Lee Irons: The Righteousness of God

Nachfolgend eine Rezension des Buches:

NewImageGemĂ€ĂŸ der Neuen Paulusperspektive (NPP) bezeichnet der Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“ (griech. ÎŽÎčÎșαÎčÎżÏƒÏÎœÎ· ΞΔοῊ) die Bundestreue Gottes. So legt beispielsweise N.T. Wright sehr viel Wert auf diese Interpretation. In seinem Buch Justification: God’s Plan & Paul’s Vision (Downers Grove, Ill.: InterVarsity, 2009, S. 164, hier zitiert nach: N.T. Wright, Rechtfertigung: Gottes Plan und die Sicht des Paulus  Studia Oecumenica Friburgensia, MĂŒnster: Aschendorff, 2015, S. 146) schreibt er:


 wir [können] mit ganz großer Sicherheit sagen: Gottes Gerechtigkeit verweist in den Paulusbriefen wie in den Psalmen und bei Jesaja ĂŒblicherweise auf Gottes eigene Gerechtigkeit, nicht in den mittelalterlichen Bedeutungen, welche der Ausdruck iustitia Dei hervorbrachte, sondern in der alttestamentlichen und zwischentestamentlichen Bedeutung. Gemeint ist die Bundestreue Gottes, durch die und aufgrund derer Gott den Verheißungen an Abraham treu ist, den Verheißungen, durch die der eine-Plan-durch-Israel-fĂŒr-die-Welt wirksam werden kann, den Verheißungen, durch die letztlich die ganze Schöpfung in die rechte Ordnung gebracht wird.

Nach Wright unterscheidet sich das biblische Konzept „Gerechtigkeit“ sehr deutlich von der westlichen Vorstellung, die seiner Meinung nach ihre Wurzeln im mittelalterlichen Denken hat. Aus diesem Grunde habe die reformatorische Theologie von Luther an im Blick auf das GerechtigkeitsverstĂ€ndnis einen falschen Weg eingeschlagen. Dort habe man nĂ€mlich vorwiegend an den juridischen Kategorien des römischen GerechtigkeitsverstĂ€ndnisses angeknĂŒpft und nicht an den beziehungsorientieren Kategorien des hebrĂ€ischen. Wright schreibt (N.T. Wright, Rechtfertigung, 2015, S. 158):

Wenn sich in der westlichen Kirche nicht eine lange Tradition entwickelt hĂ€tte, die a) Gottes Gerechtigkeit als iustitia Dei las, die dann b) versuchte, diesen Ausdruck mit den verschiedenen Bedeutungen von iustitia zu interpretieren, die damals verfĂŒgbar waren, und die schließlich c) dies wiederum innerhalb der Kategorien der damaligen theologischen Forschung deutete (besonders mit der Festlegung, durch den Begriff Gerechtigkeit die ganze Bandbreite der Soteriologie abzudecken, von der Gnade bis zur Herrlichkeit) – ohne all dies wĂ€re niemand auf die Idee gekommen, die fragliche Gerechtigkeit in Röm 1,17 sei irgendetwas anderes als Gottes eigene Gerechtigkeit, die wie in einer großartigen Apokalypse vor den Augen der Welt enthĂŒllt wird.

In seinem Buch The Righteousness of God stellt Charles Lee Irons nun genau diese Interpretation der Gerechtigkeit Gottes grundsĂ€tzlich in Frage. Das Buch geht zurĂŒck auf eine im Jahr 2011 vom Fuller Theological Seminary (Pasadena, USA) angenommene Dissertation. Betreut wurde die Arbeit von den Professoren Donald Hagner und Seyoon Kim, die ĂŒbrigens beide unter dem großen Neutestamentler F.F. Bruce promovierten und sich als Experten der Paulusforschung einen Namen gemacht haben.

Im ersten Kapitel untersucht Irons die Deutungsgeschichte der Wendung „Gerechtigkeit Gottes“ bei Paulus. Obwohl keine absolute Einigkeit bestand, sieht er, angefangen bei den griechischen und lateinischen KirchenvĂ€tern ĂŒber die mittelalterlichen Kommentatoren bis hin zur protestantischen Reformation, einen allgemeinen Konsens. Dargestellt werden, um nur einige herauszugreifen, die Sichtweisen von Origenes, Augustinus, Abaelardus, Lombardus, Aquinas, Melanchthon, Bucer oder Calvin. ErwartungsgemĂ€ĂŸ wird Luthers Position ausfĂŒhrlicher behandelt, da seine Entdeckung der Gerechtigkeit Gottes bei der Auslösung der Reformation eine mĂ€chtige Rolle spielte. AnknĂŒpfend an Augustinus verstand Luther Röm 1,17 (u. Röm 3,21) so, dass Gott uns Menschen seine Gerechtigkeit schenkt. Er distanzierte sich also von dem eher aristotelischen Konzept einer Gerechtigkeit, die von uns Menschen hergestellt wird. „Luther sagte, die Glaubensgerechtigkeit werde ‚Gerechtigkeit Gottes‘ genannt, da Gott sie gibt und sie im Blick auf den Mittler Christus uns Menschen als Gerechtigkeit zuteilt“ (S. 23).

