Säkularisierung

Die toten Seelen der Stadt

220px-Ivanov_gogol.jpgMichael Schischkin hat einen wunderbaren Artikel über Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809–1852) publiziert (FAZ, 11.02.2012, Nr. 36, Z1). Gogol umschreibt, so sieht es jedenfalls Schischkin, die Sklaverei der russischen Seelen im 19. Jahrhundert. „Die Heimat ist zu einem Gefängnis geworden, in dem Menschen mit einem Gefühl für ihre eigene Würde dem Tode geweiht sind.“ Was Schischkin in Anlehnung an Gogol dann über Petersburg schreibt, könnte bildlich über manch andere moderne Metropole gesagt werden:

Die Kowaljows und ihre Barbiere, Wachtmeister und Staatsrätinnen zertreten die Straßen Petersburgs, einer symbolischen Stadt, der Hauptstadt, erbaut auf den Sümpfen und den Knochen von Sklaven. Die Geister der Sümpfe vergeben nicht. Aber man hat sich an sie gewöhnt, denn die Einwohner sind selbst Geister der Sümpfe geworden. In der Stadt, die nach dem heiligen Petrus benannt worden war, dem Himmelswächter, erinnert sich niemand mehr, weder an den Himmel noch an Christus. In der Stadt herrschen seelische Leere und endlose Erniedrigung.

Was tun mit überzähligen Kirchen?

In Deutschland gibt es rund 27.000 evangelische Kirchen und Kapellen. Für ihren Erhalt gibt die EKD jährlich 1,2 Milliarden Euro aus – dazu kommen noch Spenden, Stiftungen und Zuwendungen der Denkmalpflege. Doch angesichts sinkender Mitgliederzahlen und schrumpfender Einnahmen können nicht mehr alle Gebäude unterhalten werden. Wie man mit dieser Situation umgehen soll, darüber diskutieren Theologen, Architekten, Stadtplaner und Soziologen beim 27. Evangelischen Kirchbautag vom 23. bis 25. Juni in Rostock.

Der Leiter des Kirchenbauinstituts der EKD, Prof. Thomas Erne (Marburg), spricht sich in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea dafür aus, über den Abriss einzelner Kirchen nachzudenken: »Man muss schon über die ein oder andere Kirche diskutieren dürfen. Nicht alle befinden sich am richtigen Standort und nicht alle sind gelungen.« Gebäude, »die nicht mehr stimmiger Ausdruck unserer Erfahrung mit Gott sind«, müsse man verabschieden können. Erne: »Wenn da keiner Einspruch erhebt, kann ich mir vorstellen, dass man da auch mal mit dem Abrissbagger kommen kann.«

Hier der Beitrag des Nachrichtenmagazins idea: www.idea.de.

Aus Deutschlands Kirchen werden Luxus-Appartments

Jede dritte Kirche oder Kapelle wird in Deutschland nicht mehr gebraucht. Nun greifen Baufirmen nach den Objekten – und machen sie zu Luxus-Wohnungen. DIE WELT schreibt:

Konfessionsübergreifend ist beinahe jedes dritte der hierzulande rund 110.000 Kirchengebäude von Verkauf, Umnutzung oder gar Abriss bedroht. Seit 2003 wurden allein in Berlin neun katholische Kirchen aufgegeben, und auch die evangelische Kirche ist auf der Suche nach neuen Nutzern für ihre großen Sakralbauten.

Denn die Gläubigen bleiben zunehmend aus, Gemeinden fusionieren – und manche Kirchen werden so schlicht überflüssig. Um Unterhaltskosten zu sparen und mithilfe des Erlöses die leeren Gemeindekassen zu füllen, werden immer mehr Kirchen veräußert. »Wir bemühen uns dabei, eine kirchliche Nutzung sicherzustellen«, sagt Volker Jastrzembski, Pressesprecher der Evangelischen Kirchen in Berlin und Brandenburg.

Der Begriff einer »kirchlichen Nutzung« ist dabei aber ziemlich weit gefasst. Hinter dem mächtigen Turm und den spätromanischen Außenmauern einer ehemaligen evangelischen Kirche in Berlin-Friedrichshain ragt mittlerweile ein Konferenzzentrum aus Stahl und Glas empor: das Umweltforum.

