Autorenname: Ron

Gedankenpolizei

Frank Furedi, Professor für Soziologie an der University of Kent in Großbritannien, warnt in einem Beitrag vor der Sprach- und Gedankenpolizei, die den Narrativ einer Elite etablieren möchte. Er untermauert seine Behauptung anhand konkreter Beispiele. Erschienen ist der Artikel bei SPIKED, in einer Übersetzung hier einsehbar. Ich zitiere:

Sprache, Denken und Kultur werden in einem erschreckenden Ausmaß überwacht. Während des letzten Jahrzehnts und besonders im letzten Jahr haben einflussreiche Personen versucht, das Narrativ, durch das sich die Gesellschaft selbst versteht, zu verändern.

Ein heimtückischer Kreuzzug ist im Gange, der darauf abzielt, zu kontrollieren, was die Öffentlichkeit sieht, hört, denkt und glaubt. Dieses Projekt, das in verschiedenen westlichen Kulturen nach Hegemonie strebt, ist nicht weniger gefährlich als frühere Versuche der Gedankenkontrolle durch totalitäre und theokratische Regime. Aber da diese Kampagne keinen Namen hat und keine explizite Ideologie fördert, wird ihre Bedeutung tendenziell unterschätzt, auch von denen, die sich den vielen Versuchen der Sprach- und Gedankenkontrolle widersetzen. Eine neue identitätsbesessene, antihumanistische und antizivilisatorische Erzählung hat sich durchgesetzt. Wir werden zunehmend gedrängt, unsere Sprache zu ändern, bisher unbekannte Wörter zu verwenden und zutiefst fragwürdige Behauptungen zu akzeptieren. Diese Kampagne ist deshalb so erfolgreich, weil ihre Gegner ihre Bedeutung nicht begriffen haben.

Das Dilemma der Künstler

Hans Rookmaaker (aus: Art Needs No Justification): 

Wir wollen, dass Künstler ernsthaft sind und tiefe Dinge schaffen, die fast einen ewigen Wert haben, Dinge, über die die Menschen der Kultur noch Jahrhunderte später sprechen können. Aber wenn sie erfolgreich sein wollen, müssen sich die Künstler dem gegenwärtigen Geschmack beugen, kommerziell sein und den Clown spielen, statt den Weisen. Künstler stehen also inmitten widersprüchlicher Anforderungen.

Agendawissenschaft

Die Welt nicht verstehen, sondern verbessern: Das ist das Ziel vieler akademischer Aktivisten. So gut die Absicht sein mag, so schlecht ist oftmals das Resultat. Denn am Ende zählt die richtige Gesinnung mehr als das Wissen. Sandra Kostner, die Diversitätsbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, plädiert in der NZZ für die freie Lehre und Forschung. 

Zitat: 

Studenten, die das agendawissenschaftliche Programm radikalisieren oder einfach nur Macht über andere ausüben möchten. So haben es sich manche zur Aufgabe gemacht, Disziplinarmassnahmen für Dozenten einzufordern, deren Lehrinhalte oder deren Sprachgebrauch von der «richtigen» Gesinnung abweichen. Die Anklage lautet stets: rassistisch, sexistisch, anschlussfähig an rechte Diskurse, femo-/homonationalistisch oder islamophob. Vorgebracht werden die Anschuldigungen über Social-Media-Accounts oder über Beschwerdebriefe an Leitungsebenen. Die Zahl der Studenten, die Sanktionen für Lehrende fordern, deren Seminarinhalte nicht deckungsgleich mit ihrer moralischen Komfortzone sind, wächst auch im deutschsprachigen Raum. Hochschulen – und hier sind zuvörderst die Leitungsebenen gefragt – müssen wissenschaftsfeindlichen Tendenzen resolut entgegentreten, solange sie können. 

Hier: www.nzz.ch.

Redefreiheit in der Wissenschaft?