Welches Spektrum umfasst der angenommene Konsens in dieser Zeitspanne? Die allgemeine Auffassung war, dass es sich um einen Normbegriff handelt und das ΞΔοῊ als Genetiv auctorius oder objectivus zu verstehen ist, nicht aber als Genetiv subjectivus. „Der Ausdruck bezieht sich auf einen Gerechtigkeitsstatus, den GlĂ€ubige durch das Mittel des Glaubens auf der Grundlage Chrisi SĂŒhne zugeteilt bekommen“ (S. 337).

GrunsĂ€tzliche Neuinterpretationen kamen erst im 19. Jahrhundert auf. Eine wichtige Rolle spielte Albrecht Ritschl, der Gerechtigkeit als Zweckbegriff verstand. Mit Hermann Cremer und Ernst KĂ€semann fĂŒgten sich spĂ€ter weitere Ausdeutungen ein, so dass Gerechtigkeit mehr und mehr als ein VerhĂ€ltnisbegriff wahrgenommen wurde (Rudolf Bultmann verstand dagegen den Ausdruck weiterhin im Sinne einer  „von Gott geschenkten“ oder „zugesprochene Gerechtigkeit“). James Dunn und N. T. Wright knĂŒpften an diesen Transformationen an, wenn sie schlussendlich Gerechtigkeit mit der Bundestreue identifizieren.

Nachdem Irons im zweiten Kapitel seine Methodologie offenlegt, untersucht er in den Kapiteln 3 bis 5 den Begriff „Gerechtigkeit“ im außerbiblischen Griechisch (S. 84–107), im Alten Testament (S. 108–193) und in der jĂŒdischen Literatur einschließlich der nichtpaulischen Befunde im Neuen Testament (S. 194–271). Er kommt dabei zu dem Ergebnis – und das ist sehr interessant –, dass die Semantik des Begriffs vor allem juridisch und ethisch verstanden werden muss, obwohl sich gelegentlich eine gewisse Betonung der sprachlichen IntegritĂ€t nachweisen lĂ€sst (im Sinne der KohĂ€renz von Gesagtem und Gesagtem oder von Gesagtem und den dazugehörigen Taten). Die behauptete Differenz zwischen einem griechischen Normkonzept und einem hebrĂ€ischen VerhĂ€ltniskonzept lĂ€sst sich bei dem Terminus „Gerechtigkeit“ nicht belegen (vgl. S. 338). Die Untersuchungen der alttestamentlichen Texte zeigen ebenfalls – meines Erachtens ĂŒberzeugend –, dass dort Gerechtigkeit ein Normbegriff ist. Stimmt das Ergebnis, sind die Ansichten Hermann Cremers widerlegt. Das wiederum bedeutete, dass ein Hauptargument der NPP seine Überzeugungskraft verlöre. Untersuchungen der jĂŒdischen Literatur stĂŒtzen diese Auffassung zusĂ€tzlich. Denn auch dort ist „Gerechtigkeit“ kein VerhĂ€ltnis-, sondern ein Normbegriff. Die Bedeutung von „Bundestreue“ lĂ€sst sich in diesem Textraum nicht belegen.

Im wichtigen sechsten Kapitel exegetisiert Charles Lee Irons endlich die paulinischen Schriften. FĂŒr die Deutungen von KĂŒmmel und KĂ€semann, die fĂŒr die Lesart von Gerechtigkeit als „Bundestreue“ maßgeblich geworden sind, findet er keine BestĂ€tigung. Paulus gebraucht Gerechtigkeit im profanen Sinn oder er spricht von einer besonderen Gerechtigkeit, die von Gott stammt und die durch den Glauben empfangen wird. Damit sieht Irons im Wesentlichen die reformatorische Lesart bestĂ€tigt.

