Die 68er und ihre gleichförmige Mitte-links-Republik

Der Schriftsteller Maxim Biller meint in der ZEIT, die 68er haben an den Universitäten einer gleichförmigen Mitte-links-Republik den Boden bereitet. Ein sehr lesenswertes Interview. Hier einige Auszüge:

Die siebziger Jahre waren eine bleierne, eine ganz dunkle Zeit. Die Meinungsführer, die in der Nach-68er-Zeit in Schulen und Hochschulen auftraten, waren blind propalästinensisch und wüst antiisraelisch. Und wenn man sich heute fragt, woher die inzwischen völlig akzeptierte Israel-Feindschaft in deutschen Mitte-links-Kreisen stammt, dann muss man sagen: Sie kommt aus der Zeit nach 1968, als die PLO das Goldene Kalb der deutschen Täterkinder war. Das alles fiel mir sofort auf, zum Beispiel auf Anti-Atomkraft-Demonstrationen in Brokdorf, bei denen ich als Teenager ein paarmal dabei war. Wer nicht nach Brokdorf mitfuhr, der gehörte schon nicht mehr dazu. Es gab auch diesen Hass auf Amerika und diese absurde Humorlosigkeit der Linken. Und diese endlosen Zweiergespräche über Beziehungen, das war ganz schlimm.

Die Hamburger Uni hat mich gelangweilt, das war Kindergartenniveau. Ich bin dann nach München gezogen, wo das Niveau viel höher war. Die Professoren dort waren wesentlich konservativer, und ich hatte mit ihnen natürlich oft Stress, weil sie keinen Widerspruch duldeten, und das duldete wiederum ich nicht. Aber als Student wusste man sofort, mit wem man es zu tun hatte. Leider gab es in München auch die MG, die Marxistische Gruppe. Und diese Splittergruppe hat unsere Seminare und Vorlesungen terrorisiert. Die störten mit Geschrei und wirren Fragen und redeten Blödsinn. Wolfgang Frühwald, ein Germanist, war mein Professor. Mit seinen Ausführungen zur Literatur hätte ich mich am liebsten die ganze Zeit beschäftigt, aber immer kamen irgendwelche MG-Fanatiker herein und taten so, als wollten sie diskutieren. Gleichzeitig hatte ich Kommilitonen, von denen ich wusste, dass sie auf Schulungen von Marxisten gehen. Das habe ich alles nicht verstanden. 

Mehr: www.zeit.de.

Glauben und Denken heute 1/2017

Die Ausgabe 1/2017 der Zeitschrift Glauben und Denken heute ist online. Enthalten sind folgende Beiträge:

Artikel

  • Daniel Facius: Editorial
  • Thomas Schirrmacher: 10 Jahre Studienzentrum Chemnitz
  • Ron Kubsch: Sollte Gott gesagt haben?
  • Eric Beach: Was Pastoren von Martin Bucer lernen können
  • Ron Kubsch: Warum werden wir Gott nicht los?
  • Wilhelm Lütgert: Kant als Idealist und als Realist
  • Hanniel Strebel: Personalentwicklung aus christlicher Weltsicht betreiben

Rezensionen

  • John Frame: A History of Western Philosophy and Theology (Hanniel Strebel)
  • Reinhard Junker: Genesis, Schöpfung und Evolution (Markus Widenmeyer)
  • Marius Timmermans: Heidelberger Trilogie (Ron Kubsch)

Buchhinweise

  • Blaise Pascal: Pensées – Gedanken (Ron Kubsch)
  • Irene Dingel: Reformation: Zentren – Akteure – Ereignisse (Ron Kubsch)
  • Christoph Wolf: So hatte Gott sich das gedacht … (Ron Kubsch)
  • Paul Copan; Tremper Longman III; Christopher L. Reese; Michael G. Strauss: Dictionary of Christianity and Science (Ron Kubsch)
  • Ron Kubsch: Das komponierte „Ich“ (Jonas Erne)

Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: gudh_1_2017_b.pdf.

Gericht und Gnade Gottes im Propheten Hosea

Teilnehmer der Spurgeon-Konferenz 2017 in München lauschen Andrew Page, der den Propheten Hosea auslegt (Bild: E21).