Die Maria-Sibylla Lotter sieht die Redefreiheit an den deutschen Universitäten bedroht. Sie sagt in einem DLF-Kommentar:

Ist die Rede von der Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit also Humbug, wie unlängst in einer ARD-Kontraste-Sendung behauptet wurde? Leider nein, denn zur Wissenschaftsfreiheit gehört nicht nur der Schutz vor staatlicher Willkür. Sondern auch die Freiheit, unübliche Thesen zur Diskussion zu stellen. Das ist aber nur in einer Kultur der intellektuellen Bescheidenheit, moralischen Zurückhaltung, Toleranz und Neugierde möglich.

Nur wer weiß, dass er in fachlichen wie in moralischen Fragen falsch liegen könnte, freut sich über die Konfrontation mit beunruhigenden Thesen oder Nachfragen: Weil sie einen dazu zwingen, die eigenen oft vagen und ungeklärten Meinungen einmal genau aus zu buchstabieren und zu überprüfen. Heute scheint jedoch oft das Bedürfnis zu überwiegen, seine moralische und politische Orientierung nicht in Frage stellen zu müssen. Eine Selbstüberschätzung mit Folgen für die Freiheit der Wissenschaft. Sie scheint dann nur ein Vorwand, falschen, feindlichen und bösen Ansichten eine Plattform zu bieten.

Hier:

„Unverschämt schamlos“ – Das neue Buch von Nadja Bolz-Weber bringt keine Befreiung

Mehrfach habe ich im TheoBlog über Thesen der in emergenten Kreisen so beliebten Nadia Bolz-Weber berichtet (vgl. hier u. hier). Im Frühjahr 2019 ist ihr Buch Unverschämt schamlos im Brendon-Verlag erschienen. Michael Pieper hat das Buch gelesen und stellt hier seine Buchbesprechung freundlicherweise zur Verfügung. Vielen Dank!

Nadja Bolz-Weber, „Unverschämt schamlos – mein Plädoyer für eine sexuelle Reformation“

Bolz WeberNadja Bolz-Weber fordert in Unverschämt schamlos schon im Titel eine sexuelle Reformation. Mit dieser Anspielung auf die protestantische Reformation vor über 500 Jahren stellt sie sich auf die Seite der Guten.

Sie beginnt mit dem „scheußlichen Gesetz“. North Carolina hat beschlossen, dass jeder auf die Toilette gehen muss, die seinem Geschlecht zugeordnet werden kann. Hilfsweise das Geschlecht, welches im Führerschein eingetragen ist. Sie erzählt viele Geschichten aus dem Leben ihrer Gemeindemitglieder, einer Kirche mit Namen „House for all Sinners and Saints“ in Denver. Da ist beispielsweise Cecilia, die mit dem Sex bis zur Ehe wartete – so hatte sie das in ihrer Kirche gelernt – und dann an den Falschen geriet. Dieser Mann betrog sie und sie betrog ihn daraufhin ebenfalls – um besser mit seinem Betrug klar zu kommen. Bolz-Weber spricht Cecilia von aller Schuld frei: „Da ist überhaupt nichts Falsches dran.“ Was sich anhört wie eine drittklassige TV-Soap, ist so ziemlich genau das Muster, das sich in „Unverschämt-schamlos“ andauernd wiederholt. Die Namen ändern sich, die sexuelle Orientierung der Protagonisten auch. Schämen muss sich in ihrem Buch eigentlich nur derjenige, der noch glaubt, die Bibel gebe irgendeinen Rahmen für Sexualität.

Eine biblische Sexualethik, wie sie in konservativen Gemeinden zum Teil noch vertreten werde, zerstöre Menschen. So könnte man ihr Buch kurz zusammenfassen. Das Wort Sexualethik impliziert hier allerdings fälschlicherweise, dass es Schranken oder gar Verbote bei Bolz-Weber gäbe; ich habe allerdings keine gefunden. Doch auch die Autorin erkennt, dass dies nicht möglich ist, ohne die Bibel in weiten Teilen umzudeuten. So findet man auf Seite 96 eine Szene, in der sie mit ihrer lesbischen Freundin gemeinsam Seiten aus der Bibel reißt und verbrennt, um mit sich selbst wieder versöhnt zu sein.

