Göttlicher Plan und menschliche Freiheit

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Luis de Molina. Göttlicher Plan und menschliche Freiheit. Concordia: Dispuation 52. Latein – Deutsch. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Christoph Jäger, Hans Kraml und Gerhard Leibold. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2018. ISBN: 978-3-7873-3023-2, 284 S. € 48,00

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 74–77):

Der jesuitische Philosoph, Theologe und Rechtstheoretiker Luis de Molina (1535–1600) war einer der einflussreichsten und kontroversesten Denker des 16. Jahrhunderts. Sein Studium wurde von der Auseinandersetzung mit Aristoteles und Thomas von Aquin bestimmt. (1) Molina lehrte nach seinem Studium in den portugiesischen Städten Coimbra und Évora. 1571 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert. In der erst 1559 gegründeten Universität von Évora entwickelte er sich schnell zu einer akademischen Leitfigur und erwarb sich „in Europa den Ruf eines führenden zeitgenössischen Religionsphilosophen und Theologen“ (S. XIV).

Ab 1583 bereitete Molina den Druck eines Kommentars zu den Fragen 1–74 des ersten Teils der Summa Theologiae von Thomas von Aquin vor. Aus diesem Kommentar entstand schließlich sein religionsphilosophisches Hauptwerk Liberi Arbitrii cum Gratiae Donis, Divina Praescientia, Providentia, Praedestinatione et Reprobatione Concordia, das kurz Concordia genannt wird (der Kommentar zur Summa erschien erst 1592). Die Ausarbeitung erschien nach heftigsten innerkirchlichen Kontroversen erstmals 1588 in Lissabon und in einer überarbeiteten Fassung 1595 in Antwerpen. Nun liegt die zentrale Disputation 52 unter dem Titel Göttlicher Plan und menschliche Freiheit in einer lateinisch-deutschen Ausgabe mit ausführlicher Einleitung und umfangreichem Kommentar vor.

Unter seinen Anhängern wie Gegnern gilt Molinas Konzept bis heute als einer der geistreichsten Versuche zum Thema Willensfreiheit, die in der Geschichte der Philosophie und Theologie formuliert wurden. Allerdings löste er von Anfang an erbitterte philosophische und theologische Dispute aus. Sie erreichten ihren Gipfelpunkt in dem berühmten Gnadenstreit zwischen 1597 und 1607, der mit seiner Zuspitzung der Frage nach der Existenz und Reichweite menschlicher Handlungs- und Entscheidungsfreiheit eine gewichtige Rolle beim Übergang in die Neuzeit spielte.

Im Wesentlichen geht es darum, ob das Verhältnis zwischen einer libertarischen Theorie menschlicher Willens- bzw. Entscheidungsfreiheit auf der einen Seite und unfehlbarer göttlicher Vorsehung und Allwissenheit auf der anderen Seite widerspruchsfrei gedacht werden kann. Libertarische Freiheitskonzepte gehen davon aus, dass die Freiheit einer Handlung mit einer Determiniertheit durch Quellen, die außerhalb des Agierenden liegen und von diesem nicht kontrolliert werden können, unvereinbar ist. Behauptet wird also, dass zumindest für etliche Handlungen von Personen Freiheit gegeben ist. Das Konzil von Trient (1545–1563) hatte etwa in seinem Dekret zur Rechtfertigung festgelegt, dass menschliche Geschöpfe Entscheidungsfreiheit besitzen und sich Gott aus freien Stücken zuwenden. In Kan. 3 heißt es entsprechend: „Wer sagt, der von Gott bewegte und erweckte freie Wille des Menschen wirke durch seine Zustimmung zu der Erweckung und dem Ruf Gottes nichts dazu mit, sich auf den Empfang der Rechtfertigungsgnade zuzurüsten und vorzubereiten, und er könne nicht widersprechen, wenn er wollte, sondern tue wie etwas Lebloses überhaupt nichts und verhalte sich rein passiv, der sei mit dem Anathema belegt“ (DH 1554, vgl. 1525). Aber wie soll so eine libertarische Freiheit mit göttlicher Vorsehung und Allwissenheit harmonisiert werden? Vorherwissen des Zukünftigen setzt die Entscheidungsfreiheit außer Kraft. Also können Entscheidungsfreiheit und Vorherwissen Gottes hinsichtlich des kontingenten Zukünftigen nicht zusammen bestehen. Wenn Gott die Entscheidungen der Menschen nicht ordnet (und so von ihnen wissen kann), muss er ein Wissen über das konditional Zukünftige haben, d. h. ein Wissen, wie der Mensch sich unter verschiedenen Bedingungen verhalten würde. Molina nannte dieses Wissen das Mittlere Wissen (scientia media) und glaubte, damit den Raum zwischen dem rein Möglichen und dem Zukünftigen gefunden zu haben. (2)

Die Herausgeber des rezensierten Bandes schreiben:

„Molinas Grundidee lautet, dass Gott durch jenes Mittlere Wissen bereits in der Schöpfungssituation, d. h., explanatorisch betrachtet, noch ehe eine bestimmte mögliche Welt zur aktualen geworden ist, von jedem auch nur möglichen freien menschlichen Wesen weiß, für welche Handlung es sich in jeder möglichen Entscheidungssituation, in der es sich in einer bestimmten Welt vorfinden könnte, aus freien Stücken entscheiden würde. Unter anderem im Rückgriff auf dieses Wissen, sagt Molina, entscheide Gott sich für die Aktualisierung einer bestimmten möglichen Welt. Da somit alles, was dann dort geschieht, einschließlich freier kreatürlicher Handlungen und Entscheidungen, in letzter Instanz vollständig vom göttlichen Willen abhängt, bleibt Molina zufolge Gott die absolut souveräne causa prima allen Geschehens. Insofern hängen alle Wirkungen der Vorsehung in der Welt von Gottes freiem Willen ab. Gleichwohl bleiben zumindest viele menschliche Handlungen frei, da sie weder kausal durch Naturvorgänge noch durch göttliches Eingreifen, göttliche Vorsehung oder göttliches Vorauswissen determiniert sind.“

Schauen wir uns genauer an, wie Molina die Spannung zwischen der Souveränität Gottes und der Freiheit des Menschen aufzulösen versucht. In Abschnitt 52.9 führt er zunächst seine berühmt gewordene Unterscheidung zwischen drei Arten göttlichen Wissens ein (Hervorhebungen von mir).

„9. Für uns gilt es, drei Arten von Wissen in Gott zu unterscheiden, wenn wir bei dem Versuch, unsere Entscheidungsfreiheit und die Kontingenz der Dinge mit dem göttlichen Vorherwissen zu versöhnen, vermeiden wollen, gefährlich irrezugehen.

