisleistungen und Lernprozesse zuständig, ist aber auch beteiligt bei der Bildung von Emotionen. Die Hirnrinde hingegen ist hauptsächlich für kognitive Funktionen wie Sprache, Entscheidungen und Willkürmotorik zuständig. 

Mehr: www.welt.de.

Bindungstheorie und Identitätspolitik

Bindung beschreibt in der Bindungstheorie die emotionale Beziehung zwischen einem Kind und seinen primären Bezugspersonen, meist den biologischen Eltern. So bezeichnet man das Bindungsverhalten als jene Muster, die die Qualität einer Eltern-Kind-Bindung widerspiegeln. Die Bindungstheorie setzt voraus, dass Menschen ein natürliches Bedürfnis nach engen Beziehungen zu ihren Mitmenschen besitzen und Störungen dieser emotionalen Stress provozieren.

In dem Fachtext Grundlagen der Bindungstheorie von Karoline Kirschke und Kerstin Hörmann heißt es zur Bedeutsamkeit von Bindung:

In Bowlbys Buch „Bindung als sichere Basis“ verdeutlicht er „die unverzichtbare soziale Funktion der Eltern“ (Bowlby 2008, 3). Bowlby verweist dabei auf diverse Studien, die bestätigten, dass zufriedene, gesunde und selbstbewusste Jugendliche meist in stabilen Familien aufwuchsen, in denen sie viel Aufmerksamkeit und Zuwendung von den Eltern erhielten (vgl. Bowlby 2008, 3). Vor allem solche sicher gebundene Kinder seien in der Lage affektive Stressmomente zu bewältigen. Zudem seien sie im Unterschied zu unsicher gebundenen Kindern fähiger Probleme zu lösen, wenden sich aufmerksamer Aufgaben zu und besäßen ein ausgeprägteres Selbstwertgefühl. Je mehr ein Kind sich auf die Verfügbarkeit seiner Fürsorgeperson verlassen kann, desto mehr kann es sich Neugierde, Erkundungsdrang und dem Spiel hingeben. Durch die Fürsorge der Bindungsperson kann das Kind ein soziales Verhalten ausbilden, welches ihm erleichtert, positiven sowie negativen Situationen entgegenzutreten (vgl. König 2009, 101f.).

Die Erkenntnis über die wesentliche Bedeutung der elterlichen Fürsorge in den ersten Lebensjahren eines Kindes für dessen spätere seelische Gesundheit beschreibt Bowlby als enormen Fortschritt der Psychiatrie. Es bestünde Einigkeit darüber, dass die Basis für psychische Gesundheit und Charakterbildung bereits im frühkindlichen Alter entsteht.

Grundlage hierfür sei eine herzliche, innige und konstante Beziehung des Kleinkindes zu einer gleich bleibenden Bezugsperson – meist zur Mutter. Ein langfristiger, dauerhafter Entzug der mütterlichen Zuwendung wurde nach Bowlby als „Mutterentbehrung“ bezeichnet. Die Einschränkung des Kindes durch die Mutterentbehrung werde umso erheblicher, je weniger vertraut die stellvertretende Betreuungsperson dem Kind sei (vgl. Bowlby 2010, 11).

Nicht alle erfreut die neue Lust am bindungsorientierten Erziehen. Lisa Kreuzmann hat in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT sogar die These aufgestellt, dass das „Attachment Parenting“, wie es im Englischen heißt, unter Rechtsradikalen und Evangelikalen besonders gut ankäme, weil es in diesen Milieus sowieso schon die Faszination für ein biologistisches Familienbild sowie Vorbehalte gegenüber einer Fremdbetreuung von Kindern gäbe.

Zitat:

Die Bindungsorientierung ist von Anfang an mehr als ein feinfühliger Erziehungsstil achtsamer Eltern gewesen. Mit ihrer Rückbesinnung auf vermeintlich natürliche Instinkte von Müttern bietet sie ein offenes Tor für mütterverherrlichende Glaubenssätze.

