Athanasius

Athanasius Werke

Athanasius von Alexandrien, Bischof der ägyptischen Metropole von 328-373 n.Chr., steht im Mittelpunkt der politischen, kirchenpolitischen und dogmatischen Entwicklung des 4. Jahrhunderts (siehe zu seinem Leben auch hier). Eine Arbeitsstelle der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg besorgt eine Neuausgabe seiner Werke und schreibt dazu:

Bisher existiert keine vollständige kritische Edition der Schriften des Athanasius von Alexandrien. Es muß noch immer die erst in Ansätzen kritische Ausgabe aus dem Jahr 1698 herangezogen werden, die durch die Mauriner J. Lopin und B. de Montfaucon erstellt worden war. Die heute meist zur Verfügung stehende Edition ist der 1857 erschienene Nachdruck der 1777 in Padua überarbeiteten Fassung der Mauriner Ausgabe durch J.-P. Migne.

Besonders seit den Arbeiten von Eduard Schwartz, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Athanasius-Forschung neue Impulse gegeben haben, ist die Notwendigkeit einer kritischen Ausgabe der Schriften des Athanasius für die Geschichte des 4. Jahrhunderts evident. Aus diesem Grund begannen im Jahr 1929 K. Lake und R. Casey in Zusammenarbeit mit der Kirchenväterkommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften (Kommission für spätantike Religionsgeschichte) mit Vorarbeiten zu einer kritischen Gesamtausgabe der Werke des Athanasius, die von R. Casey und H. Lietzmann im Verlag de Gruyter in drei Bänden herausgegeben werden sollte.

Die Internetseite der DFG-Arbeitsstelle Athanasius Werke bietet nicht nur digitalisierte Texte, sondern auch Fotografien von Handschriften an: www.athanasius.theologie.uni-erlangen.de.

VD: BH

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 10 (Schluss): Die Psalmen beim Wort nehmen)

31. Man umhülle es [d.h. das Buch der Psalmen] aber nicht in gefälliger Weise mit weltlichen Worten, noch versuche man die Ausdrücke umzugestalten oder ganz zu verändern, sondern man trage in ganz ungekünstelter Weise das Geschriebene vor und singe es, wie es ausgesprochen ist, damit die heiligen Männer, die es uns verschafft haben, in dem sie ihr Eigentum erkennen, mit uns beten, … Denn um wie viel das Leben der Heiligen besser ist als das der Übrigen, für so viel besser und kräftiger wird man auch mit Recht ihre Worte halten, als die, welche wir zusammenfügen. Denn in diesen gefielen sie Gott, und in dem sie das alles sagten, haben sie, wie der Apostel sagt, Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen empfangen, Löwenrachen verstopft, die Gewalt des Feuers gedämpft, sind der Schärfe des Schwertes entronnen, haben sich von Krankheit erholt, sind stark geworden im Kriege, haben die Heere der Feinde um Weichen gebracht, haben Weiber ihre Toten durch die Auferstehung wieder bekommen.

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 9: Das rechte Lesen der Psalmen)

30. Es muss also, mein Sohn, jeder, der dieses Buch liest, mit reinem Herzen alles lesen, was in demselben von Gott eingeben ist, und es dann wie aus dem Paradies als Gewinn hinnehmen, wozu er es brauchen zu können glaubt. Ich glaube nämlich, dass in diesen Worten des Buches das ganze Leben der Menschen und die Stimmungen der Seele und die Bewegungen der Gedanken umfangen und umschlossen sind, und dass unter den Menschen darüber hinaus sich nichts mehr findet. Denn bedarf es der Reue oder des Bekenntnisses, oder hat Trübsal oder eine Versuchung uns erfasst, oder hat jemand Verfolgung gelitten, und ist er den Machtstellungen entronnen, oder hat ihn Schmerz oder Verwirrung erfasst, und hat er so ein Leiden, wie deren im Vorhergehenden angegeben sind, oder sieht er auch, dass er selbst fortschreite, der Feind aber aufgehalten werde, oder will er den Herrn loben, ihm Dank sagen, ihn preisen, so findet er die Unterweisung hierin in den göttlichen Psalmen. Denn er kann sie, da sie für das alles ausgesprochen sind, auswählen und das Geschriebene so vortragen, wie wenn es von ihm handelte, und indem er sich in die Stimmung versetzt, in der es geschrieben ist, es an Gott richten.