Eine Art ist das rein Natürliche Wissen, das als solches auf keine Weise anders in Gott hat sein können. Durch dieses Wissen kennt er all das, worauf sich die göttliche Macht unmittelbar oder unter Mitwirkung von Zweitursachen erstreckt, und zwar sowohl hinsichtlich der Naturen der Einzeldinge und der notwendigen Zusammensetzungen aus ihnen als auch hinsichtlich ihrer kontingenten Zusammensetzungen. Dabei weiß er nicht etwa, dass die letztgenannten in festgelegter Weise zukünftig vorkommen oder nicht vorkommen würden, sondern er weiß, dass sie gleichermaßen vorkommen oder nicht vorkommen konnten, was ihnen notwendigerweise zukommt und daher ebenfalls unter das Natürliche Wissen Gottes fällt.

Die zweite Art ist das rein Freie Wissen, durch das Gott nach dem freien Akt seines Willens ohne irgendeine Voraussetzung und Bedingung absolut und in festgelegter Weise weiß, welche von allen kontingenten Zusammensetzungen tatsächlich künftig vorkommen werden und welche nicht.

Die dritte Art schließlich ist das Mittlere Wissen, durch das Gott in seinem eigenen Wesen kraft des höchsten und unerforschlichen Erfassens eines jeden freien Entscheidungsvermögens unmittelbar erkennt, was es aus seiner angeborenen Freiheit heraus tun würde, wenn es sich in dieser oder in jener oder auch in unendlich vielen Ordnungen der Dinge befände, auch wenn es tatsächlich das Gegenteil tun könnte, falls es wollte, wie aus dem in den Abhandlungen 49 und 50 Gesagten klar hervorgeht.“ (S. 11–13)

Das Natürliche Wissen (scientia naturalis) bezieht sich auf metaphysisch notwendige Sachverhalte. Durch dieses Wissen kennt Gott alles, worauf sich seine Macht unmittelbar oder mittelbar durch die Mitwirkung von Zweitursachen bezieht (vgl. S. 144). Das Freie Wissen (scientia libera) liegt erst dann vor, wenn Gott durch einen Willensakt eine bestimmte Welt aktualisiert hat. Es umfasst alles, was in der Zukunft der Schöpfung tatsächlich passieren wird. „Im Hinblick auf Molinas atemporalistische Konzeption göttlicher Ewigkeit ist dabei zu beachten, dass Gottes Freies Wissen als seinem kreativen Willensakt nicht etwa zeitlich, sondern logisch oder explanatorisch nachgeordnet gedacht werden muss“ (S. 145). Das Natürliche Wissen ist schon da, bevor Gott etwas schafft. Das Freie Wissen besitzt Gott erst, nachdem er etwas geschaffen hat. Das Mittlere Wissen bedeutet, dass Gott schon vor dem Schöpfungsakt von jedem möglichen freien menschenlichen Wesen weiß, für welche Handlungen es sich in jeder kontingenten Entscheidungssituation entscheiden würde. Gott beschließt demzufolge aufgrund des Natürlichen und des Mittleren Wissens die Aktualisierung einer bestimmten möglichen Welt. Alles, was dann realisiert wird, hänge damit vom souveränen Willen Gottes ab und sichere zugleich freie menschliche Handlungen.

Im folgenden Abschnitt erörtert Molinas die Beziehungen von mittlerem Wissen (lat. scientia media) zum Freien und Natürlichen Wissen. Mittleres Wissen ist keine Spielart von Freiem Wissen, denn es liegt prävolitional (also noch nicht durch den Willen bestimmt, d. h. explanatorisch) vor dem Schöpfungsakt vor, was ja für Freies Wissen nicht gilt. Außerdem unterliegt das, was Gott durch dieses Wissen weiß, nicht seiner Macht. Das gilt für Freies Wissen ebenfalls nicht. Denn hätte sich Gott für die Aktualisierung anderer freier Geschöpfe entschieden, wäre sein Freies Wissen darüber, was in der Welt geschieht oder geschehen wird, ein anderes (vgl. S. 148). Die Herausgeber schreiben:

„Mittleres Wissen ist aber auch kein Natürliches Wissen, denn dieses hätte nicht anders ausfallen können; es gibt für Molina keine mögliche Welt, in der Gottes Wissen hinsichtlich des Notwendigen ein anderes ist als das, was er faktisch besitzt. Gottes Mittleres Wissen hingegen umfasst freie geschöpfliche Handlungen und Entscheidungen, und da freies Handeln für Molina bedeutet, dass seine Subjekte auch anders handeln und entscheiden könnten, könnte auch Gottes Mittleres Wissen ein anderes sein. Das Mittlere Wissen hängt somit nicht allein von Gottes Natur, sondern wesentlich auch von den möglichen Geschöpfen ab, auf die es sich bezieht. Insofern das Mittlere Wissen bereits vor dem Schöpfungsakt in Gott vorliegt, teilt es gleichwohl eine Eigenschaft mit dem Natürlichen Wissen, die aber das Freie Wissen nicht hat. Und insofern es sich auf kontingente Inhalte bezieht, teilt es eine Eigenschaft mit dem Freien Wissen, die das Natürliche Wissen nicht hat. Insofern ist es ein Mittleres zwischen diesen beiden anderen Wissensformen“ (S. 148)

Schon zu Molinas Zeiten war es schwer, zu verstehen, was genau mit dem Mittleren Wissen gemeint ist. Deshalb hat sich der Theologe bemüht, durch weitere Erklärungen Missverständnisse auszuräumen. Er erläutert das Mittlere Wissen folgendermaßen:

„Damit dich aber diese Lehre auf den ersten Blick nicht verwirre, bedenke, dass alle folgenden Sätze ganz offensichtlich miteinander übereinstimmen und zusammenhängen: (i) Nichts ist in der Macht des Geschöpfes, was nicht auch in Gottes Macht ist. (ii) Gott in seiner Allmacht kann unsere freie Entscheidung lenken, wohin er will, außer zur Sünde; dieses nämlich impliziert einen Widerspruch, wie in Abhandlung 31 gezeigt wurde, (iii) Was immer Gott unter Hinzutritt einer Zweitursache bewirkt, kann er auch aus sich allein bewirken, es sei denn, die Wirkung beinhaltet, dass sie von einer Zweitursache stammt, (iv) Gott kann Sünden zulassen, aber nicht anordnen oder zu ihnen anregen oder eine Neigung zu ihnen hervorrufen. (v) Ebenso gilt: Die Tatsache, dass ein mit freiem Entscheidungsvermögen ausgestattetes Wesen sich entweder zur einen oder zur anderen Seite wendet, wenn es sich in einer bestimmten Ordnung von Dingen und Umständen befindet, geht nicht auf Gottes Vorherwissen zurück. Vielmehr weiß Gott dies deshalb vorher, weil es zu einem mit freiem Entscheidungsvermögen ausgestatteten Wesen gehört, eben dies selbst frei zu tun. Jene Tatsache geht auch nicht darauf zurück, dass Gott will, dass sie von diesem Wesen so herbeigeführt wird, sondern darauf, dass es selbst dies frei tun will.

