Hexenjagd

Jakob Hayner hat mit Bernd Stegemann und Angela Richter ein hochinteressantes Interview über die Woke-Kultur in der deutschen Kulturlandschaft geführt. Zum Hintergrund: Im Jahr 2021 klagten 1.500 Theaterleute den Dramaturgen Bernd Stegemann wegen Rassismus an. Zu den Unterzeichnern ihres Offenen Briefs zählte auch die Regisseurin Angela Richter. Im Gespräch mit Stegemann erklärt sie nun, warum sie die Aktion heute bereut und welche Auswirkungen die „Woke“-Bewegung hatte.

Hier einige Auszüge: 

Angela Richter: Ich erlebe einen Verlust an künstlerischer Freiheit. Was ich vor einigen Jahren als frei und offen empfunden habe, ist plötzlich von vielen unausgesprochenen Regeln moralischer und ideologischer Art durchsetzt. Zum Beispiel wollte ich die wahre Geschichte einer Detransition erzählen, also eines rückgängig gemachten Geschlechtswechsels. Ich bin naiv und unvoreingenommen an die Arbeit rangegangen, mich hat das Schicksal dieses Menschen berührt. Ich habe die aufgeladene Debatte über Trans völlig unterschätzt. Bereits nach der Leseprobe wurde ich als „transphob“ gebrandmarkt. Das Stück wurde nicht gespielt. Oder als ich einen Artikel über den Philosophen René Girard veröffentlichte – den frühen Diagnostiker unserer übersteigerten Opfermacht – und erwähnte, dass Peter Thiel und Elon Musk bei ihm studiert haben, ohne das obligatorische Verdammungsmantra abzuspulen: Schon galt ich als „rechts“. Das hat mich schockiert.

Bernd Stegemann: Theater wird eigentlich von Menschen gemacht, die den Mut haben, Geschichten, Gefühle und Widersprüche öffentlich sichtbar zu machen. Heute haben sie den Mut verloren und sind ängstlich darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Das falsche Thema, ein falsches Wort, eine falsche Situation, alles kann missverstanden werden und jemand könnte sich gekränkt fühlen. So entsteht eine neue Beklommenheit am Theater. Man will eindeutige Botschaften versenden, die einen moralisch gut aussehen lassen und niemanden irritieren. Früher hätte man das Propagandatheater oder Tendenzdrama genannt. Also das Gegenteil von gutem Theater, das immer mit Widersprüchen zu tun hat. Die Widersprüche zwischen den Figuren und die Widersprüche zwischen der Inszenierung und den Erwartungen des Publikums werden von der tugendhaften Beklommenheit kassiert. Man ist dabei, dem Theater seinen Lebensnerv zu ziehen.

Angela Richter: Ich beobachte einen freiwilligen und vorauseilenden Gehorsam im Theater. Man unterwirft sich fragwürdigen ideologischen Moden. Wer das nicht tut, gilt als zurückgeblieben und gestrig.

Angela Richter: Ich selbst war lange in diesem Mechanismus gefangen. Ein Reflexmilieu wie bei Pawlow: Jemand ruft „rechts“ – und alle bellen, als wäre Denken optional. So habe auch ich mich vor ein paar Jahren an einem offenen Brief gegen Bernd Stegemann beteiligt. Ausgelöst durch Rassismusvorwürfe gegen einen Regisseur, den er in der „FAZ“ verteidigt hatte. Der Brief eskalierte zu einem massiven Shitstorm. Heute würde ich sagen: Wir verloren die Kontrolle, es wurde eine Hexenjagd.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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7 Kommentare
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Kommentator
2 Monate zuvor

Die „Erwiderung“ ist eine Selbstentblößung, die die Beteiligten nicht mehr rückgängig machen können werden. Niemand nimmt sie mehr ernst, schon gar nicht auf der anderen Seite des Atlantiks.

Die Berufe „Journalistin, Regisseurin (sie/ihr)“ leben von Reputation. Und die ist nun unwiderruflich weg. Niemand wird ihr jemals mehr etwas glauben. Die Betreffende „bereut“ letztlich, dass sich das Blatt gegen sie gewendet hat, weil jede solche „Bewegung“ ihre Mitläufer früher oder später selbst cancelt. Dieses Gericht haben die Beteiligten selbst über sich gebracht.

Vergebung gibt es natürlich: beim Herrn Jesus Christus. Die Welt aber fällt ihr Urteil und vor den verdienten Konsequenzen bewahrt der liebe Gott sie nicht.

