„Du siehst mich“

Aus dem „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Gen 16,13) ist das „Du siehst mich“ geworden. Abgeleitet wird von dem Kirchentagsmotto dann schnell der „Auftrag an uns alle, einander anzusehen“. Johann Hesse hat den Evangelischen Kirchentag, der derzeit in Berlin und Wittenberg stattfindet, scharf, aber durchaus treffend, kommentiert:

Vom 24.-28.5. findet der Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg unter dem Motto „Du siehst mich“ (1 Mose 16,13) statt. Warum nur, fragt man sich, haben die Verantwortlichen gerade „Gott“ aus dieser Losung herausgekürzt. Eigentlich heißt es doch: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Es ist anzunehmen, dass diese kleine aber gewichtige Auslassung bereits zur Programmatik gehört. Möge Gott nur nicht zu genau hinsehen. Schon in der Kommentierung des Losungswortes stellt die Generalsekretärin des Kirchentages Ellen Ueberschär pflichtschuldig fest, dass „die Geschichte der Hagar, aus der die Losung stammt, sowohl im Koran als auch im Neuen Testament aufgegriffen“ wird.

Das Losungswort soll offensichtlich auf den interreligiösen Dialog einstimmen, der auch auf diesem Kirchentag gepflegt werden soll. So kann der Kirchentagsteilnehmer beim Podium „Vielfalt und Zusammenhalt“ mit Houaida Taraji, der Frauenbeauftragten des Zentralrats der Muslime, der Frage nach selbstbestimmter Sexualität im interreligiösen Dialog nachgehen. Bei der drängenden Frage nach „Toleranz und friedlichem Zusammenleben“ soll ausgerechnet Sheikh Ahmad al-Tayyeb, Großscheich an der al-Azhar-Universität in Kairo wegweisende Orientierung geben. Wer es bevorzugt, interreligiöse Dialoge an gedeckter Tafel und bei vegetarischer Kost zu führen, der kann am 25.5. (Christi Himmelfahrt!) an der „Langen weißen Tafel der Religionen“ Platz nehmen und sich im Anschluss an einem der zahlreichen Stände über das Christentum, den Islam, den Hinduismus oder den Buddhismus informieren. Kinder und Jugendliche lernen auf der Mitmachbaustelle „Young House of One“ am Petriplatz wie die interreligiöse Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann.

Mehr beim Gemeindenetzwerk: www.gemeindenetzwerk.de.

Kommentare

  1. Tim-Christian meint:

    „The purest Churches under heaven are subject both to mixture and error; and some have so degenerated, as to become no Churches of Christ, but synagogues of Satan.“

    Für weite Teile der Landeskirchen gilt wohl tatsächlich mittlerweile letzteres.

  2. Schandor meint:
  3. Joschie meint:

    Ich habe auf der Seite von Kirchentag bei der Suchfunktion mal den Begriff „Christenverfolgung“ eingegeben. Für dieses Wort würden keine Treffer angegeben.
    Warum soll auch dieses Thema diskutieren, wenn man Sheikh Ahmad al-Tayyeb, der Großscheich an der al-Azhar-Universität in Kairo ist als Gast für das Thema„Toleranz und friedlichem Zusammenleben“ begrüßt! Es ist der gleiche Sheikh Ahmad al-Tayyebder der öffentlich für die Einsetzung der Scharia eintritt

  4. Im Reformations-Jahr erlaube ich mir ein Zitat dazu:
    „Pfaffen sollen beten und nicht regieren.“
    Martin Luther (1483 – 1546), deutscher Theologe und Reformator

  5. Simon meint:

    Was genau ist nun am Thema des interreligiösen Dialogs problematisch? Warum wird kritisiert, dass sich der Krichentag auch mit anderen Religionen auseinandersetzt? Und was ist falsch daran, dass Kinder sich über die Gestaltung einer interreligiösen Zukunft gedanken machen? Es leuchtet mir nicht ein.
    Wer sich diesem Thema in unserer religiös-pluralen Gesellschaft verschließt, ist m.E. ignorant.