Daraus folgt mit größter Klarheit: Das Wissen, durch das Gott vorhersieht, was ein mit freiem Entscheidungsvermögen ausgestattetes Wesen unter der Voraussetzung tun wird, dass es sich in einer bestimmten Ordnung der Dinge befindet, bevor er beschließt, es zu erschaffen, hängt davon ab, dass jenes Wesen selbst aufgrund seiner Freiheit das eine oder etwas anderes tun wird, und nicht umgekehrt. Das Wissen hingegen, durch das Gott unabhängig von irgendeiner Voraussetzung absolut weiß, was durch die Betätigung von einem geschaffenen freien Entscheidungsvermögen tatsächlich geschehen wird, ist in Gott immer Freies Wissen und hängt von der freien Festlegung seines Willens ab, durch die er ein solches freies Entscheidungsvermögen in einer solchen oder einer anderen Ordnung der Dinge zu erschaffen beschließt.“ (S. 16–17)

Die mit dieser Auffassung angesprochenen Fragen weisen weit über ihren historischen Kontext hinaus. Sie sind bis heute aktuell und berühren Freiheitskonzepte, Handlungstheorien, Kausalitätstheorien, Metaphysik oder auch die Gotteslehre. Innerhalb der Theologie hat sich neben Ansätzen, die die Freiheit Gottes betonen (vgl. reformiertes Lager) und jenen, die die Freiheit des Menschen herausheben (vgl. arminianisches Lager bis hin zum Open Theism) der Molinismus sogar im evangelikalen Raum als vermittelnde Position etablieren können. Ein bekannter christlicher Religionsphilosoph, der den Molinismus in unseren Tagen verteidigt, ist William Lane Craig. (3)

Noch heute disputieren Anhänger und Gegner über das Mittlere Wissen. Christoph Jäger skizziert in diesem Band gewichtige Einwände gegen Molinas Theorie sowie mögliche Erwiderungen (S. CXXXVII–CLXXVI); sogar einige von Molina in Anschlag gebrachte biblische Begründungstexte werden verhandelt. Erläutert wird ebenfalls der Einwand, der aus der Sicht thomistischer und reformierter Theologie besonders denkwürdig ist. Er lautet: Gottes Mittleres Wissen ist mit seiner uneingeschränkten Souveränität unvereinbar. Gottes Einfachheit fordert nämlich, dass sein Wissen nicht durch etwas ihm Extrinsisches oder durch etwas, das nicht durch ihn selbst verursacht ist, bestimmt werden kann. Der Molinismus macht aber nun Gott von etwas anderem abhängig und so ist er in seinem Wissen passiv und nicht mehr actus purus (vgl. S. CXLIV–CXLV). Molina besteht darauf, dass göttliches Wissen in bestimmter Weise darauf beruht, was freie Geschöpfe in bestimmten Umständen tun würden. Zwar versucht er, Gott so darzustellen, als bleibe er die erste Ursache allen weltlichen Geschehens. Die Freiheit seiner Entscheidungen scheint aber letztlich doch von dem abhängig zu sein, was kreatürliche Akteure tun, falls sie tatsächlich aus freien Stücken heraus handeln. Der Molinismus stellt demnach Gottes Aseität, seine absolute Unabhängigkeit, infrage. (4)

Wie beim Meiner Verlag üblich, ist der Druck ausgezeichnet umgesetzt worden. Ein Index hilft bei Erschließen des Werkes. Die Herausgeber haben mit der lateinisch-deutschen Ausgabe der Disputation 52 einschließlich der ausführlichen Einleitung und des vorzüglichen Kommentars eine bemerkenswerte Arbeit geleistet. Ihnen, der Universität Münster, an der dieses Buch entstanden ist, und dem Meiner-Verlag, ist für die Verwirklichung dieses Projektes sehr zu danken.

 

Fußnoten:

  1. Allerdings beschäftigte sich Molina ebenfalls mit Martin Luther und Johannes Calvin. Er meinte, die Vorstellung, Gnade sei eine Art göttliche Substanz, die die Menschen befähige, gute Werke zu vollbringen, sei falsch. Sein Biograph Kirk MacGregor schreibt (Luis de Molina. Grand Rapids (Michigan): Zondervan Academic, 2015, S. 18): „Stattdessen stimmte Molina mit Luther und Calvin überein, die Gnade als Gottes unverdiente Gunst gegenüber sündigen Menschen und Gottes unverdiente Hilfe bei der Sicherung ihrer Wiedergeburt und Heiligung zu verstehen. Aber im Gegensatz zu Luther und Calvin bekräftigte Molina, dass Gott jedem Menschen, den er erschaffen hat, ausreichend Gnade für seine Rettung schenkt. Er begründete das mit biblischen Texten wie 1. Timotheus 2,4 (‚[Gott unser Retter] will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen‘) und 2. Petrus 3,9 (‚der Herr hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.‘).
  2. Reinhold Seeberg schreibt über Molinas Entwurf (Lehrbuch der Dogmengeschichte, Zweite Hälfte, 1895, S. 442–443): „Der Mensch ist auch als Sünder frei, nicht blos zu natürlichen, sondern auch zu übernatürlichen Handlungen, vorausgesetzt die Mitwirkung der Gnade. Die Gnade erhebt und beschwingt die Seele, sie macht sie fähig zum Übernatürlichen, aber der eigentliche Akt der Entscheidung wird nicht von der Gnade im Willen bewirkt, sondern der Wille vollzieht ihn selbst und zwar in Verbindung mit der Gnade. Wie also der freie Willensentschluß und die Befähigung der Seele zum Übernatürlichen (Gnade) in ihrer Cooperanz den wirklichen Anfang des Heilsstandes bezeichnen, so bringen beide fortdauernd concursu simultaneo die übernatürlichen Akte hervor. Sie wirken zusammen wie zwei Männer, die an einem Seil ein Schiff ziehen. Nun würde aber die hierdurch erzielte, durchgehende Cooperanz hinfällig, wenn wirklich alle freien Akte der Geschöpfe, wie die Thomisten wollen, von Gott in sich als von ihm selbst gewollt erkannt werden. Hier kommt Mol. der Begriff der scientia media zu Hilfe. Gott sieht nämlich von den freien Geschöpfen voraus, was sie unter Eintritt bestimmter Bedingungen tun oder nicht tun werden. Die scientia media ist also die Erkenntnis des Bedingt-Zukünftigen. Vermöge derselben erschaut Gott das künftige Weltbild und gestaltet die Weltordnung.“
  3. Siehe besonders: William Lane Craig. Divine Foreknowledge and Human Freedom: The Coherence of Theism – Omniscience. Leiden: Brill, 1991.
  4. Siehe zur Einfachheit Gottes: Steven J. Duby. Divine Simplicity: A Dogmatic Account. London, New York, Oxford u. a.: t & t Clark, 2017, bes. S. 118–132. Reziprok deutet übrigens James N. Anderson die Probleme des Molinismus. Er spricht von einem determinierenden Indeterminismus, da eben Gott durch die äußeren Umstände die Entscheidungen des Akteurs letztlich doch prädisponiere. Siehe dazu: URL: https://www.proginosko.com/2014/01/the-fallible-god-of-molinism und URL: https://www.proginosko.com/2014/05/a-brief-response-to-william-lane-craig-on-molinism (Stand: 30.04.2019). Eine gute Darstellung der reformierten Entgegnungen auf den Molinismus ist zu finden in: Richard A. Muller. Post-Reformation Reformed Dogmatics. Bd. 3. Grand Rapids (Michigan): Baker Academics, 2003, S. 417–432.