Versöhnung ist ein Lieblingswort bei Gott. Das betonte der englische Theologe Andrew Page (Southhampton) auf der 4. Spurgeon-Konferenz in München vor rund 60 Teilnehmern. Das Ausmaß der Versöhnung – so Page – ist allerdings nur verstehbar, wenn wir Gott in seiner Heiligkeit erkennen. Anhand des alttestamentlichen Prophetenbuches Hosea zeigte er, wie ernst Gott die Sünde nimmt. Gott kündigte Gericht über den Ungehorsam seines Volkes an und befahl dem Propheten Hosea, eine Prostituierte zu heiraten. So begann Hosea zu verstehen, wie Gott sich angesichts der menschlichen Untreue fühlt. „Wenn wir Menschen Gott nicht lieben, betrüben wir Gottes Herz“, sagte Page. Gott habe besonders die geistlichen Leiter des Volkes Israel angeklagt, da sie die Erkenntnis und das Gesetz Gottes vergessen hatten (Hos 4,5–6). Gott hielt den Priestern vor, die Menschen nicht aus dem Wort Gottes unterrichtet, sondern es zur Untreue verführt zu haben.

Trotz der vielen Gerichtsbotschaften mache das Buch Hosea die Gnade Gottes groß. Gott habe sein Volk verwundet, aber er kündige ebenfalls an, die Wunden zu verbinden. Der Prophet habe bereits einen Neuen Bund verheißen, der letztendlich in Jesus Christus zur Erfüllung gekommen sei. Gott selbst sorge dafür, dass seine Gerechtigkeit wie ein Licht hervorkomme, sagte Page. Denn Gott „habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer“ (Hos 6,6).

Die Spurgeon-Konferenz, die gemeinsam vom Martin Bucer Seminar und dem Netzwerk Evangelium21 veranstaltet wird und bis zum 10. Juni geht, ermutigt zur gewissenhaften und lebendigen Auslegung der Heiligen Schrift in der gemeindlichen Verkündigung. Denn der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi (vgl. Röm 10,17).

Wider die pseudorefomierte Kälte

Dieses Zitat von dem schottischen Prediger William Still habe ich in einem Post von Ray Ortlund gefunden:

Ich frage mich, wie es sein kann, dass die große Menge puritanischer Literatur so viele Prediger so schrecklich kalt macht. Ich verstehe es nicht, denn ich finde diese Literatur wunderbar … Ich weiß nicht, ob du mir das erklären kannst. Ich würde mich sehr freuen zu verstehen, wie das passieren kann, weil es mir Sorgen macht. Aber ich höre immer wieder diese ungeheure Tendenz unter den Menschen, die tief in die puritanische Literatur eintauchen, dass eine Kälte, eine Härte, eine Strenge, eine Rücksichtslosigkeit – alles andere als souveräne Gnade – in ihr Leben und in ihren Dienst einzieht. Nun, das muss nicht so sein. Und es ist nicht immer so, Gott sei Dank. Denn du siehst, die Gnade, die Gnade eines wahren Calvinisten und Puritaners – das heißt, eines biblischen Puritaners und Calvinisten – ist wunderbar …  Oh Gott, erlöse uns von dieser Kälte!

Zehn Anliegen, die Francis Schaffer mit ins Grab nahm

51lxk2nEgNL SX333 BO1 204 203 200Das kurz vor seinem Tod im Jahre 1984 verfasste Buch Die große Anpassung (eng. The Great Evangelical Desaster) lenkte die Aufmerksamkeit auf verschiedene Anliegen, die dem protestantischen Denker schwer auf dem Herzen lagen, bevor er in die Herrlichkeit einging.

Liest man Francis Schaeffers Buch drei Jahrzehnte später, mutet es beinahe prophetisch an: Der amerikanische Lehrer, der in der Schweiz lebte, wies gezielt auf wichtige Themen hin, die die evangelikale Welt von heute vor schwere Prüfungen stellen.

Ich möchte in diesem Artikel auf zehn wichtige Befürchtungen hinweisen, die Schaeffer mit ins Grab nahm und die auch uns heute, die wir uns mit dem evangeliumszentrierten, in der Reformation verwurzelten, protestantischen Glauben identifizieren, schwer auf dem Herzen liegen sollten.