  6. Joschie meint:

    @Simon
    Es ist kein Dialog sonder ein Monolog. Was für mich daran problematisch ist habe ich geschrieben. Die evangelische Kirche versagt heute genau so, wie zu Zeiten der sogenannten sozialistischen Ländern. Der Auftrag der Kirche ist nicht der interreligiösen Dialogs oder Werbung für Parteien oder Politiker zu machen, dieses sollte ja eigentlich bekannt sein!

  7. @Simon: Das Problem scheint mir nicht darin zu liegen, dass mit Vertretern anderer Religionen gesprochen wurde oder wird, sondern in der damit zusammenfallenden Selbstrelativierung. Ich habe im Auto den Abschlussgottesdienst gehört. Da fielen Formulierungen wie „es gibt viele Wege zu Gott“ oder Gott wurde z.B. als „Geistkraft“ angebetet. So wird das eigene Bekenntnis eingepflügt und für andere Zugänge gelockert.

    Ich interessiere mich nicht für den Kirchentag und habe mich deshalb mit dem letzten kaum beschäftigt. Was ich allerdings mitbekommen habe, reicht mir, um zu sagen: Ein Kirchentagsbesuch hätte Luthers Krisenerfahrung in Rom weit in den Schatten gestellt. Ganz allgemein fehlt dem Kirchentag jegliche tiefschichtige Zukunftsvision. Es war das gleiche gruppendynamisch aufgeheizte Gelaber, das ich schon vor 30 Jahren auf solchen Veranstaltungen gehört habe (unter anderem auch als Mitarbeiter des Kirchentags). Frei nach Michael Jackson: Lasst uns an einem besseren Planeten arbeiten (Man höre sich nur Abschlusspredigt an, rein innerweltlich orientiert, voller moralischer Appelle, die auch von Fidel Castro hätten stammen können. Ein Pfarrer, der ebenfalls auf dem Kirchentag war, sprach im Blick auf die Veranstaltung von „Diesseitsverkrüppelung“.) Wenn man die oberflächlichen Formeln mit dem Sinn fürs Eigentliche bei Luther oder Melanchthon vergleicht, sehnt man sich glatt 500 Jahre zurück.

    Liebe Grüße, Ron

  8. Matze meint:

    @Simon
    Klar muß es in einer offenen Gesellschaft um den interreligiösen Dialog gehen, aber auf welcher Ebene und um welchen Preis? Für Christen, die nach der Bibel leben ist Jesus der einzige Weg zu Gott. Deshalb kann es aus dieser Sicht heraus nicht darum gehen allen Religionen den gleichen seligmachenden Wert zuzugestehen wie es oft auf dem Kirchentag geschehen ist. Um was es aber in diesem Dialog immer gehen muß ist Gewalt gegen andere zu vermeiden, den anderen zu respektieren und auch abgestimmte gemeinsame soziale Aktionen durchzuführen, aber gemeinsame Gebete aus meiner Sicht eben nicht.