Kommentare

  1. Johannes G. meint

    Gute und informative Übersicht bzw. Zusammenfassung. Vielen Dank dafür Ron! Hast du das Buch freiwillig gelesen oder aus „beruflicher Notwendigkeit“? 😉

    Meiner Einschätzung nach kann man auch ein starkes Freiheitskonzept unter Annahme der klassischen Gotteslehre (absolute Einfachheit und Souveränität Gottes, Notwendige Erstursache Gottes aller Ereignisse etc.) vertreten (s. z. B. Rob Koons, Dual Agency: A Thomistic Account of Providence and Human Freedom). Der Molinismus wird meiner Ansicht nach erst dann eine attraktive Alternative, wenn man das traditionelle Gotteskonzept aufgibt (z. B. Craig und Plantinga, die beide die absolute Einfachheit Gottes ablehnen).

    Interessanterweise stelle ich unter den Reformierten seit einiger Zeit eine in gewisser Hinsicht vergleichbare „interne Lagerbildung“ fest. Da sind einerseits die meiner Wahrnehmung nach „modernen“ Reformierten bzw. „van Tiller“, die jegliche Natürliche Theologie per se ablehnen und der scholastischen / klassischen christlichen Philosophie grundsätzlich kritisch bis komplett ablehnend gegenüberstehen (z.B. John Frame, K. Scott Oliphint oder in Deutschland z.B. auch der (lutherische?) Theologe Bernhard Kaiser) und die „klassisch“ Reformierten (z.B. Paul Helm, James E. Dolezal, J. V. Fesko und Richard A. Muller), die der klassischen christlichen Metaphysik und auch Thomas von Aquin in vielerlei Hinsicht durchaus positiv gegenüber stehen. Sehe ich es richtig, dass du dich eher in die letztere Gruppe einsortieren würdest?

  2. @Johannes G.: Danke für das Lob aus berufenem Munde! Würde ich Deine Klassifizierung der Reformierten übernehmen, stünde ich Leuten wie Fesko, Duby, Dolezal, VanDrunen oder Muller näher. Ich glaube nicht, dass die Einfachheit oder Souveränität Gottes aus dem Hellenistischen importiert wurden. Ich lehne auch die Metaphysik nicht ab. Und, Du siehst m.E. richtig, dass die Größe der reformatorischen Scholastiker lange vernachlässigt wurde und sich dies langsam ändert. Gut so. Wünschen würde ich mir eine gründlichere exegetische Arbeit auf diesem Feld und eine Christus-Zentrierung, wie sie etwa Muller schon bei Calvin gefunden hat (vgl. Christ an the Decree).

    Liebe Grüße, Ron

    P.S. Das Buch habe ich ganz freiwillig gelesen. 😉

  3. Schlotti meint

    @Johannes G.
    Die von ihnen angesprochene Lagerbildung innerhalb der Reformierten sehe ich auch. Ich nehme sie nicht als nötig oder hilfreich wahr. Vielmehr sehe ich viele der Fragen und Kontroversen kritisch. Meine auch theologischen Sympathien liegen eher bei John Frame, ohne ihm blindlings zu folgen. Für mich geht es bei all dem nicht nur um spezielle Einzelfragen wie z. B. der Einfachheit Gottes, sondern um ein umfassendes Programm.

    Als Beispiel dazu: R. Scott Clark hat mit seinem Buch „Recovering the Reformed Confession“ u.a. erklärt, was die einzig reformierte Sicht in Bezug auf religiöse Erfahrung ist. Horton hat die reformierte systematische Theologie verfasst. Fesko hat gerade ein Buch zur Apologetik „Reforming Apologetics: Retrieving the Classic Reformed Approach to Defending the Faith“ veröffentlicht. Wie der Titel schon sagt, erfahren wir jetzt, was die einzige und damit natürlich richtige Sicht reformierter Apologetik ist. Es scheint, als haben diese Autoren (Westminster California; Trueman u.a.) ein großes Ziel, nämlich aller Welt klar zu machen, was die einzige reformierte Sicht ist und zwar in jedem Bereich der Theolgoie.

    Es ist selbstredend, dass sie sich mehr oder weniger explizit gegen Leute wie Oliphint oder Frame wenden, die eher bereit sind, den Begriff des Reformierten weiter zu fassen. Ihnen (also den Truely Reformed) sind dabei nicht allein die reformierten Bekenntnisse wichtig. Vielmehr auch ihre Art und Weise, diese zu verstehen. Erstaunlicherweise sind dann aber Leute wie Clark, Horton usw. bereit Dolezal als Musterbeispiel zu nennen, obwohl der eigentlich reformierter Baptist ist, soweit ich weiß. Damit dürfte er eigentlich nicht richtig reformiert sein. Aber vielleicht drückt man da ein Auge zu, weil er Evangelikale wie Grudem, Carson oder eben Frame kritisiert.

    Ich möchte nicht sagen, dass Dogmen wie die Einfachheit Gottes o.ä. nicht wichtig sind. Auch nicht, dass Leute wie Carson, Frame, Grudem oder Oliphint in allem recht haben. Ich frage mich aber schon, warum bestimmte Reformierte mehr daran interessiert sind ihre Sicht des Reformiert-seins gegen Leute zu verteidigen, die ihnen eigentlich theologisch in vielem nahe stehen, anstatt ihre Energie auf die vielen liberalen Denominationen innerhalb der reformierten Traditon zu konzentrieren.

    Liebe Grüße
    Schlotti

  4. Johannes G. meint

    @Ron,
    na dann hoffe ich mal, dass ich nicht nur „berufen“, sondern auch „auserwählt“ bin 😉 Aber im Ernst: Ich komme momentan ja nicht mehr so viel zum Lesen (wobei ich die Kids auch nicht gegen Bücher tauschen würde 😉 ), aber bei deinem Blog schaue ich trotzdem immer wieder gerne vorbei. Ich schätze besonders deine faire und ausgewogene Darstellung von unterschiedlichen Positionen, auch wenn sie nicht deinen Überzeugungen entsprechen (deine Besprechung von Molina ist da ein sehr schönes Beispiel). Das ist in Zeiten von facebook, Twitter & Co meiner Erfahrung nach inzwischen leider eher eine Seltenheit. Daher: Keep up the good work! 🙂

    @Schlotti,
    die Frage ist ja gerade, ob die Einfachheit Gottes eine „spezielle Einzelfrage“ ist, oder nicht. Ich denke das ist nicht der Fall bzw. sie ist vielleicht sogar die zentralste Eigenschaft der klassischen christlichen Gotteslehre. Nun bin ich sicher kein Kenner der reformierten Szene, aber ich habe eher den Eindruck, dass es sich andersherum verhält: Immer mehr reformierte Theologen und Philosophen halten die (mehrheitlich) moderne „Van Til Sicht“ mit ihrer Abkehr vom scholastischen Erbe für verfehlt und wagen es, auch öffentlich Kritik zu üben. Und gerade bei Leuten, die einem inhaltlich eher nahe stehen, sollte man doch auf wohlwollende Ohren und eine Wertschätzung von konstruktiver Kritik hoffen können, oder?

