Christian Link schreibt über den apologetischen Ansatz von Pascal („Pascal und die Krise der neuzeitlichen Metaphysik“, Zeitschrift für Theologie und Kirche 121, 1 (2024), S. 48–81, hier S. 52):
Der Anruf an den Gott der Bibel gewinnt sein Gewicht und seine Wahrheit durch die Verleugnung des „Gottes der Philosophen“, der in der wissenschaftlichen Tradition als Ursprung des Seins und der Wahrheit gedacht wird. Mit dieser Absage an den vorchristlichen Gott der Antike ist die Metaphysik in ihre tiefste Krise geraten. Denn wenn die Philosophie Gott nicht mehr als Grund der Wahrheit in jeglichem Denken mitzudenken vermag, wenn sie, wie heute am Tage liegt, von Gott schweigt, dann muss die jahrhundertelang festgehaltene Synthese von biblischer Wahrheit und metaphysischer Gewissheit zerbrechen. Pascal hat diesen (bei Nietzsche definitiv erreichten) kritischen Punkt bereits im 17. Jahrhundert vorweggenommen. Der Horizont, den die Wahrheit der Offenbarung uns öffnet – das ist die provozierend neue Einsicht – ist der Wahrheit des Denkens schlechthin entgegengesetzt. Sie gehört einer anderen Quelle und Ordnung an, der Ordnung und Logik des Herzens. Die in und mit den Pensées vorbereitete Apologie des Christentums hat folgerichtig auf alle metaphysischen Hilfestellungen verzichtet. Ihr neuer Adressat und Partner ist die aus dieser obsolet gewordenen Klammer entlassene Wissenschaft selbst. Mit den Worten einer zeitgenössischen Interpretin, Irène E. Kummer, gesagt: „Pascals Apologie war die erste, welche den neuen Geist der Wissenschaft, des kritischen Denkens, das sich aus dogmatischen und theologischen Bindungen gelöst hatte, nochmals auf den Glauben zu beziehen, versuchte, gerade indem er die säkularisierenden Tendenzen ernst nahm und einbezog. Die Pensées sind also eigentlich der erste Dialog des modernen Menschen mit dem Glauben.“