Allgemein

Sämtliche allgemeinen Beiträge.

Streit um Dietrich Bonhoeffer

Die Diskussion um Metaxas Bonhoeffer sind inzwischen auch beim NDR angekommen. Daniel Kaiser schreibt:

Der fromme Bonhoeffer – das geht manchen Experten zu weit. Sie werfen Metaxas vor, den Theologen gewissermaßen entführt und aus ihm einen evangelikalen Christen gemacht zu haben. Kein Wunder also, dass das Buch dem Ex-Präsidenten George W. Bush so gut gefallen habe, ätzen sie. Der Biograf Metaxas bleibt dabei: Das Bonhoeffer-Bild der vergangenen Jahre sei falsch. „Es ist doch so, dass viele Gelehrte ihn gekapert und aus ihm fälschlicherweise einen weltlichen Humanisten und theologischen Linken gemacht haben“, sagt Metaxas. „Bei meinen Recherchen war ich geschockt, als ich herausfand: Das Gegenteil ist der Fall.“

Er sei nicht überrascht, dass Bonhoeffer-Experten, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema befassen, einen Seiteneinsteiger wie ihn kritisierten. Er habe Bonhoeffer aber nicht in eine evangelikale Ecke stellen wollen, sondern „Bonhoeffer einfach zeigen, wie Bonhoeffer war“.

Mehr: www.ndr.de.

Ein säkulares Zeitalter?

Gestern hat der TV-Sender BR-Alpha Mittschnitte eines Streitgespräches zur Gottesfrage zwischen Prof. Dr. Gerhard Schurz und Prof. Dr. Dr. Daniel von Wachter gesendet. BR-Alpha schreibt:

Die Frage nach Gott ist auch heute noch aktuell. Gibt es zwingende Gründe für seine Existenz? Gegenwärtige Weltbilder bauen eher auf innerweltliche Grundlagen. Dennoch sind Religionen von Bedeutung für Demokratie und Staat.

Leider sind nur wenige Auszüge aus der Diskussion im Beitrag enthalten. Überwiegend wird die Arbeit der Akademie vorgestellt. Eingegangen wird auch auf die Gastvorträge von Professor Charles Taylor; sein öffentlicher Vortrag vom Dezember 2011 wird auszugsweise wiedergegeben.  Die TV-Sendung Lógos kann nachträglich in der Mediathek angeschaut werden: www.br.de.

John Piper und die Re-Maskulinisierung

Peter Aschoff, Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Erlangen, Mitarbeiter beim „Alpha Kurs“ und eine treibende Kraft für das emergente Christentum in Deutschland, macht sich Sorgen, weil John Piper im Mai nach Deutschland kommt und dort auf der Evangelium21-Konferenz sein krudes paternalistisches (vielleicht auch „faschistisches“?) Gottesbild verbreiten wird. In dem Beitrag „Himmlische Alpha-Männchen?“ wirft er Piper vor, auf bescheidenem Reflexionsniveau „die patriarchalisch strukturierte Ursprungskultur“ für die Gegenwart als verbindlich erklären zu wollen, die Bibel also mit einer patriarchalischen Brille zu lesen. Peter:

Wenn man im Bestreben, die Bibel so wörtlich wie nur möglich zu nehmen, den metaphorischen Charakter biblischer Sprache und dessen unvermeidliche kulturelle Bedingtheit übersieht, verliert man nicht nur vor lauter Wörtern den Sinn, sondern man wird auch versuchen, die gesellschaftlichen Verhältnisse von damals zu reproduzieren: Piper will, so der Bericht, ja eine erkennbar maskuline Kirche (man fragt sich unwillkürlich: wo bleibt die “Braut” aus der Offenbarung?). Pipers Repristinierung des Patriarchalen geht also über ihr antikes Vorbild weit hinaus. Er sagt zu viel über Gott und macht ihn dadurch nicht etwas größer, sondern kleiner, zu einer Art transzendenten Alpha-Männchen.

Es gibt viele Gründe, die Bibel genau zu lesen und sich mit den oft kniffeligen Fragen der Hermeneutik zu beschäftigen. Ich selbst bin nicht glücklich über die Kategorien, die Piper hier im Blick auf die Gemeindearbeit bemüht. Andererseits erleben wir tatsächlich so etwas wie eine Feminisierung nicht nur des Gemeindenlebens, sondern auch der Theologie. Wie erklärt der DLF kürzlich mit Bezug auf Friedrich Wilhelm Graf? (vgl. hier): „Sie sind zumeist weiblich und eher ‚Muttityp als wirklich intellektuell‘. So hat der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf evangelische Theologiestudenten kritisiert. Auf einer Tagung in Dresden erklärte der Professor für Systematische Theologie, das evangelische Pfarramt werde zunehmend zu einem Frauenberuf. Besonders häufig entschieden sich Studentinnen aus nichtakademischen Haushalten für diesen Beruf. Sie verbänden zumeist eher schlichte Gedanken mit der Vorstellung von einem »Kuschelgott«. Das sei auf Dauer eine bedrohliche Entwicklung für die evangelische Theologie, sagte Graf.“

Diese Entwicklung darf keinesfalls den Frauen angelastet werden. Es sind die Männer, die sich aus der Verantwortung stehlen und lieber stressfreiere oder besser vergütete Berufe wählen. Stelle ich Piper in den Zusammenhang dieser von Männern beförderten Feminisierung, finde ich seine Anmerkungen mindestens mutig.