1 Der wachsende Relativismus

Der Relativismus verdankt seine Entstehung der säkularen Aufklärung mit ihrem Augenmerk auf die Selbstbestimmung des Menschen. Nicht länger machte Gott die Regeln, nicht länger hatte Gott das Sagen, es war der Mensch, der von nun an vorgab, was gut und wahr, was schlecht und falsch war. Bereiche wie die der Ethik und Erkenntnistheorie wurden von einer unermesslichen Leidenschaft für Egoismus und Eigeninteresse aufgesogen. Die Öffentlichkeit verwarf das unfehlbare und irrtumslose Wort Gottes. Es folgte nichts, das seinen Platz hätte einnehmen können – es folgten menschliche Erdichtungen.

Schaeffer erkannte: Eine Kirche, die auf dem sandigen Grund des Relativismus erbaut ist, hatte dem Frontalangriff der gefallenen Vernunft nichts entgegenzusetzen. Nur die nicht verhandelbaren absoluten Maßstäbe der Schrift versetzten die Kirche in die Lage, den rechten Kampf zu kämpfen. Es war dieser feste Blick auf die absoluten Maßstäbe, „der es der frühen Kirche ermöglichte, dem Druck des Römischen Imperiums zu widerstehen“ (S. 66). Eine relativistische Kirche hat einer sündigen Kultur nichts zu sagen.

2 Disziplinlosigkeit

Angesichts des heidnischen Relativismus in unserer postmodernen Gesellschaft sind viele Gemeinden in die Falle der Verharmlosung christlicher Lehren (Absoluta) getappt, indem sie falschen Lehrern nicht entschieden entgegengetreten sind. Schaeffer hielt diese Disziplinlosigkeit der Kirche für den eigentlichen Nährboden der Irrlehrer. Genau dieser Mangel führte Anfang des 20. Jahrhundert unter den Presbyterianern in den USA zum Siegeszug der liberalen Theologie.

Schaffer ist hier sehr deutlich: „Die treuen Diener der Kirche hatten es versäumt, in konsequenter Weise Gemeindezucht zu üben“ (S. 113). Ohne Gemeindezucht und konfessionelle Disziplin aus Gründen der Lehre bleibt die Kirche vor dem Ansturm der Lawinen falscher Lehren ungeschützt. Daher schlug er vor: „Deshalb bedeutet das Ausleben der Reinheit der Kirche zuerst einmal Gemeindezucht an denen, die keine eindeutige Position in bezug auf die Lehre der Bibel vertreten“ (S. 114).

Weiter schreibt er: „Immer da, wo man sich von der historischen Auffassung über die Bibel und vom Gehorsam gegenüber Gottes Wort entfernt, müssen diejenigen, die solche Ansichten vertreten, unter Gemeindezucht gestellt werden“ (S. 117). Nur eine Hochschätzung der Heiligen Schrift könnte die Wiedereinführung der biblischen Disziplinierung rechtfertigen. Wie soll sich eine Gemeinde an die gesunde Lehre halten, wenn man sich mit ihren Mitarbeitern, die es mit der Lehre nicht so genau nehmen, nicht auseinandersetzt?

3 Kompromissbereitschaft

Vom Christen, so Schaeffer, darf erwartet werden, dass er sich für die Wahrheit einsetzt. Das traurige Merkmal seiner eigenen Zeit war ein ständiges Suchen nach Kompromissen an allen Fronten, sei es in Lehre oder Praxis. Schaffer war bestürzt darüber, wie viele Diener des Herrn nicht länger gewillt waren, die Gesellschaft mit der Wahrheit Gottes zu konfrontieren. Ein solcher Geist der Gleichgültigkeit führte die Kirche den rutschigen Weg hinab in die Abtrünnigkeit.

Schaeffer sagt: „Die Wahrheit bringt Konfrontation mit sich. Die Wahrheit verlangt nach Konfrontation, zwar liebevoller Konfrontation, aber immer noch Konfrontation. Wenn unsere Reflexhandlungen immer zur Anpassung tendieren und wir uns nicht bewußt werden, daß es hier doch um die zentrale Wahrheit geht, dann ist irgend etwas falsch“ (S. 86). Ohne tief empfundene Treue gegenüber dem Wahrheitsanspruch der Schrift, wie man sie etwa bei theologischen Riesen wie B. B. Warfield (1851–1921), James Orr (1844–1913) und J. Gresham Machen (1881–1937) beobachten konnte, wird die evangelikale Welt nicht in der Lage sein, ihre Kinder auf das vorzubereiten, was die kommenden dunklen Tage mit sich bringen werden.

