Neues Testament

Brief von Kümmel an Bruce

Frederick Fyvie Bruce (1910 – 1990) gehörte zu den herausragenden evangelikalen Neutestamentlern des 20. Jahrhunderts. Rod Decker hat vor einiger Zeit einen Brief veröffentlicht, den W.G. Kümmel am 17. Juni 1975 an Bruce geschrieben hatte, um sich bei ihm für seinen Beitrag zur Kümmel-Festschrift zu bedanken. Die Gesellschaft, von der Kümmel im Schreiben spricht, ist die Society for NT Studies. Die Festschrift trägt folgenden Titel:

  • Grässer, Erich (Ed.): Jesus und Paulus: Festschrift für Werner Georg Kümmel zum 70. Geburstag. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1975

Hier der Brief:

Prof. Dr. W. G. Kümel
355 Marburg/Lahn, 12 . Juni 1975
Von-Harnack-Straße 23

Sehr verehrter Herr Kollege,

Sie werden es mir sicher nicht übelnehmen, dass ich erst heute dazu komme, Ihnen für Ihre freundliche Mitarbeit an der mir zu meinem 70. Geburtstag überreichten Festschrift sehr herzlich zu danken. Aber Sie werden verstehen, dass man nur Schritt für Schritt die vielen Briefe und gar die vielen Aufsätze lesen und beantworten kann, die einen an einem solchen Jubilaum erreichen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass auch Sie sich an der Festschrift beteiligt haben, und die Gedanken, die Sie als die eigentliche Meinung des Paulus in dem von Ihnen behandelten Abschnitt des Galaterbriefs herausstellen, halte ich durchwegs für richtig. Dass Paulus letztlich nicht autobiographisch, sondern kerygmatisch-apologetisch schreibt, haben Sie richtig und überzeugend nachgewiesen.

Ich hoffe, Sie haben inzwischen den mir pünktlich überreichten Band auch erhalten und gesehen, dass er viele interessante und wertvolle Arbeiten enthält und auch ein erfreuliches Zeichen der die Grenzen überschreitenden Zusammenarbeit der Neutestamentler ist.

Ich hoffe, Sie im August als Präsident unserer Societas begrüssen zu können, und grüsse Sie bestens

Ihr ergebener

[Werner Kümmel—sig]

»Werke des Gesetzes« im Galaterbrief

Joseph B. Tyson hat Anfang der 70er Jahre, also lange vor dem Rummel um die »Neue Paulusperspektive«, einen Aufsatz über die Werke des Gesetzes (griech. erga nomou) im Galaterbrief publiziert. Tyson nimmt die Forschungsarbeiten von Ernst Lohmeyer auf. Rob Bradshaw hat den Beitrag digitalisiert. Also kann:

  • Joseph B. Tyson, »Works of law‘ in Galatians,« Journal of Biblical Literature 92.3 (Sept. 1973): 423–431

hier gratis heruntergeladen werden kann: 1973_tyson.pdf.

VD: RB

10 Jahre Millenniumsziele: Ernüchternde Bilanz

Die Armut in der Welt soll bis zum Jahr 2015 halbiert werden, erklären die Millennium-Entwicklungsziele, die im Jahr 2000 von von einer Arbeitsgruppe aus Vertretern der UNO, der Weltbank, der OECD und mehreren NGOs formuliert worden sind. Auch die Evangelikalen haben sich unter dem Dach der »Micah Challenge« (in Deutschland Micha Initiative) den Zielen des Millennium-Gipfels der Vereinten Nationen angeschlossen.

Dieser Beitrag des DLF zeigt, dass entgegen der mit den Initiativen verknüpften Erwartungen die Armut ist in den letzten beiden Jahren gestiegen ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Eigeninteressen der mächtigen Staaten, das Fehler der nötigen Mittel, die Finanzkrisen und anderes mehr.

Die Hauptursache für die bleibende Armut ist allerdings die Korruption. Dies zeigt, wie bedeutend neben der politischen und praktischen Armutsbekämpfung die Verkündigung des Evangeliums ist. Steinerne Herzen brechen nur dort auf, wo Jesus Christus einzieht und eine Veränderung von Innen schenkt (vgl. 1Mo 6,5; Hes 36,26; Mt 15,19 u. Mk 7,21).

