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Wer predigt hier über Mt 22,1-14?

Welcher berühmte Theologe hat wohl folgende Worte zu Mt 22,1-14 gepredigt?

Das muß der Mensch wissen, daß mit allem angethan, womit er sich selbst zu schmücken vermag, er nicht erscheinen kann an dem Mahle des Herrn. Empfangen muß er an der Schwelle erst das festliche Gewand, in welchem allein er würdig erscheinen kann; ausziehen muß er den alten Menschen mit aller seiner Herrlichkeit, mag sie noch so sehr herstammen aus alter Zeit, mag sie noch so sehr das Werk eigner Anstrengung und eigener Kraft sein, ausziehen muß er den alten Menschen, und Christum anziehen. So sagt der Herr: bleibet in mir und ich in euch; denn ohne mich könnt ihr nichts thun.

Ein kleiner Tipp: Es war nicht Hermann Friedrich Kohlbrügge.

Die Vernunft wehrt sich nicht gegen Wunder

Der Philosoph Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter hat an der Universität München eine Habilitationsschrift über Die kausale Struktur der Welt: eine philosophische Untersuchung über Verursachung, Naturgesetze, freie Handlungen, Möglichkeit und Gottes Wirken in der Welt geschrieben. Er ist ein der anglikanischen Kirche zugehöriger Christ und lehrt an der Internationalen Akademie für Philosophie in Santiago de Chile. Das Buch wurde mit dem Karl-Alber-Preis ausgezeichnet und ist beim Verlag Alber erschienen. Eine frühere Fassung ist frei herunterladbar. Es gibt zudem ein Forum zur Diskussion über das Buch.

TheoBlog.de hat mit dem Philosophen über seine Untersuchung gesprochen:

 

Die Vernunft wehrt sich nicht gegen Wunder

Interview mit dem Philosophen Daniel von Wachter  


Theoblog: Herr von Wachter, welche Philosophen oder welche Epoche untersuchen Sie in diesem Buch? 

W: Gar keine. Die Philosophie untersucht genauso wenig Philosophen oder Epochen wie die Physik Physiker oder die Biologie Biologen untersucht. Die Vorstellung, daß der Gegenstand der Philosophie Philosophen und deren Texte seien, hat zwei Quellen: Erstens haben die Positivisten, die behaupteten, daß nur die Naturwissenschaften Erkenntnis schaffen, gemeint, daß die einzige sinnvolle Aufgabe für Philosophen die Untersuchung alter Texte sei. Zweitens gibt es eine gewisse Angst davor, philosophische Fragen zu beantworten. Manchen fehlt einfach die Fähigkeit oder der Mut dazu, vielleicht weil sie ein großes Gewißheitsbedürfnis haben und diese Gewißheit in der Philosophie nicht finden. Es gibt noch eine dritte Quelle, eine hegelianische, aber die ist schwer zu beschreiben. In Deutschland haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg die meisten Philosophen darauf beschränkt, Philosophiegeschichtsschreibung zu betreiben, vielleicht weil sie sich möglichst wenig weit aus dem Fenster lehnen wollten. Aber mein Eindruck ist, daß es jetzt mit der Philosophie in Deutschland wieder aufwärts geht.

Theoblog: Was untersucht dann Ihr Buch? Ist das für den Laien von Bedeutung?

W: Die kausale Struktur der Welt ist eines der großen alten Themen der Philosophie. In der angelsächsischen Philosophie gibt es heute eine ausgiebige, sehr komplizierte und abgehobene Diskussion über Verursachung. Aber das Thema ist von großer Bedeutung für eines jeden Menschen Weltbild, und viele haben den Mechanizismus verinnerlicht, das ist die Vorstellung, daß die Welt wie eine Maschine ist: sie besteht von vorn bis hinten aus kausalen Vorgängen. Alles, was geschieht, ist das Ergebnis eines Vorganges. Dadurch entsteht dann das Gefühl, daß Wunder oder Willensfreiheit unmöglich seien oder der Vernunft widersprächen oder von der Naturwissenschaft ausgeschlossen würden. Ich empfehle einen Selbsttest: Stellen Sie sich die Frage: „Gibt es Wunder, wie z.B. die Wiederlebendigwerdung und Auferstehung des gekreuzigten Leibes Jesu?“ und die Frage: „Können wir durch unser freies Handeln Kausalvorgänge in Gang setzen?“. Wenn Sie in sich Warnlampen leuchten oder eine Abneigung spüren, dann haben Sie sich von der mechanistischen Propaganda beeinflussen lassen.