Der Artikel enthält viel Stoff für eine sachlich-kritische Bewertung und ich hoffe, dass sich jemand damit auseinandersetzt. Auf ein Phänomen möchte ich hier schon mal hinweisen. Gern wird identitätspolitisch argumentiert. So wird unter Berufung auf eine schwedische Forschungsarbeit der bindungsorientierten Elternszene im deutschsprachigen Raum vorgeworfen, dass zu ihr vor allem weiße Frauen aus der Mittelschicht gehörten. Ich zitiere:

Eine schwedische Forschungsarbeit University aus dem Jahr 2022 hat deutschsprachige Onlinedebatten innerhalb der bindungsorientierten Elternszene untersucht und festgestellt: Die Szene ist entgegen ihrer lautesten Stimmen mehrheitlich weder liberal noch divers. Es sind vor allem weiße Frauen aus der Mittelschicht, die dort aushandeln, was Mutterschaft bedeutet, wer Verantwortung für die Kinder trägt und was daraus folgt. Darunter nur wenige Mütter, die sich als Feministinnen oder Antirassistinnen verstehen, heißt es in der Studie. Dagegen viele Frauen, für die Mutterschaft der eigenen Selbstheilung im Sinne der esoterischen New-Age-Bewegung dient, und die laut Studie in Teilen neurechte Verschwörungserzählungen verbreiten. Und schließlich Frauen, denen es darum geht, die traditionelle Mutterrolle zu ehren. Die Rhetorik von der sicheren Bindung wird dort gezielt herangezogen, um konservative und oftmals mütterzentrierte Politik zu machen, die in Teilen von einem biologistischen Familienbild geprägt ist.

Man wundert sich, dass im deutschsprachigen Raum auf Instagram vor allem weiße Frauen angetroffen werden (die – ach du Schreck – auch noch in deutscher Sprache kommunizieren). Wen erwartet man denn da? Apropos Forschungsarbeit. Es gibt nur eine Autorin. Es handelt sich um die Masterarbeit „Attachment-Oriented Motherhood and the German New Right on Instagram“ im Fach Gender Studies. Datenbasis sind 45 Instagram-Posts und die dazugehörigen Kommentare. Kann man machen. Aber sollte so ein Projekt dafür herangezogen werden, die bindungsorientierte Erziehung zu kritisieren?

Eine konstruktiver Diskurs sieht meiner Meinung nach anders aus. Ich habe den Verdacht, dass Lisa Kreuzmann ungewollt schon im ersten Absatz ihres ZEIT-Beitrags offenlegt, was sie an den Eltern, die sich gern selbst um ihre Kinder kümmern, doof findet:

Wenn Romy Richter vom „natürlichen Bindungsbedürfnis“ eines Kindes spricht, spricht sie von Gott, von Hingabe und von Gefolgschaft. „Gott hat Familie geschaffen und er hat Freude daran, wenn Eltern sich hingebungsvoll um seine Schöpfung kümmern“, sagt die selbstständige Referentin für Bindung aus Chemnitz. Mit ihrem Verein Nestbau setzt sie sich für ein Familienmodell ein, das politisch nicht mehr gewollt sei: eine Mutter, die in den ersten drei Lebensjahren bei ihrem Kind ist – und nicht im Beruf. „Kitas sind ein Konkurrenzangebot zur sicheren Mutter-Kind-Bindung, das scheint vielen nicht bewusst zu sein“, sagt die 42-Jährige. Eltern und vor allem Müttern möchte die evangelische Christin, die selbst Mutter ist, Mut machen, einen anderen Weg zu gehen. „Wenn Eltern ihre Kinder prägen wollen, wenn sie wollen, dass sie ihnen folgen, loyal sind und zu ihnen aufschauen, brauchen sie die Bindung“, sagt Romy Richter. Und dazu gehöre es mitunter, dass eine Mutter ihre Bedürfnisse zugunsten kleiner Kinder auch mal hintanstellt.

