Autorenname: Ron

Die erlösenden Wendungen Gottes

Beale Redemptive ReversalsIn dem Buch Redemptive Reversals and the Ironic Overturning of Human Wisdom weißt Gregory Beale auf ironische Wendungen in der biblischen Geschichtserzählung hin. Daniel Vullriede hat das Buch gelesen und vorgestellt. Seine Fazit fällt alles in allem positiv aus:

Beale liefert ein kompaktes, tiefgehendes Buch über ein oft übersehenes, zentrales Thema innerhalb der biblischen Gesamtgeschichte. Zugegeben, der Titel Redemptive Reversals and the Ironic Overturning of Human Wisdom (Die erlösenden Wendungen Gottes und die ironischen Umstürze menschlicher Weisheit und Pläne) klingt etwas sperrig. Dennoch beleuchtet der Theologe das Thema auf eine interessante, teils spannende und sogar praktische Weise. Er arbeitet dabei eng an einzelnen Bibeltexten, geht aber auch konzeptionellen und anderen intertextuellen Verbindungen nach. Das Buch ist mit vielen Beispielen und Metaphern angereichert, um die biblisch-theologischen Wahrheiten noch griffiger zu machen. Außerdem endet jedes Kapitel mit Transfer- und Anwendungsfragen für die Leser oder mit konkreten Vorschlägen für ihren Alltag.

Beale ist ein erfahrener Autor und kann auf eine Fülle von Forschungsergebnissen zurückgreifen, was allerdings ein Schwachpunkt seines Buches ist. An mehreren Stellen wirken die Abschnitte nicht aus einem Guss, gerade weil der Theologe immer wieder auf Material aus seinen zahlreichen Publikationen zurückgreift. Die Kerngedanken und Argumente aus früheren Predigten, Fachartikeln, Sachbüchern und Bibelkommentaren sind durchaus gut, allerdings hätte man sie noch besser redigieren können, um die Leser auf einem gleichmäßigen Niveau in das Thema hineinzunehmen. Beales Auseinandersetzung mit anderen Theologen und Meinungen ist ausgewogen, allerdings verweist er in den Fußnoten zu einem großen Teil auf Sekundärliteratur aus den 70er und 80er Jahren, was manche seiner Argumente etwas angestaubt erscheinen lässt.

Insgesamt löst die Buchreihe mit Beales Titel ihr Versprechen ein. Der Neutestamentler bietet gesunde Lehre, um echte Jüngerschaft zu fördern. Er führt seine Leser kompetent und pastoral an die Bibeltexte heran und bietet ihnen manche neue Perspektive auf Gottes Wort.

Mehr: www.evangelium21.net.

[asa]1433563282[/asa]

Der Gebetsruf im Islam

Die Stadt Köln erlaubt den Muezzin-Gebetsruf. Zunächst befristet auf zwei Jahre. Der Muezzin darf freitags zwischen 12 und 15 Uhr für maximal fünf Minuten die Gläubigen zum Gebet rufen. Die Entscheidung wurde überwiegend begrüßt. Oberbürgermeisterin Henriette Reker sprach von einem „Zeichen des Respekts“ sowie von religiöser Freiheit und Vielfalt.

Geht es dabei wirklich nur um die selbstverständlich zuzugestehende Religionsfreiheit, also um die Frage, ob Muslime ihre Glaubenspflichten ungehindert erfüllen können? Ist der Gebetsruf eine schlichte Einladung zum Gottesdienst, so ähnlich wie das Läuten der Kirchenglocken?

Die Islamwissenschaftlerin Prof. Christine Schirrmacher weist in einer Stellungnahme aus dem Jahre 2005 darauf hin, dass der Gebetsruf nicht nur eine religiöse Dimension ausfüllt, sondern ebenso politische und gesellschaftliche Aspekte umfasst. Sie schreibt: 

Es geht bei der Forderung nach dem Gebetsruf per Lautsprecher deshalb auch nicht darum, daß Muslime erst durch den Einsatz des Lautsprechers das islamische Gesetz in Deutschland treu erfüllen können, denn es ist kein Lautsprecher notwendig, damit das Gebet gültig wird. Der lautsprecherverstärkte Gebetsruf berührt auch keine sonstige Bestimmung der islamischen Pflichtenlehre.