4 Sozialarbeit

Statt sich auf das Evangelium zu konzentrieren, haben viele evangelikale Glaubensgemeinschaften eine liberale Richtung eingeschlagen und verwechseln „das Reich Gottes mit einem sozialistischen Programm“ (S. 141). Schaeffer leugnete keineswegs die Wichtigkeit, Unterdrückten zu helfen, machte sich aber große Sorgen darüber, wie viele leitende Gemeindemitglieder ihre Weltsicht auf marxistische Lehren, statt auf die Heilige Schrift, gründeten.

Die Sünde war Schaeffers Ansicht nach nicht auf ungerechte gesellschaftliche Umstände zurückzuführen, sondern auf die innere Bosheit des Menschen. Gottlosigkeit gibt es unter Armen und Reichen. Die Vorstellung, der Mensch könne sich selbst verbessern, stammt nicht aus der Heiligen Schrift, sondern aus dem gefallenen, menschenzentrierten Gedankengut der säkularen Aufklärung. Gerade in Ländern, in denen die politische Welt von kommunistischen Prinzipien regiert wurde, waren die Ergebnisse verheerend. Millionen Menschen wurden auf dem Altar des Sozialismus geopfert. Deshalb witzelte Schaeffer: „Die Antwort liegt nicht in einem sozialistischem Programm“ (S. 145). Freilich muss sich die Kirche um die Armen kümmern, sie muss aber Prioritäten setzen und die Verkündigung zur Vergebung der Sünden durch den Herrn Jesus Christus priorisieren.

5 Die Verlockung der Ökumene

Der Aufruf des Weltkirchenrats (WCC) zur ökumenischen Einheit beunruhigte Schaeffer zutiefst. Es gab im Weltkirchenrat pro-marxistische Tendenzen und es fehlte der ökumenischen Bewegung eine theologische Standfestigkeit. Aus Liebe zur kirchlichen Einheit wurde jeglicher unbiblischen theologischen Fantasterei Tür und Tor geöffnet; so lehnte etwa Dorothee Sölle (1929–2003) den Herrn der Schrift ab; der „himmlische Vater“ wurde zur „himmlischen Mutter“ umfunktioniert, nichtchristliche Religionen wurden als Zugang zum Göttlichen besungen usw. (vgl. S. 158–159).

Das war nichts anderes als falsche Prophetie. Der Weltkirchenrat wurde zum theologischen Giftquell: es war ein „anderes Evangelium“, nein, es war gar kein Evangelium. Nur das Festhalten an einer unfehlbaren und irrtumslosen Bibel kann dieses Kartenhaus des Weltkirchenrats einstürzen lassen.

6 Abtreibung

Statt bei weit verbreiteten und beschönigenden Umschreibungen Zuflucht zu nehmen („Lebensqualität“ oder „Glück und Wohlbefinden der Mutter“ oder „Jedes Kind muss auch gewollt sein“), war Schaeffer überzeugt: Abtreibung ist schlicht das Ergebnis einer wiederbelebten hedonistischen Haltung; das Wohlbefinden des Einzelnen steht demnach sogar über dem heiligen Respekt vor dem menschlichen Leben. Er konnte nicht verstehen, wie jemand den Namen Christi bekennen und gleichzeitig in einer Konfession verbleiben konnte, die die Abtreibung befürwortete.

Abtreibung ist und bleibt ein offener Angriff auf das kostbare Bild Gottes, das durch die Menschheit bekannt gemacht wird. „Das ungeborene Kind ist ein menschliches Wesen, das nach dem Bilde Gottes geschaffen worden ist, und dieses zu verleugnen heißt, die Autorität der Bibel zu verleugnen. Man kann unmöglich den 139. Psalm lesen und seinen Aussagen wirklich glauben, ohne zu erkennen, daß das Leben im Mutterleib wirklich schon menschliches Leben ist. Es ist unmöglich, wirklich an die Inkarnation zu glauben, ohne zu erkennen, daß das durch den Heiligen Geist von Maria empfangene Kind in der Tat vom Zeitpunkt der Empfängnis an Gottes Sohn war“ (S. 139–140).