Hier: www.welt.de.

Die verschwindende Religiosität der Schweizer

Hanniel stellt eine Studie zur Religiosität der Schweizer vor. Inbesondere die Typisierung ist beachtenswert. Die Studie unterscheidet zwischen vier Haupttypen der Religiosität;

  1. Institutionelle
  2. Alternative
  3. Distanzierte
  4. Säkulare

Zum Ergebnis der Studie heißt es:

Auch wenn einzelne Individuen komplizierte Glaubensbiographien in fast jeder erdenklichen Richtung aufweisen können, sind die Entwicklungen im Aggregat relativ klar: Es finden sich – im Durchschnitt gesehen – keine Anzeichen dafür, dass sich die Säkularen und die Distanzierten in Richtung einer alternativen Religiosität entwickeln; die Gesamtentwicklung deutet bis jetzt eher in Richtung einer weiteren Distanzierung und schliesslich einer Religionslosigkeit.

Hier mehr: www.hanniel.ch.

McKinsey über Kirche und Säkularisierung

Der Katholik Thomas von Mitschke-Collande ist deutscher Senior Director der Unternehmensberatung McKinsey und berät unter anderem die Deutsche Bischofskonferenz sowie verschiedene Bistümer.

Der DLF hat einen Beitrag mit dem promovierten Betriebswirt über das Profil der Katholischen Kirche gesendet. Von Mitschke-Collande beurteilt den Zustand der Katholischen Kirche – wie man schnell merkt – als Betriebswirtschaftler, nicht als Theologe. Zurecht weißt er darauf hin, dass es einen groben Dualismus von Glaubenslehre und Lebenswirklichkeit gibt. 80 Prozent der katholischen Christen leben nicht so, wie es die Moraltheologie empfiehlt. Dass die Spannung beseitigt werden kann, indem die Lehre der Praxis angepasst wird, bezweifle ich allerdings. Die Kirche sollte, wie von Mitschke-Collande an einer Stelle sagt, lieber im eigentlichen Wortsinn »evangelischer« werden.

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/04/01/dlf_20110401_0936_776ab6db.mp3[/podcast]

Religionspolitik steht vor erheblichen Veränderungen

Wissenschaftler der Universität Münster prognostizieren einschneidende Veränderungen für die christlichen Kirchen in Deutschland. Die Bevorzugung der Kirchen müsse aufhören, da sonst gegen das Gleichbehandlungsgebot im neutralen Staat verstoßen werde, meint der Politikwissenschaftler Ulrich Willems.

Während einer Tagung über Religionsfreiheit an der Universität sagte Juristen Fabian Wittreck wörtlich: »Da haben die Kirchen in Zukunft große Umbrüche zu erwarten.« Die Kirchen könnten hierzulande nicht mehr selbstverständlich mit einer Rechtsauslegung zu ihren Gunsten rechnen. Das betreffe etwa Kreuze in den Schulen oder die eigenen Arbeitsrechtslinien der Kirchen. Immer mehr Streitfragen würden durch europäische Gerichte entschieden.

Einzelheiten im zweiten Beitrag von »Notizen aus Religion und Gesellschaft« vom 10. März 2011 (ab Minute 00:38, allerdings sind alle Beiträge hörenswert):

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/03/10/dlf_20110310_0943_b085ba23.mp3[/podcast]

Jörg Stolz: »Eine Religion, die zu liberal wird, verschwindet«

Der TAGESANZEIGER hat ein Interview mit Jörg Stolz veröffentlicht. Der Religionssoziologe sagt, die Kirchen befänden sich im Dilemma: Sie bräuchten ein klares Profil, um sich im Markt der Religionen zu positionieren. Gleichzeitig müssten sie sich dem Zeitgeist anpassen.

Stolz hinterfragt, meines Erachtens im Blick auf das Abendland zurecht, die Kritik an der Säkularisierungsthese:

Tagesanzeiger: Warum aber stellen immer mehr Theologen und Religionssoziologen die Säkularisierung infrage?

