Jesus als sittlich-religiöses Genie
Als ich vor rund 14 Jahren hier H. Richard Niebuhr zitierte, wusste ich noch nicht, dass sein Buch The Kingdom of God in Amerika (1937) im Jahr 1948 von Richard M. Honig in deutscher Sprache herausgegeben wurde. Inzwischen besitze ich das Buch und zitiere seine berühmte Beschreibung der liberalen Theologie im Kontext:
Niebuhr schreibt (Der Gedanke des Gottesreichs im amerikanischen Christentum, New York: Church World Service, S. 140):
Da eine Versöhnung mit dem göttlichen Souverän nicht nötig erschien, war die Herrschaft Christi, gemäß der neuen Auffassung, an keine revolutionären Ereignisse in der Geschichte oder in dem Leben der Menschen geknüpft. Christus der Erlöser wurde zu Jesus, dem Lehrer und sittlich religiösen Genie, in dem die religiösen Fähigkeiten der Menschheit zur vollen Entfaltung gekommen waren. Darüber hinaus erschien die durchgreifende Umwälzung des inneren Lebens, für die der dynamische Protestantismus und die Erweckung gekämpft hatten, einem Liberalismus unnötig, der sich nicht allein der Gleichstellung dieser Umwälzung mit einer automatisch einsetzenden Bekehrung, sondern auch der Auffassung widersetzte, daß das Leben lasterhaft geworden war. Wenn er von einer Erneuerung sprach, hatte er nicht so sehr die Wiederherstellung der Gesundheit in einem erkrankten Körper als vielmehr die Beseitigung angehäuften Schuttes von überlieferten Glaubenssätzen oder überkommenen Sitten im Sinn. Evolution, Wachstum, Entwicklung, Kultur des religiösen Lebens, Pflege freundschaftlicher Gefühle, die Verbreitung menschenfreundlicher Ideale und der Fortschritt der Zivilisation traten an die Stelle der christlichen Revolution.
In ähnlicher Weise wurde die Vorstellung vom kommenden Reich ihres zwiefachen Charakters entkleidet. Man sah in diesem Reich die Erfüllung einer Verheißung, ohne daß ein göttliches Gericht in Erscheinung trat. Man unterstellte, daß es sich aus der Gegenwart entwickelte, sodaß keine große Krise erforderlich sei, die zwischen dem Gnadenzustand und dem der Herrlichkeit vermitteln müsse. In seiner einseitigen Auffassung vom Fortschritt, bei dem nur vom Wachstum des Weizens, nicht aber von dem Wuchern des Unkrauts, nur von dem Einsammeln des Kornes, nicht aber vom Verbrennen der Spreu die Rede war, erwies sich dieser Liberalismus in der Tat als naiv optimistisch.
Ein Gott ohne Zorn leitete Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch die Vermittlung eines Christus ohne Kreuz.