Für sie sei der Sündenfall eine Erfindung Augustinus’, weil dieser eine Erektionsstörung in einem römischen Bad hatte (vgl. S. 59). „Augustinus hätte nämlich Scham empfunden über seine eigenen sexuellen Neigungen wie auch Reue über sein ausschweifendes Verhalten vor seiner Bekehrung zum Christentum.“ Das sei „Psychokacke eines einzigen Mannes“. Erstaunlich, dass sie als Quelle einen Artikel im „New Yorker“ vom 19.7.2017 angibt. Nicht gerade theologische Fachliteratur! Wer in diesem Buch eine ordentliche, in Ansätzen wissenschaftliche Auseinandersetzung erwartet, bleibt leider schwer enttäuscht.

Grundproblem sei die Hegemonie des Mannes, die in häretischer Weise mit dem 1. Buch Mose begründet werde. Diese Häresie definiert sie mit einem Zitat von Schleiermacher: „Was den Schein des Christentums wahrt und dennoch seinem Wesen widerspricht.“ „Jeden Tag erdulden Frauen unzählige Arten von Akten männlicher Dominanz“ (S. 56). Frauenrollen in konservativen Gemeinden seien reduziert auf „schön aussehen für den Ehemann“ und „Dienerin sein“.

Sehr spannend ist die sogenannte Denver-Erklärung (S. 126), die von ihr und ihren queeren Gemeindemitgliedern als Antwort auf die Nashville Erklärung geschrieben wurde. So schreibt sie z.B.:

  • „Wir bekräftigen, dass Gott uns als sexuelle Wesen in endloser Vielfalt geschaffen hat. Wir lehnen ab, dass die einzige Erscheinungsform der Sexualität, die als heilig angesehen werden kann, die eines cis-gender und heterosexuell orientierten Ehepaars ist, das mit dem Sex bis zur Heirat wartet.“
  • „Wir bekräftigen, dass Christus uns zur Freiheit befreit hat … (hier stehen wir; wir können nicht anders) … Wie lehnen ab, dass es Sünde ist, queere Identitäten zu befürworten und dass eine solche Befürwortung eine essenzielle Abkehr von christlicher Treue und christlichem Zeugnis darstellt.“

Geht man weg von einer biblisch fundierten Sexualethik, hat das Auswirkungen auf die Frage nach dem Menschsein und dem Wert des Menschen. Fast konsequent erkennt man das an ihrer Haltung zur Abtreibung, die sie befürwortet. Sie selbst hat abgetrieben. Einerseits erinnert sie sich: „Manchmal rechne ich. Wie alt wäre das Kind …“ Letztlich kommt sie aber doch zu dem Schluss: „Zutiefst wahr ist, dass ich nie, selbst nachdem ich Kinder hatte, selbst nachdem ich Pastorin geworden bin, auch nur eine einzige Minute lang meine Entscheidung bereut habe. Sie war richtig“ (S. 146). So richtig glauben kann man ihr das nicht.

Sehr spannend sind auch ihre historischen Ausflüge, denen zufolge Evangelikale eigentlich immer für Abtreibung gewesen seien. Abtreibung sei erst ab 1968 zum politischen Kampfthema gemacht worden. Man suchte einfach ein neues, einendes Thema, nachdem man politisch nicht verhindern konnte, dass Schwarze die christlichen Privatschulen besuchen.

Es macht tieftraurig, dieses Buch zu lesen. Die Sorge, dass sich junge Evangelikale der immer lauter schreienden hedonistischen Gegenwartskultur anpassen werden, ist sicherlich nicht unbegründet.

Mein Kommentar zu Unverschämt schamlos auf der Shopseite des SCM ist fast sechs Wochen gesperrt und erst nach einem persönlichen Anschreiben an die Geschäftsführung veröffentlicht worden. Es ist erstaunlich, dass ein christlicher Verlag, der Brendow-Verlag, dieses Buch herausgegeben hat und ein christlicher Büchershop es sogar mit dem Versprechen eines „befreiten Lebens“ bewirbt.

