Andreas Reckwitz hat in Die Gesellschaft der Singularitäten (2019, #ad, vgl. hier) gezeigt, dass es in unserer Kultur eine große Sehnsucht nach dem Einzigartigen gibt. Das Durchschnittsleben steht unter Banalitätsverdacht.
Das färbt auch auf das Verständnis der Jesusnachfolge ab, in dem viele Christen auf der Suche nach dem Besonderen sind. Erfrischend klingen da die Worte von Kevin DeYoung, mit denen er ein Loblied auf das gewöhnliche Leben singt (Christsein schafft eh keiner, Verbum Medien, 2026, S. 130–132, #ad):
Das Familienleben hat mich vieles gelehrt. Mit einer lebhaften und fröhlichen Frau verheiratet zu sein, die in den meisten Fällen wundervoll entspannt reagiert, hat mir gezeigt, dass es sehr viele verschiedene Wege gibt, ein reifer und liebevoller Christ zu sein. Es gibt wenige Menschen, die so lieb und fürsorglich sind wie meine Frau. In jeder Gemeinde, in der wir Mitglieder waren, wurde sie geliebt und bewundert und als sehr entspannt wahrgenommen. Auch unsere vielen Kinder haben mir gezeigt, dass viele unserer Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale schon von Geburt an vorhanden sind. Das Vatersein hat mich auch gezwungen, mich an das Alltägliche eines Lebens mit Kindern zu gewöhnen, die gebadet und gefüttert werden müssen, die Hilfe bei den Hausaufgaben benötigen und zum Schwimmunterricht gefahren werden müssen, die neue Schuhe und Kleider brauchen und dann noch mehr Essen.
Das gewöhnliche Leben ist gleichzeitig auch etwas Außergewöhnliches. Wir erweisen der Gemeinde keinen Dienst, wenn wir Menschen glauben lassen, dass zu heiraten, Kinder zu bekommen, verheiratet zu bleiben, Kinder in die Gemeinde zu bringen, ihnen den Glauben zu lehren, Schuhe zu kaufen und sie zu mutigen und liebevollen Christen zu erziehen etwas anderes als radikale Nachfolge ist. Wenn auch wir „Fremdlinge“ sind (vgl. 1 Petr 1,1), dann ist Jeremias Anweisung an die Juden in Babylon auch für uns relevant: Werdet ansässig, gründet Familien und sucht das Beste der Stadt, in der ihr euch vorübergehend befindet (vgl. Jer 29,4–7). Wenn wir Jesus nachfolgen, indem wir andere lieben, unsere Kinder (ob leiblich oder im Glauben) erziehen, uns in einer guten Gemeinde einbringen und mit anderen unseren Glauben und unseren Besitz teilen, dann tun wir ganz sicher etwas.