7 Liberalismus

Die Frucht des theologischen Liberalismus hat viele ehemals intakte Gemeinden aller geistlichen Kraft beraubt. Der Modernismus, beeinflusst von der aus Deutschland stammenden historisch-kritischen Arbeitsweise, hatte die Kardinallehren der säkularen Aufklärung im Namen Christi einfach „getauft“. Was aber zog ein solches Vorgehen nach sich? Schaeffer zählt hier auf: die „Verneinung des Übernatürlichen –, durchdrungen vom Glauben an die allumfassende Fähigkeit der menschlichen Vernunft“, die „Zurückweisung des Sündenfalls“, die „Verneinung der Göttlichkeit Jesu Christi und seiner Auferstehung“, den „Glauben an die Fähigkeit des Menschen, sich selber zu vervollkommnen“, den „Willen, die Botschaft der Bibel zu zersetzen“  (S. 49).

Liberale Prediger wie der gefeierte Harry Emerson Fosdick (1878–1969) konnten sich in ihrer Predigt nicht mehr auf die Autorität der Bibel berufen. Der säkulare Humanismus trat ins Zentrum; eine Lehre, die das Hauptaugenmerk nicht auf den Menschen richtete, wurde zwangsläufig ins Abseits gedrängt. Anstatt, dass die Kirche Einfluss nahm auf die Welt, übernahm die Welt mit ihrem evangeliumsverleugnendem Verständnis die Zügel der Kirche.

8 Hedonismus

Hedonismus ist die Vorstellung, wonach der Sinn des Lebens im Grunde das Glück, das Vergnügen und das momentane Wohlbefinden des Menschen bedeutet. Diese hedonistische Stoßrichtung drängte die gegenwärtige Gesellschaft dazu, die christliche Moral im Namen der Selbstverwirklichung aufzugeben.

Schaeffer war darüber aufgebracht, dass das persönliche Wohlergehen mehr und mehr den Vorrang über das Leben erhielt, wie das etwa bei der Abtreibungsfrage der Fall ist: „Wir sind umgeben von einer Gesellschaft ohne feste Maßstäbe“, schreibt er, „einer Gesellschaft, die alles toleriert. Alles wird psychologisch abgekanzelt oder wegerklärt. Es gibt kein ‚richtig‘ und ‚falsch‘ mehr. Wie es mit dem ‚Wohlbefinden‘ der Mutter gegen das menschliche Leben steht, so wird auch alles, was sich dem ‚Wohlbefinden’ des einzelnen oder der Gesellschaft in den Weg stellt, beseitigt“ [dieses Zitat fehlt in der dt. Ausgabe, in der engl. Ausgabe zu finden auf S. 63; R. K.].

Das selbstsüchtige und unmoralische Wesen des Hedonismus war eine echte Gefahr für die Kirche in Schaeffers Tagen. Das hat sich in unserer Generation nicht geändert. Mancherorts ist die Kirche mehr um ihre „Kundenzufriedenheit“ besorgt als um die wahre Anbetung des dreieinigen Gottes.

9 Der Verlust der Offenbarung

Schaeffer beharrte auf der Notwendigkeit einer hohen Sicht der propositionalen Offenbarung für das geistige und akademische Wohlergehen des zeitgenössischen Protestantismus. Gott, der Schöpfer aller Dinge (auch der Sprache!), existiert und es ist nur natürlich, wenn er sich des Mittels der Sprache bedient, um der Welt seinen Willen anhand klarer Aussagen mitzuteilen.

Francis Schaeffer legte die Betonung nicht auf die subjektiven religiösen Erfahrungen des Gläubigen, sondern auf den objektiven Offenbarungsgehalt der Bibel. Die Erfahrung ist in dem Maße nützlich, wie sie sich an der Lehre der Bibel orientiert. „Worin besteht dieses Fundament?“, fragt Schaeffer. Er antwortet: „Es besteht darin, daß der unendlich-persönliche Gott, der wirklich lebt, nicht geschwiegen hat, sondern lehrsatzmäßige Wahrheit [engl. „propositional truth“; R. K.] in bezug auf alles, was die Bibel lehrt, ausgesprochen hat“ (S. 80–81). Lass die Offenbarung, die sich in klaren Aussagesätzen artikuliert, weg, und die Grundlage des Christentums ist aufgegeben!