  9. Simon meint:

    Dass der interreligiöse Dialog mit einer Selbstrelativierung einhergeht, halte ich für eine interessante Beobachtung.
    Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wenn wir friedlich in einer religiös-pluralen Gemeinschaft (, die nicht programmatisch, sondern faktisch religiös-plural und sich das wohl auch so schnell nicht ändern wird) leben wollen, kommen wir nicht drum herum der anderen Religion Respekt zu erweisen. Das geht aber nicht, wenn die Religionen einfach aneinander vorbeileben. Der Dialog ist, wie ich finde, eine oder vielleicht die einzige Möglichkeit diesen Respekt zu erlernen und einzuüben. Allerdings gehört zum Dialog immer auch das Moment des sich-auf-den-Anderen-Einlassens. Ohne dieses Moment wird der Dialog tatsächlich zu einem Monolog (@Joschie). Das sich-auf-den-Anderen-einlassen, heißt aber auch für einen Moment Abstand von dem Eigenen einzunehmen. Denn sich-auf-den-Anderen-einlassen und ganz-man-selbst-bleiben geht m.E. nicht gleichzeitig. Was nicht bedeutet, dass es im Prozess des Dialogs nicht auch den Moment des wieder-zu-sich-kommes gibt. Aber es lebt eben von genau diesem Wechselspiel.
    Insofern kann ich die Beobachtung der „Selbstrelativierung“ verstehen. Ich würde sie aber weniger negativ formulieren wollen.
    Interessantereeise werden wir im Dialog mit Anderglaubenden erstaunlich deutlich mit den Grundlagen des eigenen Glaubens konfrontiert. In dieser Auseinandersetzung, in der Infragestellung des Eigenen durch den Anderen kann das Eigene zu ganz neuer Größe gelangen. Aber dafür braucht es eben auch die Offenheit gegenüber dem Anderen.
    Sich plump einfach die jeweils geglaubten Bekenntnisse vor den Latz zu knallen, bringt m.E. in diesem Punkt wenig. Sie klingen in dem Ohr des Anderen ohnehin nicht wie in meinem.
    Ich kann leider in den Lagern der Christen, die sich bibel- und bekenntnistreu nennen, keine überzeugenden Entwürfe finden, die angemessen auf die Herausforderung unserer pluralen Gesellschaft reagieren. Auch gerade in diesem Punkt scheint es mir zweifelhaft, sich auf die Reformatoren (trotz aller Wertschätzung) beziehen zu wollen. Meines Wissens finden sich dort keine brauchbaren Ansätze tum Thema „respektvolles Miteinander verschiedener Religionen“. Aber diese Frage stellt sich nun einmal global aber auch national gesehen immer drängender. Kirche muss sich dazu verhalten.

    Nun die Frage an die Kirchentagskritiker: Wie soll es in der Zukunft realistisch weitergehen? Wie soll Dialog aussehen? Soll er überhaupt stattfinden? Oder soll er vorrangig unter missionarischen Gesichtspunkten geführt werden? Gilt es den religiösen Pluralismus in das eigene christliche Denken und Leben zu integrieren oder zu überwinden?

  10. Matze meint:

    @Simon
    Dialog heisst von der Bedeutung der Zwiegespräch und ist ohne Wertung und ohne
    Festlegung in welcher Qualität der Dialog zu führen ist. Deshalb wirst auch je nach Religion, Kultur und anderen persönlichen Prägungen auf die Art des Dialoges unterschiedliche Antworten bekommen. Selbst in der christlichen Community werden die Antworten unterschiedlich ausfallen.
    Ich habe ein geschlossenes Weltbild und dazu stehe ich. Das heisst aber nicht, dass ich dieses jedem „vor den Latz knalle“. Einen respektvollen und liebevollen Umgang mit Menschen, die eine andere Weltsicht haben schliesst dies doch nicht aus.
    Wenn ich aber sehe mit welcher Intoleranz auf dem Kirchentag aus dem Publikum z.B. in der AfD Veranstaltung agiert wurde, dass Frau Merkel ausgepfiffen wurde und dass die messianischen Juden ausgeschlossen waren scheint mir der Kirchentag nicht ausschliesslich ein Ort respektvollen Dialoges gewesen zu sein zumindest so wie ich ihn verstehe.
    Dialoge sollen immer so geführt werden, dass wir die Güte Gottes vermitteln z.B. durch Liebe und Respekt und dieses Verhalten die Menschen zur Umkehr zu Jesus treibt

  11. Joschie meint:

    Peter Hahne ist ein ZDF-Urgestein: langjähriger Moderator der „heute“-Nachrichten, bis 2011 Leiter des Hauptstadtstudios des ZDF, ist mit verschiedenen Gesprächssendungen auf dem Bildschirm präsent. Ein Gespräch über Medien, Streitkultur und Kirche. https://www.tichyseinblick.de/video/interview/peter-hahne/

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