Michael Pieper

Nachteile der Fremdbetreuung

Spätestens ein Jahr nach der Geburt eines Kindes haben die meisten Eltern in Deutschland eine schwere Entscheidung zu treffen: Wollen wir unser Kind in einer Krippe fremdbetreuen lassen? Oder erziehen wir es lieber selbst? Manchen Eltern bleibt aus finanziellen Gründen gar keine Wahl. Sie können mit einem Gehalt die Familie nicht mehr versorgen. Allerdings setzt die Fremdbetreuung sehr viele Kinder unter enormen Stress. Hanne K. Götze, die Autorin des Buchs Die Sehnsucht kleiner Kinder, erklärt anhand von Fakten und eigenen Erfahrungen, wie das Leben in den Kinderkrippen stresst. Einen Auszug veröffentliche das Magazin FOCUS:

Ich möchte noch einmal zusammenfassen, was das alles für ein kleines Kind heißt: Es muss jeden Tag aufs Neue mit der Trennung fertigwerden. Jedes Unwohlsein, jedes „Böckchen“, jedes Aua, jeder Kummer wegen eines weggenommenen Spielzeugs usw. muss immer vor „Publikum“ und sozusagen bei fremden Leuten durchgestanden werden. Die Signale, die es aussendet, werden kaum wahrgenommen oder verstanden. Die Mama ist nicht da. Und die Erzieherin, an die es sich möglicherweise langsam gewöhnt hat, ist auch nicht immer da.

Außerdem gibt es noch so viele kleine Konkurrenten um ein wenig Zuwendung. Das ist Stress pur: Die Kinder müssen sich den ganzen Tag lang auf einer höheren emotionalen Reifestufe bewegen, als sie tatsächlich sind.

So ist es kein Wunder, dass sich die Kinder in der Trennungssituation anders verhalten als im vertrauten Bindungszusammenhang. Ihr Spielverhalten verändert sich. Der Prager Forscher Zdeněk Matějček stellte bereits in den 1970er-Jahren fest: Das Spiel wird inhaltsärmer, stereotyper und weniger ausdauernd.xxi Manche Kinder reagieren auch mit verstärkter Aggressivität oder mit innerem Rückzug. Eine finnische Studie von 1979 ergab: Isolation/Rückzug treten bei 54 %, Unruhe bei 66 %, Hyperaktivität bei 21 %, Zorn bei 34 %, Schlaf- und Essstörungen bei 31–56 % der Kinder auf.

Mehr: www.focus.de.

Diskussionseinengung

Der Berliner Kolumnist Gunnar Schupelius wurde kürzlich Opfer eines linksextrem motivierten Brandanschlags (siehe hier). Im Interview mit der NZZ spricht er über Gefahren für die Meinungsfreiheit und den Unterschied zwischen Meinung und Haltung. Das krude Toleranzverständnis der gewaltbereiten Linken wird deutlich benannt: 

Es ist wirklich eine paradoxe Situation. Das sind Leute, die für sich in Anspruch nehmen, für die richtige Sache zu kämpfen. Dazu gehört auch die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, aber davon halten sie nichts.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Diskussion eingeengt wird. Man muss sich zum Beispiel sofort dafür rechtfertigen, wenn man Abtreibung kritisch sieht. Ist man für die bedingungslose Freigabe, so gibt es diesen Rechtfertigungsdruck nicht. Die Informationsbasis ist dabei für beide Seiten die gleiche – zieht man aber unterschiedliche Schlüsse, so wird nicht mehr sachlich, sondern moralisch gewertet. Und was moralisch höherwertig ist, das zu entscheiden, nimmt eine kleine Gruppe für sich in Anspruch. Ähnlich ist es beim Thema Klimawandel.

Mehr: www.nzz.ch.