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 8: Lob Gottes in der Not)

24. Da unsere Natur ohnmächtig ist, so hast du, wenn du wegen der Bedrängnisse des Lebens gleichsam zum Bettler geworden und einmal verzagt bist und Trost finden willst, den Psalm 101. Und da es sich geziemt, dass wir durch alles und in allem Gott Dank sagen, so kannst du, wenn du Gott preisen willst, um deine Seele anzuspornen, Psalm 102 und 103 vortragen.

Willst du Gott loben und wissen, wie und aus welchem Grunde man ihn loben soll, und welche Worte der Lobpreisende gebrauchen soll, so hast du die Psalmen 104, 106, 112, 116, 134, 145, 146, 147, 148, 149 und 150.

Glaubst du an das, was der Herr gesprochen hat, und glaubst du, was du im Gebete sprichst, so trage Psalm 115 vor. Fühlst du, dass du in deinen Werken fortschreitest, so dass du sagen kannst: »Was hinter mit ist, vergesse ich, und nach dem, was vor mir ist, strecke ich mich aus« so kannst du für jede einzelne Stufe des Fortschreitens die fünfzehn Stufengesänge singen.

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 6: Trost durch die Psalmen bei Verfolgung und Bosheit)

18. Siehst du, dass du wegen des Glaubens an Christus von allen Freunden und Verwandten gehasst und verfolgt wirfst, so werde wegen dieser Wahrnehmung nicht kleinmütig und lass den Mut nicht sinken, wenn deine Bekannten sich von dir abwenden. Vielmehr erhebe dich darüber und schaue in die Zukunft und singe den Psalm 30.

Siehst du aber, die getauft und vor der hinfälligen Geburt erlöst sind, und bewunderst du die Menschenfreundlichkeit Gottes, so singe auf dieselben den Psalm 31. Und willst du mit vielen singen, so sammle die gerechten Männer mit rechtschaffendem Lebenswandel und singen den Psalm 32.

Bist du unter die Feinde geraten und ihnen schlau entgangen und ihrer Verfolgung ausgewichen, so rufe, wenn du danken willst, die sanftmütigen Männer zusammen und singe mit ihnen den Psalm 33. Und siehst du den Wetteifer in der Bosheit bei den Übertretern des Gesetzes, so glaube nicht, dass die Bosheit in ihnen naturgemäß sei, wie die Häretiker sagen. Trage vielmehr den Psalm 35 vor, und du wirst sehen, dass sie selbst die Urheber der Sünde sind.

Siehst du die Bösen viel Gesetzwidrigkeit vollbringen und gegen die Kleinen sich erheben, und willst du jemand ermahnen, es nicht mit ihnen zu halten und ihnen nicht nachzueifern, weil sie bald verschwinden, so trage für dich und andere den Psalm 36 vor.

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 4: Die Einheit der Schrift im Blick auf den Erlöser)

9. Es ist mir nämlich, fuhr [der Greis] weiter fort, keineswegs unbekannt, dass in jedem Teil der Schrift im Bezug auf den Heiland vorzugsweise das Gleiche ausgesprochen wird, und das dieses ein der ganzen Schrift gemeinsamer Gegenstand und die nämliche Übereinstimmung des Geistes ist. Und so wie man den Inhalt der übrigen Bücher in diesem finden kann, so findet man auch den Inhalt dieses Buches oft in den übrigen. Denn auch Moses schreibt einen Gesang. Wieder kann man in jedem Buch Prophezeiungen, Gesetzgebungen und geschichtliche Darstellung sehen. Denn dieser Geist ist in allen, und gemäß der Verteilung desselben auf jeden Einzelnen teilt jener die ihm verliehene Gnade mit und spendet sie in Fülle, sei es Prophezeiung, oder Gesetzgebung, oder Erinnerung an Geschehenes, oder die Gnade der Psalmen. Da es aber ein und derselbe Geist ist, von dem alle Mitteilungen kommen, er selbst aber von Natur unteilbar ist, so ist er deshalb in sich ganz, der Vorstellung nach aber werden jedem die Offenbarungen und Mitteilungen des Geistes zu Teil, und sonach ist oft jeder Einzelne, indem er nach Maßgabe des vorhandenen Bedürfnisses Belehrung annimmt, Diener des Wortes. So prophezeit und singt, wie schon gesagt, manchmal der gesetzgebende Moses, und geben die prophezeienden Propheten manchmal Gebote: »Waschet euch, seid rein!« und: »Wasche dein Herz von der Bosheit ab, Jerusalem!« und geben manchmal geschichtliche Nachrichten, wie Daniel über Susanna, Jesaja über Rabschake und Sanherib. In dieser Weise drückt nun auch das Buch der Psalmen, dem die Darstellung in Gesängen eigen ist, was in den Büchern ausführlich dargestellt ist, seinerseits mit Gesang in erhabener Weise aus, wie wir gesagt haben.