Die größte Bedeutung hat der lautsprecherverstärkte Gebetsruf dagegen als Mittel der Verkündigung des Islam: Klassischerweise teilt der Islam die ganze Welt in zwei Bereiche ein, nämlich in einen Bereich, in dem der Islam schon Staatsreligion ist und die islamische Ordnung aufgerichtet ist; dies ist das „Haus des Islam“ (arab. dâr al-islâm). Im „Haus des Krieges“ (dâr al-harb) gilt das islamische Recht noch nicht. Das Bestreben, zumindest von politisch aktiven muslimischen Gruppierungen, von welchen sich etliche in Moscheevereinen organisieren, geht nun dahin, im „Haus des Krieges“ die islamische Ordnung aufzurichten. Das geschieht nicht unbedingt auf militärischem Wege, sondern durchaus auf friedlichem Weg, mit Hilfe einer Durchdringung der Gesellschaft mit dem Islam und seinen Werten, denn der Islam versteht sich ja als umfassendes System, das nicht nur die Religion eines Menschen bestimmt, sondern seine familiären und sozialen Beziehungen ebenso regelt wie Leitlinien für Politik und Wirtschaft gibt.

Bei der Forderung nach dem Gebetsruf per Lautsprecher geht es deshalb vor allem darum, dem Islam öffentlich Gehör zu verschaffen, ja seine Ausbreitung zu demonstrieren, den aus muslimischer Sicht einzig wahren Gott und seinen Propheten Muhammad auszurufen, sowie den Glauben an Allah öffentlich zu proklamieren. Der Gebetsruf hat also nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische und gesellschaftliche Komponente. Er ist ein Mittel islamischer Propaganda.

Mehr hier: www.islaminstitut.de.

Bullinger: Von der Beschaffenheit der Liebe

Heinrich Bullinger schreibt über die Liebe und die Werke der Barmherzigkeit (Schriften III, 2006, S. 216–217):

Nun will ich noch einige Schriftzeugnisse hinzufugen, aus denen sich die Beschaffenheit der Liebe besser erkennen lässt, falls das, was bisher angeführt worden ist, etwas offen lassen sollte. Paulus schreibt Folgendes an die Korinther [1 Kor 13,4–7]: »Die Liebe ist langmütig, sie ist gütig; die Liebe eifert nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie tut nichts Unschickliches, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht an; sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.« Und im Römerbrief schreibt der Apostel Paulus [vgl. Röm 12,10.13–16]: »Die Liebe schätzt den andern höher, sie nimmt sich der Bedürfnisse der Heiligen an, sie pflegt die Gastfreundschaft. Sie segnet, die sie verfolgen, und wünscht kein Unheil auf sie herab, sie freut sich mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden und lässt sich in die Gemeinschaft mit den Niedriggestellten hineinziehen.« Auch heißt es [Röm 13,8–10]: »Seid niemandem etwas etwas schuldig, außer dass ihr einander liebet. Denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn das Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren«, und wenn es irgendein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefasst, in dem: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.«

Hierher gehören auch die Werke der Barmherzigkeit, die so, wie sie aus der Liebe hervorgehen, auch vom Herrn im Matthäusevangelium aufgezählt werden. Es sind vor allem: die Hungernden sättigen, den Dürstenden zu trinken geben, die Heimatlosen und Fremden aufnehmen, die Nackten bedecken und bekleiden und die Kranken und Gefangenen besuchen und trösten [vgl. Mt 25,3 5f.]. Im Hinblick darauf sagt Laktanz in seinen »Göttlichen Unterweisungen«, Buch 6, Kapitel 12,191 »Eine besonders vornehme Tugend ist die Gastfreundschaft und das Speisen von Bedürftigen. Auch der Loskauf von Gefangenen ist ein großes und lobenswertes Werk der Gerechtigkeit. Ein nicht minder großes Werk der Gerechtigkeit ist es, Waisen und Witwen zu beschützen und zu verteidigen, wie es das Gesetz Gottes überall vorschreibt. Auch Kranke, die niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert, zu pflegen und zu unterstützen, ist ein großes Werk und entspricht höchster Menschlichkeit. Die letzte und höchste Aufgabe der Barmherzigkeit ist es, die Fremden und die Armen zu begraben.« So viel sei zu den Werken der Menschlichkeit gesagt, welche die wahre Nächstenliebe fordert.