Hier der Beitrag:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2010/09/06/dlf_20100906_0936_06f0f979.mp3[/podcast]

Paulus und die Hölle

In den meisten Bibelübersetzungen fehlt das Wort »Hölle« in den paulinischen Briefen. Der Apostel hat die griechischen Begriffe »geena« oder »hadēs« in seinen neutestamentlichen Schreiben nicht benutzt. Sagt Paulus dennoch etwas über ein ewiges Strafgericht für diejenigen, die Gottes befreiendes Evangelium ablehnen? Und wenn ja, wie stellt er sich so eine Strafe vor?

Der Neutestamentler Douglas J. Moo (Wheaton College, USA) geht in seinem Beitrag »Paul on Hell« für das Buch Hell Under Fire: Modern Scholarship Reinvents Eternal Punishment genau diesen Fragen nach.

Der Aufsatz kann gratis hier heruntergeladen werden: paulonhell.pdf.

Zweierlei Diaspora

31rmBvqnF8L._SL160_.jpgUnd wieder eine neue Perspektive:

Ein schmales Büchlein mit einer These, die unser Bild des antiken Judentums grundlegend verändert. Denn innerhalb der jüdischen Geschichtsschreibung hatte man bisher weithin angenommen, dass sich in der Antike das religiöse und kulturelle Leben im östlichen wie im westlichen Judentum unter dem Einfluss der Rabbinen des Landes Israel, der Tannaim (1. und 2. Jahrhundert nach Christus) und der Amoraim (etwa 220 bis 360/70), entwickelt habe.

Demgegenüber behaupten der Althistoriker Doron Mendels von der Hebräischen Universität in Jerusalem und der in Tel Aviv lehrende Rechtshistoriker Arye Edrei jetzt, die jüdische Diaspora, also die Welt der Juden, die außerhalb Palästinas lebten, sei in dieser Zeit zweigeteilt gewesen: Es habe zwei Sprachen, Griechisch (und in geringerem Maße auch Lateinisch) im Westen und Hebräisch/Aramäisch im Osten, gegeben und, damit eng verknüpft, auch zwei »Wissenskulturen«, ja »zweierlei Judentum«.

Ich gestehe, ich habe das Buch bisher nicht gelesen (und bin zurückhaltend). Allerdings vermute ich, dass sich die These, das europäische Judentum sei in der ausgehenden Antike eine bunte Ansammlung von Gruppen mit unterschiedlicher Homogenitäts- und Organisationsdichte gewesen, recht gut belegen lässt.

Hier die Rezension von Wolfram Kinzig: www.faz.net. Das Buch:

  • Doron Mendels und Arye Edrei: »Zweierlei Diaspora«: Zur Spaltung der antiken jüdischen Welt, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010. 159 S., 24,90 Euro

gibt es auch:

Interview mit Andreas Kostenberger

51pZEBljdrL._SL160_.jpgKevin de Young hat mit dem hervorragenden Exegeten Andreas Kostenberger über sein Buch The Missions of Jesus and the Disciples According to the Fourth Gospel gesprochen.

Kevin: In a couple sentences, what is the mission of Jesus in the gospel of John? Is the mission of the disciples the same as Jesus’ mission?

Kostenberger: Essentially, there are three facets to Jesus’ mission in John’s Gospel: he is (1) the sent Son; (2) the one came into the world and returned to the place from where he came (descent-ascent); and (3) the eschatological Shepherd-teacher. The mission of the disciples is similar to Jesus’ only with regard to his sending, that is, they are to emulate the obedient and faithful relationship Jesus sustained with the Father in their relationship with the exalted Jesus as they go about their mission.

Hier mehr: thegospelcoalition.org.

Neue Dissertation über »Jesus und die Ehebrecherin«

John David Punch hat unter der Supervision von an G. van der Watt eine Dissertation über die Perikope von der Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11) geschrieben. Punch schlägt keine neue Lösung des textkritischen Problems vor (Nestle-Aland stuft den Abschnitt als nicht ursprünglich ein; siehe auch hier), gewährt aber durch seine Arbeit einen Einblick in die aktuelle Diskussion.

