Die neosexuelle Revolution

DIE ZEIT hat mit Volkmar Sigusch über seine hohen Erwartungen an die neosexuelle Revolution gesprochen. So gibt der Sexualwissenschaftler, der von 1973 bis 2006  an der Uni Frankfurt am Institut für Sexualwissenschaft gearbeitet hat, Einblicke in das postmoderne Geschlechterlabor.

Auszüge:

ZEIT Campus: Im amerikanischen Facebook kann man nicht nur zwischen „Mann“ und „Frau“, sondern zwischen fast 60 verschiedenen sexuellen Identitäten wählen. Wie viele unterschiedliche Geschlechter kennen Sie?

Sigusch: Unsere sprachlichen Einteilungen in Mann, Frau, Agender, Intergeschlechtliche, Transgender, Liquid Gender und so weiter ist immer noch grob. Ich sage: Es gibt so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Sigusch: Keine Geschlechtlichkeit eines Menschen ist mit der eines anderen Menschen identisch. Das ist einzigartig wie ein genetischer Fingerabdruck. Wir sind auch grundsätzlich alle in der Lage, alle Formen des Sexuellen zu praktizieren, hetero-, homo-, bisexuell und so weiter. Wir sind alle polysexuell.

ZEIT Campus: Wohin wird sich die Sexualität in den kommenden Jahren noch entwickeln?

Sigusch: Das weiß kein Wissenschaftler.

ZEIT Campus: Gibt es Entwicklungen unseres Sexualverhaltens, die zunehmen werden?

Sigusch: Ich sage: Die Polyamorie wird kommen. Seit Jahren wird sie in den westlichen Ländern behutsam erprobt, oft abgelegen in einem Dorf. Da wir immer älter werden und alles, was möglich ist, auch besitzen möchten, wird sich die Polyamorie ausbreiten. Zum Beispiel werden sich alte Paare junge Liebhaber und Liebhaberinnen in ihr Haus holen und das Liebes- und Sexualleben dadurch wieder beleben. Noch aber sind das recht seltene Ereignisse. Manchmal ist das auch sehr überraschend. So erfuhr ich im Juni, dass in Kolumbien drei Männer geheiratet haben. Ein älteres Männerpaar holte sich einen jungen Mann in die gleichgeschlechtliche Ehe. So wird es auch bei uns demnächst sein, sagen wir in den nächsten 20 bis 30 Jahren.

ZEIT Campus: Ist die neosexuelle Revolution mit der Ausbreitung der Polyamorie an ihrem Ziel angekommen?

Sigusch: Nein. Denken Sie nur an den Internet- oder Robotersex. Da stehen wir ja noch fast am Anfang.

ZEIT Campus: Robotersex?

Sigusch: Unsere Personal Computer werden sicher bald durch Personal Robots ergänzt werden, im Haushalt, in der Pflege und so weiter. Erste Sexroboter sind bereits auf dem Markt. Sie kosten etwa 10.000 Euro und werden alte Liebes- und Sexpuppen ablösen. Als neue Sonderbarkeit, früher Perversion genannt, wird sich eine Robotophilie etablieren. Schließlich wird immer mehr Menschen das Zusammenleben mit einem Roboter sehr viel angenehmer sein als mit einem komplizierten, eigenwilligen und bösartigen Menschen.

Hier mehr von den düsteren Visionen: www.zeit.de.

Kommentare

  1. Wolfgang Häde meint:

    Ich habe mal einen Teil der Leserkommentare zu dem ZEIT-Artikel angeschaut und fand es ermutigend, wie viel der (vermutlichen eher als „liberal“ einzustufenden) Leser der ZEIT die Nase voll haben von solch einem Unsinn.

  2. Besonders vielsagend – oder besser – entlarvend finde ich den folgenden Satz von Prof. Sigusch, der in dem Interview mit der Zeit auftaucht, im obigen Artikel aber nicht enthalten ist:

    Eigentlich bräuchten wir eine andere Kultur, die es uns erlaubte, beim erotischen Umgang miteinander alles Rationale zu vergessen, um angstfrei mit einem geliebten Menschen zu verschmelzen.

    Ich kann es nicht anders interpretieren, als wollte Sigusch damit eine weitere Vertierung des Menschen angeregen, vielleicht sogar über die Bildungsschiene erzwingen.

  3. Alexander meint:

    Man muss vielleicht auch hinzufügen, dass das Institut für Sexualwissenschaft in Frankfurt nach dem Ausscheiden Siguschs 2006 abgewickelt wurde. Sigusch und seine Unterstützer haben dann versucht, als Kompromisslösung statt eines Instituts ’nur‘ eine Professur mit einem solchen Profil zu behalten. Auch das ist letztlich gescheitert, weil die Fakultät für Medizin, an der das Institut angesiedelt war, schlauerweise die fachlichen Anforderungen für eine solche Professur derart hochgeschraubt hat, dass sie nicht mehr zu erfüllen waren. Das Fach gibt es in Forschung und Lehre in Frankfurt also gar nicht mehr. Vielleicht auch kein schlechtes Zeichen.

  4. Schandor meint:

    Selbst die Staubsauger lassen sich nicht auf festgelegte Rollenspiele fixieren:

    https://dietagespresse.com/zu-faul-zum-selber-putzen-oesterreichischer-saugroboter-bestellt-sich-slowakischen-saugroboter/

    Da wird sich jetzt der eine oder andere fragen: Was hat das mit dem Thema zu tun? Inhaltlich vielleicht nicht viel, aber vom Ernst her alles.

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