[asa]329017283X[/asa]

In der dunklen Herzkammer des Corona-Staates

Jürgen Habermas hat in den Blättern für deutsche und internationale Politik den Aufsatz „Corona und der Schutz des Lebens“ veröffentlicht. Er ist in der für ihn typischen Sprache verfasst. Schwer zu lesen und noch schwerer zu verstehen. Enthalten ist etwa der auf den ersten Blick harmlose Satz:

Die asymmetrische Beanspruchung der Bürgersolidarität auf Kosten gleichmäßig gewährleisteter subjektiver Freiheiten kann durch die Herausforderungen einer Ausnahmesituation gerechtfertigt sein. Legitim ist sie somit immer nur auf Zeit. Wie diese außerordentliche Autorisierung auch ohne weitere Notstandsregelungen rechtsdogmatisch mit dem Grundgesetz in Einklang zu bringen ist, soll am Ende dieser Erörterung stehen.

Andreas Rosenfelder hat den Aufsatz gründlich gelesen und ist alles andere als begeistert:

Wer sich auf diese Verdrehung unserer Rechtsordnung einlässt, landet in einer verkehrten Welt, die man nur als Horrorszenario umschreiben kann. Die nun plötzlich behauptete „Pflicht“ des Staates, „alle Strategien auszuschließen, bei denen er Gefahr läuft, die wahrscheinliche Gefährdung von Leben und körperlicher Unversehrtheit einer vorhersehbaren Anzahl unschuldiger Bürger in Kauf zu nehmen“ und – wie es in einem geradezu grotesken Zusatz heißt – „also selber zu verursachen“, führt ohne Umwege zur Idee eines Staates, der zur Kontrolle und Beschränkung sämtlicher Lebensbereiche verdammt ist: „Überwachen und Strafen“, wie Habermas’ leider viel zu früh verstorbener Kollege Michel Foucault das 1975 genannt hat.

So soll die Anti-Infektions-Politik des Jürgen Habermas „konkurrierende Rechtsansprüche“ gar nicht mehr berücksichtigen. Die Unversehrtheit des Körpers darf dann nicht mehr gegen andere Grundrechte wie die freie Entfaltung der Persönlichkeit abgewogen werden, obwohl beide im selben Artikel 2 des Grundgesetzes festgeschrieben sind – mit der Person an erster und dem Leben an zweiter Stelle. Lediglich die Todesfolge lässt Habermas als Grund gelten, um eine wirksame Gesundheitsschutzmaßnahme zu verwerfen.

Mehr, allerdings hinter eine Bezahlschranke: www.welt.de.

Calvins engagierte Predigten

41ym4jA4wtS SX331 BO1 204 203 200Peter Adam schreibt in „‚Preaching of a Lively Kind‘  – Calvin’s Engaged Expository Preaching“ (in: Mark D. Thompson (Hg.), Engaging with Calvin, S. 13–41, hier S. 13–14):

Calvin hat drei Arten von Schriften veröffentlicht, jede mit einem bestimmten Zweck, einer eigenen Gattung und einem speziellen Publikum. Die erste war sein theologisches Schrifttum , vor allem die Institutio. Hier wandte er sich an die Weltkirche und ging auf ihre Probleme ein. Die Gattung war die dichte Erläuterung eines Überblicks über theologische Themen. Der zweite Stil war die Erläuterung der Bibeltexte in seinen Kommentaren, die seine Vorlesungen für Studenten oder Geistliche in schriftlicher Form darstellten. Auch diese waren für die Weltkirche bestimmt.

Der dritte Stil war der seiner Predigten. Diese richteten sich an die Genfer Gemeinden und gingen auf ihre Probleme ein. Das Genre war die Auslegung und Anwendung der Bücher der Bibel. Dieser Stil war ursprünglich eher zum Hören als zum Lesen gedacht. Ab 1549 wurden seine Predigten jedoch systematisch stenografisch aufgezeichnet und anschließend veröffentlicht. So wurden die Predigten, die für die Genfer Kirche bestimmt waren, für das gesamte Volk Gottes zugänglich … Er ist der bedeutendste und zugleich der am meisten vernachlässigte Stil Calvins … Sie sind deshalb so bedeutsam, weil Calvin wusste, dass die großen Wahrheiten der christlichen Offenbarung ein Geschenk Gottes an sein Volk waren. Sie richteten sich nicht in erster Linie an Theologen und Pfarrer. Das Predigen, nicht die Theologie oder Bibelkommentare, ist das Herzstück des Dienstes und der Kirche.

[asa]1844743985[/asa]

Bullingers Briefwechsel

Vom Zürcher Reformator Heinrich Bullinger (1504-1575) sind rund 12.000 Briefe überliefert, die er selbst geschrieben oder erhalten hat. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde rund ein Viertel der Briefe vom Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich ediert. Mit dem Projekt «Bullinger digital» soll nun der gesamte Briefwechsel gescannt, digital erfasst, durchsuchbar und übers Internet zugänglich gemacht werden.