Theoblog: Aber man kann doch Wunder nicht mit der Vernunft begreifen. Die Vernunft wehrt sich gegen Wunder.

W: Warum? Da wir hier auf einem Theologen-Blog sind, will ich anmerken, daß besonders Theologen das seit ca. 1800 ständig wiederholt haben, und es wird den Studenten auch heute noch eingeredet. Da wird vom „kausalen Nexus“, vom „wissenschaftlichen Weltbild“, von „historischer Methode“  geredet oder es wird einfach emphatisch gesagt, die Vernunft schließe Eingriffe Gottes in das Naturgeschehen aus. Aber nur Gründe, die man versteht, sind vernünftig – und es gibt hier weit und breit keine Gründe. David Hume hat versucht, aus unserer Kenntnis der Naturgesetze abzuleiten, daß es keine Wunder gebe. Obwohl Humes Argument von Anfang an schlagend kritisiert wurde, wurde es immer wieder hochgejubelt. Vor einigen Jahren schrieb der Philosoph John Earman ein Buch dazu mit dem treffenden Titel Hume‘s Abject Failure, was soviel heißt wie Humes jämmerliches Scheitern. Wenn es keinen Gott gibt, dann gibt es natürlich keine Wunder. Aber wenn es Gott gibt, wofür es Beweise gibt, dann ist zu erwarten, daß er manchmal Wunder wirkt. Wieso soll denn das gegen die Vernunft sein? Vernünftigsein heißt richtig denken. Als die Jünger den auferstandenen Jesus gesehen haben, haben sie verstanden, daß Gott ihn auferweckt hat und daß er Gottes Sohn und der Messias ist. Was ist denn daran unvernünftig? Sie haben genau richtig gedacht, als sie das geschlossen haben.

Theoblog: Die Auferstehung übersteigt die Vernunft, denn die Vernunft sagt, daß Tote nicht auferstehen.

W: Nur, wenn Sie „Vernunft“ so definieren. Genau das hat die sog. „Aufklärung“ getan. Diese Autoren haben ständig wiederholt, daß Glaube an Gott, Wunder und die christliche Lehre Aberglaube sei und daß die Vernunft den Determinismus lehre, also die Lehre, daß jedes Ereignis durch einen kausalen Vorgang determiniert sei. Die Aufklärung hat diese Auffassung durch häufige nachdrückliche Wiederholung und nicht durch Argumente verbreitet. Das ist natürlich nicht vernünftig, sondern Propaganda. In Wirklichkeit ist es manchmal ganz vernünftig, etwas für ein Wunder zu halten, und es ist unvernünftig, die Möglichkeit von Wundern auszuschließen. Übrigens hat die Aufklärung die Verbreitung ihres Weltbildes auch dadurch gefördert, daß sie in der Philosophiegeschichtsschreibung andersdenkende Philosophen ignoriert und als aussterbende Spezies dargestellt hat und die ihr Weltbild teilenden Philosophen als die größten und einzig ernstzunehmenden Philosophen dargestellt hat. So entstand der heute übliche Kanon der angeblich größten Philosophen: Descartes, Hobbes, Spinoza, Hume, Kant, Hegel, usw.

Theoblog: Ist das eine der Kernthesen Ihres Buches?

W: Nur ein Nebenprodukt. Das Buch will vor allem untersuchen, was Verursachung, Naturgesetze und freie Handlungen sind. Um das gründlicher tun zu können, untersuche ich davor, was Möglichkeit ist, denn welche Theorie der Möglichkeit man annimmt, stellt die Weichen für die Beantwortung vieler anderer Fragen. Doch man muß das Buch nicht von vorne bis hinten lesen; auch wenn man nur einzelne Kapitel des Buches liest, sollte man das Wichtigste verstehen können. Mithilfe der Ergebnisse der genannten Untersuchungen analysiert das Buch dann, auf welche Weisen Gott in der Welt wirken könnte, z.B. indem er ein Universum erschafft, es erhält und manchmal in den Gang der Dinge eingreift. Ob es einen Gott gibt, untersucht dieses Buch nicht, das wäre ein anderes Thema.

Theoblog: Laut der elften Ihrer Zwanzig Thesen zur kausalen Struktur der Welt können Handelnde Vorgänge in Gang setzen. Hat die Hirnforschung nicht herausgefunden, daß unsere Handlungen das Ergebnis von Hirnvorgängen sind? 

