Philosophie

Warum die Postmoderne mausetot ist

Auch DIE ZEIT hat der Londoner Ausstellung »Postmodernism – Style and Subversion 1970–1990« einen ausführlichen Beitrag gewidmet (siehe auch hier). Ich kann den Artikel von Thomas Assheuer sehr empfehlen, weist er doch unverblümt darauf hin, dass im Rahmen der postmodernen Erkenntnistheorie und Ethik »linke Positionen« Fragen persönlicher Vorlieben sind und sein müssen. Nur das. Ein postmoderner Denker kann weder an einen Gott, noch an universelle Menschenrechte glauben.

Mit dem Pathos der Distanz, nicht amoralisch, aber doch jenseits moralischer Zwänge glitt der postmoderne Zeitgeist zur Musik von Laurie Anderson auf den waves der visuellen Welt, auf den Glitzerwellen von Lifestyle und Kunst, von Werbung und Mode. Dieser Zeitgeist war, und das ist das Beste, was man über ihn sagen kann, antitragisch; er träumte vom gewaltlosen Nebeneinander der Bürger und ihrer sozialen Systeme, er wollte nicht besserwisserisch aufklären, sondern verführen und sich verführen lassen. Susan Sontags Aufsatz Anmerkung zu »Camp« von 1964 empfand der postmoderne Zeitgenosse ebenso als geniale Vorwegnahme seines Lebensgefühls wie Roland Barthes’ Lust am Text oder die Gemälde von Cy Twombly, dem melancholischen Meister der gemalten Schrift. Melancholisch deshalb, weil ja die wirkliche Wirklichkeit verschwunden war und der Alltag aus nichts anderem bestand als aus der bedeutungslosen Bedeutung austauschbarer Zeichen.

Und die gute alte Wahrheit? Sie war in postmodernen Ohren das sentimentale Medley des Abendlandes, eine lästige metaphysische Hinterlassenschaft, deren Rätsel die Gegenwart nicht mehr bekümmern müssen. Die Wahrheit war nur eine ungedeckte Metapher, ein Text unter Texten in einer Welt ohne Tiefe. Selbst unsere innigsten Worte (»I love you!«), so Baudrillard, können die Wahrheit nur verfehlen. »Wenn man sagt: ›Ich liebe dich‹, setzt man die Sprache, eine Form des Bruchs und der Untreue, an die Stelle der Liebe.«

Dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur semantische Fiktionen, nur unterschiedliche Sprachspiele – das war die größte Provokation, die die Postmoderne damals bereithielt. Denn während die alte Moderne noch die Versöhnung mit den Verhältnissen in Aussicht stellte, so tat die Postmoderne dies nicht mehr. Politisch hieß das: Wir müssen uns mit den sozialen Tatsachen und dem Pluralismus unvereinbarer Lebensweisen abfinden. Und für die Kunst lautete die Botschaft: Form und Gehalt sind nicht mehr verkettet, und damit ist das Ästhetische vom modernen Zwang befreit, den Fortschritt symbolisieren zu müssen, den »Vorschein der Versöhnung« (Adorno). Nach Belieben und mit einem Polytheismus der Stile darf sich der postmoderne Künstler aus dem Schatzkästlein der Vergangenheit bedienen, von der dorischen Säule bis zum spätwilhelminischen Erker. Anything goes.

Hier der Artikel »Als die Kunst ins Leben trat«: KS-Postmoderne.pdf.

»Wir schätzen Wahrheiten nicht mehr genug«

Wir haben nicht nur unsere finanziellen Reserven verschleudert, sondern auch unsere geistigen, warnt Wolfram Weimer. Der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus erklärt, dass wir ein Wahrheitsproblem haben.

Ein analytischer Beitrag, eine herbe Kritik an der Mediendemokratie. So ist es: Der postmoderne Mensch hat sich seine Identität nur geborgt. Die Reserven sind aufgebraucht. Wir leben auch ideell auf Kredit. Wollen wir aus den kulturellen Schulden wieder herauskommen, brauchen wir eine neue Wertschätzung für die Wahrheit.

Unbedingt lesen!

Immer weniger hört man auf das, was einer zu sagen hat, als darauf, wie und wo und vor wie vielen er es sagt. Ernst Jüngers Diktum »Die Intelligenz ist unsere glitzernde Uniform« hat sich ins Gegenteil verkehrt. Heute ist häufig die glitzernde Uniform unsere Rest-Intelligenz. Schaut man genauer hin, welchen Wahrheitskategorien diese Subprime-Kultur folgt, dann sieht man einen Rigorismus Kants ebenso schwinden wie eine Systematik Thomas von Aquins. Dagegen haben Friedrich Nietzsche, Jeremy Bentham und Jürgen Habermas durchaus Konjunktur und weben am unterbewussten Äußerlichkeitskleid mit.

Die Zyniker und Machtmenschen, die Karrieristen und Realpolitiker folgen Nietzsche heute mit einer Selbstverständlichkeit, mit der Wind durchs Land weht. Die Selbstlegitimation von Wahrheit durch Macht ist ein Gift, an dem nicht nur Diktatoren schnüffeln, es hat in verdünnten Dosen des Manageriellen und der Machbarkeiten mehr Gefolgsleute, als man ahnt.

Die zweite modische Versuchung eines variablen Wahrheitsbegriffs liegt in der Tradition Benthams und seines Utilitarismus, der Nutzwertideologie, die tatsächlich glaubt, das Praktische sei das Eigentliche. Wenn es aber um die essenziellen Dinge des Lebens und der Gesellschaft geht, auch um diskursfähigen Journalismus übrigens, dann wirkt das Nutzwertige zuweilen wie eine Gebrauchsanweisung zur Infantilisierung. Vom kommunikativen Utilitarismus leitet sich nichts ab, was über die Sondertarife für Mallorcareisen oder den Wirkungsgrad von Hautcremes hinausgehen würde. Er be-deutet nichts, darum hat er dort nichts zu suchen, wo es um Deutung gehen sollte. Der Benthamianismus ist zwar ein zuweilen sympathisch praktischer Zug der Wahrheitssuche, tatsächlich aber höhlt er in einer Welt der Machbarkeitsfixierung das Bewusstsein von Relevanzen und Existenziellem aus. Er befördert eine Gesellschaft, der alles egal ist, solange die Cholesterinwerte stimmen und der Handytarif günstig ist.

Die dritte und wichtigste Versuchung gegenwärtiger Wahrheitsrelativierung liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Vom deutschen Idealismus bis zu Jürgen Habermas reicht die Fraktion der Post-Veritaten, die Wahrheiten nur aus subjektiven Kategorien oder als Diskursfußnoten akzeptieren. Diese Auflösung fundamentaler Verbindlichkeiten führt im Alltag dazu, dass die Politik sich am liebsten auf Umfragen stützt, dass die Wirtschaft sich an Analysten und der Marktforschung orientiert und der Journalismus an der nackten Quote. Alles nachvollziehbar – nur zahlen wir mit diesen lemurenhaften Techniken der Vermittlung unseres Bewusstseins einen Preis der opportunistischen Verflachung.

Mehr: www.christundwelt.de.

Sieben Dogmen postmoderner Theologie

Manch TheoBlog-Leser wird überrascht sein, wenn ich heute einen Podcast empfehle, der aus dem katholisch-charismatischen Raum stammt. Johannes Hartl (hier seine Dissertation Metaphorische Theologie: Grammatik, Pragmatik und Wahrheitsgehalt religiöser Sprache und das dazugehörige Inhaltsverzeichnis) spricht knapp 70 Minuten lang lebendig und anschaulich über folgende sieben Dogmen der postmodernen Theologie.

  1. Die gemeinsame Kultur ist das, was uns mit einer Personengruppe verbindet.
  2. Christlicher Glaube hat sich in jeder Epoche neu definiert.
  3. Wir leben in der Postmoderne.
  4. In der Postmoderne wird »absolute Wahrheit« unglaubwürdig.
  5. Religiöser (auch christlicher) Fundamentalismus führt zu Intoleranz.
  6. Das Evangelium muss so übersetzt werden, dass es eine gute Nachricht für alle ist.
  7. Das Neue Testament zeichnet unterschiedliche Bilder von Jesus und muss nicht wörtlich genommen werden.

Eine hilfreiche Einführung in die oft ausgeblendeten Problemzonen postmoderner christlicher Bewegungen. Ich kann den Vortrag sehr empfehlen, auch jenen, die bisher nur emergentes Material zum Thema gelesen oder gehört haben.

Hier:
[podcast]http://www.gebetshaus.org/sites/default/files/podcast/audio/postmoderne.mp3[/podcast]
VD: JH & FH

Postmoderne: Alles zu bunt hier

Eigentlich war die Postmoderne ein Aufstand der Designer gegen das strenge Schwarzgrau der großen Utopie der Moderne. Doch dann lief der Stil aus dem Ruder. Inzwischen hat die Postmoderne einen so schlechten Ruf, dass ihre Stars nicht damit ins Museum wollen. Für die aktuelle Ausstellung »Postmodernism: Style and Subversion 1979 – 1990« (siehe auch hier) war es schwer, Aussteller zu finden.

Catrin Lorch schreibt für die SZ:

Doch warum gilt die Postmoderne, zu deren ersten Vertretern neben Alessandro Mendini und Philippe Starck auch Rem Kohlhaas als Theoretiker gehört, heute als Sündenfall? Schon Ettore Sottsass äußerte sich nie wieder öffentlich zu Memphis, nachdem er sich 1985 aus der von ihm begründeten Designer-Gruppe zurückgezogen hatte.

Nun ist es mit dem Design – im Gegensatz zu Literatur, die vergriffen ist, oder Popmusik, die nicht mehr gespielt wird – ja so, dass die Dinge immer noch herumstehen, vom symmetrisch ausgeschnittenen Wolkenkratzergiebel bis zur verkachelten Säule und dem grasgrünen Tympanon an der Museumsfront. Und die Postmoderne hinterließ keine stillen Artefakte, sondern trumpfte auf, stolz, pseudoklassisch, wie die schmalen Krawatten, die romantische New Wave-Musik und die schlagerlaute Neue Deutsche Welle, die gleichzeitig in Mode kamen.

Diese aber sind längst abgehängt, aussortiert, höchstens noch im Nachtprogramm zu hören. Denn dem postmodernem Befreiungsschlag gegen Tabus und Verbindlichkeiten der Aufbaujahre, der wie ein Blitz in das fuhr, was als guter, demokratischer Geschmack galt, haftete immer auch etwas Restauratives an. Es ging plötzlich wieder um architektonische Monumentalität, die als Wert an sich gelten sollte. Der Turm ist hoch, weil er wichtig ist.

Ganz ungeniert wurde wieder Marmor gebrochen und Glas bunt gefärbt – und wem das zu teuer war, der arbeitete mit Laminat und Folie. Dieser geltungshuberische Eklektizismus blieb schon damals stumm, es war den Designern ja schon zu ihrem Vatermord an der großen Utopie der Moderne nicht viel mehr eingefallen, als dem Begriff eine Silbe, das »Post«, voranzustellen.

Anfang der Achtziger hatte die Postmoderne sich im Recht gewähnt, weil Funktionalismus und Neue Sachlichkeit in Zweckbauten geendet waren, in rechtwinkligen Variationen von Stahl, Beton, Glas. Schnell aber wurde klar, dass die neuen Werke umso fatalere Folgen hatten: Salonfähig wurde nicht die Ironie, die Albernheit, sondern der Salon selbst. Es waren nicht nur die Mickey-Maus-Ringel am Ohrensessel, die sich verkauften, der Baumarkt griff auch nach marmorierter Folie und falschen Säulen. Weitsichtig soll Dieter Ramms schon 1981 in Mailand geknurrt haben, dass er sich »jetzt schon vor den Kopien fürchtet«.

Die Postmoderne, das ist rückblickend ein plumper, bunter Historismus, der vor allem alte Hoheitsformeln reaktivierte. Und genau da gründet das Unbehagen von einstigen Vordenkern der Bewegung wie Rem Kohlhaas, die sich jetzt nicht mehr zugehörig fühlen mögen. Den Postmodernen geht es wie den Popeln, die auf Fotos zeigen und behaupten, da seien sie jung gewesen. Dabei wirkt das, was man sieht, bei aller Asymmetrie doch nur wertkonservativ.

Mehr: www.sueddeutsche.de.

Philographics

Der Londoner Grafikdesigner Genies Carreras hat eine Sammlung mit dem Titel »Philographics« erstellt. Sein Ziel war es, philosophische Ansätze mit minimalistischem Mitteln grafisch darzustellen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Hier z.B. der Existentialismus:

Hier die Sammlung: threethirtypm.posterous.com.

VD: JO

Die Postmoderne: Ein erster Rückblick

Das weltweit größte Museum für Kunst und Design, das Victoria und Albert Museum in London, hat heute eine Ausstellung mit dem vielsagenden Titel: »Postmodernismus – Stil und Subversion 1970–1990« eröffnet. Das Magazine Prospect schreibt über diesen ersten größeren Rückblick auf eine künstlerische Epoche »Der Postmodernismus ist tot«:

I have some good news—kick back, relax, enjoy the rest of the summer, stop worrying about where your life is and isn’t heading. What news? Well, on 24th September, we can officially and definitively declare that postmodernism is dead. Finished. History. A difficult period in human thought over and done with. How do I know this? Because that is the date when the Victoria and Albert Museum opens what it calls »the first comprehensive retrospective« in the world: “Postmodernism—Style and Subversion 1970-1990.”

Wait, I hear you cry. How do they know? And what was it? Postmodernism—I didn’t understand it. I never understood it. How can it be over?

You are not alone. If there’s one word that confuses, upsets, angers, beleaguers, exhausts and contaminates us all, then it is postmodernism. And yet, properly understood, postmodernism is playful, intelligent, funny and fascinating. From Grace Jones to Lady Gaga, from Andy Warhol to Gilbert and George, from Paul Auster to David Foster Wallace, its influence has been everywhere and continues. It has been the dominant idea of our age.

Der Postmodernismus ist philosophisch und künstlerisch erschöpft, wie ich hier schon 2007 geschrieben habe. Trotzdem wird er uns, dank Popkultur, Kino, TV, politisch korrektem Geplänkel und dem emergenten Allerlei noch länger beschäftigen. Schade eigentlich.

Hier der Prospect-Artikel: www.prospectmagazine.co.uk. Siehe auch den Artikel von Collin Hansen. Das Buch zur Ausstellung gibt es hier.

Wer sind die wahren Fundis?

Die Katholische Akademie in Bayern (München) veranstaltet am 15. September 2011 eine »Nacht der Philosophie« zum Thema: Wer sind die wahren Fundis? Prof. Gerhard Schurz von der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf wird als humanistischer Aufklärer und Vertreter einer verallgemeinerten Evolutionstheorie die religionskritische Position vertreten. Prof. Daniel von Wachter, im Jahr 2010 Referent während der Apologetik-Studienwoche in Berlin, verteidigt ein vernünftiges Christentum. Von Wachter:

Es gibt starke Indizien für die Existenz Gottes. Deshalb ist der Theismus vernünftiger als der Atheismus. Nicht die sich als ›Aufklärung‹ bezeichnende Bewegung, sondern das Christentum hat die Vernunft gefördert. Die Behauptung vieler Säkularsten, das Christentum sei an den meisten Kriegen schuld und fördere die Unvernunft, ist falsch. Die größten Feinde der Religions- und Meinungsfreiheit in Europa sind heute Säkularsten. Der einzige Weg zur Religions- und Meinungsfreiheit ist die Achtung des Wertes und der Rechte der Andersdenkenden.

Hier die Einladung zur Veranstaltung: JA_Philosophie.pdf.

»Ich esse gerade ein Eis«

Soziale Netzwerke liefern uns die Welt frei Haus. Aber die Nähe ist trügerisch. Von der wirklichen Welt sind nur noch Tweeds wie »Ich esse gerade ein Eis« übrig geblieben. Uns droht die Verbitterung.

Hier ein Artikel von Jörg Wittkewitz über die postmoderne Völkerwanderung in einer Kultur des wahren Mülls:

Dank Googles Algorithmen bestimmen wir den Preis der Anzeigen für Online-Magazine und Suchoberflächen durch unser eigenes Verhalten im Netz. Gleichzeitig zementieren wir damit auch unsere eigene Sicht auf die dort vermittelte Sicht auf die Welt. Denn seit Günther Anders und Jean Baudrillard ist es offensichtlich, dass wir nur noch einen medial aufbereiteten Blick auf die Welt haben. Und der direkte Kontakt ist nicht erst durch die digitalen Codes verstellt worden. Anders hatte in seinem Buch »Die Antiquiertheit des Menschen« Mitte der fünfziger Jahre am Beispiel des Fernsehens erkannt, dass uns die Welt nunmehr als Ware mit ästhetisch geformten Stilmitteln präsentiert wird. Der Warencharakter der künstlichen Welt drückt sich aber besonders darin aus, dass man per Knopfdruck darüber entscheiden kann, ob und wann man die Welt nun sehen will oder eben nicht.

Was damals die Kanalwählschalter der ersten Fernseher waren, ist heute unsere Computer-Maus. Sie wählt den Kanal aus, der ein harmonisches Übereinstimmen mit unseren Wünschen liefern kann. So lesen konservativ eingestellte Leser Zeitungen, Bücher und Websites, die diesen Lebensstil begründen können. Progressive Menschen bevorzugen die Herausforderungen mit dem ständigen Blick auf die drohende Zukunft. Dazwischen befindet sich eine große Menge von Menschen, die durch den modernen Hochleistungs-Lebensstil so erschöpft sind, dass sie den Zeitpunkt des Tiefschlafs nur noch mit künstlicher Berieselung herauszögen können. In diesem, dem Wachkoma ähnlichen Zustand sind sie höchstens noch in der Lage, kohlenhydratreiche Kost und Unterhaltung zu konsumieren.

Mehr: www.faz.net.

Der Medienversteher: Marshall McLuhan

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Marshall McLuhan

»Das Medium ist die Botschaft« – mit diesem Satz wurde der Medientheoretiker Marshall McLuhan in den sechziger Jahren weltberühmt. Am heutigen Donnerstag wäre er hundert Jahre alt geworden. Seine Thesen polarisieren noch immer.

Ohnehin war McLuhan schon zu seiner Zeit als akademischer Lehrer untragbar, und er wäre es unter heutigen Modulverantwortlichen und Doktoratsprogramm-Strukturierern umso mehr. Niemals deckte er in Vorlesungen »ein Thema« ab, niemals gab es Zusammenfassungen zum Mitschreiben; für sorgfältig recherchierte und genau belegte Hausarbeiten gab er schon aus Prinzip null Punkte, und statt Klausuren kündigte er am liebsten »ein lockeres Gespräch« an, »in dem Sie mich mit Ihrer Textkenntnis überwältigen werden«. Ganze sieben Doktorarbeiten hat er in dreißig Dienstjahren betreut. Umso mehr gilt vielleicht sein Ausspruch: »Wir wissen nicht, wer das Wasser entdeckt hat, aber mit Sicherheit war es kein Fisch.«

Gerade deshalb war McLuhan ein kurzes Jahrzehnt lang eine Kultfigur. Als Produkt wurde er, der Werbung einmal als die einzig lohnende Quelle zum Verständnis der Gegenwart bezeichnet hatte, selbst von einem Werbefachmann vermarktet: in Form des »Distant Early Warning Line Newsletters«, den eine »Human Development Corporation« nahe den Werbern an der Madison Avenue vertrieb. Dort sollte man erfahren, warum der Computer das Ende der Geschichte bedeute und warum das Nasa-Programm bereits obsolet sei, und man konnte Spielkarten mit McLuhan-Zitaten zur Lösung eigener Probleme bestellen. »Read them yourself – at our risk!« Und sie wurden gelesen: 346 Formulierungen sind in den Sprachschatz des »Oxford English Dictionary« eingegangen.

Hier der Artikel von Claus Pias: www.faz.net. Siehe auch hier.

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