„Homosexuelle Ehe“ als kulturelle Revolution

Ich wünschte mir, solche klaren Aussagen mal im Raum des europäischen Protestantismus zu hören. Da kommt aber fast nichts, weil man die Macht des Zeitgeistes fürchtet. So lass ich eben einen katholischen Theologen zu Wort kommen. Joseph Ratzinger, bekannt als Papst Benedikt XVI, erhebt seine Stimme gegen die „Ehe für alle“ (Die Tagespost, 30.09.2021, Nr. 39, S. 25): 

Mit der Legalisierung der „homosexuellen Ehe“ in 16 Staaten Europas hat das Thema Ehe und Familie eine neue Dimension angenommen, an der man nicht vorbeigehen kann. Es zeigt sich eine Verbildung des Gewissens, die offenbar tief in die Kreise des katholischen Volkes hineinreicht. Darauf kann man nicht mit ein paar kleinen Moralismen antworten und auch nicht mit ein paar exegetischen Hinweisen. Das Problem geht tief und muss daher grundsätzlich bedacht werden.

Zunächst scheint es mir wichtig festzustellen, dass der Begriff einer „homosexuellen Ehe“ im Widerspruch zu allen bisherigen Kulturen der Menschheit steht, also eine kulturelle Revolution bedeutet, die sich der gesamten bisherigen Tradition der Menschheit entgegensetzt. Zweifellos ist die rechtliche und moralische Konzeption von Ehe und Familie in den Kulturen der Welt außerordentlich verschieden. Nicht nur der Unterschied zwischen Monogamie und Polygamie, sondern auch andere weitreichende Unterschiede sind festzustellen. Dennoch ist die Grundgemeinschaft nie in Zweifel gezogen worden, dass die Existenz des Menschen in der Weise von Mann und Frau auf Fortpflanzung hingeordnet ist und dass die Gemeinschaft von Mann und Frau und die Offenheit für die Weitergabe des Lebens das Wesen dessen ausmachen, was man Ehe nennt. Die Grundgewissheit, dass der Mensch als Mann und Frau existiert, dass die Weitergabe des Lebens dem Menschen aufgegeben ist und dass eben die Gemeinschaft von Mann und Frau dieser Aufgabe dient und dass darin wesentlich über alle Unterschiede hinweg die Ehe besteht, ist eine Urgewissheit, die in der Menschheit bis heute als Selbstverständlichkeit existiert.

So wird aber sichtbar, dass es bei der Frage der „homosexuellen Ehe“ nicht um etwas mehr Großzügigkeit und Offenheit geht, sondern die Grundfrage ist: Wer ist der Mensch? Damit geht es auch um die Frage: Gibt es einen Schöpfer, oder sind wir alle nur gemachte Produkte? Es steht die Alternative auf: Der Mensch als Geschöpf Gottes, als Bild Gottes, als Geschenk Gottes oder der Mensch als Produkt, das er selber herzustellen weiß. Wo der Schöpfungsgedanke preisgegeben wird, ist die Größe des Menschen preisgegeben, seine Unverfügbarkeit und seine alle Planungen übersteigende Würde.

Den vollständigen Text gibt es hier: www.die-tagespost.de.

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12 Kommentare
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Matze

Ist es denn ein Wunder, dass der normale Christ sich da nicht die Augen reibt: auf der einen Seite klare moralische Thesen von Ratzinger und sein von vielen Seiten gelobte Jesusbuch. Auf der anderen Seite das theologisch immer weiter Aufweiten von evangelischer und freikirchlicher Seite bis hin zu “ Glauben, lieben, hoffen“. Da wundert es nicht, dass die fehlende Klarheit bei der Rechtfertigungslehre wie in dem Artikel über Sproul in der kath. Kirche untergeht in der Betrachtung von Mister Normalchrist. Wenn die Evangelikalen schon nicht klar stehen was regen wir uns dann über das unklare in der kath. Kirche auf?