W: Sie spielen auf das Experiment von Benjamin Libet von 1982 an. Es ist zum Staunen, wie manchmal schlecht begründete Thesen viele überzeugen. Libet selbst hat sein Experiment so dargestellt als ob er den Versuchspersonen gesagt hätte, sie sollen ihre Hand bewegen, wann immer sie wollten. In Wirklichkeit hat er ihnen gesagt, sie sollen warten, bis ein Drang zum Bewegen der Hand aufkommt. Daß ein Drang eine vorangehende Ursache hat, ist mit der Annahme von Willensfreiheit zu vereinbaren. Diese und viele Einwände mehr gegen Libet mache ich gegen Libet in dem Buch und auch in zwei neueren Aufsätzen.

Theoblog: Was ist denn nun am Mechanizismus falsch? 

W: Wegen der Quantenmechanik geben die meisten Autoren heute zu, daß es indeterministische, probabilistische Vorgänge geben kann. Aber weitgehend unangefochten ist die Annahme, daß jedes Ereignis das Ergebnis eines Vorgangs sei. Dem halte ich zweierlei entgegen: Erstens ist jeder Vorgang aufhaltbar. Seit Hobbes hat sich die Vorstellung verbreitet, das alle Ereignisse von vorangegangenen Ereignissen erzwungen werden. Aber das ist nicht nur nicht der Fall, sondern unmöglich. Jeder Vorgang kann gestoppt oder abgelenkt werden, wenn es nur etwas gibt, was stark genug ist, ihn zu stoppen, und dieses auch tut. Zweitens können Lebewesen Vorgänge in Gang setzen. Die Mechanisten wollen uns einreden, daß es offensichtlich sei, daß jedes Ereignis das Ergebnis eines Vorgang sei. Doch haben Sie den Eindruck, daß alles um Sie her, wie ein Uhrwerk oder wie das Rollen der Kugeln auf einem Billardtisch abläuft? Wenn ich den Kolibri vor meinem Fenster oder die auf den Baum springende Katze ansehe, habe einen anderen Eindruck. Mein Buch will im Detail untersuchen, daß dieser Eindruck richtig ist.

Theoblog: Danke für das Gespräch!

– – –

Das Interview kann hier in Form einer PDF-Datei heruntergeladen werden: Wachter.pdf.

Mouw: Golgatha verstehen

Einerseits freut es mich, dass Richard Mouw, Präsident des Fuller Theological Seminary (USA), in seinem Beitrag für Christianity Today moderat die Bedeutung des stellvertretenden Sühneopfers von Jesus Christus hervorhebt:

While our sinful condition can contain elements of ignorance and victimhood, those factors cannot fully account for our guilty state before God. Adam and Eve were not merely clueless or victims. The older theological term for their posture was “ethical rebellion”: disobedience, initiated by the deliberate turning of their wills against the designs of the Creator. And, to cite another formulation: “In Adam’s Fall we sinned all.” If we are held captive to principalities and powers, it is because of choices for which God holds us responsible. Only Christ’s atoning work can deliver us from the consequences of those choices. And that deliverance required taking upon himself the burden of our sin and guilt.

But what of the charge that the intra-Trinitarian transaction—Jesus “satisfying” the Father on our behalf—glorifies violent abuse? Of course, the Cross is indeed a display of violence toward Jesus, and no atonement theory can avoid that fact. The Christus Victor perspective explains that the violence inflicted upon Jesus was caused by the demonic principalities and powers, and that God allowed this in order to demonstrate that the powers were unable to destroy the Son. The “moral influence” theory, on the other hand, emphasizes the ways in which Jesus suffered violence at human hands—with the redemptive significance of that suffering showing forth in the way that Jesus selflessly forgave his enemies. Thus, while the divine satisfaction theory may be unique in seeing Jesus as directly experiencing the wrath of the Father, all of the views see Jesus as taking suffering upon himself in order to fulfill a divinely ordained redemptive mission.

But those of us who want to retain the notion of the Savior experiencing the divine wrath against sin have to be very careful in how we depict the punishment inflicted on the cross. Here, the late John Stott speaks wisely. In his great work The Cross of Christ, he warns us against adopting any picture of the Atonement where God the Father is seen as “a pitiless ogre whose wrath has to be assuaged.” The Father and the Son were united together “in the same holy love which made atonement necessary.” While the words satisfaction and substitution must never “in any circumstances be given up,” Stott argues, we must also be clear that “[t]he biblical gospel of atonement is of God satisfying himself by substituting himself for us.”