Das Projekt «Bullinger digital»: wird am 3. November 2021 zwischen 17.30 bis 19.30 Uhr vorgestellt. Zu den Mitwirkenden gehören Prof. Dr. Peter Opitz (Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte, UZH) und Prof. Dr. Martin Volk (Institut für Computerlinguistik, UZH).

Hier weitere Informationen und eine Möglichkeit zur Anmeldung: bookwhen.com.

Aufstieg und Triumph des modernen Selbst

41+mYYRIPWL SX331 BO1 204 203 200Claudio Canonica hat für Daniel Option das faszinierende Buch Aufstieg und Triumph des modernen Selbst ausführlich rezensiert. Hier ein Auszug zum Einfluss von Jean-Jacques Rousseau auf die Romantik und indirekt auch auf die sexuelle Revolution:

Ein spannendes Kapitel von Truemans Buch untersucht den Einfluss von Rousseaus Denken auf die Poeten Wordsworth, Blake, und Shelley, welche ihrerseits eine ganze Generation der Romantik geprägt haben. Rousseau hat den Naturzustand des Menschen idealisiert, und Wordsworth malte darauf den Lesern seiner Werke eine Rückkehr zum natürlichen, ländlichen Leben vor Augen. Seine Gedichte sind geprägt von einer Antithese, einem Kampf zwischen Natur und Kultur, wobei die Natur das Ideal ist, das durch den schädlichen Einfluss der Kultur zerstört wird.

Das Thema von Shelleys Denken ist die innere, rohe Kraft der Natur, die den Poeten bewegt und zu künstlerischem Ausdruck befähigt. Der Dichter wird zu einer Art Propheten, der mit der Stimme des urtümlichen, absoluten und natürlichen Lebens spricht. Damit rücken Kunst und Ästhetik für Shelley in die Nähe von Ethik und Politik. Die wirklich wichtigen Tugenden können im Menschen nur durch Formen der Kunst erzeugt werden, und die Poesie ist es, die den Menschen wirklich zum Menschen macht und ihn zum moralischen Urteil befähigt. Gleichzeitig ist Shelley ein scharfer Kritiker des Christentums. Gott ist für ihn ein Prototyp menschlicher Tyrann[ei], und Religion ein Machtsystem zur Unterdrückung von Minderheiten.

Wichtiger für Truemans Buch ist allerdings, dass bei Shelley eine klare Verbindung zwischen Religion, politischer Unterdrückung, und Restriktionen sexueller Aktivität auftaucht. Im Zentrum dieses Zusammenhanges steht die monogame Ehe. Für Shelley, wie auch für andere Denker seiner Zeit, stellt sie nur ein soziales Konstrukt dar, ein christliches Relikt, das geschaffen wurde, um den natürlichen Instinkt der Liebe zu kanalisieren und letztlich zu unterdrücken. Der einzige Weg, um sexuelle Verbindungen im Einklang mit der Natur wiederherzustellen, ist daher die Abschaffung der Ehe. Christliche Vorstellungen von Moral und lebenslanger Ehe sind für Shelley Instrumente der Unterdrückung, die Menschen fortgesetzt daran hindern, authentisch zu leben, sie sind daher grundsätzlich böse, gegen die Natur des Menschen. Vielleicht ist hier die erste Vorahnung einer Revolution zu finden, die in ihrem tiefsten Kern sexuell und antireligiös ist.

An dieser Stelle der Hinweis, dass Evangelium21 in Zusammenarbeit mit dem Verlag Verbum Medien die Rechte für die Übersetzung des Buches erworben hat. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer deutschen Ausgabe und hoffen, diese im Jahr 2022 in den Buchhandel zu bringen. Als Team sind wir zuversichtlich, dass die pünktliche Herausgabe gelingt.

Falls jemand den Wunsch verspürt, die deutsche Ausgabe von The Rise and Triumph of the Modern Self: Cultural Amnesia, Expressive Individualism, and the Road to Sexual Revolution finanziell zu unterstützen, kann er sich gern mit mir über das Kontaktformular in Verbindung setzen. Wir können jede Form der Unterstützung gut gebrauchen. Das Projekt ist sehr ambitioniert. Vielen Dank!

Hier noch der Link auf die vollständige Rezension von Claudio Canonica: danieloption.ch.

Seminartage: Was vermag der Mensch?

