Die Abschaffung der Kinderarbeit

Was ich bei der Lektüre von Das Kapitel sehr bewegend fand, ist die Schilderung der Kinderarbeit in England. Die eindringlichste Schilderung findet sich in Kapitel 13 in Abschnitt 3a „Weiber- und Kinderarbeit“ (Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, 1959, S. 416 ff.). Auch christliche Fabrikanten werden in England oder Deutschland von der Kinderarbeit provitiert haben. Allerdings wäre es falsch, zu vermuten, dass die Christen im 19. Jahrhundert grundsätzlich über die Kinderarbeit erfreut waren. Ganz im Gegenteil waren es Christen, die z.B. in England für die Abschaffung der Kinderarbeit wirkten.

Alvin Schmidt schreibt in seinem Buch Wie das Christentum die Welt veränderte (#ad, 2009) dazu (S. 169–172):

Im Laufe der Geschichte des Christentums kam es immer wieder vor, dass viele seiner Anhänger wie das Saatgut in Jesu Gleichnis vom Sämann waren, das unter die Dornen fiel; sie waren so mit dieser Welt und dem, was sie ihnen bot, beschäftigt, dass sie den Geist Christi erstickten und unfruchtbar wurden (Matthäus 13,22). Dieses Gleichnis ist ein treffendes Bild für die vielen Menschen bzw. Staaten, die in der Frühzeit der Industriellen Revolution in Westeuropa dem Namen nach Christen bzw. christlich waren, aber das, was Christus über die Barmherzigkeit und Nächstenliebe geboten hatte, schlicht weg ignorierten. Ein solches Land war England im 19. Jahrhundert.

Einer der großen Missstände der damaligen Zeit war der weit verbreitete Missbrauch der Kinderarbeit. Jungen und Mädchen im Alter von sieben bis vierzehn Jahren arbeiteten in Kohlebergwerken, wo sie oft auf allen Vieren durch die niedrigen Stollen krochen, um die Loren mit Kohle zu beladen. Ihre Kleidung war oft mangelhaft und zerlumpt und von dem Wasser in den Schächten durchnässt. Viele dieser Kinder hungerten. Eine Untersuchung bringt folgendes Beispiel: „Man zog zwei Jungen aus der Grube heraus … das Wasser tropfte an ihnen herunter, sie sahen so elend aus wie zwei ertränkte Ratten.“ Eine andere Form der Kinderarbeit bestand darin, dass kleine Jungen von offenen Kaminen aus den Schornstein hochklettern mussten, um ihn für den Schornsteinfeger, in dessen Dienst sie standen, zu reinigen. Solche und ähnliche Beispiele waren im frühindustriellen England an der Tagesordnung.

Diese Praktiken blieben nicht ohne Widerstand. Etliche mutige, integre Männer begannen, im Britischen Parlament für Gesetze zur Abschaffung der Kinderarbeit für Kinder unterhalb eines bestimmten Alters zu kämpfen. Zu den bekannteren gehörten u.a. William Wilberforce, Charles Dickens und Thomas Carlyle, aber der unermüdlichste Verfechter von Gesetzen gegen die Kinderarbeit war Anthony Ashley Cooper, auch bekannt als Lord Shaftesbury (1801-1885), der etliche Jahre Abgeordneter im englischen Parlament war. Die Triebfeder dieses unverdrossenen Kämpfers war die christliche Nächstenliebe. Mit 26 Jahren schrieb er: „Ich möchte nichts, als für Gott und mein Land nützlich zu sein.“ Der berühmte Prediger Charles Spurgeon sagte über seinen Zeitgenossen Shaftesbury: „Einen Mann, der so fest im Evangelium Jesu Christi steht und so aktiv ist für Gott und die Menschen, habe ich kein zweites Mal gefunden. In Jahren intensiver Bemühungen, mit zahllosen Reden, persönlichen Opfern und unermüdlicher Beharrlichkeit, konnte Shaftesbury die Verabschiedung mehrerer Gesetze erreichen, die das Los der arbeitenden Kinder spürbar verbesserten. Das erste solche Gesetz war der Factory Act von 1833, der die Arbeitszeit von Kindern unter 13 Jahren auf 48 Stunden pro Woche begrenzte. Weitere Gesetze folgten in den 1840-er Jahren. Drei neue Factory Acts wurden 1864, 1867 und 1871 Gesetz, 1875 schließlich (als Antwort auf das Ubel der Schornsteinfeger-Kinderarbeit) der Chimney Sweep Act – alle eine Frucht von Shaftesburys unermüdlicher Arbeit. Diese neuen Gesetze waren gewaltige Fortschritte, auch wenn sie noch nicht ausreichten, um die Kinderarbeit gänzlich abzuschaffen.