10 Die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift

„Wir haben die unfehlbare Bibel“ (S. 86; [im Engl. „inerrant Scripture“, besser mit „irrtumslose Schrift“ zu übersetzen; R. K.]). Ein letztes und wichtiges Anliegen, das sich durch Schaeffers ganzes Buch zieht, ist die Sache der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift. Schaeffer war bestürzt, dass Evangelikale aus den eigenen Reihen die volle Inspiration der Schrift mit der Behauptung infrage stellten, die Bibel könne durchaus geographische und geschichtliche Irrtümer enthalten, auch wenn ihre Lehre zu Glaube und Moral (meistens) wahr sei. So etwa dachten die neo-orthodoxen Theologen Karl Barth (1986–1968) oder Emil Brunner (1889–1966).

Schaeffer lehnte diese Sichtweise rundweg ab: Die Bibel „ist nicht nur dann unfehlbar [engl. „without error“; R. K.], wenn sie von Werten, dem Bedeutungssystem und religiösen Dingen spricht, sondern auch dann, wenn sie von der Geschichte und dem Kosmos spricht“ (S. 77). Der Amerikaner zielte damit auf die Sicht: Die Bibel ist voll und ganz Gottes Wort. Was Schaeffer betrifft, war eine irrtumsbehaftete Bibel – selbst wenn diese Irrtümer sich nur auf Wissenschaft und Geschichte bezögen – niemals unfehlbar. Unfehlbarkeit [engl. „infallibility“; R. K.] bedingt Irrtumslosigkeit (und umgekehrt).

Obwohl Barth, Brunner und eine Reihe Theologen-Kollegen Anfang des 20. Jahrhunderts eine antiliberale Revolution auf den Weg brachten, war Schaeffer weit davon entfernt, sich mit deren Neo-Orthodoxie zufriedenzugeben. Die Hauptsorge des Amerikaners war deren offenkundiger Verzicht, die Heilige Schrift voll und ganz als Wort Gottes zu betrachten, was auf einen übermäßig subjektiven Ansatz ihrer Theologie zurückzuführen war. Statt zu sagen, die Bibel „enthalte“ das Wort Gottes oder „werde“ zum Wort Gottes, etwa durch die existenzielle Begegnung mit dem auferstandenen Christus, war Schaeffer in dieser Hinsicht streng. Echter Evangelikalismus bekennt: Die Bibel ist „objektive, absolute Wahrheit auf allen Gebieten, die sie anspricht“ (S. 74).

Zusammenfassung

Schaeffers zehn Anliegen können zurückverfolgt werden in die [säkulare; R. K.] Aufklärung, in jene Zeit also, in der der Mensch seine „autonome“ Vernunft über und gegen die verbindliche Offenbarung Gottes in der Bibel stellte.

Es scheint, als stehe die evangelikale Welt heute vor derselben Entscheidung wie die Christen damals: Soll Gottes Wort oder das Gedankengut der gefallenen Menschheit unser Denken und unsere Praxis bestimmen? Wäre Schaeffer heute noch unter uns, hätte er zweifelsfrei für die erste Option gestimmt. Wie steht es mit Ihnen?

Will Graham

– – –

Der Artikel erschien zuerst bei EvangelicalFocus. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt wurde der Beitrag von Ivo Carobbio. Die Zitate sind entommen: Francis A. Schaeffer, Die grosse Anpassung: Der Zeitgeist und die Evangelikalen, Asslar: Schulte u. Gerth, 1988. Das Buch ist als Sonderausgabe lieferbar.

Der Artikel kann hier im PDF-Format heruntergeladen werden: SchaeffersSorgen.pdf.

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Liederbuch „Seht unsern Gott“

2017 Liederbuch Umschlag ansicht„Seht unsern Gott“, so heißt das von Evangelium21 herausgebrachte Liederbuch.

Die 136 enthaltenen Lieder, darunter alte Kirchenlieder, bewährte Hymnen sowie neue Anbetungslieder, sollen Gemeinden, Kleingruppen und einzelne Christen dazu ermutigen, ihren Gesang und ihr ganzes Leben auf Gott auszurichten. Kinder Gottes brauchen Herzen, die mit den großen Wahrheiten aus Gottes Wort gefüllt sind. Lieder, die biblische Inhalte klar vermitteln und Christus, sein Erlösungswerk und seine Größe, ins Zentrum stellen, stärken den Blick auf unsern HERRN, gerade auch in Zeiten, in denen wir durch Nöte und Leid angefochten sind. Deshalb heißt es in Epheser 5,19–20: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“

