Weiterglauben – doch nicht so

Kaum war das neue Buch von Thorsten Dietz Weiterglauben: Warum man einen großen Gott nicht klein denken kann auf dem Markt, da wird schon kontrovers darüber diskutiert. Jürgen Mette hat es für das MEDIENMAGAZIN PRO überschwänglich empfohlen. Markus Till hat es in seinem Blog kritisch besprochen. Ulrich Parzany empfiehlt diese kritische Besprechung bei Bibel und Bekenntnis, woraufhin Dietz auf dem Blog von Tobias Faix geantwortet hat.

Was hat es mit dem Buch auf sich und warum ist es eine so aufregende Lektüre? Thomas Jeising gibt in einer gründlichen Besprechung wichtige Antworten:

Thorsten Dietz will mit seinem Buch drei Probleme lösen. Zuerst einmal will er Polarisierungen im Christentum überwinden. Die gehen für Dietz offenbar vor allem von „fundamentalistisch“ denkenden Christen aus, die dann auch noch andere Christen kritisierten, die sich in ihrem Glauben „weiterentwickelt“ haben. Wenn nun die fundamentalistischen Christen, die Dietz vereinzelt auch auf Seiten liberaler Bibelkritik sieht, vor allem aber bei den Bibeltreuen, aufhörten, eng zu glauben und anfingen, weit zu glauben, würde eine positive Streitkultur gefördert. Zweitens könnte ein weiter Glaube dazu führen, dass sich weniger junge Christen, die einmal zu evan­gelikalen Ge­mein­den gehörten, später von diesen abwendeten. Sie müssten nur den engen Glauben hinter sich lassen und könnten dann trotzdem weiterglauben. Drittens erscheint Dietz dieser von Weite geprägte Glaube am besten zu den Herausforderungen einer unübersichtlichen Welt zu passen, denen sich dann eine geeinte Christenheit jenseits aller Lagerbildungen widmen könnte. Den fundamentalistischen Christen will Dietz zur Überwindung ihres Denkens mit Verständnis begegnen, ihnen die Gründe für ihre Enge erklären und den Weg hinaus zeigen. Sie sollen erkennen, dass ihr Fundamentalismus nur eine Reaktion auf Verunsicherung ist, aber der wahre christliche Glauben ein Glaube ohne Sicherheiten sein kann (Kap 1-3). Dass Dietz bei aller Äquidistanz doch vor allem die konservativen evan­gelikalen Christen im Blick hat, zeigt sich daran, dass er die engen Gläubigen überzeugen will, ihre Bibelhaltung zu ändern und anzuerkennen, dass die Bibel vorallem insofern „Gotteswort im Menschenwort“ ist, dass wir uns von ihr angesprochen fühlen (Kap 4). Deswegen sollen sie damit aufhören, sich auf eine Historizität des in der Bibel Erzählten zu stützen, die es vielfach nicht gebe, sondern die symbolisch erzählte Botschaft erkennen. Die biblischen Texte sollen eher als kunstvolle Bilder gedeutet werden, die eine Wahrheit unhistorisch abbilden, dabei aber eine „Begegnung mit Jesus Christus“ ermöglichen (Kap 5). Der neue, weite Glaube ist für Dietz deswegen auch ein mystischer Glaube. Natürlich seien auch theologische Fragen wichtig, aber es gehe vor allem um eine „Frömmigkeit als innerer Erfahrung“, die im Gefühl der Ergriffenheit von einem unbegreiflichen Gott besteht (Kap 8). Auf dieser Grundlage sieht er in einer unübersichtlichen Zeit eine Zukunft für den christlichen Glauben und eine Wirkung der Gemeinschaft der Christen auf die Welt (Kap 9).