Die Auswirkungen dieser exegetischen ErtrĂ€ge sind – wenn sie zutreffen – gewaltig. Zwei von fĂŒnf aufgefĂŒhrten Konsequenzen will ich kurz erwĂ€hnen. Einmal wird die derzeit beliebte Deutung von Gerechtigkeit als VerhĂ€ltnisbegriff ĂŒberwunden. Diese Bestimmung ist dann nicht mehr aufrechtzuerhalten, weil sie schlicht unwahr ist. Enthielte die Gerechtigkeit tatsĂ€chlich keine Übereinstimmung mit einer externen Norm, wĂ€re das VerhĂ€ltnis selbst die Norm. Das war die Auffassung von Ritschl. FĂŒr ihn war Gott reine Liebe, die Vorstellung, Gott könne uns Menschen Gerechtigkeit schenken, damit obsolet. Das kann so nicht mehr aufrechterhalten werden. „Gerechtigkeit“, so schreibt Irons, „ist ein Normbegriff und die Norm ist Gottes eigenes Moralgesetz, das in seiner unverĂ€nderlichen Natur als Gott in vollkommener Heiligkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit begrĂŒndet ist“ (S. 340). Außerdem zeigt die Ausbeute der Untersuchung, dass die Rechtfertigungslehre des Apostels nicht zuerst von Gottes Treue gegenĂŒber Israel oder ĂŒber die Mitgliedschaft im Bund handelt. „Vielmehr geht es“, so Irons, „bei der Rechtfertigung darum, wie sĂŒndige Menschen vor dem göttlichen Gericht bestehen können“ (S. 342).

Das Buch The Righteousness of God ist anspruchsvoll und verlangt vom Leser profunde Kenntnisse der biblischen Sprachen. Wer diese beherrscht und sich fĂŒr die Diskussionen rund um die NPP interessiert, wird von der LektĂŒre des Werkes erheblich profitieren. Indem Irons zeigt, dass der biblische Ausdruck „Gerechtigkeit“ ohne Zweifel juridische Akzentuierungen enthĂ€lt und deshalb die Rettung aus der Ungerechtigkeit nur durch ein Gericht kommen kann, legt er eine fundierte Kritik am Gesamtkonzept der NPP vor.

Professor Jörg Frey ist dafĂŒr zu danken, dass er die Untersuchung in die 2. Reihe der Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament (WUNT II) aufgenommen hat und diese damit einer großen Öffentlichkeit zugĂ€nglich ist.

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Hinweis: In einer leicht gekĂŒrzten Version erschien diese Rezension zuerst in: Glauben & Denken heute 1/2015, Nr. 14, S. 62–63.

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6 Kommentare
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Rob
10 Jahre zuvor

„Selig sind, die da hungert und dĂŒrstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Mat 5)

Jörg
10 Jahre zuvor

„Selig SIND (PrĂ€s), die da HUNGERT und DÜRSTET (PrĂ€s) nach der Gerechtigkeit; denn sie SOLLEN/WERDEN (Futur) satt werden“

Nicht: selig SOLLEN/WERDEN sein. Nicht: die gehungert und gedĂŒrstet HABEN (WERDEN).

Sondern: gegenwĂ€rtiges echtes GlĂŒck durch/trotz/bei Mangel an gegenwĂ€rtiger und Zusage zukĂŒnftiger „Gerechtigkeit“

PeterG
10 Jahre zuvor

Hallo Jörg!

„Selig SIND (PrĂ€s), die da HUNGERT und DÜRSTET (PrĂ€s) …

Und du bist dir absolut sicher, dass das erste PrĂ€sens kein futurisches PrĂ€sens ist? 😉 Ziehe die Frage zurĂŒck.

vg
Peter

Jörg
10 Jahre zuvor

Hallo Peter,

im Deutschen mĂŒsste andernfalls eine futurische Adverbiale gesetzt sein.

Und im Griechischen liegt ein non-verbaler Satz vor, der an sich schon sehr selten etwas anderes als ein (Zustands)PrÀsens markiert und durch seine verbale Auflösung V.11 als PrÀsens bestÀtigt wird. Die futurisch-eschatologische Referenz der Futurformen im Kontext wird zB durch die ReferenzidentitÀt mit V. 12 Lohn im Himmel bestÀtigt.

10 Jahre zuvor

[…] besprochen (vollstĂ€ndige PDF-Datei hier: Irons.pdf. […]

Niklas Gleitz
10 Jahre zuvor

Hallo zusammen,

eine Frage an die Runde: wieso besteht zwingend ein Zusammenhang zwischen der dikaiosyne tou theou als Normbegriff und der doppelten Imputation der Gerechtigkeit Christi? Wieso kann die Gerechtigkeit Gottes nicht Gottes Eigenschaft sein, durch die er nach seinen Verheißungen die GlĂ€ubigen rechtfertigt (ihnen ihre SĂŒnden vergibt, sie gerecht spricht) und die Gottlosen bestraft? Ich denke auch nicht, dass sich die Gerechtigkeit Gottes (unabhĂ€ngig ob AT oder NT) auf einen VerhĂ€ltnisbegriff reduzieren lĂ€sst, allerdings erschließt sich mir der Zusammenhang zwischen oben genannten Themen nicht.

Gruß
Niklas

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