Udo

Doch es gibt sie, die Stimmen aus dem Protestantismus. Allerdings leider weit zurück in der Vergangenheit: „In der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses wird praktizierte Homosexualität ausnahmslos zu den Verhaltensweisen gerechnet, in denen die Abwendung des Menschen von Gott besonders eklatant zum Ausdruck kommt. An dieser Stelle liegt die Grenze für eine christliche Kirche, die sich an die Autorität der Schrift gebunden weiß. Wer die Kirche dazu drängt, die Norm ihrer Lehre in dieser Frage zu ändern, muss wissen, dass er die Spaltung der Kirche betreibt. Denn eine Kirche, die sich dazu drängen ließe, homosexuelle Betätigung nicht mehr als Abweichung von der biblischen Norm zu behandeln und homosexuelle Lebensgemeinschaften als eine Form persönlicher Liebesgemeinschaften neben der Ehe anzuerkennen, eine solche Kirche stünde nicht mehr auf dem Boden der Schrift, sondern im Gegensatz zu deren einmütigem Zeugnis. Eine Kirche, die einen solchen Schritt tut, hätte darum aufgehört, evangelische Kirche in der Nachfolge der lutherischen Reformation zu sein“ (Wolfhart Pannenberg: Beiträge zur Ethik, Göttingen 2004, S.… Weiterlesen »

Last edited 23 Tage zuvor by Udo
Chrissen

Hm … Also „der“ Protestantismus (zumindest in Erscheinung) der Evangelischen Kirche Deutschlands und all ihrer zugehörigen Institutionen, Vereine und Verbände „fürchtet“ nicht mehrheitlich „die Macht des Zeitgeistes“, er WILL den Zeitgeist. So schaut Euch doch mal die Funktionäre, Oberen, Mitarbeiter, „Aktivisten“, Pfarrer und Theologen dieser Kirche an – sie alle haben tatsächlich oder zumindest „geistig“ das Parteibuch wahlweise bei den Grünen, der SPD oder bei der Linkspartei. Vor ein, zwei Wochen hat mein Vater, obwohl er ein Ungläubiger ist, aber durch die Säuglingstaufe Zwangsmitglied in der EKD wurde, wieder mal so ein Magazin der Evangelischen Kirche für Frankfurt und Offenbach bekommen. Als ich darin blätterte, dachte ich, mir wird schlecht: Vegan, Klimawandel, Flüchtlinge und, haltet Euch fest, ein durchgegenderter Götze, weil man ernsthaft behauptet, das Christentum hätte den Gott der Bibel „vermännlicht“. Gott stand dort schon gar nicht mehr im Artikel, dort stand „Gott/m/w/d/*“ – muß man dazu noch etwas sagen oder schreiben? Das ist doch total antichristlich und antibliblisch!… Weiterlesen »

Chrissen

Nachtrag: Ich hätte mir den Hinweis auf die Irrlehren sparen sollen, denn dieser Hinweis entkräftet nur Ratzingers Worte. Ich bitte um Entschuldigung. Ich schätze Ratzinger als frommen und ehrlichen Christen, anders als den kryptokommunistischen Bergoglio.

Udo

Wenn man das Gottesbild an die Gesellschaft anpasst und an die eigenen Vorlieben bleibt nur ein Götze übrig. Eine menschliche Einbildung, die spätestens mit dem Ende der jetzigen Gesellschaft im Mülleimer der Geschichte landet, wie alle Götzen.

Matze

Fatal sind auch die Aussagen Eggers im Dialog im Markus Till. Er meint, dass man sich mehr um die Nachfolge und um Mission kümmern soll als um die gemeinsame Basis. Auf Grund von was geschieht dann Nachfolge und Mission? Dann macht das jeder anders, weil es keine klare theologische Basis gibt? Hauptsache alles hat das Mäntelchen christlicher Glaube um egal welche Ziele verfolgt werden? Kann so Glaube noch ernsthaft und glaubwürdig gelebt werden?

