Die Dordrechter Synode

Die dordrechter synode 01 1Die seit November 1618 in Dordrecht tagende Generalsynode der Reformierten Gemeinden der Niederlande verabschiedete im Mai 1619 die sogenannten Dordrechter Lehrregeln. Dieser bedeutende Bekenntnistext verteidigt die Lehre von der freien und souveränen Gnade Gottes gegen die theologischen Reformbemühungen der Remonstranten. Als Remonstranten (von lat. remonstrare „zurückweisen“) bezeichnete man die Anhänger des Theologen Jacob Arminius (1560–1609), weshalb man diese später auch „Arminianer“ nannte. Professor Arminius geriet in Leiden in einen Streit mit seinem Kollegen Franciscus Gomarus (1563–1641). Arminius behauptete, Gott erwähle Menschen auf der Grundlage eines vorhergesehenen Glaubens. Gomarus verteidigte hingegen die klassische Lehre von der bedingungslosen Erwählung. Im Jahre 1610, also kurz nach dem Tod von Jakob Arminius, veröffentlichten die Remonstranten fünf Artikel, die sich ausdrücklich gegen das reformierte Bekenntnis wandten. Die Dordrechter Lehrregeln sind also als Antwort auf diese fünf Artikel zu verstehen. Neben dem Heidelberger Katechismus und dem Niederländischen Glaubensbekenntnis (lt. Confessio Belgica) gehört das Bekenntnis der Dordrechter Synode zu den verbindlichen Bekenntnisschriften der reformierten Kirchen der Niederlande. Es wurde zudem in mehrere gewichtige Sammlungen reformierter Bekenntnisschriften aufgenommen.

Während im angelsächsischen Sprachraum allerlei darstellende und stützende Veröffentlichungen zur Synode von Dordrecht vorliegen, ist die Wahrnehmung im deutschen Sprachraum vor allem durch polemische Beiträge zum sogenannten Fünf-Punkt-Calvinismus geprägt. Insofern ist es sehr erfreulich, dass nun eine Publikation vorliegt, die den Entstehungs- und Begründungszusammenhang in einfacher Sprache schildert und zudem die Lehrregel vollständig abdruckt.

Eine Besonderheit muss hervorgehoben werden. Der ausführliche Einleitungsaufsatz zur geschichtlichen Situation, die zur Einberufung der Synode geführt hat, stammt von Samuel Miller, der von 1813 bis 1849 als Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Princeton Universität gelehrt hat. Miller nimmt, wie Dr. Sebastian Merk in seiner Einführung zum Buch zutreffend schreibt, „eine sehr wichtige Rolle in der reformierten Theologie Nordamerikas ein“ (S. 6). Die großen Theologen Charles Hodge, Benjamin B. Warfield und John Machen Gresham stehen theologisch in seiner Schuld. Es handelt sich also um einen Autor, der mit dem niederländischen und nordamerikanischen Calvinismus bestens vertraut war.

Polemisierende Angriffe gegen den Calvinismus sind kein neues Phänomen. Sie waren bereits im 19. Jahrhundert, in dem Miller lehrte, weit verbreitet. Das hat den Vorteil, dass Miller viele Argumente aufgreift, die auch heute gegen den Calvinismus ins Feld geführt werden. Merk schreibt (S. 6):

„Äußerst interessant sind Millers Ausführungen, die sich mit den – auch heute noch immer stereotyp wiederholten – anti-calvinistischen Vorurteilen befassen. Scharfsinnig und eloquent entkräftet er jeglichen Angriff und weist zum Beispiel nach, dass es gerade calvinistisch denkende Pfarrer waren, die in der angelsächsischen Geschichte für die Glaubensfreiheit eingetreten sind. Immer wieder zeigt er auf, dass die Lehre der freien und souveränen Gnade, so wie sie in der reformierten bzw. calvinistischen Theologie gelehrt wird, von ihren Gegnern verzerrt und falsch dargestellt wird. Er zeigt die Zirkelschlüsse des armimanischen Systems auf und schließt damit den wirkungsgeschichtlichen Bogen zur damaligen theologischen Auseinandersetzung.“

Miller ist in seiner Darstellung der Ereignisse um Fairness bemüht, nimmt aber erwartungsgemäß keine neutrale Position ein. Manchmal findet er deutliche Worte, gerade wenn es um die mitunter subversive Strategie des Arminius geht. Er bemerkt etwa (S. 19):

„Man kann bezüglich Arminius sicherlich seine vielfachen Begabungen, seinen Intellekt, seine Eloquenz und seine im Allgemeinen beispielhafte Moral positiv hervorheben. Damit aber die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass es seinem Charakter an Integrität, Aufrichtigkeit und Treue gegenüber seinen offiziellen Versprechungen und Bekundungen fehlte.“

Nicht unterschlagen werden die kontroversen Diskussionen innerhalb der Synode. So wurde intensiv darüber diskutiert, ob die göttliche Erwählung vor oder nach dem Sündenfall erfolgt ist (der Sublapsarianismus verortet die Erwählung logisch unterhalb des Sündenfalls, der Supralapsarianismus vor der Erschaffung des Menschen). Miller berichtet (S. 37):

„Die Verwerfung der fünf arminianischen Thesen in den Lehrsätze der Synode, die hier dargelegt werden, ist einmütig und ohne Gegenstimmen erfolgt. Allerdings kann aus diesem Umstand nicht abgeleitet werden, dass alle Mitglieder der Synode in Bezug auf jeden einzelnen Punkt der Synodenbeschlüsse miteinander übereinstimmten. Dies war nämlich gerade nicht der Fall. Während der synodalen Beratungen gab es eine Reihe von Diskussionen. Einige Teilnehmer der Synode, so etwa Gomarus und andere, waren Vertreter eines supralapsarianischen Calvinismus, während manche Delegierte nicht weiter gehen konnten, als der sublapsarianischen Hypothese zuzustimmen. Und es gab sogar eine sehr kleine Gruppe von Delegierten, die zwar der Verdammung der Remonstranten zustimmte, die jedoch Ansichten teilten, die nicht weit von dem entfernt waren, was man gewöhnlich Baxterianismus nennt.“

In den Text wurden zahlreiche erklärende Fußnoten eingearbeitet, die zum besseren Verstehen der Abhandlung beitragen. Die Dordrechter Lehrsätze sind in der Übersetzung von Ernst Gottfried und Adolf Böckel wiedergeben, wobei die Sprache an manchen Stellen behutsam überarbeitet wurde.

Ich bin dankbar, dass dieses Werk in deutscher Sprache vorliegt. Erschienen ist es im neuen Verlag Sola Gratia Medien, der noch andere interessante Bücher im Programm hat. Möge das Buch Die Dordrechter Synode von reformierten Christen und ihren Kritikern gründlich studiert werden.

  • Sebastian Merk (Hg.), Die Dordrechter Synode,  Sola Gratia Medien, 2019, 144 S., 11,90 Euro.

Das Buch kann zum Beispiel hier bestellt werden: www.cbuch.de.

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