Stolz:Ich kann das nur durch zwei Mechanismen erklären. Einerseits aus einer verzerrten Wahrnehmung heraus: Beschäftigt man sich ständig mit Religion, dann liegt es auf der Hand, dass man die Religion überall wahrnimmt. Andererseits ist es angenehmer, von einem Forschungsobjekt zu berichten, das nicht schrumpft. Sobald man einen Antrag für ein nationales Forschungsprojekt stellt, muss man es als wichtig ausweisen können.

Tagesanzeiger: Also ist die Rückkehr der Religion nur ein mediales Phänomen?

Stolz: Auf der Ebene der faktisch gelebten Religiosität in den westlichen Industrieländern gibt es keine Rückkehr der Religion. Die alternative Spiritualität wie Esoterik ist marginal. Wir sehen eine rasante Säkularisierung, einen rasanten Niedergang der Wichtigkeit von Religion im Leben der Menschen. Jede neue Generation scheint weniger religiös als die vorherige. Eine Rückkehr des Themas in den Medien gibt es aber durchaus: Das liegt vor allem an der weltpolitischen Bedeutung des Islams.

Tagesanzeiger: Die harten Spielarten der Religion sind viel stärker in den Medien als die liberalen. Ist nur ein konfliktuöses religiöses Profil interessant?

Stolz: Die Medien funktionieren nach ihrer eigenen Logik. Nur was aktuell, aussergewöhnlich, skandalträchtig, emotional berührend, nah am Zuschauer oder Leser ist, ist berichtenswert. Eine hervorragende Predigt, ein schöner Kirchenbasar, eine nachhaltige Hilfe für Bedürftige können den Teilnehmern sehr viel bringen – aber sie haben keinen Nachrichtenwert.

Hier das Interview: www.tagesanzeiger.ch.

VD: BH

Voegelin: Welt steckt im Prozess des Verdorrens

Eric Voeglin schreibt in Die politischen Religionen (S. 6). Es gibt:

heute keinen bedeutenden Denker der westlichen Welt, der nicht wüsste – und es auch ausgesprochen hätte -, daß sich diese Welt in einer schweren Krise befindet, in einem Prozess des Verdorrens, der seine Ursache in einer Säkularisierung des Geistes, in der Trennung eines dadurch nur weltlichen Geistes von seinen Wurzeln in der Religiosität hat, und der nicht wüßte, daß die Gesundung nur durch religiöse Erneuerung, sei es im Rahmen der geschichtlichen Kirche, sei es außerhalb dieses Rahmens herbeigeführt werden kann.

Die Ethiksteuer

Die Kirchensteuer wird oft als Argument für einen Austritt aus der katholischen oder evangelischen Gemeinschaft genannt. Der Wirtschaftsforscher Ulrich Blum schlägt vor, dass Nicht-Mitglieder der großen Kirchen eine Ersatzabgabe zahlen sollen.

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, schlägt eine Ethiksteuer vor, um die Austrittswelle aus der Kirche bremsen. »Wer aus der Kirche austritt und keine Kirchensteuer zahlt, sollte eine andere Abgabe an eine soziale Einrichtung wie das Rote Kreuz entrichten«, sagte Blum der »Bild«-Zeitung. Er schlage deshalb eine Ethiksteuer nach italienischem Vorbild vor. Der Satz für diese Steuer könnte sieben Prozent der Lohn- und Einkommensteuer betragen.

Hier geht es weiter: www.welt.de.

Die ungebremste Entchristlichung Deutschlands

An Heiligabend werden die Kirchen wieder voll sein. Doch die Realität sieht anders aus: Immer weniger Deutsche gehören einer christlichen Kirche an. Der Trend der vergangenen Jahre hat sich sogar weiter verschärft, die Kirchenaustritte nahmen den letzten verfügbaren Zahlen zufolge noch einmal deutlich zu.

Laut Deutscher Bischofskonferenz nahm die Zahl der Katholiken im Jahr 2008 um 284.000 ab. Die Gesamtzahl der Menschen in Deutschland sank im gleichen Zeitraum lediglich um 215.000.

Mit Besorgnis blicken die Kirchen besonders auf den demografischen Wandel, dabei gerät ein anderes Problem in den Hintergrund. Rund 120.000 Mitglieder verlor die Katholische Kirche im Jahr 2008 nämlich durch Austritte. Aus der Evangelischen Kirche traten sogar 160.000 Menschen aus.

Hier mehr: www.welt.de.

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