Manfred Stolpes unermüdlicher Einsatz

Als ich Heinrich Bedford-Strohms Stellungnahme zum Tod von Manfred Stolpe las, hat es mir fast die Sprache verschlagen. Mit keinem Wort hat der EKD-Ratsvorsitzende den zwielichtigen Machwillen Stolpes erwähnt. Stattdessen ist zu lesen:

Mit großer Dankbarkeit erinnere ich an Manfred Stolpes unermüdlichen Einsatz für die evangelische Kirche in der DDR sowie als Partner und Brückenbauer zwischen der evangelischen Kirche in Ost und West“, erklärte Bedford-Strohm. „In seiner Verantwortung als Funktionsträger einer christlichen Kirche in der DDR ist Stolpe immer wieder auch in zwiespältige Situationen geführt worden, die ihn auch als Christ herausgefordert haben. Wir haben in Manfred Stolpe einen Menschen kennengelernt, der mit schwierigen Entscheidungen gewissenhaft umgegangen ist. Seine Verdienste um die deutsche Einheit und sein Eintreten für die Aussöhnung zwischen Ost- und Westdeutschland bleiben unvergessen. Die Bedeutung des Zuhörens in Zeiten, in denen einfache Antworten Konjunktur haben, hat er mit großem Nachdruck immer wieder betont.“

Was werden wohl diejenigen denken, die in der ehemaligen DDR unter Stolpe gelitten haben, weil er als IM Sekretär ein fleißiger Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen ist? Bedford-Strohm solidarisiert sich mit einem Täter, nicht mit den vielen Opfern. Der sächsische Kirchenrat Prof. Karl-Hermann Kandler soll einmal gesagt haben: „Keiner hat so wie Stolpe dazu beigetragen, Ex-Stasileute und SED-Genossen nach 1990 hoffähig zu machen!“ Einzelheiten über Stolpes Strategien können hier nachgelesen werden. Einen Fall möchte ich direkt zitieren:

In einem Schreiben Stolpes an das Mitglied des Politbüros der SED Joachim Herrmann, vom 29.06.1987,  kommentierte er die Liebknecht- Luxemburg-Demo vom 17.01.1988.  Hier bezeichnete er Bohley, Klier, Krawczyk als: „radikalen Kräfte, die man nicht so schnell ausreisen lassen dürfe, damit kein Beispiel gesetzt werde“ Im Zusammenhang mit Ausreisewilligen und Anhängern der Friedensbewegung erklärt Stolpe, er befürwortete: „hartes staatliches Reagieren“. Stolpe bezeichnete protestierende Ausreisewillige als: „am Rande des Terrorismus stehend“. Er erklärte: „die Notwendigkeit einer staatlichen Abschreckungsmethode gegenüber Ausreisewilligen“

Dankbar bin ich für den Kommentar von Peter Hahne, der Stolpe als Korrespondent und Mitglied des EKD-Rates kannte. In „Manfred Stolpe hatte viele Gesichter“ schreibt er:

Klar, dass Stolpe in seiner Position zur DDR-Zeit auch mit der Stasi reden musste. Aber er hätte – wie es die Kirche vorschrieb – seine Vorgesetzten informieren müssen. Stattdessen hat er erst 1992 zugegeben, mehr als 20 (!) Jahre lang über 1.000 Mal größtenteils konspirativ mit der Stasi verhandelt zu haben. Dabei informierte er den Geheimdienst, der Christen bespitzeln ließ und manche buchstäblich ans Messer lieferte, sogar über Personalangelegenheiten. Jeder Pfarrer hatte schon bei viel weniger Kontakten ein Disziplinarverfahren am Halse – Stolpe nicht. Noch viel bedenklicher: Er nahm vom SED-Regime wertvolle Geschenke an und erhielt 1978 als „IM Sekretär“ auf allerhöchsten Befehl sogar die Verdienstmedaille der DDR. Bundesminister Jürgen Warnke (CSU), mit dem zusammen ich damals im Rat der EKD saß, forderte deshalb zu Recht, Stolpe sollte sein Amt als Ministerpräsident ruhen lassen. Dem schloss sich sogar die linke Hamburger Bischön Maria Jepsen an.