Stephan
2 Monate zuvor

Wie ein bekannter Blogger oftmals sagt: „Geliefert wie bestellt.“ Oder der Volksmund: „Wer anderen eine Grube gräbt …“. Letztendlich: sie hat in dem Bestreben einem Rudel anzugehören mitgemacht, um abweichende Meinungen zu canceln, und auch ihrem Mitmachen ist zu verdanken, dass dieses Rudel eine gewisse Meinungsmacht und Gehör bekam. Und nun ist es egal, ob man selbst aktiv den vorgegebenen Meinungskorridor verläßt oder dieser schwenkt oder man einer Kontaktschuld bezichtigt wird – die Chance ist groß, dass man plötzlich „draußen“ ist und damit den gleichen Mechanismen unterworfen wird, die man selbst mit etabliert hat. Oder wie ein Komiker vor bald 50 Jahren sagte: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das tue auch keinem anderen …“. Was bin ich froh, dass mir die Meinung anderer meilenweit am Allerwertesten vorbei geht. Ich weiß, dass ich nur Jesus gegenüber rechenschaftspflichtig bin. Und damit lebt es sich recht bequem, und manchmal macht es mir auch richtig Freude, wenn Menschen um mich herum… Weiterlesen »

Kommentator
2 Monate zuvor

Addenum: Sowohl die Christen des 1. Jahrhunderts als auch die späteren evangelische Pietisten verbinden mit dem Theater die Ausschweifungen des wohlhabenden römischen Bürgertums, keinesfalls die christliche Lebensweise auf dem schmalen Pfad. Die Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert bezeugen das.

So gesehen passen die Vorgänge perfekt ins Bild und repräsentieren genau die Verführungen, von denen sich traditions- und bibelbewusste Christen zwecks ihrer Heiligung fernhalten.

Stephan
2 Monate zuvor

Dann, lieber Kommentator, müßte man sich auch von Fernseher, Radio, vielleicht auch Zeitungen, aber insbesondere vom Internet fernhalten. Ich finde es etwas, nunja, doppelzüngig, wenn man erklärt, wovon sich die Menschen wegen Heiligung fernzuhalten haben, aber man selbst nutzt das gleiche Medium, vor dem man warnt, zur Verbreitung der eigenen Botschaft.

Kommentator
2 Monate zuvor

müßte man sich auch von Fernseher, Radio, vielleicht auch Zeitungen, aber insbesondere vom Internet fernhalten

Ich kenne Pietisten, die das konsequent durchziehen. Da gibt es nur die heilige Schrift und dann erstmal lange nichts. Nein, auch kein Telefon. Die empfangen aber jederzeit Gäste (eine traditionell christliche Tugend).

Der Hinweis darauf, wo das Theater im christlichen Koordinatensystem traditionell verortet ist, sollte aber keine Aufforderung darstellen, einen Lebensstil zu kopieren. Bei der Einordnung dessen, was sich dort abspielt, ist es aber sehr hilfreich. Christen sind ja schließlich auch nicht überrascht davon, dass in Freudenhäusern die ungezügelte Promiskuität vorherrscht.

Wenn also die Schnittmenge zwischen Kanzel, Theater (und Freudenhaus) zunimmt und im kirchlichen Milieu schließlich nach und nach „gesellschaftsfähig“ wird darf ein Christ das schon auf den Prüfstand stellen, ohne gleich selbst zum Amischen zu konvertieren. Oder?

Matze
2 Monate zuvor

Der Fisch muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler, aber das Evangelium muss nach der Schrift verkündet werden. Dies wird immer ein schmaler Grat sein. Es wird sicher nicht jede Gemeinde im Stil den gleichen Weg finden. Schlimmer ist aus meiner Sicht wie oft es im christlichen Bereich Aussagen gibt, die so weit weg vom Zeugnis der Schrift entfernt sind

Kommentator
1 Monat zuvor

Schlimmer ist aus meiner Sicht wie oft es im christlichen Bereich Aussagen gibt, die so weit weg vom Zeugnis der Schrift entfernt sind Diese Aussagen sind dann nicht „christlich“ und gehören dementsprechend nicht zum „christlichen Bereich“. Der „christliche Bereich“ definiert sich ja gerade dadurch, dass die darin eingeschlossenen Handlungen distinkt den herkömmlichen christlichen Traditionen entsprechen. Dementsprechend gibt es zum Beispiel vielerorts die Bischöfin, aber weltweit keine einzige „christliche“ Bischöfin. Das Eingeständnis, dass die meisten Versammlungen (i. e. „Kirchen“ oder „Gemeinden“) schlichtweg nicht christlich sind, sondern meist nicht mehr tun, als heimelige Gewohnheiten aus der eigenen Kindheit reproduzieren, fällt den meisten dort eingeborenen äußerst schwer. Man vergleiche dies mit den „Weihnachtsmärkten“, die völlig säkulare Leute aufsuchen, weil es da schön leuchtet und duftet und das ebenso eine Emotional Response aus der Zeit unter dem Weihnachtsbaum am Beginn der eigenen Lebenspanne triggert. (Bei Kulturfremden, die damit nicht aufgewachsen sind, lösen diese Veranstaltungen dementsprechend auch überhaupt nichts aus.) Auch an diesen Orten können… Weiterlesen »

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