Zwei Empfehlungen:

„Gemeinden in Deutschland brauchen ein gott- und wortzentriertes Liedgut, das sie auf das ausrichtet, was Gott in Christus für uns getan hat. Evangelium21 hat mit „Seht unsern Gott“ ein Liederbuch herausgegeben, das sowohl bewährte Hymnen als auch neue Anbetungslieder enthält und uns dabei helfen kann, Gott und sein Evangelium in das Zentrum unseres Gemeindegesangs zu stellen.“ Rudi Tissen Pastor, Musiker und Liederdichter

„Lieder, die Gottes Wort widerspiegeln, ermutigen in Versuchungen und Kämpfen und sind eine Kraftquelle auch im Alltag. Wie wichtig sind da biblische, evangeliumszentrierte Inhalte, um dadurch an die großen Taten Gottes erinnert zu werden. Bei der Auswahl der Songs wurde deshalb sehr sorgfältig auf die Texte geachtet. Diese umfangreiche Notenausgabe enthält Melodien, Texte und Akkorde in praktischer Spiralbindung. Das handliche Format und die gute Zusammenstellung der Lieder sind neben dem Singen in der Gemeinde auch ideal für Freizeiten, Kleingruppen, im Alltag oder während der eigenen Gebetszeit. Möge dieses Liederbuch dazu dienen, dass die Freude des Evangeliums ins Herz gesungen wird.“ Norma Huck Musikerin, Komponistin und Liederdichterin

Bestellmöglichkeiten:

  • Einzelexemplare können für je € 10,– beim 3L Verlag bestellt werden: www.3lverlag.de.
  • 10er-Packs für je € 80,– können beim Heroldverlag bestellt werden unter: www.heroldverlag.de.

Hier das Verzeichnis mit den aufgenommenen Liedern: E21_Liederbuch_IHVZ.pdf.

Dieser Handzettel mit den wichtigsten Informationen kann gern verteilt werden: 2017_Liederbuch_Werbung.pdf.

Ändergender gegen Gott

Heike Schmoll hat für die FAZ das Liederbuch des 36. Evangelischen Kirchentags studiert. Diesen Kommentar sollten Mann und Frau lesen. Hier ein Auszug (Ausgabe vom 29.05.2017, Nr. 123, S. 9):

Wer, des seichten Sakropops der Kirchentagslieder überdrüssig, die vertrauten Lieder im Liederbuch des Deutschen Evangelischen Kirchentags sucht, traut seinen Augen nicht: Unweigerlich wird er auf die „Variationen/Alternativen in gerechter Sprache“ stoßen. Nicht einmal vor Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“ macht der Genderwahn halt. Zwar bleiben einem die Möndin oder Mondgöttin erspart, doch „so legt euch denn, ihr Brüder“ wird in eine nichtssagendes „so legt euch Schwestern, Brüder“ umgemünzt und die Konkretheit des „und unsern kranken Nachbarn auch“ muss der Allerweltsformulierung „und alle kranken Menschen auch“ weichen, die den Geist des Gutmenschentums atmet und im Zweifel keinen Funken Mitgefühl zu wecken weiß. Das ist Kulturfrevel in einem Liederheft, das sich im Vorwort auf das Singen als Kernanliegen der Reformation (Luther: „Wer singt, betet doppelt“) beruft und die Pflege des alten Liedguts hervorhebt.

In der Logik der beiden Frauen, die für die sprachlichen Missgriffe verantwortlich zeichnen und der Hamburger Gruppe „Lesben und Kirche (LuK)“ angehören, darf auch „Lobet den Herren“ nicht stehen bleiben. Stattdessen soll „Lobet die Ew’ge“ gesungen werden. Dass damit der Reim „alle, die ihn ehren“ hinfällig ist, kümmert die Gesinnungstäterinnen ebenso wenig wie ein holpriges Versmaß. Und weil es so unmöglich ist, wiederholen sie ihren Eingriff gleich in der dritten Strophe noch einmal, wo nun statt „O treuer Hüter“ „O treue Hütrin“ gesungen werden soll, womit der Reim zu „Brunnen aller Güter“ aufgegeben wird. Die absurden Beispiele ließen sich fortsetzen, …

Mehr: www.faz.net.

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Kannst Du Gottes Stimme noch hören?