Andererseits frage ich mich, wie er an seinem Seminar Tony Jones beschäftigen kann, der sich unter anderem in seinem Buch A Better Atonement sehr dezidiert sowohl gegen die Ursünde als auch das stellvertretende Sühneopfer ausgesprochen hat. Anything goes?!

Das John Piper-Predigtarchiv

details.gifFür Leute, die gern Predigten von John Piper hören, gibt es zwei gute Nachrichten. Anwender der Bibelsoftware Accordance können derzeit ein aktualisiertes Predigtarchiv für US$ 29 erwerben. Zum Archiv schreibt der Hersteller:

The ministry of John Piper and Desiring God has a wide and growing influence through sermons, books, radio and other media. Piper Sermons presents 1,300 John Piper Sermon manuscripts preached over more than 30 years, from 1980 to 2010. Free updates of future John Piper sermon manuscripts will be available from time to time. The sermons are arranged chronologically with an accessible topical index, and are easily searchable for the message text or any other content.

Hier der Link: www.accordancebible.com.

Um das Archiv nutzen zu können, benötigt man sowohl Accordance als auch englische Sprachkenntnisse. Für Leute, die lieber Piper in deutscher Sprache lesen oder hören, hat das Missionswerk „Desiring God“ (DG) übersetzte Ressourcen zusammengestellt. In diesem Archiv sind Predigten oder auch vollständige Bücher zu finden. So gibt es dort beispielsweise das Buch Überwältigt von Gnade: Aurelius Augustinus, Martin Luther, Johannes Calvin als PDF-Datei (welches freundlicherweise vom CLV-Verlag zur Verfügung gestellt wird).

Zu finden sind dort auch Predigten, die John Piper auf der Hirtenkonferenz 2009 in Bonn gehalten hat. Matthias Lohmann hat übrigens von DG kürzlich die Information erhalten, dass der deutschsprachige Bereich demnächst erweitert wird.

Hier der Link zum Archiv: www.desiringgod.org.

Hier nun ein Videomitschnitt einer Predigt mit dem Thema: „Predigt Christus“:


Vom Mörder zum Pastor

Diese Dokumentation beschreibt das Leben eines Neonazis, der zum Totschläger wurde und überraschend eine Bekehrung zum christlichen Glauben erlebt.

1999 wurde in Eschede in einem Gewaltrausch ein Mann zu Tode geprügelt, Peter Deutschmann, 44, genannt „Hippie“, Sozialhilfeempfänger, wohnungslos, einsam, offenbar sehr couragiert: Er hat gewagt, den Parolen der Neonazis zu widersprechen. Das musste er mit dem Tod bezahlen, denn zwei jugendliche Skinheads, damals 17 und 18, rasteten aus. Der Jüngere, Johannes Kneifel (Foto), ist jetzt, mit 29, ein anderer Mensch. Nach fünf Jahren Jugendstrafe hat er begonnen, Theologie zu studieren. Bald wird er Pastor sein. Eine Wandlung vom Saulus zum Paulus – wie geht das?

Liz Wieskerstrauch begibt sich auf Spurensuche. Wer war dieser Jugendliche damals? Warum fängt ein 13-Jähriger an, sich besinnungslos zu betrinken? Was hat ihn mit 15 Jahren schon zum Skinhead und überzeugten Neonazi gemacht? Das Kamerateam besucht die Eltern, befragt die Lehrer, das Jugendamt, den damaligen Internatsleiter, schließlich zwei Mitarbeiter aus dem Jugendgefängnis Hameln. Dort galt Johannes Kneifel als extrem gefährlich. Doch der willensstarke und hoch intelligente junge Mann erfährt in diesen schweren Jahren allmählich seine Kehrtwende – die Hinwendung zu Gott.

Der Film ist wirklich interessant, auch weil er Einblicke in die Sicht der Tochter von Peter Deutschmann gewährt. Die ambivalente Frage der Vergebung erfährt im Film eine dramatische Zuspitzung.

