Wachset!

Der große Wilhelm Lütgert predigte vor ca. 110 Jahren zu: „Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesu Christi“ (2. Petrus 3,18).

Die Gefahr, daß das Wachsen aufhört, ist groß. Es gab vielleicht in unserem Leben einmal eine Zeit des Wachsens, und dann trat ein Stillstand ein. Ein gewisser Besitz an Gnade und Erkenntnis unseres Herrn Jesu Christi ist gewonnen und wird nun nicht mehr vermehrt. Mancher sieht darin gar keinen Fehler. Es sind ja immer dieselben einfachen und großen Pflichten, die wir zu erfüllen haben. Wir suchen die Gnade unseres Herrn Jesu Christi nicht erst, wir haben sie ja. Was fehlt uns noch? Das Fragen, Suchen und Bitten ist zur Ruhe gekommen. Wir haben Frieden, und das unruhige und hastige Verlangen nach Gott ist still geworden.

Hier liegt allerdings eine große Gefahr. Jedermann kennt sie. Der Besitz kann träge machen. Wer am Ziel ist, hört auf zu laufen. Der Kreis des Lebens und der Gedankenkreis hat sich geschlossen. Was bleibt nun? Eine beständige Wiederholung. In der Predigt kehrt immer wieder der gleiche Gedankenkreis wieder und schließlich auch immer wieder mit denselben Worten. Man macht auch nicht neue Erfahrungen. Man erlebt nichts mehr. Man lebt von der Vergangenheit, von vergangener Arbeit und vergangenen Erfahrungen. Es war einmal! Wie leicht kann es so werden.

Es wohnt einer vielleicht von jeder geistigen Anregung abgeschnitten in äußerlicher und innerlicher Vereinsamung auf einem Dorf. Niemand gibt ihm etwas. Jahraus jahrein ist er der einzige Gebende. Ja, es macht vielleicht nicht einmal jemand Ansprüche an ihn. Aber auch und gerade im größten Lärm eines großstädtischen Pfarramtes ist die Gefahr der innerlichen Verarmung groß. Das Leben geht vollkommen nach außen. Die Ansprüche übersteigen die Leistungsfähigkeit weit. Man muß so oft reden, daß man sich notwendigerweise schließlich wiederholt. Auch hier hört das Wachsen auf. Ohne innerliches Wachsen wird das Reden zum Schwatzen und das Handeln zum Machen.

Dem steht das Wort des Apostels gegenüber: Wachset in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesu Christi.

 

Kommentare

  1. Das ist wahr. Aber wie geht das? Wie bleibt die Flamme am lodern, der Eifer brennend? Wie werde ich nimmersatt nach Jesus?

  2. Schandor meint:

    Wachstum ist etwas, das von allein geht. Dazu kann man nichts beitragen. Niemand kann „auf Befehl“ wachsen. Wachsen kann damit nur Stillhalten bedeuten. Es wächst sich; das ganze Wachstum intransitiv. Man kann wachen, und man wächst; ersteres, indem man sich am Einschlafen hindert, letzteres, indem man wachstumshindernde Substanzen meidet.

  3. Peter Geerds meint:

    … und wachstumsfördernde Substanzen nimmt.

  4. Johannes Strehle meint:

    @ Schandor
    Wachstumshindernde Substanzen meiden – dann können wir also doch etwas beitragen.
    Wenn wir nichts beitragen könnten, wäre doch die Aufforderung „Wachset“ sinnlos.
    Jesus fordert uns im Bild vom Weinstock und den Reben auf „Bleibt! In mir! Dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe nicht von sich aus Frucht tragen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ Wir können auch n i c h t bleiben. „Wenn jemand nicht in mir bleibt …“
    Das Ziel ist „viel Frucht“. Die ist für andere erkennbar.

  5. Schandor meint:

    @Johannes Strehle

    Stimme vollinhaltlich zu. Das Bleiben in ihm ist gleich Frucht bringen. Die Rebe hängt einfach. Sie kann nicht weg. Aber es ist freilich ein Bild. Können wir weg?

  6. Peter Geerds meint:

    Im Bild von Rebe und Weinstock gesprochen: Ja, wenn du nicht im ihm bleibst. Aber das Weg-tun wird dann Gott machen. Es gibt zumindest Aufforderungen im Glauben zu bleiben, nicht abzufallen, seinen Glauben zu prüfen …

Trackbacks/ Pingbacks

  1. […] fasse die Antworten von Wilhelm Lütgert nachfolgend zusammen (vgl. hier; Quelle: Wilhelm Lütgert, Im Dienst Gottes: Zur Gestaltung des geistlichen Lebens, Brunnen Verlag, […]

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