    Liebe Grüße
    Jo

  5. @Schlotti: Danke. Ich muss etwas schmunzeln, wenn Du schreibst, dass wir jetzt aus Westminster California erfahren, „was die einzige und damit natürlich richtige Sicht reformierter Apologetik ist“. Kann es nicht sein, dass es der Versuch ist, sich von der einzig wahren Deutung der reformierten Theologie zu emanzipieren, wie sie lange Jahre über Westminster Philadelphia vermittelt wurde? Man braucht ja nur einige Bücher von Van Til zu lesen, um zu verstehen, dass er die Deutungshoheit über die reformierte Apologetik für sich in Anspruch genommen hat und dabei nicht immer richtig lag. Die völlige Ablehnung der natürlichen Theologie oder der Zwei-Regimenten-Lehre war etwa nachweislich historisch nicht reformiert. Dass es nun eine Gegenbewegung innerhalb des Lagers gibt, kann ich nur begrüßen. Es sollte aber alles in allem eine Diskussion unter Freunden bleiben. Da stimme ich Dir völlig zu. Eine gewisse Entschärfung im Ton auf beiden „Seiten“ würde dem Erkenntnisgewinn dienlich sein. 😉

    Liebe Grüße, Ron

  6. Schlotti meint

    @Johannes G.
    Wie gesagt bin ich nicht der Meinung, die Frage nach der Einfachheit oder Unwandelbarkeit Gottes sei unwichtig. Oder positiv ausgedrückt: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Gotteslehre (sprich das Wesen und die Eigenschaften Gottes) wieder viel mehr betont werden muss. Ich glaube dadurch würden sich viele ganz praktische Probleme in der Gemeinde erübrigen. Ganz abgesehen vom persönlichen, geistlichen Trost, der z. B. mit der Lehre der Unwandelbarkeit Gottes verbunden ist.

    Das Problem sehe ich eher in einer zu einfachen Polarisierung, etwa in Bezug auf die Frage der Einfachheit und Unwandelbarkeit Gottes. Denn liest man Dolezal und/oder besser Leute, die sein Buch schätzen, dann gibt es auf der einen Seite die standhaften Verfechter der traditionellen Gotteslehre und auf der anderen Seite die theistic mutualist. So, als würden letztere vertreten Gott wäre wandelbar bzw. würde sich verändern. Das ist aber viel zu einfach. Kann man das aus Carsons Veröffentlichungen, etwa in seinem Buch „How long O Lord“ schließen? Selbst bei Frame, der m.M.n. eines der besten Bücher gegen den Open Theism geschrieben hat (No other God) ist das nicht möglich. Auch wenn Frame zugegebenermaßen ein deutlich leichteres Angriffsziel ist. Was ich damit meine ist, dass liest man die Bücher der angesprochenen Leute, eine Bezeichnung wie theistic mutualist eine zu billige Beschreibung ist.

    Ich gebe zu, dass bei mir der Ton eine große Rolle spielt. Da lese ich lieber Matthew Barrett „None Greater: The Undomesticated Attributes of God“. Der ist inhaltlich voll auf der Linie von Barrett, schreibt aber einfach gewinnend.

    @Ron
    Was die zwei Regimente Lehre angeht, bin ich voll bei dir! Ich habe gelesen, dass Frame dem WSC vorwirft in dieser Frage lutherisch, anstatt reformiert zu sein. Da habe ich auch gedacht: Naja, es gibt weit schlimmeres, denn als konfessioneller Lutheraner bezeichnet zu werden 🙂 Manchmal nehmen sich halt beide Seiten wenig, wenn es wie du schreibst, um die Schärfe geht.

    Einige neuere Entwicklungen sehe ich aber einfach kritisch. Die Begeisterung für Reformed Catholicism, Retrieval from the Past, Theological Interpretation of Scripture kann ich nicht nachvollziehen. Warum z. B. Reformed Catholicism? Irgendwann gibt es dann Reformed Catholic Baptism oder was auch immer. Retrieval from the Past ist ja schön und gut. Aber welche Vergangenheit? Welche ist gut und welche nicht? Vielleicht gründe ich ja eine eigene „Schule“ und nenn sie Retrieval from the Bretheren Past. Nein, niemals! Die Kirche kann froh sein, dass sie einen Darby überlebt hat, da braucht es keine Neubelebung.

    Vielleicht klingt das von mir alles viel zu kritisch, was den Konfessionalismus angeht. Das soll es nicht. Im Gegenteil, bin ich davon überzeugt, dass gerade meine Tradition es nötig hat, die ökumenischen Bekenntnisse zu kennen und als Geschenk Gottes zu sehen. Vielleicht bin ich einfach mit einer Frage überfordert: Dem Verhältnis von Sola Scriptura zu Bekenntnissen. Aber das wäre ein anderes Thema.

    Liebe Grüße
    Schlotti

  7. Schlotti meint

    Man, es ist zu spät…
    Dass Barrett auf einer Linie mit Barrett liegt ist klar. Ich liege mit meiner Meinung meistens auch auf einer Linie mit mir selber. Es muss natürlich heißen, dass Barrett auf einer Linie mit Leuten wie Horten usw. liegt.

    Liebe Grüße
    Schlotti

  8. Schandor meint

    Wisst ihr, ob es einen Ansatz gibt, der das Thema Souveränität/Verantwortung von einer handlungstheoretischen Sicht aus behandelt?
    Also nicht wie Thomas von Aquin oder Molina, und auch nicht wie viele Reformierte (über die Komplementarität), sondern über den Ansatz Handlungstheorie?

  9. @Schlotti: Der Reformed Catholicism möchte m.W. betonen, dass die Reformierten nicht bei Null beginnen, da reformiert bedeutet, dass du es nicht erschaffen hast, sondern etwas nimmst, das bereits existierte und es verbesserst, korrigierst etc. Die Bewegung wendet sich gegen die Geschichtsvergessenheit in der Theologie, will anerkennen, dass wir z.B. in der Gotteslehre oder auch Vorsehungslehre viel von der KK übernommen haben und auch übernehmen dürfen.

    Aber ich verstehe Deine Sorgen. Der Konfessionalismus kann sich schnell mit einer gewissen Arroganz und Unbeweglichkeit verbünden. Das „ecclesia semper reformanda est“ kann da fast untergehen. Immer wieder sehe ich, dass ihm die missionarische Ausstrahlung fehlt.