Brief des Athanasiua über die Psalmen (Teil 3: Das Kommen des Erretters)

6. Auch war ihm [d.h. dem Psalmbuch] nicht unbekannt, dass Christus [eines Tages] selbst kommen würde. Davon spricht besonders der Psalm 44 [45]: »Dein Thron, o Gott, in Ewigkeit, ein Stab der Gerechtigkeit ist der Stab Deiner Herrschaft, du liebtest Gerechtigkeit und hasstest Ungerechtigkeit. Darum salbte dich Gott, dein Gott, mit dem Öle der Freude vor deinen Genossen.«

Und damit niemand glaube, dass er nur dem Scheine nach komme, so gibt der Psalm 86 [87] an, dass eben dieser Mensch werde, und dass er es sei, durch den alles geworden ist: »Die Mutter Zion wird fragen: ›Ein Mensch und ein Mensch wurde in ihr geboren, und er der Allerhöchste, hat sie gegründet.‹« Denn damit ist so viel gesagt wie: »Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alles ist durch dasselbe entstanden.«

Da das Buch der Psalmen aber auch die Geburt aus einer Jungfrau kannte, so schwieg er nicht davon, sondern gibt im Psalm 44 [45] sogleich eine kleine Andeutung mit den Worten: »Höre, Tochter, und schaue, neige dein Ohr und vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters, weil der König nach Deiner Schönheit Verlangen trug, weil er dein Herr ist.« Denn das ist ähnlich den Worten des Gabriel: »Begrüßt seiest du, Gnadenvoller, der Herr ist mit Dir.« Denn da er ihn Christus genannt hat, hat er sogleich auch die menschliche Geburt aus der Jungfrau bekannt gemacht mit den Worten: »Höre, Tochter!«. Gabriel nennt sie mit ihrem Namen Maria, da er ihr der Abstammung nach fremd war; David aber nennt sie Tochter, da sie aus seinem Samen ist.

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 2: Jedes biblische Buch erfüllt eine spezielle Aufgabe)

2. Unsere ganze Schrift, mein Sohn, das Alte und das Neue Testament, ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, wie es geschrieben steht. Das Buch der Psalmen bietet allerdings dem aufmerksamen Leser etwas Besonderes.

Jedes Buch hat eine spezielle Aufgabe, mit der es sich befasst. So befasst sich der Pentateuch mit der Erschaffung der Welt, den Taten der Patriarchen, dem Auszug Israels aus Ägypten und neben der Gesetzgebung auch mit der Anordnung des Zeltes und mit dem Priestertum. Der Triteuch [Josua, Richter und Ruth] beschäftigt sich mit der Landnahme, den Taten der Richter und dem Stammbuch Davids, die Bücher der Könige und Paralipomenon schildern die Taten der Könige, das Buch Esras die Befreiung aus der Gefangenschaft, die Rückkehr des Volkes und den Bau des Tempels sowie der Stadt. Die Propheten schreiben über die Ankunft des Heilands und Erinnerungen an die Gebote und Tafelsprüche gegen die Übertreter sowie Prophezeiungen für die Heiden.

Das Buch der Psalmen aber trägt wie ein Garten in sich die Früchte aller anderen Bücher und spiegelt wider, was ihnen eigen ist, indem es darüber Lieder singt.

Brief des Athanasius über die Psalmen (Teil 1: Marcellinius studiert mit Eifer die Psalmen)

Die Auszüge des Briefes sind wiedergegeben nach der Übersetzung von Josef Fisch. Der Text wurde sprachlich überarbeitet. Auf Nennung biblischer Referenzstellen und erklärender Anmerkungen wird an dieser Stelle verzichtet (sie werden aber irgendwann in einem Buch zu finden sein).