E21: Erste Vorträge von Piper & Carson online

John Piper: Gott ist das Evangelium / God is the Gospel – 2Kor 4,4-6:
[podcast]http://www.evangelium21.net/audio/Konferenz2012/2012-05-13_e21konferenz_1_Piper.mp3[/podcast]

D.A. Carson: Nur zwei Lebensoptionen? / Just Two Ways to Live? – Ps 1:
[podcast]http://evangelium21.net/audio/Konferenz2012/2012-05-13_e21konferenz_2_Carson.mp3[/podcast]

Kommentarreihe Keil-Delitzsch & Zahn gratis

Die Bibelkommentare von von Carl Friedrich Keil und Franz Delitzsch (AT) und Theodor Zahn (NT) sind schon über einhundert Jahre alt, zählen aber dennoch zu den Werken, die bei der Bibelauslegung heute gern berücksichtigt werden. Die Autoren waren in den biblischen Sprachen „zu Hause“.

Die Reihen, die normalerweise ziemlich viel Regalfläche beanspruchen und auch ziemlich teuer sind, können inzwischen digitalisiert in verschiedenen Formaten heruntergeladen werden. Ich empfehle den Download der PDF-Dateien, da die anderen Formate etliche Fehler enthalten und nicht zitierfähig sind. Wer auch immer die Bücher eingescannt hat: Vielen Dank für die Mühe!

Piper & Carson auf der E21-Konferenz

Wir hatten heute einen grandiosen Auftakt der E21-Konferenz in Hamburg. John Piper predigte vormittags im Gottesdienst über 2Kor 4,1-6, D.A. Carson brachte nachmittags eine tiefschürfende Exegese zu Psalm 1.

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Ist die Wirklichkeit nur ein Konstrukt?

Der Dogmatiker Wilfried Härle setzt sich in seinem Aufsatz „Die Wirklichkeit – unser Konstrukt oder widerständige Realität?“ mit dem erkenntnistheoretischen und ontologischen Konstruktivismus auseinander. Am Ende seiner Untersuchung kommt Härle nicht umhin, dem radikalen Konstruktivismus das Prädikat „außerordentlich gefährliche Theorie“ auszustellen:

Dass jede Deutung bzw. Interpretation unserer Wirklichkeitserfahrungen mittels sprachlicher, kulturell vereinbarter Zeichen die Wirklichkeit nur ungenau, unzureichend oder ganz verkehrt erfassen kann, ist wohl richtig, aber das bedeutet nicht, dass die Unterscheidung zwischen res und intellectus, zwischen Wirklichkeit und Sprache sinnlos oder überflüssig wäre, im Gegenteil: Gerade weil unser Denken und Reden so irrtumsanfällig ist, müssen wir nicht nur den Dialog untereinander suchen, um uns mit neuen Wahrnehmungen, Perspektiven und Einsichten konfrontieren zu lassen, sondern wir müssen uns dem Kontakt und der Kontrolle durch die widerständige Realität aussetzen, und dabei können wir dessen innewerden, dass es diesen Segen der Möglichkeit des Irrtums gibt, der als erkannter Irrtum ja immer schon eine Wahrheitserkenntnis, folglich der erste Schritt zum Lernen und damit zu einem angemesseneren Umgang mit der Wirklichkeit ist. Deswegen bin ich der Überzeugung, dass der Radikale Konstruktivismus grundfalsch ist. Er lebt von einer Einsicht, die an ihrer Stelle (auf der Ebene der Drittheit) richtig und wichtig ist, er generalisiert diese Einsicht und wendet sie auf Ebenen bzw. Schichten des Erkennens und der erkannten Wirklichkeit an, auf denen sie nicht gilt. Darum hat der Radikale Konstruktivismus als Theorie für mich selbst den Charakter eines Irrtums, den man erkennen und vermeiden oder überwinden kann.

Ich kann ihm in diesem Punkt nur zustimmen. Und was für ein wunderbarer Schlusssatz:

Aber gegen diese drohende – und in der Geschichte immer wieder realisierte – Ersetzung der Wahrheitsfrage durch die Machtfrage gibt es einen Impuls aus der christlichen Überlieferung, an dem wir uns nicht irremachen lassen sollten – auch um derer willen, die die Wahrheitsfrage längst vergessen oder ersetzt haben. Ich meine die Aussagen des johanneischen Christus aus Johannes 18,37 und 8,31f.: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme“ und: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. Darauf kommt es an.

Der Aufsatz „Die Wirklichkeit – unser Konstrukt oder widerständige Realität?“ ist in dem Buch:

zu finden (S. 54–68).

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