    Liebe Grüße, Ron

  10. Roderich meint

    Lieber Ron,

    Gottes Mittleres Wissen ist mit seiner uneingeschränkten Souveränität unvereinbar. Gottes Einfachheit fordert nämlich, dass sein Wissen nicht durch etwas ihm Extrinsisches oder durch etwas, das nicht durch ihn selbst verursacht ist, bestimmt werden kann… Der Molinismus stellt demnach Gottes Aseität, seine absolute Unabhängigkeit, infrage. (4)

    Dann müsste dieser Einwand auch gegen das Westminster Bekenntnis gehen, der ja sagt, vor dem Sündenfall waren die Menschen libertarisch frei.

    Die Bibel beschreibt die Dinge im AT und NT so, dass Gott auf das Handeln der Menschen reagiert. Die biblischen Autoren hatten damit kein Problem.

    Davon abgesehen: Gottes Aseität würde ich so verstehen, dass er in seinem Sein (seiner Existenz, seiner Substanz) nicht von anderen Wesen abhängig ist.
    Gottes Wissen bestimmter kontingenter Fakten betrifft aber nicht seine Substanz, sondern seine veränderbaren akzidentellen Eigenschaften.

    Angenommen, Klaus überlegt, Kaffee oder Tee zu trinken.
    Nichts in Gottes primären Eigenschaften und in seinem Sein ändert sich, wenn sein Wissen über das, was Klaus trinkt, von Klaus abhängig ist.

    Dieser Einwand gälte also nur für ein extremes Verständnis von Aseität (das vermutlich mit einem extremen Verständnis von Gottes Einfachheit zusammenhängt).

  11. Lieber Rod,

    Das WB ist da nuancierter. Gott ordnet das Auftreten aller Dinge an, aber so, dass der Mensch für sein Handeln verantwortlich ist. Mit dieser Qualifikation bestätigen die Autoren des WB sowohl Notwendigkeit als auch Kontingenz; was auch immer Gott bestimmt, geschieht notwendigerweise, aber es kann und wird sich kontigent bewahrheiten.

    Siehe z.B. folgende Artikel, die m.E. eine gewisse Spannung stehen lassen. Die scholastische Unterscheidung zwischen Erst- und Zweitursache wird vorausgesetzt, schützt aber die Aseität.

    Artikel 3.1. Gottes Ratschluss

    Gott hat
    von aller Ewigkeit her
    nach dem höchst weisen und heiligen Ratschluss
    seines eigenen Willens
    frei und unabänderlich alles angeordnet,
    was auch immer sich ereignet,
    jedoch so, dass dadurch
    weder Gott der Urheber der Sünde ist,
    noch dem Willen der Geschöpfe Gewalt angetan wird,
    noch die Freiheit oder Zufälligkeit der zweiten Ursachen aufgehoben,
    sondern diese vielmehr in Kraft gesetzt werden.

    Artikel 6.1. Der Sündenfall

    Unsere ersten Eltern sündigten,
    durch Satans Arglist und Versuchung verführt,
    indem sie die verbotene Frucht aßen.
    Es hat Gott nach seinen weisen und heiligen Ratschlüssen gefallen,
    ihre Sünde zuzulassen,
    da er die Absicht hatte,
    diese zu seiner eigenen Ehre zu ordnen.

    Artikel 5.4. Vorsehung und Sünde

    Die allmächtige Macht,
    unerforschliche Weisheit
    und unendliche Güte Gottes
    offenbaren sich selbst so weit in seiner Vorsehung,
    dass sie sich sogar auf den ersten Fall
    und alle anderen Sünden der Engel und Menschen erstreckt,
    und zwar nicht durch bloße Zulassung,
    sondern durch eine solche Vorsehung,
    die mit einer höchst weisen und machtvollen Einschränkungq und anderweitigen Ordnung und Lenkung derselben verbunden ist,
    – in mancherlei Fügung, zu seinen eigenen heiligen Zwecken –
    so jedoch, dass das, was daran sündhaft ist,
    allein vom Geschöpf ausgeht
    und nicht von Gott,
    der, da er ganz heilig und gerecht ist,
    nicht der Urheber oder Anerkenner der Sünde ist noch sein kann.

    Liebe Grüße, Ron

  12. Schandor meint

    Ich glaube nicht (mehr), dass der Mensch Gott gedanklich adäquat fassen kann, um derlei Zuschreibungen zu machen, wie die Philosophen das tun.
    Verständlich ist aber von der Struktur unserer Unzufriedenheit über Unverstandenes her gesehen, diese Dinge sich begreiflich machen zu wollen. Und ist es nicht auch Verherrlichung Gottes, wenn seine Geschöpfe sich Gedanken machen? Klar ist es das.

    Ich denke analogisch an die nicht adäquate Darstellung eines Tesseracts: Wir können ihn durchaus „sehen“, aber sicher nicht begreifen, was er im vierdimensionalen Raum ist oder wäre; wir sehen quasi nur, was „vor Augen“ ist.
    https://www.youtube.com/watch?v=5xN4DxdiFrs
    Und da haben wir es nur mit einer Figur zu tun.
    Jetzt könnte man einwenden: Nein, wir haben Aussagen in der Schrift.
    Ja, klar, die haben wir. Fraglich ist nur, ob die Schlussfolgerungen stimmen (können), die die Philosophen daraus ziehen.
    Ich selbst glaube:
    1. Gott ist allmächtig.
    2. Daher geschieht nichts (gar nichts) ohne sein Wissen und seinen Ratschluss. So unfassbar grauenhaft das auch in einzelnen Dingen ist.
    3. Gott kennt die Gedanken des Menschen von ferne, also noch bevor der Mensch sie hat.
    4. Libertäre Freiheit, die Gott vor Tatsachen stellt, die ihn überraschen, ist daher eine contradictio in adjecto. Wie man wie Craig oder Molina an das „mittlere Wissen“ glauben kann, kann ich gedanklich zwar gerade noch einigermaßen nachvollziehen, es erscheint mir aber als ausgesprochenes Wolkenkuckucksheim.
    5. Die Illusion der libertären Freiheit ist bei manchen so groß, dass sie das Nichtbestehen derselben nicht denken, nicht imaginieren können. Daraus entstehen die Versuche, die menschliche Freiheit gegen Gott zu verteidigen. Das ist nichts besonderes, da es in vielen Bereichen so ist, etwa bei jenen Bildern, in die ein Motiv eingearbeitet ist, dass man nur durch eine Art Schielen sehen kann.

    So erscheinen mir die Dinge eben nun mal.

  13. Roderich meint

    @Schandor,

    4. Libertäre Freiheit, die Gott vor Tatsachen stellt, die ihn überraschen, ist daher eine contradictio in adjecto.

    Ich meine, dass Gott vorher ja schon alle Möglichkeiten weiß, wie Menschen sich entscheiden können. Es „überrascht“ ihn daher gar nichts. Ferner weiß er, wie gefallen und böse wir sind. Böse Taten „überraschen“ ihn daher erst recht nicht.