David

@Udo:

Ist zwar lange her, dass ich im Religionsunterricht Feuerbach lesen musste (also plakative sieben Sätze, die keineswegs repräsentativ für den betreffenden Text waren; das schien unserem Lehrer wichtig zu sein).
Habe dem auch nichts abgewinnen können und halte seine Thesen im Bezug auf das Christentum für Blödsinn. Im Bezug auf das EKD–tum aber scheint er nicht allzu sehr daneben zu liegen…
Hm, oder hat er damals schon diese häretischen Pseudoprotestanten gemeint? Vielleicht brauchen wir eine „New Perspektive on Ludwig“; der Arme wurde bestimmt die ganze Zeit missverstanden 🙂

Schönen Tag noch…

Udo

Ja, man könnte auch noch einen Atheisten unserer Zeit zu Wort kommen lassen, den 2011 verstorbenen Journalisten und Buchautor Christopher Hitchens: „If the Bible isn‘t a magic Book, Christianity evaporates.“ Wenn ich das mal frei übersetze, „Wenn die Bibel kein übernatürliches Buch ist, verdampft der christliche Glaube.“, dann kann ich ihm nur beipflichten. Die Verdampfer des christlichen Glaubens sind überall in den Kirchen und Gemeinden und unserer Gesellschaft aktiv.

Jutta

Es ist nicht Ratzingers Kirche, und ich vermisse das ebenso, dass Evangelen sich aus dem Fenster lehnen und mal ein klares Statement abgeben. Es ist leicht – ich habe das früher auch getan – immer und immer wieder die Katholische Kirche anzugreifen, und warum? Weil sie als Institution eben sehr präsent ist .. und das schon seit 1500 Jahren. Mit allen Höhen und Tiefen. Und was den MIßbrauch betrifft: ja, es ist am erschreckendsten, wenn Menschen, die sich Gott geweiht haben, so etwas tun, durch nichts zu entschuldigen und strafrechtlich zu ahnden. In voller Härte. Und wenn sie nicht bereuen und umkehren, wird GOTT sie entsprechend richten und dann können sie den Himmel vergessen. Aber in der evangelischen Kirche, in Freikirchen, in Brüdergemeinden kommt das ebenso vor, und (am meisten immer noch) in den Familien, in Sportvereinen (ich habe das auch von einer früheren Freundin erfahren, die das selbst erlebt hat mit 11 im Reitstall, die das aber hat über… Weiterlesen »

Last edited 22 Tage zuvor by Jutta
Jeppe

Dem Ratzinger ist zu danken, dass er so unumwunden dieses heiße Eisen anfasst. In meinem Augen legt er den Finger sehr genau auf den wunden Punkt. Und zwar in seiner schlichten Feststellung, dass Sexualität und Fruchtbarkeit untrennbar zusammengehören: „ das grundlegend Neue, das sie [die Pille] als solche bedeutet – eben die grundsätzliche Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit. Diese Trennung bedeutet nämlich, dass damit alle Formen der Sexualität gleichberechtigt werden.“ Und wer es akzeptiert, dass A von B getrennt werden kann, wird nur schwerlich argumentieren können, dass B von A nicht getrennt werden darf…

Darum ist es auch kaum verwunderlich, dass von protestantischer Seite kaum etwas zu hören ist. Rowan Williams hat schon vor Jahren festgestellt, dass eine Kirche die die Legitimität künstlicher Verhütung akzeptiert, nur schwerlich etwas gegen gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehung sagen kann.

Liegt hier womöglich die Crux des Schweigens in der protestantischen Christenheit?

Udo

Die Themen „künstliche Verhütung“ und „praktizierte Homosexualität“ miteinander zu verquicken halte ich nicht für zielführend, und es ist mir nicht bekannt, dass das in der Bibel geschieht. Beides sollte und kann getrennt ethisch bewertet werden. Dies ist vor allem deshalb auch nötig, weil mit dem Thema Verhütung viele gesellschaftliche Herausforderungen in einer von Gott abgefallenen Welt verbunden sind wie Überbevölkerung, Armut, Hunger, fehlende Gesundheit, Migrationsdruck usw.
Die Aussage von Rowan Williams wäre ja sozusagen auch eine Vorlage, praktizierte Homosexualität als Kirche zu befürworten.