In den letzten Jahren sind allerlei Publikationen erschienen, die das freie Vermögen des Menschen gegenüber der kirchlichen und insbesondere reformatorischen Lehre aufwerten (vgl. Ali Bonner, The Myth of Pelagianism, 2018; Kenneth M. Wilson, Augustine’s Conversion from Traditional Free Choice to »Non-free Free Will«, 2018; G. Goletiani, Der gnostische Einfluss in der Reformation, 2021, vgl. a. David Hunt, Eine Frage der Liebe, 2011 u. gemäßigter John Lennox, Vorherbestimmt?, 2019).

Kenneth Wilson hat sich sogar zu der Aussage hinreißen lassen, der Gott, an den Augustinus, Luther oder Calvin geglaubt haben, sei ein heidnischer Gott, der die Menschen hypnotisiere und manipuliere (siehe Kenneth M. Wilson, War Augustin der erste Calvinist?, 2020, S. 150; vgl. dazu „Hat Augustinus die abendländische ‚Ursünde‘ erfunden?“).

Der Einfluss dieser Schriften ist so groß, dass inzwischen von den Kanzeln mancher Gemeinden verkündet wird, Luther und Calvin seien durch die Lektüre von Augustinus unter den Einfluss des Manichäismus geraten und verkündeten nicht das Evangelium, welches uns in der Bibel offenbart ist, sondern den gnostischen Determinismus des Persischen Religionsgründers Mani (lat. Manes oder Manichaeus, 216–276/277 n.Chr.).

Das Institut für Reformatorische Theologie wird vom 29. Oktober bis zum 1. November 2021 im Evangelischen Allianzhaus in Bad Blankenburg Seminartage rund um dieses Thema veranstalten. Das Institut teilt mit:

Thema dieses Seminars ist die alte und stets aktuelle Frage, was der Mensch vor Gott tun kann. Daß Evangelikale und Katholiken in dieser Frage näher beieinander stehen, zeigt die neuerliche Veröffentlichung von Ken Wilson. „War Augustin der erste Calvinist?“, zu dem kein Geringerer als Dr. Roger Liebi ein lobendes Vorwort geschrieben hat.

Die Reformatoren hielten die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen für das entscheidende Thema der Reformation, wie Luther in seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ (1525) gegen den Humanisten Erasmus von Rotterdam betont.

Wer immer eine Antwort haben möchte auf die Frage, was der Mensch bei Gott vermag, ist herzlich zur Teilnahme eingeladen.

Aus dem Programm:

  • Der Streit über die Willensfreiheit zwischen Luther und Erasmus (Bernhard Kaiser)
  • Römer 9,6–13: Gottes freie Wahl (Ron Kubsch)
  • Eine Theologie des freien Willens? oder: Was lehrte Pelagius? (Ron Kubsch)
  • Eine Theologie des durch Gnade befreiten Willens (Ron Kubsch)
  • Allgemeine Heilsverheißungen und die Erwählung (Bernhard Kaiser)
  • Der Mythos von der freien Selbstbestimmung des Menschen (Bernhard Kaiser)
  • Römer 8,35–39: Die Gewissheit der Liebe Gottes (Bernhard Kaiser)

Das vollständige Programm mit einer Möglichkeit zur Anmeldung kann hier heruntergeladen werden: FaltblattSeminarOkt21.pdf.

Das gewöhnliche Leben

Andreas Reckwitz hat in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten den Nachweis erbracht, dass in der Kultur der Postmoderne das Allgemeine und Standardisierte nicht mehr viel zählt. Der Durchschnittsmensch steht unter einem Konformitätsverdacht. Das Maß aller Dinge sind die Besonderen, die authentischen Subjekte mit originellen Biographien und Interessen (Die Gesellschaft der Singularitäten, 2017, S. 4–5):

Das spätmoderne Subjekt performed sein (dem Anspruch nach) besonderes Selbst vor den Anderen, die zum Publikum werden. Nur wenn es authentisch wirkt, ist es attraktiv. Die allgegenwärtigen sozialen Medien mit ihren Profilen sind eine der zentralen Arenen dieser Arbeit an der Besonderheit. Das Subjekt bewegt sich hier auf einem umfassenden sozialen Attraktivitätsmarkt, auf dem ein Kampf um Sichtbarkeit ausgetragen wird, die nur das ungewöhnlich Erscheinende verspricht. Die Spätmoderne erweist sich so als eine Kultur des Authentischen, die zugleich eine Kultur des Attraktiven ist.