    Gott hat den Menschen in seinem Ebenbild gemacht. So wie ein Vater sich über seinen Sohn freut, wenn der freie verantwortliche Entscheidungen trifft, so freut sich Gott auch, wenn sich Menschen frei entscheiden. Diese Sicht macht meines Erachtens viel mehr Sinn, als wenn Gott alles marionettenhaft kontrollieren würde.

    Lieber Ron,

    Gott hat… unabänderlich alles angeordnet,
    was auch immer sich ereignet, jedoch so, dass dadurch
    weder Gott der Urheber der Sünde ist, noch dem Willen der Geschöpfe Gewalt angetan wird,

    sondern durch eine solche Vorsehung,
    so jedoch, dass das, was daran sündhaft ist,
    allein vom Geschöpf ausgeht.

    vielen Dank für diese Zitate. Das Problem ist ja, dass bei dem, was gedanklich eigentlich ein Widerspruch ist, durch dieses „jedoch so, dass“ einfach behauptet wird, dass beide nebeneinander bestehen können, sprich, dass sie kein Widerspruch sind. Da müsste man dann in Kommentaren suchen, warum das kein Widerspruch sein soll.

    Wenn die „zweite Ursache“ (der Mensch mit seinen Entscheidungen) frei ist, ist es eben nicht so gut denkbar, dass die Ergebnisse dieser Entscheidungen determiniert / angeordnet wären.

    Nun gut, ein weites Feld.

  14. Schandor meint

    @Roderich

    Falsche Disjunktive. Es gilt nicht Freiheit vs. Marionettentum. Gott ist doch kein Computerprogramm, das seine Entscheidungen an den Entscheidungen der Menschen adjustiert (wenn x (aus x hoch x), dann y, sonst z). Nein, libertäre Freiheit ist eine contradictio in adjecto. Gott weiß alles, aber nicht so, wie sich das die lieben Libertinisten vorstellen, sondern er weiß es, weil alles vorbestimmt ist (nicht kausal nezessitiert und auch nicht in naturalistischem Sinn determiniert).

  15. Roderich meint

    @Schandor,

    wie ist es denn dann „vorbestimmt“, wenn nicht kausal?

    Wie auch immer Deine Antwort, ich vermute, dann sind wir wieder beim Konsequenz-Argument (van Inwagen etc.).
    Sobald in irgendeiner Weise alles vorbestimmt ist, habe ich als Einzelner nicht mehr die Freiheit, anders zu handeln. Dann liegt es also nicht (und auch noch nicht mal teilweise) „an mir“, wie mein Leben weitergeht. Also keine Freiheit, und es bleibt dann leider doch das „vs.“ stehen.

    Du sagst, die Philosophie (unser Denken) kann Gott nicht erfassen. Damit geht einher: Wir müssen der Offenbarung trauen.

    Die Offenbarung sagt uns aber, dass Gott dem Menschen die Wahl lässt. Mir scheint, der Determinismus kommt zu seiner Idee über philosophische Überlegungen (z.B. über Gedanken der „Einfachheit“ etc.), und stülpt diese Ideen dann der Bibellektüre über.
    Laut Bibel „adjustiert“ Gott seine Entscheidungen durchaus anhand dessen, was die Menschen tun – denke an die Rolle der Fürbitte etc. Denke an die Predigt Jonas in Ninive. Daher ja auch die Ermahnungen, Buße zu tun – damit das Gericht eben nicht kommt etc.

  16. Johannes G. meint

    @Rod,

    nur ganz kurz: ich denke man kann diese Annahmen aus dem WB (zumindest als Thomist 😉 ) durchaus kohärent beschreiben und dabei einen starken Freiheitsbegriff vertreten. Wie ich weiter oben bereits geschrieben habe, hat Rob Koons dazu einen Ansatz skizziert. Im Wesentlichen geht es darum, dass Gott seinen primären Willen in Bezug auf seine rationalen Geschöpfe so fragmentiert, dass er dadurch Raum für deren Entscheidungen und echte rationale Erwägungen (die es in bei einem Determinismus prinzipiell nicht geben kann) gibt. Den gesamten Aufsatz kann man hier abrufen:

    http://www.robkoons.net/media/69b0dd04a9d2fc6dffff80afffffd524.pdf

    Hier ein kleiner Appetizer 😉

    „Human righteousness requires freedom, freedom requires circumstantial contingency, and this sort of contingency requires the existence of chance in the world (in van Inwagen’s very precise sense of “chance”). So, to create real human righteousness, God must introduce an element of chance into the world. The open theist can locate this chance within the created world, or in the interface between God and the world (as described in van Inwagen’s “The Place of Chance in a World Sustained by God”). The Thomist can’t locate chance in those places, because God’s decrees can’t be indeterminate or open-ended as they are according to van Inwagen. So, the Thomist must locate chance within God’s will. There has to be a self-fragmentation of God’s will into billions of pieces, a self-imposed incoherency within God’s will. [So] … the Thomist has a God who is simple and impassive, but intentionally incoherent, while the open theist has a God whois complex, receptive, but coherent in His will.“

    LG
    Jo

  17. Schandor meint

    @Roderich

    Ich halte nichts vom naturalistisch-kausalen Determinismus. Der ist längst widerlegt. Die Vorbestimmung ist in Gottes Wesen und Ratschluss verankert. Was er sich vorgenommen hat, wird geschehen, so oder so. Vielleicht ist es hilfreich, wenn Du Ratschluss und Wille unterscheidest. Das eine ist das, wo die Vorbestimmung residiert. Das andere ist Gottes geoffenbarter Wille und das Spielfeld, innerhalb dessen der Mensch seine Entscheidungen trifft. Und die müssen nicht auf die von Dir geglaubte Art „frei“ (frei wovon denn eigentlich?) sein, sondern sie müssen nur zwanglos geschehen können. Das ist genug. Aber jede meiner Entscheidungen hat ihren Grund, und dieser Grund liegt sehr oft nicht in mir selbst. Und da das so ist, gibt es keine libertär-freie Wahl. Das ist nichts als illusorisch. Und auch völlig unmenschlich. Die Freiheit des Willens besteht doch in erster Linie darin, aufgrund von Gedanken ein Veto gegen den Antrieb des Wollens selbst einzulegen. Erst wenn ich sagen kann: Nein, das möchte ich nicht, ich kann nicht anders, erst dann bin ich doch frei.
    Wäre Dein Wille so frei, wie Du es postulierst, so könnte ich Dich hiermit bitten, anders zu wollen als zu willst. Das aber kannst Du nicht – und hast damit keine libertäre Willensfreiheit, bist aber dennoch ein freier Mensch gerade deshalb.