Calvin: Die Fäulnis des Fleisches in den guten Werken

Johannes Calvin über die gute Werke der wiedergeborenen Christen (Institutio, 1559, III,14,9):

Wir bekennen: Wenn uns Gott durch das Eintreten der Gerechtigkeit Christi für uns mit sich versöhnt, uns aus lauter Gnaden die Vergebung der Sünden schenkt und uns so als gerecht ansieht, dann ist mit solcher Barmherzigkeit zugleich die Wohltat verbunden, daß er durch seinen Heiligen Geist in uns wohnt. Durch die Kraft dieses Geistes wird alle Begehrlichkeit unseres Fleisches von Tag zu Tag mehr ertötet, wir aber werden geheiligt, das heißt: Wir werden dem Herrn zu wahrhaftiger Reinheit des Lebens geweiht, und zwar dadurch, daß unser Herz so gestaltet wird, daß es dem Gesetz Gehorsam leistet. Unser Wille soll also darin sein vornehmstes Ziel haben, seinem Willen zu dienen und seinen Ruhm auf alle Weise zu fördern. Allein, selbst wenn wir unter der Leitung des Heiligen Geistes auf den Wegen des Herrn wandeln, bleiben noch immer Reste von Unvollkommenheit an uns, die uns allen Grund zur Demut geben, damit wir uns nicht selbst vergessen und unser Herz aufblähen! „Es gibt keinen Gerechten“, sagt die Schrift, „der Gutes täte und nicht sündigte!“ (1. Kön. 8,46; nicht genau). Was für eine Gerechtigkeit wollen die Gläubigen also noch aus ihren Werken erlangen? Zunächst behaupte ich: Auch das Beste, das sie Vorbringen können, ist noch immer von der Unreinigkeit des Fleisches benetzt und verderbt und es ist gewissermaßen stets mit irgendwelchem Bodensatz untermischt. Ein heiliger Knecht Gottes, sage ich, soll einmal aus seinem ganzen Leben das auswählen, was nach seiner Meinung die hervorragendste Tat seines Lebenslaufs gewesen ist, er soll alle Einzelheiten genau überdenken. Er wird dann ohne allen Zweifel an irgendeiner Stelle etwas vorfinden, das die Fäulnis des Fleisches empfinden läßt. Denn unsere Freudigkeit, Gutes zu tun, ist nie, wie sie sein sollte, sondern unser Lauf ist gehemmt, und daran offenbart sich viel Gebrechlichkeit! So sehen wir, daß die Makel, mit denen die Werke der Heiligen befleckt sind, nicht verborgen sind. Aber nehmen wir trotzdem an, diese Flecken seien ganz, ganz klein – werden sie darum auch Gottes Augen keinen Anstoß geben, vor denen doch nicht einmal die Sterne rein sind? (Hiob 25,5). Wir kommen also zu dem Ergebnis, daß von den Heiligen nicht ein einziges Werk ausgeht, das nicht, an sich selbst betrachtet, als gerechten Lohn die Schmach verdiente!

Erfrischung in einer Zeit der geistlichen Dürre?

Auch Christen geht manchmal die geistliche Leidenschaft verloren. Diese Zeiten werden gern als „geistliche Dürre“ bezeichnet. Solche Tage oder Monate erinnern uns daran, dass wir nicht über geistliche Frische verfügen können. Doch aufgepasst: Es könnte sein, dass die Trockenheit etwas mit unserem Lebensstil zu tun hat. Derek J. Brown spürt in einem Artikel möglichen Ursachen nach. Er nennt:

  • UNGEHEMMTE LUST
  • STOLZ
  • GELDLIEBE
  • MANGEL AN BIBELLESEN, MEDITATION UND GEBET
  • ZU VIEL ZEIT IM HAUS
  • BEWEGUNGSMANGEL
  • VERNACHLÄSSIGUNG DER VERANTWORTUNG
  • AUSBLENDUNG VON VERANTWORTUNG
  • MORBIDE SELBSTBEOBACHTUNG
  • DAS EVANGELIUM VERGESSEN UND IM LEGALISTISCHEN LEBEN

Hier mehr, wenn auch nur in englischer Sprache: equip.sbts.edu.

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