Noch etwas: Peter erwähnt Scot McKnight‘s Kritik an Piper. McKnight stellt fest, dass wir im Neuen Testament keine an Männer gerichtete Aufforderung finden, sich wie Männer zu benehmen (Nebenbemerkung: Was ist eigentlich mit dem ἀνδρίζομαι in 1Kor 16,13? VD: JO). Was heißt das denn jetzt? Sollen sich Männer nicht wie Männer benehmen, weil ein entsprechender Imperativ im Neuen Testament fehlt? Die Vorstellung, dass Scot und Peter auf einmal den Anschein erwecken, biblizistisch argumentieren zu müssen, regt in gewisser Weise – auch angesichts der oben erwähnten Kritik an dem Versuch, die Schrift wörtlich zu nehmen – meinen Humor an. Vielleicht ist die Sache ja viel einfacher: Die Autoren der neutestamentlichen Briefe brauchten Männer in den Gemeinden nicht „zum Mannsein“ aufzufordern, da ihre Arbeitswelt etc. von ihnen sowieso erwartete, sich wie Männer zu benehmen.

Warum erwähne ich Peters Kritik an Piper? M.E. lässt sich hier gut zeigen, wohin die radikale Pflicht zur Kontextualisierung des biblischen Befundes führt, wenn die Kategorien der eigenen Kultur quasi „eingefroren“ werden, um auf festem Eis stehend die Bibel zeitgemäß deuten zu können. Der dekonstruktivistische Anti-Hermeneutiker behauptet einerseits, es sei fatal oder gar unmöglich, biblische Texte wegen der vielen erkenntnistheoretischen Probleme und den zahlreichen Traditionsbrüchen (wörtlich) verstehen zu wollen, erwartet jedoch, von seinem Leser verstanden und ernstgenommen zu werden. Mehr noch: Er klagt einen Perspektivenwechsel ein. Seine Perspektive, die Sichtweise eines kulturellen Zeitfensters aus dem 20. und 21. Jahrhundert, ist die entscheidende. Peter wirft Piper vor, die Bibel mit einer patriarchalischen Brille zu lesen. Was für eine Brille hat Peter eigentlich auf? Das Eis, dass zunächst einen festen Halt zu bieten scheint, könnte sich irgendwann als zu dünn erweisen.

Während Peter sich darum sorgt, dass die Neo-Reformierten wegen ihrer scheinbar so abstrusen Ansichten bald schon in eine neue Form der Marienverehrung abgleiten könnten, übersieht er, wie nahe er selbst dem Katholizismus steht, wenn er neben der Schrift eine weitere autoritative Größe beansprucht, die letztlich das biblische Wort relativiert. Das Bild mit der Brille ist wirklich gut: Je länger man sie trägt, desto mehr vergisst man, dass man sie auf hat.

Peter braucht sich übrigens keine großen Sorgen zu machen. Piper ist eingeladen, darüber zu sprechen, dass Gott redet. Und zwar in einer Weise redet, dass er auch verstanden werden kann. Über „maskuline feel“ wird man vielleicht im privaten Gespräch mit Piper diskutieren können. Piper trifft nicht auf Leute, die beugsam alles übernehmen, was „von drüben“ oder „von oben“ kommt, sondern gern mündig denken und kommunizieren lernen.

Wächst das Interesse an Francis Schaeffer?

Francis Schaeffer scheint im deutschsprachigen Europa wieder mehr Aufmerksamkeit zu empfangen. Kaum zu fassen, wie viel Geld inzwischen für seine Bücher auf dem antiquarischen Markt geboten wird. Genesis in Raum und Zeit mit gerade Mal 127 Seiten wird derzeit für fast 70 Euro angeboten.

Das Buch enthält eine Art Auslegung des biblischen Schöpfungsberichts. Schaeffer geht mit Jean Paul Satre davon aus, dass wir Menschen uns mit dem „Rätsel des Sein“ auseinandersetzen sollten und Gott auf wichtige Fragen dazu in der Heiligen Schrift Stellung genommen hat. Zitat (Francis A. Schaeffer, Genesis in Raum und Zeit, 1976, S. 18):

Wie ich anderswo schon sagte, hat Jean Paul Sartre das grundlegende philosophische Problem, vor dem wir stehen, treffend formuliert: Die Tatsache, daß etwas — anstatt nichts — da ist. Dies ist das unbestreitbare und unreduzierbare Minimum, von dem der Mensch ausgehen muß. Ich kann nicht sagen, es sei nichts da; es ist offensichtlich, daß etwas da ist. Ebenso klar ist, daß dieses Etwas zumindest aus zwei Teilen besteht: Ich bin da und etwas anderes, das sich von mir unterscheidet. Dies alles führt uns selbstverständlich zum modernen Begriff des Seins. Das Sein ist da. Aber damit stellt sich sogleich die Frage: „Ist es immer dagewesen?“” Das ist das grundlegende ungelöste Problem des modernen Menschen.