1. Ich bewundere dich, lieber Marcellinius, wegen deiner Festigkeit in Christus. Denn du erträgst nicht nur die gegenwärtigen Prüfungen, von denen du schon so Viele erdulden musstest, in angemessener Weise, sondern vernachlässigst auch die geistliche Arbeit nicht. Denn als ich mich bei dem Überbringer des Briefes darüber erkundigte, was du nach überstandener Krankheit für ein Leben führst, erfuhr ich, dass du dich mit der ganzen göttlichen Schrift beschäftigst. Mit noch größerem Eifer befasst du dich jedoch mit dem Buch der Psalmen und bist besonders darauf bedacht, den in jedem Psalm verborgenen Sinn zu finden. Deshalb spende ich dir nun meinen Beifall, da auch ich mich von diesem Buch wie von der ganzen Schrift außerordentlich angezogen fühle.

In so einer Gemütslage traf ich einmal einen rüstigen Greis. Ich will dir schreiben, was dieser mir mit dem Psalterium in der Hand damals sagte. Das, was er vortrug, war anziehend und scharfsinnig entwickelt. Er sagte Folgendes: …

Athanasius von Alexandrien

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Athanasius von Alexandrien

Athanasius von Alexandria (ca. 298–373 n.Chr.) war Bischof von Alexandria in Ägypten und ist als ein bedeutender Verteidiger des christlichen Glaubens in die Kirchengeschichte eingegangen. Schon zu seinen Lebzeiten wurde er als Säule der Kirche und Vater der Orthodoxie bezeichnet. Wegen seiner kleinen Gestalt und der dunklen Hautfarbe haben ihn seine Gegner den »kleinen schwarzen Zwerg« genannt.

Athanasius genoss eine exzellente griechische Erziehung, studierte Plato, Homer, Aristoteles, den Neuplatonismus und ganz besonders die Heilige Schrift. Seine profunde Bibelkenntnis und die auch seine Gegner beeindruckende Selbstdisziplin kamen ihm bei der Bewältigung seiner Lebensaufgabe – der Verteidigung der Gottheit von Jesus Christus gegen die Lehre der Arianer – sehr zugute. Während dieser Streitigkeiten wurde Athanasius mindestens fünf Mal auf Betreiben seiner Gegner verband und verbrachte ungefähr siebzehn Jahre in der Fremde (unter anderem wurde er in das heutige Trier verbannt).

Athanasius hat der Kirche bedeutende theologische Schriften und Dokumente hinterlassen. Bereits vor Ausbruch des Arianischen Streites verfasste er die Schriften »Gegen die Heiden« und »Über die Inkarnation des Logos«. In seinem Osterbrief aus dem Jahre 367 n.Chr. werden erstmals alle 27 Bücher des Neuen Testamentes als kanonisch bezeichnet. In seinen »Vier Reden gegen die Arianer« verteidigt er die Göttlichkeit des Sohnes. Neben diesen theologischen Werken verfasste Athanasius auch erbauliche Schriften, so beispielsweise eine Biographie über Antonius den Großen, die binnen kurzer Zeit eine beeindruckende Verbreitung fand.

Aus seinen erbaulichen Werken ragt sein »Brief an Marcellinus« heraus. Der weise Mönchsvater, dem im Brief die Psalmenunterweisung zugeschrieben wird, ist wahrscheinlich Athanasius selbst.

Obwohl im 4. und im 5. Jahrhundert Pslamenhomilien sehr beliebt waren, nimmt dieser Brief eine besondere Stellung ein, da er nicht die Textauslegung, sondern den praktischen Umgang mit dem Psalter thematisiert. Athanasius empfiehlt das Nachsprechen, Beten und Singen der Psalmen, da sie auf diese Weise einen tiefen Eindruck in der Seele hinterlassen und ihre heilsame und auferbauende Wirkung entfalten. Josef Fisch schrieb 1875 in seinen einleitenden Notizen:

Die Psalmen haben nämlich das Eigentümliche, dass der, welcher sie hört oder liest, sie auf sich beziehen, sie in seinem eigenen Rahmen vortragen kann und die Bewegungen seiner eigenen Seele ausgedrückt findet.

So ist die Erklärung der Psalmen von Athanasius insbesondere auch für Christen in der Verbannung oder Verfolgung eine Anleitung dafür, Trost und Ermutigung durch das Lesen, Singen und Beten der Psalmen zu finden.

Ich werde in den nächsten Tage einige Abschnitte aus diesem Brief hier publizieren.

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