Das Ganze ist an keiner Stelle eine neue Botschaft. Wer die Theologiegeschichte der vergangenen 100 Jahre überschaut, weiß dass die Art von Glauben, für die Thorsten Dietz wirbt, der Glaube ist, der nach dem Siegeszug der historisch-kritischen Theologie aufgerichtet wurde und dessen Spitze darin liegt, dass man an die Auf­erstehung glauben will, auch wenn der Körper von Jesus Christus im Grab geblieben ist. Nur kommt die Werbung jetzt von einem Professor der Evangelischen Hoch­schule Tabor, die über Jahr­zehnte für ein kon­servatives bibel­orientiertes Christ­sein stand und Missionare und Prediger für die Gemeinschafts­bewegung ausgebildet hat. Thorsten Dietz trägt sein Anliegen mit erfrischender Offenheit vor. Er steht zum Projekt „Universitäts­theologie für Evangelikale“ . Seine Einbindung in dieses Unter­nehmen von „Worthaus“ hebt er an vielen Stellen im Buch hervor, die Vorträge dort sieht er als eine „wesentliche Hilfe“ für den „Glaubensweg“ vieler (9). Die Ehrlichkeit und der um Verständnis bemühte Ton machen das Buch sympathisch. Nur sollte das niemanden darüber täuschen, dass hier nicht „die Brücken, die Übergänge und Verbindungstunnel zwischen den Lagern“ „gepflegt“ und „gestärkt“ werden (11). Das Ziel ist letztlich die Überwindung eines „prämodernen“, bibelgebundenen Kinderglaubens, der auf das historische Heilshandeln Gottes aufbaut, wie es in der Bibel bezeugt ist, hin zu einer aufgeklärt mystischen Frömmigkeit als einem postmodernen „Glaubensstil“. Der kann dann glauben, selbst wenn die Bindung an historische Tatsachen, wie sie etwa im Glaubensbekenntnis zum Ausdruck kommen, entfällt, weil die Ereignisse gar nicht stattgefunden haben, sondern reine „Glaubenssätze“ sind. Das ohne „Polarisierung“ zu bewirken, kann ein frommer Wunsch sein, wäre aber nur durch stille Anpassung einer Seite erreichbar. Dass eine solche Anpassung im Gang ist, sollte umso mehr zu einer kritischen Auseinandersetzung ermutigen.

Mehr hier: bibelbund.de.

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Das ist alles sehr erschütternd.

  2. Manfried meint:

    Paulus schreibt in 1. Kor.1,13 (NGÜ); „Auch unsere Briefe an euch enthalten nichts, was nicht so zu verstehen wäre, wie es dasteht.“ Das ist eine deutliche Absage an die beschriebenen Versuche von Prof. Thorsten Dietz, die biblische Botschaft umzudeuten bzw. für ein Verständnis zu werben, das Tatsachen auf „Glaubenssätze“ reduziert.

  3. Schandor meint:

    @Manfred

    Ich glaube, die von Dir zitierte Stelle steht 2Kor 1,13 😉

    Bibelumdeuter sind die vom historisch-kritischen Denkparadigma infizierten Theologen allemal. Aber wie soll man von den Menschen Anerkennung erhalten, wenn man die Bibel nicht im Sinne der Zeitgeisttheologie umdeutet? Oder gar Geld von den sogenannten Bildungseinrichtungen erhalten will? Wen interessiert denn schon die Wahrheit? Und: Was ist (schon) Wahrheit?

  4. Ich denke ein grosses Problem der Theologie in Deutschland besteht in der Verwechslung/Gleichsetzung von Wissenschaft und Naturalismus. Naturalismus ist eine religiöse Weltanschauung und hat mit Wissenschaft zunaechst einmal nichts zu tun. In der religiösen Weltanschauung des Naturalismus glaubt man, dass historisch fassbares Geschehen z.B. nicht ausserhalb der Naturgesetze stattfinden könne. Warum das so sein soll wird nach meiner Erfahrung mit Vertretern dieser missionarischen Bewegung nicht naeher begründet.
    Begründungsfragen dazu werden typischerweise auch nicht beantwortet oder mit der falschen Begründung versehen, dass sei Ergebnis der Naturwissenschaften. Naturgesetze aber beschreiben nur wiederholbares Naturgeschehen, das hoffentlich Experimenten zugaenglich ist. Der Naturalismus ist also eine aus wissenschaftlicher Sicht nicht begründbare Absolutsetzung, der sich übrigends auch viele nichtchristliche Naturwissenschaftler ausserhalb Deutschlands keineswegs verpflichtet fühlen und die sie befremdet.
    Die historisch kritische Methode in der Theologie in Deutschland ist nun ein Verfahren, das wesentlich vom Naturalismus ausgeht und damit eigentlich aus religionswissenschaftlicher Perspektive ein aus einer synkretistischen Religion (Christentum und Naturalismus) entworfenes Modell der Hermeneutik, das damit an ein christliches Grunddokument angewandt wird. Sie ist damit vergleichbar mit einer typologischen Sufiinterpretation des Koran oder einer Kabbala-Interpretation des AT. Sie hat aehnliche Probleme mit der Beliebigkeit der hermeneutischen Ergebnisse, wie man leicht auch statistisch durch das Studium von Auslegungen der letzten 200 Jahre zu einfachen Texten sehen kann, die ein und dieselben Texte aus völlig unterschiedlichen Hintergründen erklaeren zu können glauben, je nachdem was gerade Mode ist/war.
    Dass der Naturalismus in der Bundesrepublik so weit verbreitet ist hat sicher mit dem in der Kultur in Deutschland historisch verankerten Wunsch zu tun, Regeln zu finden und an Regeln zu glauben. In dieser Staerke gibt es das kaum irgendwo anders auf der Welt so scheint mir. Das hat der religiösen Weltanschauung des Naturalismus zu grossem Erfolg in Deutschland verholfen unter dem Deckmantel der behaupteten Wissenschaftlichkeit. Dass auch vermehrt Evangelikale sich dieser synkretistischen Bewegung anschliessen ist nun durch den kulturellen und finanziellen Sog der Bewegung in Deutschland erklaerbar aber auch durch deren Intoleranz gegenüber anderen Hermeneutiken, denen oft von vornherein die Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird.

