Vorbehaltliche Liebe

Die folgende Kurzgeschichte ist frei erfunden. Mögliche Überschneidungen mit Ereignissen aus dem wirklichen Leben sind beabsichtigt.

Ein Ehepaar bekommt, obwohl es alle erdenklichen Hilfsmittel der reproduktiven Medizin in Anspruch genommen hat, keine Kinder. Es gibt nur noch einen Ausweg. Sie wenden sich an eine Agentur, die Leihmütter vermittelt. Schnell ist der Vertrag fertiggestellt, eine Frau angemietet. Bei erfolgreicher Geburt erhält die Leihmutter von der Agentur 10.000 Euro. Sie hat Schulden und braucht das Geld. Der Betrag, den die Agentur vom Ehepaar empfängt, ist ungleich höher. Das Ehepaar wird die Austrägerin nie zu sehen bekommen. Umgekehrt wird die Leihmutter die Namen ihrer Mieter nie erfahren.

Die befruchtete Eizelle wird der Leihmutter erfolgreich eingepflanzt. Es wachsen Zwillinge heran. Ein Baby, der Junge, leidet an Trisomie 21. Die biologischen Eltern verlangen von der angemieteten Frau eine Abtreibung. Die Leihmutter, die bereits die Bewegungen der Zwillinge in ihrem Bauch spürt, lehnt ab.

Zwillinge werden geboren. Die biologischen Eltern nehmen das gesunde Mädchen an, den herzkranken Jungen mit Down Syndrom lassen sie zurück. Die angemietete Frau ist verzweifelt, die Agentur hilflos. Das war so nicht berechenbar. Der Vorfall dringt an die Öffentlichkeit. Experten diskutieren juristische und versicherungstechnische Probleme.

Zwanzig Jahre vergehen. Das Mädchen ist in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen. Sie wechselt von der Eliteschule an eine ausländische Universität. Durch einen Zufall entdeckt sie die Geheimnisse um ihre Geburt. Als sie die Dokumente für das Studium zusammenstellt, findet sie einen Leihmutterschaftsvertrag. Der Schock sitzt tief. Erst Wochen später spürt sie wieder festen Boden unter ihren Füßen. Sie beginnt mit den Nachforschungen.

Es geht alles ganz schnell. Die Spur führt nach Thailand. Ihrem Bruder konnte geholfen werden. Eine Hilfsorganisation ist für Kosten der notwendigen Herzoperation aufgekommen. Er starb im Alter von 18 Jahren in einem verwahrlosten Waisenhaus.

Sie weint. Aus Intuition wird Gewissheit. Ihre biologischen Eltern haben sie nie vorbehaltlos geliebt.

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4 Kommentare
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Peter
Peter
7 Jahre zuvor

Die folgende Kurzgeschichte ist frei erfunden.

Trotz dieses einleitenden Satzes bin ich zutiefst getroffen. Beruflich und ehrenamtlich arbeite ich viel mit Kindern und ihren Familien zusammen. Leider muss ich sagen, dass tatsächlich einzelne Facetten der Kurzgeschichte gar nicht so erfunden sind. Was tun wir nur unseren Kindern an?

Nina Wedemeyer
Nina Wedemeyer
10 Monate zuvor

Wir leben in einer erstaunlichen Zeit, in der es für alle kinderlosen Paare möglich wurde, Eltern ihres Kindes zu werden. Vielleicht gibt es in Europa Probleme mit dem gesetzlichen Rahmen, gerade weil es in diesem schwierigen Bereich einen Mangel an professionellen Ärzten gibt. Genetik und Fortpflanzung sind keine Witze. Ich hatte das Glück, eine Klinik in der Ukraine zu finden, wo ich die Dienste der Leihmutterschaft in Anspruch nehmen konnte. Es handelt sich um die Klinik von Professor Feskov in Charkiv, sie wird auch Feskov Human Reproduction Group genannt. Dank professioneller Ärzte wurde ich die Mutter eines wunderschönen Jungen. Es gab keine Probleme, die Ukraine und die Dokumente zu verlassen. So kann ich allen Zweiflern sagen: Haben Sie keine Angst, Sie können bis ans Ende der Welt gehen, um Ihr Kind zu holen, und die Ukraine ist nicht das Ende der Welt. Vor kurzem habe ich ein ukrainisches Gesetz über Leihmutterschaft gefunden, das ins Deutsche übersetzt wurde. Sehr nützliche Informationen,… Weiterlesen »

Jutta
Jutta
10 Monate zuvor

Ja, Hauptsache, der Mensch kann sich alle seine Wünsche erfüllen.

Ich habe einmal einen sehr guten amerikanischen Film über die Erfindung der Atombombe gelesen.
Einer der Wissenschaftler sagte am Schluss des Films:
Man muss nicht alles machen, was man machen kann.

So sehe ich das mit der sogenannten Reproduktionsmedizin auch.
Schon allein dieses Wort!

Ich denke, das alles hat auch damit zu tun – a propos: vorbehaltlose Liebe – dass es der Werbung gelungen ist, Körper und Geist und Seele komplett zu trennen, durch den Gedanken und die Philosophie des Materialismus.
Der Zusammenhang und das Wissen, dass das Kind im LEIB der MUTTER wächst, von ihr genährt wird, buchstäblich Fleisich von ihrem Fleisch ist, ist komplett verloren gegangen, und man versachlicht sich selbst auch.

Nur noch Materie ohne Geist.
Endzeit eben.

Last edited 10 Monate zuvor by Jutta