Hier das Abstract:

A new dissertation in New Testament textual criticism has seen the light at Radboud Universiteit Nijmegen written by John David Punch under the supervision of Jan G. van der Watt, and with the title „The Pericope Adulterae: Theories of Insertion and Omission.“

While the majority of the scholarly world seems to be settled in accepting the fact that the Pericope Adulterae (John 7:53-8:11) is a non- Johannine interpolation, numerous questions remain unanswered in regards to the pericope, such as who penned these words, where the story originates from, and when was it inserted/omitted/re-inserted into the Fourth Gospel. In addition to this, there are mild debates that continue in regards to Greek manuscripts, the influence of lectionary practice, and the relevancy of the Patristic witnesses. Further, there is a minority who still argue for the inclusion of the Pericope Adulterae in the Fourth Gospel. Though there is a majority viewpoint, issues related to John 7:53-8:11 appear to be far from settled.

The present work does not argue for either side, but instead tests a hypothesis of several theories relating to the insertion or omission (and subsequent re-insertion) of the passage from the Gospel of John. Such theories are proposed in relation to collation of internal and external evidence both for and against the inclusion of the pericope. No particular theory is advocated for; instead each theory is evaluated based upon the evidence presented in this work and suggestions for further work are offered.

Chapter 1 presents an introduction to the Pericope Adulterae itself, along with a brief summary of the history of biblical interpretation and the history of such interpretation in relation to the Gospel of John in particular. Five theories of omission/insertion are then highlighted, setting the foundation for the work that will follow. These theories are categorized as Redactional Insertion, Ecclesiastical Insertion, Liturgical Omission, Accidental Omission, and Ecclesiastical Suppression.

Chapter 2 summarizes the history of research regarding John 7:53-8:11, beginning with the nineteenth century developments in textual criticism that broke away from Textus Receptus. This summary is not exhaustive, but rather highlights the major movements in the research of this passage up to the present day, detailing scholars who have either had a profound impact on textual criticism, written major works relating to the Pericope Adulterae, or written multiple works on the subject.

Chapter 3 presents a working translation and exegesis of the pericope. The translation is offered with comparison to the numerous variants associated with the passage; the exegesis is offered based upon the traditional location of John 7:53-8:11 immediately following John 7:52 and preceding 8:12.

Chapters 4 and 5 discuss the internal evidence of the literary context, style, and vocabulary of the Pericope Adulterae. In Chapter 4, comparison is made between the pericope and the immediate context of John 7-8 as well as the larger context of the Gospel of John. This includes discussion of various themes common to the Tabernacles Discourse and to the Gospel of John as a whole. Further, issues of transition between John 7:52 and 8:12 are evaluated. In Chapter 5, suggested “non-Johannine“ and “Johannine“ style and vocabulary are discussed, in addition to arguments relating to hapax legomena, Lukan and/or Synoptic influence, and the relationship between the Pericope Adulterae and Susanna.

Chapter 6 presents the external evidence of the Greek papyri/ manuscripts, manuscripts in additional languages, and the Patristic Witnesses. Evaluation is made in regards to both the presence and absence of John 7:53-8:11 in numerous manuscripts and in the works of various Church Fathers. Further, several theories traditionally offered in response to the external evidence, such as Source Theories, Lectionary Text Theories, Majority Text Theories, and Multiple Edition Theories, are discussed as well.

Chapter 7 discusses each of the theories presented in Chapter 1. The five theories presented include Redactional Insertion, suggesting that a later Johannine redactor or community inserted the pericope at a later date; Ecclesiastical Interpolation, suggesting that later scribes not related to the Johannine redactor or community inserted the pericope; Liturgical Omission, suggesting that due to lectionary practice and manuscripts the pericope was omitted; Accidental Omission, suggesting that multiple copies of the Gospel of John were released, one without the pericope and one with the pericope; and Ecclesiastical Suppression, suggesting that the Church omitted the pericope out of fears that it could be misinterpreted and/or misapplied. Each theory is treated individually, though at times theories overlap with one another. Further, each is evaluated based upon the evidence presented in Chapters 4-6. Following this evaluation, suggestions for further study of the Pericope Adulterae are offered.