Hier der Artikel (hinter einer Bezahlschranke): www.zeit.de.

Geschlecht ist schlecht

Die Philosophin Kathleen Stock wurde von radikalen LGBTQ+-Ideologen diffamiert und aus dem Amt gedrängt. Nun soll sie sogar bei öffentlichen Auftritten mundtot gemacht werden. Gina Thomas schreibt für die FAZ:

An diesem Dienstag ist die Philosophin Kathleen Stock als Rednerin bei der Oxford Union angesagt, dem historischen Debattierverein der Universität, den der ehemalige Premierminister Harold Macmillan als letzte Bastion der Redefreiheit bezeichnet hat. Seit Wochen versuchen Studentenvereinigungen aber, ihren Auftritt zu verhindern. Stock wird von der Trans-Lobby wie eine Aussätzige behandelt, weil sie darauf beharrt, dass das Geschlecht biologisch bestimmt sei. Aufgrund dieser Auffassung wurde ihr das Leben als Professorin der Universität Sussex von Kollegen und Studenten derart zur Hölle gemacht, dass sie im Oktober 2021 ihre Stelle aufgab.

So nachdrücklich sie sich für die Menschenrechte von Transgender-Personen einsetzt und für einen offenen Diskurs plädiert, wird Stock – wie auch J. K. Rowling und andere gender-kritische Feministinnen – als transphob diffamiert. In Oxford forderte die Studentengewerkschaft, die Einladung an Stock zu widerrufen. Auch solle der Debattierverein wegen seiner „toxischen Kultur der Schikane“ von der Erstsemestermesse ausgeschlossen werden, bei der die von Beiträgen abhängige Organisation neue Mitglieder rekrutiert.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

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Wenn Kinder andere Wege gehen

Cover Wenn kinder andere Wege gehen

Was tun, wenn die eigenen Kinder als Jugendliche oder junge Erwachsene die christlichen Wege verlassen, die ihre Eltern ihnen gezeigt und vorgelebt haben? Angesichts der schieren Anzahl an Lebensentwürfen, die sich Kindern in einer Multioptionsgesellschaft bieten, sehen sich viele Eltern mit solchen Fragen konfrontiert, nicht selten auch von ihnen überfordert. Eine gute Navigationshilfe, wie man in solchen Lebensphasen heranwachsenden Kindern mit Klarheit und Liebe begegnet, bieten die Autorinnen Regula Lehmann und Nicola Vollkommer in ihrem Buch Wenn Kinder eigene Wege gehen.

Klaus Hickel hat es gelesen und schreibt: 

Auch wenn sich daraus nicht immer eine einfache Lektüre ergibt – dies gilt in besonderem Rahmen für Eltern, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden – dominiert doch durch das gesamte Buch ein positiver Grundton. Es ermutigt Eltern, die Lösung nicht in „ausweichendem Schweigen, harmoniesuchendem Rückzug oder liberal-progressivem Umschwenken“ (auf zeitgeistliche Überzeugungen, Anm. des Rezensenten) zu suchen (S. 9). Stattdessen bezeugt ein im Erwachsenenalter zurückgekehrtes Kind, wie durchaus hilfreich sich „liebevolle Strenge“ vonseiten der Eltern erwiesen hat. Nicht selten muss aus „angelerntem“ Glauben eine echte Gottesbeziehung werden, auch wenn dabei Jugendliche in einer Phase der Abkehr vom Glauben nicht selten in ein tiefes Loch fallen. Dabei hat sich in solchen Zeiten das überzeugte Festhalten der Eltern an dezidiert biblischen Werten und entsprechendem christlichen Handeln als wegweisend für die spätere Rückkehr der Kinder erwiesen: „Die Werte aufzuweichen ist in einer Zeit wie heute keine Option“, berichtet Niko, der nach einer Zeit der Glaubensabkehr wieder zur Nachfolge Christi zurückkehrte (S. 140).

Mehr: www.evangelium21.net.

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