  5. Manfried meint:

    @Schandor
    Danke für die Korrektur! Ich hatte die Bibelstelle falsch angegeben.

  6. Schandor meint:

    An der Basis der Diskussion liegen drei Punkte:

    1) „Irrtumslosigkeit“ der Schrift
    2) „Unfehlbarkeit“ der Schrift
    3) Verbalinspiration

    Zu 1) Die Diskussion um diese Frage hat auch mit einem bestimmten Verständnis der Verbalinspiration zu tun. Denn man muss konstatieren: Wenn, dann waren nur die Urschriften irrtumslos, und da wir die nicht haben, ist dies ein Streit um des Kaisers Bart.

    Zu 2) Ist die Bibel unfehlbar? Rückfrage: Welche denn? Die deutsche? Luther? Schlachter? HFA? Oder auch die Urschriften? Worüber wäre dann zu streiten? Da muss ich sagen, ich verstehe die Fundis nicht. Aber mit „Fundis“ möchte ich nichts Abschätziges gesagt haben, finde vielmehr die Art und Weise, wie der Worthäusler Herr Professor Doktor Zimmer sie als borniert und dumm darstellt, nicht in Ordnung. Schämen Sie sich, Herr Zimmer! Sie sprechen immerhin über Gottes Kinder!

    Wir haben mit der Bibel das „christliche Grunddokument“ (danke Adnan für den schönen Ausdruck!), und das ist unser Manifest.

    Zu 3) Wenn dieses bestimmte Verständnis von der Verbalinspiration stimmte, dann bedeutete das, 1Chr 1-10 und die Verteilung des Westjordanlandes müssen für uns genauso wichtig sein wie Römer 3-8. Denn es geht nicht an, geistgehauchte Stellen herabzusetzen! Innen drin muss dann allerdings nivelliert und harmonisiert werden, und wo das nicht funktioniert, wird der große Taschenspielertrick „Exegese“ bemüht. Als ob nicht schon jede Auslegung Interpretation ist! Aber dieser Glaube kann eben auch in sein Gegenteil schlagen, und die Herren Theologen, die meinen, in der historisch-kritischen Methode mit ihren unendlich vielen Konjekturen und Vermutungen, die als sicheres Wissen präpostuliert werden, den Haupttreffer gezogen haben, können ihr „Zuvielwissen“ nicht dezent genug verbergen, und dann kommt es zu Phänomenen wie unseren Herrn Professor Doktor Dietz. Grad bei solchen Theologen versteh ich Thielickes Hinweis: Auch unsere Theologie ist vergebungsbedürftig. Wie wahr.

    So stehen eben die Fronten: Was die einen in den Rang einer biblischen Lehre erhoben haben (Stichwort Verbalinspiration), das haben die anderen zu bloßem Menschenwerk herabgewürdigt. Als ob der Geist des Herrn auf das eine oder andere angewiesen wäre.

    Hinter dem Deckel der Gelehrsamkeit kann man (sprachlich) mitunter großen Unsinn vor dem deutschen Leser verbergen. Das hat schon Schopi geärgert …

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