Die Arbeit kann hier herunter geladen werden: FORMATTED.%20JD%20PUNCH%20FINAL%203.4.10a.pdf.

VD: evangelicaltextualcriticism.blogspot.com

Ein theologischer Dialog mit N.T. Wright

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William Evans (Erskine College, U.S.A.) hat die »Wheaton Conference« zu Ehren von N.T. Wright besucht und einen ausgezeichneten Rückblick verfasst.

I had fears that the conference would be an exercise in hagiography, but that concern was quickly dispelled when the first conference speaker, Richard Hays of Duke University, came out swinging. Still miffed over a critique by Wright at the 2008 SBL meeting of a book that Hays had edited, the Duke Neuestestamentler contended that Wright’s historical treatment of the Gospels, with its emphasis upon historical proof, still operates out of an essentially modernist/historicist mindset, and he complained that the individual voices of the Evangelists seem to disappear into Wright’s synthesis of the Synoptic Gospel accounts. Hays also asked the probing question of how the picture of Jesus which emerges from Wright’s historical reconstruction relates to the church’s confessional tradition, before concluding with a call for a rapprochement between Wright and Karl Barth.

Hier der vollständige Report von Professor Evans: www.reformation21.org. Die Vorträge gibt es als Audio- oder Videomitschnitte: www.wheaton.edu.

Ich konnte bisher nur den Vortrag von Markus Bockmuehl aufmerksam hören. Der von mir sehr geschätzte Experte für das »Judentum zur Zeit Jesu« setzt sich mit der Frage auseinander, ob der Apostel Paulus nach seinem Tod in den Himmel aufgenommen wurde. Diese Fragestellung mag für einige Christen merkwürdig klingen. Hintergrund ist die Behauptung von N.T. Wright, dass die eschatologische Bestimmung des Menschen gerade nicht der Himmel, sondern die Erde sei. Bockmuehl weist nach, dass N.T. Wright sich mit seiner These nicht nur von den Eschatologien des Judentums und der Kirchenväter absetzt, sondern auch die Eschatologie des Neuen Testamentes insgesamt nicht ernst genug nimmt. Wright liegt richtig, wenn er betont, dass die Auferstehung der Christen leiblich sein wird so wie die Auferstehung von Jesus Christus es war. N.T. Wright liegt auch richtig, wenn er hervorhebt, dass der Dualismus von der Welt oben und der Welt unten bei der Erfüllung aller Dingen überwunden wird. Aber zu behaupten, der Himmel sei nicht Bestimmungsort der Glaubenden, verkürzt den paulinischen Befund. Bockmuehl: »Nach dem Neuen Testament ging Paulus in den Himmel, als er starb.«

Hier der hervorragende Vortrag als mp3-Datei: 100417Bockmuehl.mp3.

»Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit«

Helene Hegemann wurde in den vergangenen Wochen wie ein Wunderkind durch die Feuilletons gereicht. Inzwischen ist allen klar, dass sie beträchtliche Teile ihres postmodernen Erfolgsromans Axolotl Roadkill abgeschrieben hat (wird wohl nächste Woche auf der SPIEGEL-Liste Platz 2 belegen). Wie reagiert die Autorin aus der auf Authentizität versessenen Jugendkultur auf die Plagiatsvorwürfe? Lapidar:

Ich habe mich also überall bedient, wo man Inspiration findet. Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit.

Sie wird eine Heldin bleiben.

Durch den spektakulären Fall ist inzwischen die literarische Vorlage berühmt geworden. Strobo, das Buch jenes Bloggers, der anonym bleiben möchte, gewährt Einblicke in die Verlorenheit und Einsamkeit der Menschen, die in ihrer Erlebniskultur die Auflösung des Ich zelebrieren und in nüchternen Minuten spüren, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Mögen noch viele aufwachen.

Die FAZ hat mit »Airen« gesprochen. Ja, ich empfehle auch den ganz frommen Blog-Lesern einmal in die Welt der multiplen Identitäten einzutauchen (und wenigsten die unten angeführten Zitate, vielleicht aber auch eines der beiden Bücher, zu lesen). Das kann eine sehr heilsame Erfahrung sein.

Hier: www.faz.net.

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