Im Laufe der Jahre führten weitere Gesetze schließlich zur Abschaffung aller Kinderarbeit in Fabriken, Mühlen und Bergwerken. Länder wie die USA, Deutschland und Frankreich folgten dem englischen Beispiel und erließen ebentalls Gesetze zur Verbesserung der Situation der Kinder. Noch 1938 verbesserten die USA den Schutz der Kinder durch den Fair Labor Standards Act. Heute ist die Kinderarbeit in den westlichen Ländern illegal, doch in China, Thailand, Bangladesh, Westafrika, Mexiko und anderen Ländern arbeiten heute noch bereits Siebenjährige in Fabriken, in der Textilindustrie und in der Landwirtschaft. 1997 schätzte die UNICEF, dass 2 bis 4 Millionen Kinder in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft Mexikos arbeiteten. 345 Wenn heute die Menschen im Westen schockiert reagieren, wenn sie hören, dass die Kinder arbeit noch in so vielen Ländern üblich ist, tun sie das, weil sie unbewusst von eben der Tradition christlicher Nächstenliebe geprägt sind, die die treibende Kraft im Lchen von Lord Shaftesbury war. Es war der Christ Shaftesbury, und nicht, wie manchmal behauptet wird, der Atheist Karl Marx, der das soziale Gewissen der Briten für das Übel der Kinderarbeit sensibilisierte. Als das englische Parlament 1833 aut Betreiben Shaftesburys den Factory Act verabschiedete, war Marx erst 15 Jahre alt.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

4 Kommentare
Stephan
20 Tage vor

Bei dem Thema sollte man nicht vergessen, dass „Kinderarbeit“ auch bei uns üblich war. Bis in die 60er-Jahre hinein sprach man regional auch nicht von Herbstferien, sondern Kartoffelferien. Letztendlich waren Schulferien lange so organisiert, dass die Kinder für dringende landwirtschaftliche Arbeiten zur Verfügung standen. Wenn man den Begriff „Verdingkinder“ googelt, dann stellt man leider fest, dass das „Versteigern“ von Kindern auf öffentlichen Marktplätzen noch Anfang des 20. Jahrhunderts z.B. in der Schweiz üblich war. Es war der Not und allgemeinen Armut geschuldet, dass Kinder mitarbeiten mußten, ob auf den Feldern der Eltern, anderer Landwirte, oder halt in Fabriken. Wie schlimm es wohl war sieht man daran, dass die Begrenzung in 1833 auf 48 Wochenstunden schon ein Fortschritt war. In Deutschland zeigen die historischen Schulpflichtsregelungen ebenfalls, dass das Leben der Kinder von Arbeit bestimmt war. Mancherorts wurde diese nicht umgesetzt oder kontrolliert, und oftmals gab es nur 4-6 Jahre lang Schulpflicht. Wenn man für die Situation die „Fabrikanten“ verantwortlich machen möchte,… Weiterlesen »

Ben
16 Tage vor

Es muss heißen „Das Kapital“. Tatsächlich ist es auch sehr stark kulturell geprägt. ich habe zwei Jahre in afrikanischen Ländern gelebt und gearbeitet, wo „Kinderarbeit“, also nicht Hausarbeit sondern Minijob, ein finanzieller Beitrag zum Familienleben ist. Selbst in wirtschaftlich stärker entwickelten Ländern wie Kenia ist es für viele Kinder (zwischen 10 und 16) eine Frage des Respekts und der Ehre, etwas beizutragen. Langeweile gibt es dort nicht. (Obwohl man inzwischen auch zwischen ländlichem Gebiet und Großstadt unterscheiden muss.) Hier wird es von Hilfsorganisationen meist so dargestellt, als bräuchten sie unsere Spenden, damit die Kinder von dieser Verantwortung entbunden sind. Stimmt so nicht ganz. Problematisch ist eher, dass die Löhne für die Kinder dort zu gering sind. Solange es sich nicht um lebensgefährliche oder erniedrigende Arbeiten handelt wie oben beschrieben, und die Bildung nicht auf der Strecke bleibt, muss man es m. E. differenziert sehen. Bei uns Zuhause gibt es verpflichtende Hausarbeit, sonst kein Taschengeld. Und ein Teil des Führerscheins muss… Weiterlesen »

Zuletzt bearbeitet am 16 Tage vor von Ben
Kommentator
12 Tage vor

Das Ende der Kinderarbeit ist in erster Linie der Erfindung von sicheren Verhütungsmitteln zu verdanken. Seitdem stehen Minenbesitzern schlichtweg nicht mehr genug Kinder zum Ausbeuten zur Verfügung. Das wird (mit der üblicher Verzögerung von bis zu einem Jahrhundert) auch in Entwicklungsländern sichtbar werden, die man ja nicht ohne Grund so nennt.

Kinderarbeit ist eine direkte Folge von wirtschaftlicher Not, die erst durch unkontrollierte Vermehrung entstanden ist. Die Art von Vermehrung die insbesondere in katholischen und evangelikalen Kreisen gern gepredigt wird. Diese Not führt dann entweder zu hungernden oder arbeitenden Kindern, oder zu beidem. Eine gebildete Frau, die nicht in einer Sekte aufgewachsen ist und Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln hat, entscheidet sich dann vernünftigerweise gegen das zweite oder dritte Kind, und immer öfter auch gegen das erste.

Dass der Fortbestand von Religionsgemeinschaften offenbar so sehr vom Vorhandensein übelster menschlicher Not abhängt, hatte in den Überlegungen von Karl Marx und seinen Gesinnungsgenossen sicherlich auch eine Rolle gespielt.

Stephan
10 Tage vor

Der Herr Kommentator gehört anscheinend auch zu den Kreisen, in denen gilt, wer eine Korrelation findet, der darf sich die Kausalität frei heraussuchen. Nur dumm, dass es hier nicht einmal eine Korrelation gibt, aber was soll es, wenn es dem eigenen simplen Weltbild dienlich ist …
Es gibt keine Korrelation zwischen Verbot / Aufhebung der Kinderarbeit und Verfügbarkeit und/oder Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner