Bibelwissenschaft

“Nicht zu verachten …“ – Johannes Calvin und die Apokryphen

Wie bewertete Johannes Calvin die apokryphen Schriften des Alten Testaments? Matthias Freudenberg schreibt („‚Nicht zu verachten …‘ (Johannes Calvin) – Die Apokryphen im Spiegel der reformierten Theologie“, Catholica 76, 4 (2022), S. 234–47):

Wie in den bekannten Bibelausgaben der Reformation finden sich auch in der Bibel Pierre Robert Olivetans (1535) – einem Vetter Calvins – und in der Genfer Bibel (1546) die Apokryphen im Anschluss an die alttestamentlichen Bücher. Auch hier verdient Beachtung, dass sie überhaupt abgedruckt und nicht ignoriert wurden – jedenfalls in der Anfangszeit. In der Vorrede zu den Apokryphen in der Olivetanbibel (1535) schreibt Calvin, dass die Apokryphen gelesen werden, aber nicht öffentlich im Gottesdienst, sondern „im Geheimen und abseits“, also privat; sie seien „weder als verbindlich angenommen noch als legitim angesehen worden, weder von den Hebräern noch von der ganzen Kirche“.

Unter Bezug auf Hieronymus fährt er fort: „Wir haben sie abgetrennt und beiseite gesetzt, um sie besser zu unterscheiden und kenntlich zu machen, damit man weiß, aus welchen Büchern das Zeugnis als bindend angenommen werden muss und aus welchen nicht.“ Affirmativ heißt es, dass der Glaube Gewissheit im Wort Gottes erhält. Calvin liegt an der Glaubensgewissheit, und diese kann sich nur auf die Wahrheit der „lebendigejn] und kraftvollejn] Schrift“ gründen.

Ein Jahrzehnt später argumentiert Calvin in der Vorrede zu den Apokryphen der Genfer Bibel (1546), einer Revision der Olivetanbibel: „Diese Bücher, Apokryphen genannt, sind immer von den Schriften unterschieden worden, die man ohne Schwierigkeit als Heilige Schrift bezeichnete. Denn die Kirchenväter wollten der Gefahr vorbeugen, einige profane Bücher mit denen zu vermischen, die sicherlich vom Heiligen Geist hervorgebracht waren.“ Allerdings räumt er ein: „Es ist wahr, dass die Apokryphen nicht zu verachten sind, soweit sie gute und nützliche Lehre enthalten.“ Daraus erwachse „Lehre zur Erbauung“. Doch habe das, was durch den Heiligen Geist gegeben ist, Vorrang „vor allem, was von Menschen gekommen ist“. Glaubensgewissheit können diese Schriften nicht hervorrufen und seien daher nicht verbindlich, sondern sollen privat gelesen werden. Auch wenn Calvins Zurückhaltung gegenüber den Apokryphen unübersehbar ist, verzichtet er darauf, diese gänzlich abzuwerten. Ihm geht es um die Glaubensgewissheit, die der Heilige Geist mit Hilfe der kanonischen Schriften bekräftigt; von diesen müssen die Apokryphen als private Texte ohne Rechtskraft unterschieden werden. Calvin stellt die Glaubensgewissheit aus öffentlich beglaubigten Urkunden (Kanon) und die Lehre zur Erbauung (Apokryphen) aus Privatschriften einander gegenüber.

Ebenfalls 1546 erhielt Calvin Kenntnis von der Trienter Konzilsentscheidung, mit der in Sessio IV der Umfang des Kanons dogmatisiert und zum Alten Testament auch die Apokryphen gezählt wurden (DH 1502–1504). Ein Jahr später reagierte er darauf mit einer Streitschrift Acta Synodi Tridentinae cum Antidoto gegen die Konzilsakten und bestritt die Gleichrangigkeit der apokryphen mit den kanonischen Schriften sowie deren Einordnung ins Alte Testament; die apokryphen im Anschluss an die alttestamentlichen Texte einzuordnen, schloss er indes nicht aus.

Zudem machte er theologische Einwände. Es gäbe „keinen noch so ungeheuerlichen Aberglauben, zu dem sie nicht gleichsam den [siebenhäutigen] Schild des Ajax herantragen, um ihn damit beschützen zu wollen“; dazu zählen das Fegefeuer (2Makk 7,36; 12,43–45), die Vermittlung der Heiligen (2Makk 3,25–30; 10,29f.; 11,8), die Genugtuung (Tob 4,10f.; 12,9) und die Exorzismen (Tob 6,8.17). Einzelne Stellen aus den Apokryphen dienten zur Beglaubigung von kirchlichen Lehren, nämlich „zur Färbung ihrer Irrtümer mit unechter Schminke“: „Woher sollen sie besser den Bodensatz schöpfen [als aus den Apokryphen]?“ Allerdings räumt Calvin ein, dass er diese Bücher keineswegs gänzlich verdammen wolle. Doch eine Vertrauensbasis für den Glauben böten sie nicht. Im Übrigen widerspreche ihre Kanonisierung dem Konsens der Alten Kirche, da sie den Glauben nicht förderten.

Der NT-Kanon: Menschenwerk oder Gottes Werk?

Wie ist der Kanon des Neuen Testaments enstanden und welche Rolle spielt Gott bei der Entstehung? Der Althistoriker Prof. Dr. Weiß versucht, diese komplexe Frage in sechs Minuten zu beantworten. Es ist ihm gut gelungen.

Hier:

Jesaja 7,14 doch messianisch?

Jesaja 7,14 bleibt einer der am meisten diskutierten Verse der hebräischen Bibel, insbesondere hinsichtlich seiner Zitierung in Matthäus 1,23 als eine Prophezeiung, die sich in der jungfräulichen Geburt Jesu erfüllt hat. Viele Gelehrte behaupten, dass der ursprüngliche Kontext eine historische Erfüllung während der Regierungszeit von Ahas und Hiskia erfordert, wodurch Matthäus’ Lesart bestenfalls als nicht wörtlich oder typologisch erscheint.

Auch sprachlich gibt es bedeutsame Einwände gegen eine Übersetzung von ʿalmāh mit „Jungfrau“. Deshalb übersetzen zum Beispiel die Basisbibel oder auch die Gute Nachricht mit „junge Frau“.

In einem bemerkenswerten Aufsatz argumentiert Seth Postell, Professor für Altes Testament am Israel College in Israel, für eine messianische Lesart von Jesaja 7,14.  Durch die Lektüre von Jesaja 7 im Lichte seiner Platzierung innerhalb von Jesaja 2–12, einem Abschnitt, der von eschatologischer Hoffnung und messianischer Erwartung geprägt ist, zeigt er, dass Jesaja 7,14 eine zukünftige, wundersame Geburt vorwegnimmt. Darüber hinaus zeigt eine genaue Betrachtung der sprachlichen Merkmale und der wiederkehrenden Bilder von Zerstörung und Erneuerung, dass Jesaja eine kohärente Vision der messianischen Hoffnung präsentiert, wobei die Immanuel-Prophezeiung ein integraler Bestandteil dieser Vision ist. In diesem Licht erscheint die Interpretation des Matthäus nicht als apostolische Auferlegung, sondern als getreue Auslegung der beabsichtigten Botschaft Jesajas.

Aus dem Fazit: 

Wir haben uns die bemerkenswerten Ähnlichkeiten zwischen dem davidischen Spross, der hervorgeht, wenn der Zweig des prahlerischen assyrischen Königs vollständig abgeschnitten ist (Jes 10,33–11,1; siehe auch 8,21–9,6), und der Erzählung über Hiskia angesehen, den Gott zusammen mit einem Überrest auf wundersame Weise vor dem prahlerischen König von Assyrien bewahrt hat (Jes 36–37). Die Ähnlichkeiten führen zu einer Spannung zwischen den begrenzten Errungenschaften Hiskias und der Erwartung eines ewigen Friedensreiches. Das Buch Jesaja löst diese Spannung, indem es Assyrien mit Babylon verschmilzt (Jes 13–14), während das Kommen des Messias speziell mit einer zweiten Verbrennung verbunden ist – einer zweiten Zerstörung des Landes durch eine große Weltmacht (6,11–13). Als Teil der literarischen Strategie des Buches verwendet der Autor Hiskia als vorausschauende Analogie für den König, durch den Jesajas Vision erfüllt werden würde. Schließlich argumentierten wir, dass ʿalmāh „junge Jungfrau” bedeutet. Wir argumentierten auch, dass dieses Wort strategisch als Teil eines Wortspiels im unmittelbaren Kontext und als Parallele zu dem Zeichen gewählt wurde, das Hiskia in Jesaja 38 gegeben wurde. Wenn man die Parallele betrachtet, muss das Zeichen des ʿalmāh so hoch wie der Himmel sein, ein Wunder von der Größenordnung, wie wir es in Matthäus 1,23 finden: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, was übersetzt bedeutet: Gott mit uns.” Obwohl sich diese Studie ausschließlich auf die Bedeutung von Jesaja 7,14 im Buch Jesaja konzentrierte, haben wir schließlich den Gipfel eines sehr hohen Berges erreicht, und zu unserer großen Überraschung sitzt Matthäus mit verschränkten Armen da und fragt sich, warum wir so lange gebraucht haben, um hierher zu gelangen!

Die Lektüre von „Is Isaiah 7:14 messianic?“, JETS, Vol. 68.3 (2025), S. 465–493, sei hiermit empfohlen. Erreichbar ist der Aufsatz über einschlägige Bibliotheken oder Onlinedatenbanken. 

Martin Bucer: Die Quelle ewiger Erlösung

In Römer 3,21 lesen wir: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“Der Reformator Martin Bucer kommentiert den Vers mit folgenden Worten (Gwenfair Walters Adams, Timothy George u. Scott M. Manetsch (Hrsg.), Romans 1–8: New Testament, Bd. VII, Reformation Commentary on Scripture, Downers Grove, IL: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press, 2019, S. 164):

Unsere Sache wird stets durch diese Verse des größten Apostels und von Christus auserwählten Werkzeugs gestützt. Kein anderer Apostel hat uns jemals die Lehre eingeprägt, dass die Gerechtigkeit allen Menschen allein durch den Glauben an Jesus Christus, der für uns gestorben ist, zuteilwird. Lasst uns unsere Gedanken noch tiefer auf genau diese Sache richten und die Angelegenheit sorgfältig und würdig prüfen. Denn niemand hat diese Frage jemals ausreichend berücksichtigt. Dies ist wahrhaftig ein Schatz des Lebens und eine Quelle ewiger Erlösung. Denn wer kann darüber nachdenken, dass Gott aus seiner unaussprechlichen Liebe zu uns um unseretwillen seinen eingeborenen Sohn seinen Feinden zum Tode übergeben hat, damit wir durch ihn ewig leben können, und dies glauben und dennoch nicht glauben, dass er selbst bereits sicher und gesegnet ist, und sich ganz Gottes Brust hingeben? Daraus lernen wir auch wahrhaftig und erkennen fest, wie verloren wir in und aus uns selbst sind, dass aus absolut nichts, was von uns oder einem anderen Geschöpf kommt, es geschehen kann, dass Gott an uns Gefallen findet, so dass es notwendig war, dass das Wort Gottes Mensch wurde und der Eingeborene Gottes einen schrecklichen Tod starb, um uns wiederherzustellen. Dieser Gedanke bewahrt die wahre Demut in uns, lässt uns in Widrigkeiten ausharren und entfacht in uns das Bestreben, böse Begierden zu korrigieren und uns ernsthaft der Aufgabe der Heiligung und Gerechtigkeit zu widmen. Paulus wollte „nichts anderes wissen als den Herrn Jesus und ihn als den Gekreuzigten“, weil er erkannt hatte, dass im Kreuz unseres Herrn die wahre Philosophie und alles rettende Wissen enthalten ist.

Luther: Der Vorrang der Schrift

Oswald Bayer geht in seinem Buch Martin Luthers Theologie auch der Frage nach, warum für den Reformator die Heilige Schrift Autorität besitzt. Dabei hebt Bayer heraus, dass für Luther die Schrift sich selbst zu Gehör bringt. Bei aller notwendigen wissenschaftlichen Arbeit am und mit dem Text ist das Verkündigen und Hören eben ein Prozess, der uns Menschen überfordert und deshalb ohne Geistwirken undenkbar ist.

Zitat (Oswald Bayer, Martin Luthers Theologie, 2007, S. 62–63):

Luthers Grundthese lautet: Sacra scriptura „sui ipsius interpres“ — die Heilige Schrift legt sich selbst aus. Diese These reicht weit über die Konkordanzmethode hinaus, wonach eine Schriftstelle durch die andere auszulegen und mit ihr in Übereinstimmung zu bringen ist. Sie betrifft nämlich die Wirksamkeit des Textes im Bezug auf seine Leser, Hörer und Ausleger. In diesem umfassenden Sinn besagt „sacra scriptura sui ipsius interpres“: Der Text bringt sich selbst zu Gehör.

Bei aller Arbeit der Auslegung, die wissenschaftlich – handwerklich solide sowie klar und kontrollierbar – zu leisten ist, bleibt das Verstehen des biblischen Wortes im letzten unverfugbar. Wir haben diese Spannung in Luthers Theologiebegriff schon wahrgenommen: Bildungsarbeit einerseits – grammatische und philosophische Bildung des Theologen, geduldiges Meditieren und Auslegen –, zugleich aber die unverfugbare Geistgabe, wie sie Luther selbst mit seiner reformatorischen Entdeckung empfing, als sich ihm mit dem Aufleuchten der Gottesgerechtigkeit „die Tore des Paradieses“ öffneten. Nicht der Ausleger ist es, der dem Text einen Sinn gibt oder den Text verständlich macht; vielmehr soll der Text von sich aus sagen dürfen, was er von sich aus zu sagen hat. Dann wird die gängige Unterscheidung, wonach die Heilige Schrift als Formalprinzip des Protestantismus gilt und die Rechtfertigung als dessen Materialprinzip, sich erledigen. Die Autorität der Schrift ist keine formale, sondern eine höchst materiale, inhaltliche. Sie ist die Stimme ihres Autors, der gibt: der staunen, klagen und loben lässt, fordert und erfüllt.

Die ELB-Studienbibel

 

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Es gibt eine neue deutschsprachige Studienbibel. Die Herausgeber, der SCM R. Brockhaus und die Christliche Verlagsgesellschaft, haben das Werk ELBERFELDER BIBEL: Die große Studien- und Kommentarausgabe „getauft“.

Angeboten werden zwei wertige Ausgaben. Die Standardausgabe mit Kunst ledereinband kostet 130 Euro, die Echtlederausgabe mit Goldschnitt satte 180 Euro. Das ist jeweils eine Menge Geld. Lohnt sich die Investition? Die Antwort auf diese gute Frage gibt es hier in einer Buchbesprechung: www.evangelium21.net.

Bestellt werden kann die Studienbibel hier [#ad].

Über 100 Millionen Christen ohne Zugang zur Bibel

Weltweit haben mehr als 100 Millionen Christen keinen Zugang zu einer Bibel. Das geht aus der ersten „Bible Access List“ hervor, einem Forschungsprojekt der globalen „Bible Access Initiative“, zu der auch „Bible League International“ gehört. „Es herrscht eine geistliche Hungersnot“, erklärt Wybo Nicolai, Mitbegründer der Bible Access List. „Es ist nicht so, dass Menschen kein Interesse an Gottes Wort hätten – im Gegenteil. Es sind die vielen Hindernisse, die ihnen den Zugang zur Heiligen Schrift verwehren. Diese sehen unterschiedlich aus, doch das Ergebnis bleibt dasselbe: Millionen Menschen leben abgeschnitten von Gottes Wort. Viele haben noch nie eine Bibel in ihrer Sprache oder zu einem erschwinglichen Preis gesehen – und oft fehlt ihnen jede Möglichkeit, überhaupt an eine zu gelangen.“
Die Studie kombiniert Umfragen, Experteninterviews, Feldbeobachtungen und detaillierte sozioökonomische Indikatoren aus 88 Ländern. Dabei werden zwei grundlegende Herausforderungen unterschieden:

  1. Zugang zur Bibel wird verhindert: etwa durch gesetzliche Verbote, Überwachung, religiösen Extremismus oder sozialen Druck.
  2. Fehlende Versorgung mit Bibeln: etwa wegen Armut, Analphabetismus, fehlenden Übersetzungen oder mangelnder Infrastruktur.

„In vielen Ländern sind Verfolgung und Bibelmangel nicht nur zwei parallele Herausforderungen – sie verstärken sich gegenseitig“, heißt es im Positionspapier der Herausgeber. „Die Bibel wird vielerorts wie ein gefährlicher Gegenstand behandelt, etwas, das zensiert oder beschlagnahmt wird und dessen Besitz in manchen Ländern lebensgefährlich ist.“

Die fünf Länder mit den strengsten Einschränkungen beim Bibelzugang sind:

  1. Somalia 
  2. Afghanistan 
  3. Jemen 
  4. Nordkorea 
  5. Mauretanien 

Folgende fünf Länder stehen an der Spitze des weltweiten Bibelmangels unter Christen:

  1. Demokratische Republik Kongo – über 10 Millionen Christen ohne Bibel 
  2. Nigeria – über 10 Millionen 
  3. Äthiopien – über 10 Millionen 
  4. Indien – über 10 Millionen 
  5. China – 5-10 Millionen

Weiter Informationen hier: bibleaccesslist.org.

Warum ist Adolf Schlatter mit seinem Ansatz gescheitert?

Warum ist Adolf Schlatter innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft des 20. Jahrhunderts ein Außenseiter geblieben? Peter Stuhlmacher meint, dass die Vernachlässigung der bibelkritischen Perspektiven Schlatter zeitlebens übelgenommen wurde. Zitat (Vom Verstehen des Neuen Testaments, 1986, S. 174):

Der Hauptgrund für Schlatters Isolierung lag also in seiner im Alleingang vorangetriebenen judaistischen und neutestamentlich-historischen Arbeit. Schlatter hatte sich nach einigen gescheiterten Anfangsversuchen aus der wissenschaftlichen Diskussion fast ganz zurückgezogen und begründete seine historischen Urteile so gut wie nie mehr in direkter kritischer Argumentation. Diese Urteile waren teils wegweisend, teils aber auch einfach traditionell und apologetisch konstruiert. Schlatter hat nicht nur zeitlebens die Priorität des Matthäusevangeliums gegenüber Markus und Lukas verfochten und in Einleitungsfragen einen ganz konservativen Standpunkt eingenommen, sondern er hat auch aus seiner Skepsis gegen die religionsgeschichtliche und traditionsgeschichtliche Erforschung der neutestamentlichen Texte keinen Hehl gemacht. Über all diese Probleme hat er jedoch noch mit sich reden lassen. Fundamental wurde sein Widerspruch gegen die liberale Exegese nur an einer einzigen, seiner Überzeugung nach alles entscheidenden Stelle. Schlatter insistierte darauf, daß schon der irdische Jesus der messianische Gottessohn gewesen sei, und warf allen Gegnern seiner Auffassung fehlendes historisches Sehvermögen vor. Da diese sich mit dem Gegenvorwurf mangelnder kritischer Urteilskraft revanchierten und ein direktes wissenschaftliches Gespräch nicht zustandekam, blieb der Gegensatz unausgetragen, und zwar bis in unsere Zeit herein. So wegweisend Schlatters Gesamtansatz aus dem Rückblick heraus erscheint, so sehr unterliegt er also bei der Ausarbeitung subjektiven und methodologischen Begrenzungen, die Schlatters Wirkung behindert haben. Erst wenn man in methodologischer Hinsicht frei über Schlatter hinauszufragen wagt, wird die Kraft seiner Gesamtkonzeption deutlich.

Deutsche Bibeldrucke vor Luther

Bern Kollmann schreibt über deutsche Bibelausgaben vor Luthers Septembertestament 1522 (Martin Luthers Bibel, 2021, S. 47, siehe auch hier):

Der Buchdruck ermöglichte nicht nur eine Herstellung der Vulgata in höheren Stückzahlen, sondern trug auch zur raschen Verbreitung deutscher Bibeln bei. Vor allem das zahlungskräftige städtische Bürgertum hatte ein starkes Verlangen danach, zur persönlichen geistlichen Erbauung eine Bibel in der Umgangssprache zu besitzen. Die Aussage von Johannes Aurifaber aus dem Jahr 1566, die Bibel habe voller Staub unter der Bank gelegen, bis Luther sie hervorzog und mit seiner Übersetzung allen Menschen in verständlicher Sprache zugänglich machte, ist eine Übertreibung. Vor dem Erscheinen von Luthers Septembertestament 1522 sind 14 hochdeutsche und vier niederdeutsche Druckausgaben der Bibel belegt. Die Zentren des hochdeutschen Bibeldrucks waren Straßburg, Augsburg und Nürnberg. Im Jahr 1466 brachte Johannes Mentelin in Straßburg die erste gedruckte Bibel in deutscher Sprache auf den Markt. 

A Textual Commentary on the Greek New Testament (2025)

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Ein neuer Textual Commentary on the Greek New Testament ist bei der Deutschen Bibelgesellschaft erschienen. Das gleichnamige Werk von Bruce M. Metzger, das sich in seiner letzten Auflage auf das GNT4 aus dem Jahr 1993 bezog, ist damit abgelöst (er ist aber immer noch sehr wertvoll und kann derzeit für nur 9,95 Euro bei der Bibelgesellschaft bezogen werden). 

Der neue Textual Commentary präsentiert nicht mehr das Ergebnis einer Arbeitskommision, sondern wird von H.A.G. Houghton verantwortet. Houghton ist Mitglied des Herausgebergremiums für NA29 und GNT6.

Aber was ist das Anliegen des Buches? Der Textual Commentary on the Greek New Testament ist kein Bibelkommentar. Er kommentiert Entscheidungen zur sogenannten Textkritik des Neuen Testaments. Neutestamentliche Textkritik ist ein Teilgebiet der Bibelwissenschaft, das sich mit der Rekonstruktion des ursprünglichen Wortlauts des griechischen Neuen Testaments befasst. Da die die Originalhandschriften (auch Autographen genannt) nicht mehr existieren, stützt sich die Textkritik auf die Auswertung und den Vergleich von Handschriften und anderen Textzeugen, um die wahrscheinlich ursprüngliche Lesart zu ermitteln.

Tanja Bittner hat die Neuausgabe rezensiert und schreibt u.a.:

Um fundiert Textkritik zu betreiben, ist ein beträchtliches Maß an Fachwissen nötig, zum Beispiel in Bezug auf die Charakteristika einzelner Handschriften. Vom durchschnittlichen Theologiestudenten, Pastor oder Bibelübersetzer ist das kaum zu leisten, obwohl textkritische Fragen durchaus für ihn relevant sein können.

Auf eben diese „non-specialists“ (S. VII) ist der Textual Commentary ausgerichtet. Er soll dem Leser helfen, die Arbeit der Textkritiker nachzuvollziehen und sich ein Stück weit eine eigene Meinung zu bilden.

In einer ausführlichen Einleitung (36 Seiten) wird zunächst das nötige Grundwissen vermittelt. Der Leser erhält einen Überblick über die verschiedenen Arten von Zeugen (Papyri, Majuskeln, Minuskeln usw.) und die Prinzipien der Textkritik (äußere und innere Kriterien, die neuen Möglichkeiten der CBGM). Im Abschnitt „Who Changed the Text and How?“ (dt. „Wer veränderte den Text und auf welche Weise?“ Vgl. S. 23–27) geht es um die immer wieder geäußerte Vermutung, die antiken Schreiber hätten sich gewisse Freiheiten beim Abschreiben der Texte genommen und zum Beispiel theologisch nicht genehme Stellen verändert. Damit verkennt man aber die Situation in antiken Schreibstuben und die üblichen Abläufe der damaligen Buchproduktion. Man sollte bei der überwiegenden Zahl der Varianten davon ausgehen, dass es sich um Versehen oder unbewusste Änderungen handelt.

Houghton geht in der Einleitung außerdem kurz auf das Konzept der Texttypen anhand der vermeintlichen geographischen Verortung ein (alexandrinischer, westlicher, Caesarea-Text): Der Textbefund erlaubt es heute nicht mehr, diese Kategorien aufrechtzuerhalten, man sollte sie deshalb nicht mehr als Kriterium verwenden. Einzige Ausnahme ist die Kategorie des Byzantinischen Texts, dessen Vertreter tatsächlich ein hohes Maß an Übereinstimmung aufweisen.

Mehr: www.evangelium21.net.

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