Augustinus: Lehrer der Gnade (Teil 1)
Einen herausragenden Platz in der Geschichte der Alten Kirche verdient Aurelius Augustinus (354–439 n. Chr.). Obwohl sein Kirchenamt nicht zu hoch bewertet werden sollte – es gab in Afrika damals fast siebenhundert Bischöfe, hat Augustinus die abendländische Theologiegeschichte maßgeblich geprägt.
In einer kleinen Reihe möchte ich den Bischof kurz vorstellen, seine Lösung des Problems von »Glauben und Wissen« erläutern und die »Gnadentheologie« aus einem seiner Briefe zitieren (vgl. auch hier).
Augustinus führte vor seiner Bekehrung zum Christentum ein recht bewegtes Leben. Seine Mutter Monnica war eine überzeugte Christin und unterwies ihren Sohn in der christlichen Lehre. Sein Vater war ein eher zurückhaltender Beamter. Als Augustinus 17 Jahre alt war, meldete er sich zum Katechetenunterricht an, was bedeutet, dass er die Taufe anstrebte. Augustinus distanzierte sich allerdings dann vom Glauben seiner Mutter und öffnete sich für die pagane Philosophie. Er pflegte während dieser kritischen Periode uneheliche Beziehungen zu mehreren Frauen. Aus der Verbindung mit einer Konkubine ging sein Sohn Adeodat hervor, der schon im Alter von 17 verstarb (372–390).
Bereits als Zwanzigjähriger war Augustinus Lehrer für Rhetorik in Karthago, mit 29 Jahren bekam er eine Berufung als Rhetorikprofessor am kaiserlichen Hof in Mailand. Für ungefähr neun Jahre folgte Augustinus dem Manichäismus, einer rational-dualistischen Lebensphilosophie (o. Religion). Die Manichäer dachten in den Kategorien Gut und Böse oder Licht und Finsternis. Der gnostische Einfluss ist offenbar, da im Manichäismus die Welt als verdorben gilt und nur Erkenntnis (»Gnosis«) aus den Fesseln der Finsternis befreien kann.
Während seiner Zeit in Mailand (ca. 384–386) löste sich Augustinus von dieser Philosophie und öffnete sich für den Neuplatonismus. Im Jahre 386 erlebte er im Garten seines Mailänder Hauses eine Bekehrung. Damals ziemlich verzweifelt, hörte er die Stimme eine Kindes, die rief: »tolle lege« (dt. »Nimm und lies!«). Augustinus schlug darauf hin das Neue Testament auf, das in der Nähe lag und traf auf Röm 13,13–14: »Laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.« Augustinus brach innerlich zusammen und vertraute sein Leben Jesus Christus an. Rückblickend deutete er diese Erfahrung nicht als seine Bekehrung zu Gott, sondern als eine conversio, die Gott an ihm vollzogen hat. In dem für seine Biographie klassischen Gebetsstil schreibt er: »Du hast mich zu dir bekehrt«.
Der DLF hatte für die Jahreswende 2007/2008 eine vierteilige Reihe über Aurelius Augustinus produziert. Der erste Teil der Reihe, die von dem Kirchenhistoriker Rüdiger Achenbach verantwortet wird, ist Augustinus‘ Studium der Rhetorik und seiner Suche nach Weisheit gewidmet.
Aurelius Augustinus hat im Jahre 427, also drei Jahre vor seinem Tod, noch einmal 93 seiner schriftliche Werke mit insgesamt 232 Büchern durchgesehen und auf Nachlässigkeiten und Irrtümer geprüft. Der Kirchenvater wusste um die Mängel seiner Schriften, hat im Verlauf der Zeit mancherlei Positionen korrigiert und wollte die Nachwelt an seiner »Reifung« teilhaben lassen. Er blieb ein Lernender, auch als angesehener Bischof im hohen Alter. Und er wusste um die Verantwortung, die er als Lehrer vor Gott und den Menschen zu tragen hatte.
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