Die geräuschvolle Lebenskultur nimmt uns Christen so in Beschlag, dass wir Gottes Stimme leicht überhören. Wer sich etwa jede Woche eine Netflix-Serie gönnt und vor lauter Serienstress keine Ruhe mehr findet, um über Gottes Wort zu meditieren, hat unserer sinnlichen Kultur bald nichts mehr entgegenzusetzen.

Ein paar gute Tipps zum Thema von David Mathis:

Illusion Inklusion

Heike Schmoll schreibt in der FAZ (Ausgabe vom 23.05.2017, Nr. 119, S. 1), dass die Schulen wieder einmal zum Schauplatz einer Ideologie geworden sind. Der pädagogische Großversuch der Inklusive stoße  sowohl bei den Eltern der Kinder als auch bei den Lehrern auf wachsende Ernüchterung. Was wohl gemeint war, widerspreche viel zu oft dem Kindeswohl.

Es heißt in dem Kommentar:

[Die Gruppe zu integrierenden Kinder], die am meisten Aufmerksamkeit braucht, wird immer größer. Das sind Kinder mit emotional-sozialer Entwicklungsstörung, die man früher als schwer erziehbar bezeichnet hätte. Zwischen 2005 und 2015 ist diese Gruppe um 86 Prozent auf 85 500 gewachsen. Jeder Zweite davon besucht eine Regelschule.

Das schadet dem Unterricht, aber am meisten den betroffenen Schülern selbst. Der Berliner Psychoanalytiker Bernd Ahrbeck hat in einer Expertise davor gewarnt, die Verfassung dieser Kinder zu bagatellisieren. Die meisten seien bindungsgestört und „stark beeinträchtigt“. Viele von ihnen seien anfällig für frühen Drogenmissbrauch und schwänzten ganz ‚ einfach die Schule. Allein durch stärkere Toleranz und gutgemeinte Integration lassen sich die Probleme dieser Kinder nicht lösen.

„Du siehst mich“

Aus dem „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Gen 16,13) ist das „Du siehst mich“ geworden. Abgeleitet wird von dem Kirchentagsmotto dann schnell der „Auftrag an uns alle, einander anzusehen“. Johann Hesse hat den Evangelischen Kirchentag, der derzeit in Berlin und Wittenberg stattfindet, scharf, aber durchaus treffend, kommentiert:

Vom 24.-28.5. findet der Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg unter dem Motto „Du siehst mich“ (1 Mose 16,13) statt. Warum nur, fragt man sich, haben die Verantwortlichen gerade „Gott“ aus dieser Losung herausgekürzt. Eigentlich heißt es doch: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Es ist anzunehmen, dass diese kleine aber gewichtige Auslassung bereits zur Programmatik gehört. Möge Gott nur nicht zu genau hinsehen. Schon in der Kommentierung des Losungswortes stellt die Generalsekretärin des Kirchentages Ellen Ueberschär pflichtschuldig fest, dass „die Geschichte der Hagar, aus der die Losung stammt, sowohl im Koran als auch im Neuen Testament aufgegriffen“ wird.

Das Losungswort soll offensichtlich auf den interreligiösen Dialog einstimmen, der auch auf diesem Kirchentag gepflegt werden soll. So kann der Kirchentagsteilnehmer beim Podium „Vielfalt und Zusammenhalt“ mit Houaida Taraji, der Frauenbeauftragten des Zentralrats der Muslime, der Frage nach selbstbestimmter Sexualität im interreligiösen Dialog nachgehen. Bei der drängenden Frage nach „Toleranz und friedlichem Zusammenleben“ soll ausgerechnet Sheikh Ahmad al-Tayyeb, Großscheich an der al-Azhar-Universität in Kairo wegweisende Orientierung geben. Wer es bevorzugt, interreligiöse Dialoge an gedeckter Tafel und bei vegetarischer Kost zu führen, der kann am 25.5. (Christi Himmelfahrt!) an der „Langen weißen Tafel der Religionen“ Platz nehmen und sich im Anschluss an einem der zahlreichen Stände über das Christentum, den Islam, den Hinduismus oder den Buddhismus informieren. Kinder und Jugendliche lernen auf der Mitmachbaustelle „Young House of One“ am Petriplatz wie die interreligiöse Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann.

Mehr beim Gemeindenetzwerk: www.gemeindenetzwerk.de.

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