Denzel Washington: „Sooft es geht“

Hollywoodstar Denzel Washington wird mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet – weil er ein beliebter Schauspieler ist. Doch da ist noch etwas:

Er taucht nicht in den Klatschzeitschriften auf, er behelligt keine Menschen in Krisenregionen mit PR-Besuchen. Er ist bekennender Christ. In einem Artikel über ihn wurde mal geschrieben, er lese jeden Tag in der Bibel. „Stimmt das? Wirklich jeden Tag?“ Denzel Washington lacht. „Täglich ist etwas übertrieben, aber ja, ich habe immer eine Bibel dabei und lese darin, sooft es geht.“ – „Dann haben Sie sie sicher schon ein paar Mal durch. Wie hat sich Ihr Blick auf die Schrift dadurch verändert?“ – „Wenn ich jetzt mit dem Neuen Testament durch bin, ist es mein drittes Mal. Es fallen einem immer neue Stellen auf, die man vorher vielleicht überlesen hat, und die Lektüre wird besser, weil man mehr versteht.“

Mehr: www.welt.de.

E. Weede: Pläydoyer für Freiheit

Erick Weede, Soziologe und renommierter Konfliktforscher, hat ein Plädoyer für die Freiheit verfasst, dass jedem Schüler und Studenten als Pflichtlektüre verschrieben werden sollte. Politische Korrektheit verlangt, Europas Einheit als Wert an sich anzusehen. Doch dass die Folgen der Einheit immer positiv sein müssen, kann nur glauben, wer Europa-Politiker für Übermenschen hält. Europas Uneinigkeit war ein Glück. Wir brauchen mehr Hayekianer!

„Ein Vereinigtes Europa der Narren?“, ein großartiger Text (FAZ vom 03.02.2012, Nr. 29, S. 12):

Unter politischer Korrektheit kann man das Bedürfnis nach Übereinstimmung mit der Masse der Mitmenschen verstehen, auch um den Preis der Ausschaltung der eigenen Vernunft, wobei meist das Bekenntnis zu Werten und Zielen das Nachdenken über geeignete Mittel in den Hintergrund drängt. Wer Konsens für einen Wert an sich hält, für den ist eigenes Nachdenken – wie es die Kanzlerin im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte so schön sagte – „nicht hilfreich“.

In der Europa-Politik äußert sich die politische Korrektheit in lautstarken Bekenntnissen zu Europas Einheit als Wert an sich in der unreflektierten Behauptung, dass Europas Einheit den europäischen Frieden sichere. Unreflektiert ist diese Behauptung, wenn man sich weigert, Alternativen für die Erklärung des europäischen Friedens auch nur in Erwägung zu ziehen. Ich will hier nur eine Alternative andeuten: Die Nato oder die dort institutionalisierte amerikanische Hegemonie könnte für den Frieden Europas verantwortlich sein.

Hier: www.faz.net.

Vom Bedürfnis nach Sinn

Os Guinness schreibt in Von Gott berufen – aber wozu? (Hänssler: 2000, S. 10):201201311155.jpg

In einem frühen Entwurf der Brüder Karamasov von Fjodor Dostojewski gibt der Inquisitor einen erschreckenden Bericht über das, was mit der menschlichen Seele geschieht, wenn sie ihren Sinn anzweifelt: „Denn das Geheimnis des menschlichen Lebens ist es nicht, zu leben …, sondern für etwas Bestimmtes zu leben. Ohne eine fest umrissene Vorstellung davon, wofür der Mensch lebt, wird er das Leben nicht annehmen und wird sich eher zugrunde richten als am Leben zu bleiben …“

P.S. Das wunderbare Buch Brüder Karamasov gibt es für den Kindle hier gratis.

VD: PB

Sydney

Das derzeit für mich wichtigste Blog trägt den Namen Sydney. 😉

Zeit subtiler religiöser und politischer Manipulation

Francis Schaeffer sagte auf seinem Vortrag während der Lausanner Konferenz 1974:

Unsere Zeit ist — und das müssen wir durchschauen! — eine Zeit subtiler religiöser und politischer Manipulation, einer Manipulation durch ‚kalte‘ Kommunikation, Kommunikation ohne Inhalt. Wir müssen diese Dinge erkennen und uns entgegenstemmen. Wir haben eine Botschaft mit vernünftigem Inhalt; …

Die Analyse ist heute mindestens genauso aktuell wie damals. Bleiben wir wachsam?

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