    Ein Gott, der sein Handeln je und je nachjustieren müsste, ist jedenfalls nicht der Gott der Bibel. Und ja freilich weiß ich auch, dass Gott sein Handeln nachjustiert, aber nicht und niemals das, was in seinem Ratschluß beschlossen liegt. Es ist wie mit der Reue: Oft sagt Gott, es gereue ihn etwas. Aber er wusste schon vorher, dass er es sich gereuen lassen werde (der Mensch kann das nicht im Voraus wissen). Dann aber gibt es „fest beschlossene“ Dinge wie etwa den Untergang Jerusalems und die Zerstörung des Tempels (Buch Daniel). Auch das Opfer Jesu Christi war fest beschlossene Sache, ja, sogar schon vor Grundlegung der Welt. Darin liegt ein großer Trost, wenn nicht der größte überhaupt: Gott hat ein Opfer für die Sünden der Welt, noch bevor er die Welt erschaffen hat. Hier beweist er seine Gottheit.

  18. Schandor meint

    @Roderich

    Ich halte nichts vom naturalistisch-kausalen Determinismus. Der ist längst widerlegt. Die Vorbestimmung ist in Gottes Wesen und Ratschluss verankert. Was er sich vorgenommen hat, wird geschehen, so oder so. Vielleicht ist es hilfreich, wenn Du Ratschluss und Wille unterscheidest. Das eine ist das, wo die Vorbestimmung residiert. Das andere ist Gottes geoffenbarter Wille und das Spielfeld, innerhalb dessen der Mensch seine Entscheidungen trifft. Und die müssen nicht auf die von Dir geglaubte Art „frei“ (frei wovon denn eigentlich?) sein, sondern sie müssen nur zwanglos geschehen können. Das ist genug. Aber jede meiner Entscheidungen hat ihren Grund, und dieser Grund liegt sehr oft nicht in mir selbst. Und da das so ist, gibt es keine libertär-freie Wahl. Das ist nichts als illusorisch. Und auch völlig unmenschlich. Die Freiheit des Willens besteht doch in erster Linie darin, aufgrund von Gedanken ein Veto gegen den Antrieb des Wollens selbst einzulegen. Erst wenn ich sagen kann: Nein, das möchte ich nicht, ich kann nicht anders, erst dann bin ich doch frei.
    Wäre Dein Wille so frei, wie Du es postulierst, so könnte ich Dich hiermit bitten, anders zu wollen als zu willst. Das aber kannst Du nicht – und hast damit keine libertäre Willensfreiheit, bist aber dennoch ein freier Mensch gerade deshalb.

    Ein Gott, der sein Handeln je und je nachjustieren müsste, ist jedenfalls nicht der Gott der Bibel. Und ja freilich weiß ich auch, dass Gott sein Handeln nachjustiert, aber nicht und niemals das, was in seinem Ratschluß beschlossen liegt. Es ist wie mit der Reue: Oft sagt Gott, es gereue ihn etwas. Aber er wusste schon vorher, dass er es sich gereuen lassen werde (der Mensch kann das nicht im Voraus wissen). Dann aber gibt es „fest beschlossene“ Dinge wie etwa den Untergang Jerusalems und die Zerstörung des Tempels (Buch Daniel). Auch das Opfer Jesu Christi war fest beschlossene Sache, ja, sogar schon vor Grundlegung der Welt. Darin liegt ein großer Trost, wenn nicht der größte überhaupt: Gott hat ein Opfer für die Sünden der Welt, noch bevor er die Welt erschaffen hat. Hier beweist er seine Gottheit.

  19. Roderich meint

    Danke, Johannes – den Artikel werde ich am Wochenende lesen. Der Appetizer weckt Interesse 🙂 Koons schreibt auch sonst sehr Sinnvolles.
    „Intentionally incoherent“ – klingt jedenfalls ungewohnt.

  20. Rod & Johannes G.: Ich finde auch die Darstellung der thomistischen Position von Steven Long hilfreich. Er muss in der innerkatholischen Diskussion Thomas gegenüber dem Vorwurf verteidigen, Calvin oder den Jansenisten (etwa Pascal) zu nah zu stehen. 😉 Aquin hatte eine erstaunlich hohe Sicht für die Souveränität Gottes.

    Hier: Mystery_of_Predestination_Chapter_2.pdf.

    Liebe Grüße, Ron

  21. Johannes G. meint

    Hallo Ron,

    vielen Dank für den Link zum Aufsatz von Long. Den kannte ich bisher nicht. Er ist nicht gerade einfach zu lesen, aber ich meine auch, dass er die grundlegende thomistische Position sehr gut und gewissenhaft auf den Punkt bringt. Grundlegend für Thomas scheint mir zu sein, dass Gott niemanden „aktiv“ verwirft bzw. ihm die Gnade der Erlösung als determinierte singuläre Ursache „vorenthält“. Es gibt in diesem Fall immer etwas im Menschen – ein Widerstand, den Gott nicht überwindet. Dieser Widerstand scheint, auch unter Berücksichtigung der Erstursache durch Gott, einen Unterschied zu machen – s. z.B. ST IQ79A3):

    Now although the sun, so far as it is concerned, enlightens all bodies, yet if it be encountered by an obstacle in a body, it leaves it in darkness, as happens to a house whose window-shutters are closed, although the sun is in no way the cause of the house being darkened, since it does not act of its own accord in failing to light up the interior of the house; and the cause of this is the person who closed the shutters. On the other hand, God, of His own accord, withholds His grace from those in whom He finds an obstacle: so that the cause of grace being withheld is not only the man who raises an obstacle to grace; but God, Who, of His own accord, withholds His grace.

    Es bleibt die Frage, ob Gott einen gegenteiligen Willen, ohne die Zerstörung des Menschen als rationales Wesen mit Verantwortung, grundsätzlich zur Zustimmung bewegen kann oder nicht. Ein „nicht können“ kann hier natürlich nur als relative und nicht als absolute Unmöglichkeit angesehen werden (d.h. Gott ist völlig frei in seiner Entscheidung, ob er einen Menschen erschafft oder nicht). Im letzteren Fall gibt es ggf. etwas im Menschen, das in der Natur des Personseins begründet ist, was dazu führt, dass nicht jeder Mensch positiv auf die Gnade Gottes reagiert bzw. vom Evangelium überzeugt werden kann (oder anders ausgedrückt: In manchen Fällen müsste Gott den Willen des Menschen nicht nur zur Zustimmung bewegen, sondern außer Kraft setzen und damit zerstören, um die Gnade wirksam werden zu lassen).

    Diese Annahme würde z.B. mit dem von Koons skizzierten Ansatz in Kombination mit Stumps Konzeption zur nichtdestruktiven Bewegung des menschlichen Willens harmonieren und sowohl den Charakter sowie alle anderen klassischen Eigenschaften Gottes, als auch die Verantwortung des Menschen nicht beschädigen. Mir persönlich scheint eine solche Konzeption am besten mit dem biblischen Zeugnis übereinzustimmen, da sowohl Schriftstellen, die die Freiheit und Verantwortung des Menschen betonen, als auch jene, die Gottes absolute Souveränität bezeugen, nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen. Sowohl beim Offenen Theismus und Arminianismus als auch im Calvinismus sehe ich da sowohl theologisch als auch philosophisch keine überzeugenden Lösungsansätze…

    Liebe Grüße
    Jo

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