Sanft aber beharrlich hat sich diese Kultur des Besonderen auch in das Christliche eingeschlichen. Sichtbar sind diejenigen, die sich zu etwas Außergewöhnlichem gemacht haben.

Die Folgen sind fatal. Die treuen und „unscheinbaren“ Christusnachfolger werden nicht mehr wahrgenommen. Sichtbar ist, wer eine gute Performance hinlegt und durch Einzigartigkeit glänzt. Schlichtheit, Demut, Dienstbereitschaft und Beständigkeit werden eher negativ besetzt. Die Botschaften und Ansprüche gehen oft in diese Richtung: Du bist etwas ganz Besonderes! Lass nicht zu, dass jemand dein Potential einschränkt! Du bist für mehr geschaffen. Mach mehr Sport. Ernähre dich besser. Ein Pastor versteckt sich nicht hinter der Kanzel, er nimmt die ganze Bühne ein! Nimm dir Zeit für dich selbst. Beschaffe Dir einen Doktortitel! Eröffne deinen eigenen YouTube-Kanal. Werde ein Influencer!

Ich glaube, hier sind die Prioritäten ganz schön durcheinandergeraten. Ich empfehle dazu – nicht nur für Frauen – den Artikel „Eva, du darfst ein gewöhnliches Leben führen!“ von Melissa Kruger: www.evangelium21.net.

„Homosexuelle Ehe“ als kulturelle Revolution

Ich wünschte mir, solche klaren Aussagen mal im Raum des europäischen Protestantismus zu hören. Da kommt aber fast nichts, weil man die Macht des Zeitgeistes fürchtet. So lass ich eben einen katholischen Theologen zu Wort kommen. Joseph Ratzinger, bekannt als Papst Benedikt XVI, erhebt seine Stimme gegen die „Ehe für alle“ (Die Tagespost, 30.09.2021, Nr. 39, S. 25): 

Mit der Legalisierung der „homosexuellen Ehe“ in 16 Staaten Europas hat das Thema Ehe und Familie eine neue Dimension angenommen, an der man nicht vorbeigehen kann. Es zeigt sich eine Verbildung des Gewissens, die offenbar tief in die Kreise des katholischen Volkes hineinreicht. Darauf kann man nicht mit ein paar kleinen Moralismen antworten und auch nicht mit ein paar exegetischen Hinweisen. Das Problem geht tief und muss daher grundsätzlich bedacht werden.

Zunächst scheint es mir wichtig festzustellen, dass der Begriff einer „homosexuellen Ehe“ im Widerspruch zu allen bisherigen Kulturen der Menschheit steht, also eine kulturelle Revolution bedeutet, die sich der gesamten bisherigen Tradition der Menschheit entgegensetzt. Zweifellos ist die rechtliche und moralische Konzeption von Ehe und Familie in den Kulturen der Welt außerordentlich verschieden. Nicht nur der Unterschied zwischen Monogamie und Polygamie, sondern auch andere weitreichende Unterschiede sind festzustellen. Dennoch ist die Grundgemeinschaft nie in Zweifel gezogen worden, dass die Existenz des Menschen in der Weise von Mann und Frau auf Fortpflanzung hingeordnet ist und dass die Gemeinschaft von Mann und Frau und die Offenheit für die Weitergabe des Lebens das Wesen dessen ausmachen, was man Ehe nennt. Die Grundgewissheit, dass der Mensch als Mann und Frau existiert, dass die Weitergabe des Lebens dem Menschen aufgegeben ist und dass eben die Gemeinschaft von Mann und Frau dieser Aufgabe dient und dass darin wesentlich über alle Unterschiede hinweg die Ehe besteht, ist eine Urgewissheit, die in der Menschheit bis heute als Selbstverständlichkeit existiert.

…

So wird aber sichtbar, dass es bei der Frage der „homosexuellen Ehe“ nicht um etwas mehr Großzügigkeit und Offenheit geht, sondern die Grundfrage ist: Wer ist der Mensch? Damit geht es auch um die Frage: Gibt es einen Schöpfer, oder sind wir alle nur gemachte Produkte? Es steht die Alternative auf: Der Mensch als Geschöpf Gottes, als Bild Gottes, als Geschenk Gottes oder der Mensch als Produkt, das er selber herzustellen weiß. Wo der Schöpfungsgedanke preisgegeben wird, ist die Größe des Menschen preisgegeben, seine Unverfügbarkeit und seine alle Planungen übersteigende Würde.

Den vollständigen Text gibt es hier: www.die-tagespost.de.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner