Calvinismus

Reformierte Theologie

Das verlorene Interview mit J.I. Packer

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J.I. Packer im Gespräch

Vor fünf Jahren hat Joel Belz den großen Theologen J.I. Packer in Kanada interviewt. Die Aufnahme ging auf der Rückreise nach North Carolina (USA) verloren. Letztes Jahr erhielt Belz ein Päcken ohne Absender. Enthalten waren die damals verschwundenen Utensilien; die Tonaufnahmen mit dem inzwischen 87 Jahre alten Packer waren dabei. Gott sei Dank, denn Packer hatte einen guten Tag.

Das Gespräch mit dem Puritaner-Experten dürfte vor allem Theologen interessieren. Den Presbyterianern hat Packer auch etwas mit auf den Weg zu geben:

As for content, here I’m thinking of the doctrinal basis of a lot of 20th century evangelical organizations. You have first of all the authority of Scripture affirmed. Secondly, the triunity of God affirmed. Third, the fallenness of the man who was created in the image of God affirmed. Fourth, the incarnation affirmed. Fifth, the atonement affirmed. Sixth, the new birth by the Spirit through faith affirmed. Seventh, justification through faith affirmed. I believe that theologically, in light of John 3, the new birth is a work of God the Spirit out of which faith comes, rather than saying with the Arminians that faith comes, and through faith the new birth takes place. In other words, the primacy of regeneration by the Holy Spirit. Eight, the church sustained by every member along with the ministry of official ministers—all animated by the Holy Spirit and all constituting Christ’s ministry to His people through His people. I wanted to say all that because you’re Presbyterian and I wanted to make sure that you hear it right. Presbyterianism actually hasn’t said anything like enough about the Holy Spirit in every member’s ministry. It’s tended to say altogether too much about the office of official ministries. There’s an imbalance there in the heritage.

Mehr: www.worldmag.com.

Reformation heute

rhEs gibt eine neue Zeitschrift zur Förderung reformierter Theologie: Reformation Heute. Die Zeitschrift steht explizit in der Tradition der reformierten Bundestheologie und nennt die „Three Forms of Unity“ als Lehrgrundlage. Die Beiträge sind allgemeinverständlich verfasst. Zum Anliegen schreiben die Herausgeber:

RH ist eine Zeitschrift, die das Anliegen der Reformation für die Erneuerung der Kirche heute fruchtbar machen will. Verbindliche Lehrgrundlage sind die reformatorischen Bekenntnisschriften, namentlich Luthers Kleiner Katechismus, der Heidelberger Katechismus, sowie das Niederländische Bekenntnis.

Die Erstausgabe vom Juli 2013 enthält folgende Beiträge:

  • Warum ›Reformation Heute‹: Die Zeitschrift zum Thema (Sebastian Heck)
  • »Semper Reformanda«: Die Prinzipien der Reformation im historischen Kontext (Victor E. d’Assonville)
  • Die wertvolle Perle: Zur heutigen Bedeutung der Reformation (Carl R. Trueman)
  • Die unversehrte Kirche: Ein Reformator verteidigt die Errungenschaften der Reformation (Johannes Calvin)
  • Was uns immer noch trennt: Reformatorische Lehre und römisch-katholisches Dogma im Vergleich (Raphael Schuster)
  • Reformatorisch Heute: Impulse für die Erneuerung der Kirche im 21. Jahrhundert (Bernhard Kaiser)

Ab 2014 soll die Zeitschrift einmal im Quartal erscheinen und 12,00 € im Abonnement kosten. Die Erstausgabe kann als Gratisexemplar hier angefordert werden: www.reformationheute.de.

Ecclesia Reformanda

Ecclesia Reformanda war ein Journal für Pastoren, Theologiestudenten und Lehrende. Anliegen ist die weitergehende Reformation der Kirche nach dem Maßstab des Wortes Gottes. Die erschienen Ausgaben des 2011 eingestellten Journals enthalten viele gute Aufsätze aus dem Raum der reformierten Theologie.

Rob Bradshaw hat die Ecclesia Reformanda-Ausgaben freundlicherweise mit Genehmigung des herausgebenden Verlags online gestellt: www.biblicalstudies.org.uk.

2010 erschien dort John Frames Besprechung von Michael Hortons Buch Christless Christianity. Diese Rezension zählt nicht zur den Glanzleistungen von Frame. Obwohl Professor Frame gute Beobachtungen macht, scheinen die Spannungen zwischen Frame und „Westminster“ beim Verfassen noch mitgeschwungen zu haben. Deshalb empfehle ich, die Erwiderung von Horton zu lesen: www.whitehorseinn.org.

Besonders empfehlen möchte ich den Aufsatz „Thinking like a Christian“ von Matthew Roberts. Roberts macht seine Leser mit den theologischen Voraussetzungen der Dogmatik von Hermann Bavinck vertraut.

Bavinck’s theological vision is therefore of immense significance in the history of theology. It represents the first clear move in the post- Kantian history of theology to assert that theology stands on its own foundations, that it is built with materials from its own storehouses. He argues that the metaphysical and epistemological assumptions of the enlightenment, so universally accepted within the European and North American worlds, including amongst churchmen and theologians unaware of their implications, implicitly deny the reality of the one Triune God and maker of all creation. In so doing they falsify themselves because such denial is always self-defeating in the universe made by that God.

Hier: ecclesia-reformanda/1.1_070.pdf.

Vorträge der Heidelberger Konferenz für „Reformierte Theologie“

Die Heidelberger Konferenz für „Reformierte Theologie“ 2013 versammelte sich im Juli zum Thema „Heidelberger Katechismus“ (vgl. hier). Die Vorträge sind inzwischen als Ton- bzw. Videomitschnitt abrufbar. Da die Konferenz in englischer Sprache abgehalten wurde, gibt es bisher keine Übersetzung.

Nachfolgend der Vortrag „The Only Comfort: Assurance of Faith in the Heidelberg Catechism“ von Joel R. Beeke:

Hier die anderen Vorträge: www.heidelbergconference.info.

Louis Berkhof: Systematische Theologie

BerkhofVergangene Woche erschien die Dogmatik von Wayne Grudem in deutscher Sprache. In dieser neuen Woche gibt es ein weiteres Schmankerl: Die Systematische Theologie von Louis Berkhof aus dem Jahre 1932 steht ab sofort online zur Verfügung und kann als PDF-Datei oder im ePub-Format (für eBook-Lesegeräte) heruntergeladen werden. Vielen Dank an die Leute von BiblicalTraining.org, die mit Können und Fleiß das Buch gesetzt haben.

Louis Berkhof lehrte fast vierzig Jahre am Calvin Theological Seminary. Seine Systematik zählt zu den besten Dogmatiken, die im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Berkhof lag wenig daran, mit neuen originellen Ideen aufzutrumpfen. Seine Anliegen war die Treue zur Heiligen Schrift und  die sorgfältige Vermittlung der reformierte Theologie.

Einen Überblick über den Aufbau hat R. Scott Clark vor 12 Jahren zusammengestellt. Eine deutschsprachige Zusammenfassung des Buches ist kürzlich beim 3L Verlag neu aufgelegt worden.

Hier das Buch: www.biblicaltraining.org.

5 Jahre „Jung, rastlos und reformiert“

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Collin Hansen

Vor 5 Jahren hat Collin Hansen das Buch Young, Restless, and Reformed herausgegeben. Tony Reinke mit ihm über das Buch gesprochen. Wer mehr über die Bewegung des so genannten „Neue Calvinismus“ wissen möchte, sollte sich das Interview anhören. DG schreibt:

Five years ago this month journalist Collin Hansen published his first book: Young, Restless, Reformed: A Journalist’s Journey with the New Calvinists (Crossway, 2008). True to its title, the book is a travelogue of Collin’s journey across the country documenting a surging movement called New Calvinism by some, and Young, Restless and Reformed (YRR) by others, a title he coined himself. Collin’s hunches about the new movement were confirmed in 2009 when Time Magazine named “New Calvinism” as one of its “10 Ideas Changing the World Right Now.”

But it’s been five years since the release of his book, and YRR has changed in that time. What have been the biggest changes and the biggest surprises? Where is the movement now? And what dangers lie ahead for the movement?

We put Collin Hansen on the line to ask him those questions and more. He lives in Birmingham and serves as the editorial director for The Gospel Coalition. In the midst of preparing for the TGC National Conference in Orlando this month, he took time for this 30-minute interview for Authors on the Line.

Hier: www.desiringgod.org.

„Licht und Recht“: Ein Gespräch mit Andreas Gramlich

SAM 3473Andreas Gramlich betreibt die Internetseite „Licht und Recht“, die eine beträchtliche Anzahl reformatorisch ausgerichteter Texte in digitalisierter Form anbietet. TheoBlog hat sich mit dem Betreiber der Plattform unterhalten:

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„Licht und Recht“

Ein Gespräch mit Andreas Gramlich

 

TheoBlog: Andreas, etliche Leute schätzen Deine Internetseite „Licht und Recht“, kennen Dich aber nicht. Kannst Du uns was über Dich erzählen? 

Ich bin verheiratet mit meiner Frau Maria und bin Mitte 30. Kürzlich sind wir nach Karlsruhe gezogen, wo ich als Softwareentwickler arbeite. Ursprünglich stamme ich aus einem katholischen Elternhaus und bin vor etwa 15 Jahren zum Glauben gekommen. Seit unserem Umzug sind wir immer noch auf der Suche nach einer Gemeinde.

TheoBlog: Was hat Dein Interesse an reformierter Theologie geweckt?

Verkürzt gesagt bin ich durch das Lesen der Bibel und Predigten von Spurgeon, durch die ich die Heilige Schrift mehr und mehr verstand, zum Glauben gekommen. Da Spurgeon sich an verschiedenen Stellen positiv über die Reformation und die Reformatoren ausgesprochen hat, wollte ich mehr darüber wissen. Wenn ich mich recht erinnere, war Calvins Institutio die erste reformierte Schrift, die ich las. Von seiner Art und Weise, wie er die Schrift auslegte und Gott verherrlichte, war ich schon sehr angetan.

TheoBlog: Wie entstand die Internetseite „Licht und Recht“?

Im Internet bin ich auf das Buch Von Gottes Gnade und des Menschen Elend – Ein Querschnitt durch das Werk eines faszinierenden Verfechters einer vergessenen Theologie aufmerksam geworden. Ein Buch, in dem sich verschiedene Schriften von Adolph Zahn in Auszügen zusammengestellt finden und in dem der Herausgeber, Wolf Christian Jaeschke, einen weiteren Einblick in das Leben und die Theologie Zahns bietet. Adolph Zahn war mir zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannt, aber der Titel hat mich sehr angesprochen. Von Gottes Gnade zu lesen, konnte nur gut sein und „des Menschen Elend“ betraf mich ja auch. Dann hieß die Reihe noch „Theologische Nachfahren Luthers und Calvins“. Somit war mein Interesse geweckt und das Buch stellte sich tatsächlich als eine wahre Fundgrube heraus.

Als ich mich dann weiter vertiefen wollte, musste ich feststellen, dass kaum etwas von der „Schule Kohlbrügges“ erhältlich war, weder im Buchhandel noch im Internet. Daher habe ich angefangen, deren Schriften antiquarisch zu erwerben und zu sammeln. Dabei entdeckte ich zwölf Bände mit Predigten von Kohlbrügge. Mehr und mehr kam in mir der Gedanke auf, diese Schriften einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Nachdem ich mich nach Möglichkeiten schlau gemacht hatte, wie man die Texte digitalisieren kann und wie man eine Internetseite erstellt, ich auch die „Kosten“ abgeschätzt hatte, nahm ich das Projekt in Angriff.

TheoBlog: Du bietest vor allem Texte von Kohlbrügge, Zahn, Wichelhaus, Böhl und von der Heydt an. Sind das Deine Lieblingsautoren?

Ja, das kann man so sagen. Was ich an ihnen schätze, ist ihre klare und treue Verkündigung des Wortes Gottes. Die Heilige Schrift ist Gottes Wort, und daran zu glauben, wird Kohlbrügge nicht müde zu predigen. Adolph Zahn hat auch mehrere Bücher publiziert, in denen er sich mit der Bibelkritik auseinandersetzt, die auch damals an den Universitäten hoch im Kurs stand. Kohlbrügges Predigten sprechen in das Leben hinein, ich sehe da Parallelen zum Heidelberger Katechismus, den er auch sehr geschätzt hat. Nämlich nicht abstrakte Theologie zu treiben, sondern den Menschen anzusprechen, was die Glaubensartikel für ihn bedeuten. Dabei verstand er es gut, den Text auszulegen und auf das Leben anzuwenden; wobei er immer den Sünder vor Augen hatte, der Vergebung und Trost nötig hat. Gottes Heiligkeit und Gesetz spielen für ihn da eine herausragende Rolle, und dass der Mensch ein Sünder ist und das vor Gott anerkennen soll. Dabei kommt er immer wieder darauf zu sprechen, dass das Heil in Christus vollbracht ist und weist solche Dinge wie einen Heiligungsoptimismus zurück – der Gläubige bleibt stets Sünder, ist aber gerecht durch Gottes gnädige Zurechnung der Heilstat und Gerechtigkeit Christi.

Was Kohlbrügge predigte, findet sich bei Böhl in seiner Dogmatik systematisch wieder. Die reformatorischen „sola“ kommen bei ihnen voll zur Geltung.

Diese Autoren stehen auch alle miteinander in persönlicher Verbindung. Wichelhaus war mit Kohlbrügge befreundet. Zahn und Böhl haben bei Wichelhaus studiert. Zahn war später auch einige Jahre Pastor an der niederländisch-reformierten Gemeinde in Elberfeld, also dort, wo zuvor Kohlbrügge Pastor war. Böhl war auch der Schwiegersohn Kohlbrügges.

Im Übrigen lese ich jedoch auch gerne anderes, wie z. B. Biographien – da warten noch einige Bände aus der Reihe „Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformierten Kirche“ darauf, von mir gelesen zu werden. Auch möchte ich wieder einmal mehr Luther lesen. Wenn ich jedoch einen Autor aus unserer Zeit empfehlen darf, dann ist das Bernhard Kaiser, dessen Buch Christus allein nicht unbedeutend für mein Glaubensleben war.

TheoBlog: Wie viele Texte hast Du inzwischen im Archiv?

Momentan sind es an die 500 Dateien, wobei die meisten wohl Predigten mit einer Seitenzahl von sechs Seiten sind. Es befinden sich aber auch einige Dokumente darunter mit über hundert Seiten, wie beispielsweise die Dogmatik von Böhl mit über 300 Seiten. So Gott will werden noch viele erscheinen, denn es sollen auch noch die 23 Bände von Kohlbrügges Schriftauslegungen folgen. Diese wurden posthum aus seinen, zum Teil unveröffentlichten, Predigten und Kinderlehren zusammengestellt, jedoch leider nur bis zu Psalm 95. Zunächst sind aber erst einmal die Passionspredigten und die Predigten über den Ersten Petrusbrief an der Reihe.

TheoBlog: Viele Texte mussten digitalisiert werden. Hast Du das selbst gemacht?

Bei den meisten Texten habe ich die Bücher auf den Scanner gelegt und eingelesen. Einige wenige habe ich bei Bibliotheken bestellt. Bücher, die ich als Fernleihe erhalten habe, habe ich am Buchscanner der Heidelberger Unibibliothek digitalisiert.

TheoBlog: Wie läuft das ab? Allein so ein wunderbarer Text wie „Die beiden letzten Lebensjahre von Johannes Calvin“ von Adolph Zahn umfasst 140 Seiten. Wie lange sitzt Du an so einem Text?

Nach dem Scannen erfolgt das Umwandeln der Bilder in Text mit einem OCR-Programm. Dann erfolgt die Korrektur der Buchstaben und Wörter innerhalb des Programms, die falsch oder als unsicher erkannt wurden. Ist das abgeschlossen, wird das Ganze in ein Textverarbeitungsprogramm übertragen und ich nehme die Formatierung vor. Dann lese ich den Text und finde hoffentlich die Fehler, die noch übriggeblieben sind. Mit einer selbstgeschriebenen Software generiere ich die Internetseiten und lade diese dann mit dem erzeugten PDF hoch.

Wie lange ich dafür benötigte kann ich gar nicht sagen. Generell hängt der Aufwand stark vom Schrifttyp ab. Frakturschriften, das sind die meisten, dauern länger als moderne Schriften, weil die Erkennung nicht so zuverlässig ist und daher mehr Nacharbeit vonnöten ist. Das von Dir erwähnte Buch war nicht in Fraktur, somit auch nicht so aufwendig. Sehr zeitintensiv hingegen war der „Versuch eines ausführlichen Kommentars zu der Geschichte des Leidens Jesu Christi nach den vier Evangelien“ von Wichelhaus, weil ich die ganzen hebräischen und griechischen Sätze eingeben musste. Das Arabische und Syrische konnte ich nur als Bild einfügen, weil ich es nicht lesen und somit auch nicht abtippen konnte.

TheoBlog: Kannst Du uns abschließend Deine drei Lieblingstexte nennen?

Es fällt mir schwer, nur drei herauszugreifen. Da wir uns der Karwoche nähern, möchte ich die Passionspredigten von Kohlbrügge empfehlen, die bis dahin nach und nach auf meiner Seite erscheinen sollen. Diese sind übrigens auch noch in gedruckter Form erhältlich. Das sind wirklich wunderbare Betrachtungen über das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi.

Da mir keine andere ausführliche bibeltreue reformierte Dogmatik in deutscher Sprache bekannt ist, möchte ich eine solche von Eduard Böhl ans Herz legen. Auch diese kann man als Buch erwerben. Wichelhaus konnte aufgrund seines frühen Heimgangs, er wurde keine 40 Jahre alt, seine dogmatischen Vorlesungen leider nicht vollenden. Zahn hat diese dann, wie auch weitere Vorlesungen von ihm, herausgegeben.

Von Adolph Zahn möchte ich „Über den biblischen und kirchlichen Begriff der Anrechnung“ erwähnen, eine Lehre, die immer wieder angegriffen wird, obwohl oder gerade, weil sie zum Zentrum des christlichen Glaubens gehört. Von Gottes Gnade und des Menschen Elend, was meine „Einstiegsdroge“ war, sei hier auch noch mal erwähnt. Gerade auch durch die Anmerkungen und den Anhang des Herausgebers gewinnt es weiter an Wert.

Theoblog: Vielen Dank für Deinen Dienst und das Gespräch! 

Abraham Kuyper (Schluß)

 

Abraham Kuyper: Der reformierte Denker 

Denkerischer Ausgangspunkt für Kuyper ist das Bekenntnis zur absoluten Souveränität Gottes. Dieser Glaube an die allumfassende Königsherrschaft von Jesus Christus (engl. Lordship Principle) bedeutete ihm, dass der Calvinismus als eine Lebensanschauung (engl. Life-System) anzusehen ist, die jeden Bereich der Wirklichkeit berührt. Die Herrschaft von Jesus Christus über die gesamte Wirklichkeit konkretisiert sich in drei Ordnungen, die jeweils unmittelbar Gott unterstellt sind, nämlich Staat, Gesellschaft und Kirche (Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism, Grand Rapids, MI: Erdmans, Reprint 2002, S. 79). 
 
Einerseits verteidigte Kuyper große (Wieder-)Entdeckungen der Reformatoren wie die tiefe Sündhaftigkeit aller Menschen, die Glaubensgerechtigkeit oder die Erwählung, andererseits gab er dem Calvinismus ein aufgeschlossenes und der Welt zugewandtes Gesicht. Gelingen konnte ihm das durch die gleichzeitige Betonung von Antithese und allgemeiner Gnade.
 
Mit der Antithese hebt Kuyper den Gegensatz von Kirche und Welt heraus. Die Kinder Gottes leben versöhnt nach dem Glauben zur Ehre Gottes. Die Kinder der Welt richten sich nach ihrem eigenen verdorbenen Herzen und rebellieren gegen Gott. Diese vorausgesetzte Antithese führt allerdings nicht in den Kulturpessimismus, dem Kuyper die „allgemeine Gnade“ gegenüberstellt. 
 
Während die spezielle Gnade die erwählten Menschen erleuchtet und mit Gott versöhnt, schenkt uns die allgemeine Gnade, was wir zum Leben benötigen und begrenzt die sündhaften und destruktiven Mächte dieser gefallenen Welt. Von der allgemeinen Gnade profitieren also alle Menschen. Gott versprach im Noahbund, die Erde trotz der Bosheit der Menschen zu erhalten (vgl. Gen 8,21). „Solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ Gen 8,22). Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Die allgemeine Gnade gibt den Ebenbildern Gottes das Mandat für die Erforschung und Gestaltung dieser Welt. Für die Christen heißt das, dass sie zusammen mit den Heiden kulturschaffend tätig sind. Sie arbeiten, sie engagieren sich für Gerechtigkeit und Wohlfahrt, sie sind künstlerisch tätig oder treiben Sport. All das verbindet sie nicht nur mit den Christen, sondern auch mit ihren ungläubigen Freunden und Nachbarn, deren Leistungen sie wertschätzen. Eine besondere Stellung räumte Kuyper übrigens der Wissenschaft ein, indem er sie in der Schöpfung ansiedelte. „Ohne Sünde“, schrieb Kuyper, „gäbe es weder einen Staat noch die christliche Kirche, aber die Wissenschaft“ (Wisdom & Wonder, Grand Rapids, Michigan, 2011, S. 35). 
 
Im niederländischen Protestantismus erntete der Neo-Calvinismus mitunter scharfe Kritik. Kuyper wurde und wird vorgeworfen, er habe das reformierte Christentum von der überlieferten reformierten Theologie entfremdet. Tatsächlich veränderte sich unter ihm das „reformierte Selbstverständnis“. 
 
Kuyper verlor beispielsweise vertraute Mitstreiter, als er eine Korrektur des Niederländischen Glaubensbekenntnisses (lat. Confessio Belgica) einforderte. Er störte sich am Artikel 36, wo zur Bestimmung des Staates gesagt wird, dass dieser nicht nur für die bürgerliche Verfassung zu sorgen hat, sondern auch darum bemüht sein soll, „dass der Gottesdienst erhalten werde, aller Götzendienst und falscher Gottesdienst entfernt werde, das Reich des Antichrists zerstört, Christi Reich aber ausgebreitet werde. Endlich ist es ihres Amtes zu bewirken, dass das heilige Wort des Evangeliums überall gepredigt werde und dass jeder Gott auf reine Weise nach Vorschrift seines Wortes frei verehren und anbeten könne“. Kuyper sah hier eine unzulässige Verknüpfung von Staat und Kirche und deshalb eine Verletzung der „Souveränität im eigenen Kreis“. Er war überzeugt, dass Familie, Staat und Kirche jeweils eigene Domänen sind, die sich gegenseitig nicht „hineinregieren“ sollten. R. S. de Bruïne (1869–1941) hat diese kuypersche „Sphärensouveränität“ einmal markant formuliert: „Es ist unsere Überzeugung, dass es nicht zur Berufung des Staates gehört, das soziale Leben von oben zu kontrollieren und es in vorgefertigte Bahnen zu pressen … Wir unterscheiden mehrere Kreise: den Staat, die Gesellschaft, die Kirche und die Familie, um nur einige zu nennen. Diese haben alle ihre eigene Natur, ihre eigene Autorität und Verantwortung. (zitiert nach: Joop M. Roebroek, The Imprisoned State, 1993, S. 55). Für Kuyper war es unerträglich, wenn der Staat kirchliche Aufgaben übernahm oder die Institution Kirche versuchte, Politik zu machen. Seine Bemühungen, die Korrektur des Artikels durchzusetzen, traf auf harten Widerstand (vgl. dazu: Peter Heslam, Creating a Christian Worldview: Abraham Kuyper‘s Lectures on Calvanism, 1998, S. 162–164). Schlussendlich wurde die Passage 1905 von den Reformierten Kirchen aber aus dem Bekenntnis gestrichen (Dirk van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 356). 
 
Noch ein Beispiel: Vor Kuyper bestritten die Reformierten zwar nicht, dass Christen den Auftrag haben, Gesellschaft zu gestalten. Betont wurde aber vor allem die Erlösung von Sündern. Die Predigten befasste sich meist mit den großen biblischen Themen wie Buße, Glaube, Wiedergeburt, Rechtfertigung, Heiligung usw. Durch Kuyper verschob sich der Schwerpunkt hin zur Weltverantwortung. Die Frage, was der Heilige Geist in den Herzen der Sünder durch das Wort wirkt, wurde zwar nicht ausgeblendet, aber oft von dem überlagert, was Christen tun sollten, um Gesellschaft und Kultur zu prägen (vgl. Cornelius Pronk, „Neo-Calvinism“, S. 49). 
 
Gern wird Kuyper deshalb heute für die sogenannte „transformative Kulturauffassung“ oder „Gesellschaftstransformation“ in Anspruch genommen. Demnach sind Christen dazu beauftragt, sich in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und diese auf Mikro-, Meso- und Makroebene zu verändern. Ist diese Vereinnahmung von Kuyper berechtigt? Ja und nein. Tatsächlich wollte Kuyper den Protestantismus entprivatisieren und entwickelte eine „öffentliche Theologie“, die viele neue Anstöße für die parteiische Einmischung und Weltverantwortung lieferte. 
 
Damit überwand er die von Immanuel Kant (1724–1804) angestoßene und noch heute gefragte Aufspaltung der Vernunft in einen öffentlichen und einen privaten Gebrauch. Es bedürfe der Freiheit, „von seiner eigenen Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen“, sagte Kant (Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, 1974, S. 11). Er kontrastiert den öffentlichen Gebrauch der Vernunft mit dem privaten. Unter öffentlichem Gebrauch versteht er „denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“ (Ibid., S. 9). Der Privatgebrauch der Vernunft könne dagegen eingeschränkt sein (Ibid., S. 11). Kuyper holte den Glauben, der sich auf Offenbarung berief, wieder
in den öffentlichen Diskurs zurück. Sein Ansatz hob dabei entschieden vom liberalen Kulturprotestantismus ab, der Evangelium und Kultur durchmischte. Zugleich unterschied er – wie oben bereits angesprochen –, scharf zwischen allgemeiner und rettender Gnade. Um es anders auszudrücken: Kuyper verwechselte die Erhaltungsethik nicht mit dem Aufbau von Gottes Reich. Darum wissend, dass das geistliche Reich nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), schrieb er (A. Kuyper, „Common Crace“ zitiert aus: David VanDrunen, Natural Law and The Two Kingdoms, 2010, S. 295):
 
Wir müssen zwischen zwei Dimensionen dieser Manifestation der Gnade unterscheiden. 1.a. eine rettende Gnade, die am Ende Sünde abschafft und ihre Folgen vollständig rückgängig macht; und 2. eine zeitliche zurückhaltende Gnade, die die Wirkung der Sünde abmildert und aufhält. Die erste … ist ihrer Natur nach eine besondere und auf die Auserwählten Gottes begrenzt. Die zweite … erstreckt sich auf das gesamte menschliche Leben.
 
Die Frucht der besonderen Gnade, die Menschen mit Gott durch Jesus Christus versöhnt, war eindeutig das Herzensanliegen von Kuyper (vgl. S.U. Zuidema, Common Grace und Christian Action in Abraham Kuyper, S. 6). Die Kirche als Institution sollte deshalb treu das Evangelium verkündigen. Kulturpräsenz wird erreicht, da die Kirche als Organismus in der Welt wohnt.
 
Kuypers Wirkung ist ambivalent. Er stärkte das nachmoderne Christentum auf dem Weg zu einem kulturpräsenten Christsein und inspirierte herausragene christliche Vordenker, unter ihnen Herman Bavinck (1854–1921), Hermann Dooyeweerd (1894–1977), Hans Rookmaaker (1922–1977) oder Francis Schaeffer (1912–1984). Doch auch Bewegungen wie der „Christian Reconstructionism“ von Rousas J. Rushdoony (1916–2001) und Greg L. Bahnsen (1948–1995) oder der „shalom-Neo-Calvinismus“, wie er von Alvin Plantinga (* 1932) und Nicholas Wolterstorff (* 1932) vertreten wird, sind von Kuyper inspiriert. Interessanterweise ist der „Christian Reconstructionism“ anti-sozialistisch ausgerichtet und hebt die „Antithese“ zwischen christlichem und weltlichem Denken heraus (vgl. dazu: Thomas Schirrmacher, Anfang und Ende von Christian Reconstruction (1959–1995), 2001). Der „shalom-Neo-Calvinismus“ ist demgegenüber sozialistischen Idealen aufgeschlossen und neigt dazu, die Immanenz Gottes und die Kontinuität zwischen der jetzigen und der zukünftigen Welt zu idealisieren (vgl. dazu: Williams Dennison, „Dutch Neo-Calvinism and the Roots for Transformation“, JETS 42 (1999), Nr. 2, S. 271–291). Gelegentlich wird von den „Transformisten“ deshalb eingestanden, dass sie sich mehr mit dem Beispiel als mit den inhaltlichen Anliegen des niederländischen Theologen identifizieren (z.B. Phillip Morgen, „Abraham Kuyper: Christ Transforming Culture, Helwys Society Forum, URL: http://www.helwyssocietyforum.com).
 
Alles in allem leitete Kuyper vor ungefähr einhundert Jahren eine notwendige und begrüßenswerte Renaissance des reformierten Denkens ein. Wir dürfen dankbar sein, dass er die christliche Weltdeutung aus der Defensivhaltung herausführte und zahlreiche Christen ermutigte, den ideologischen Götzendienst des Modernismus zu dekonstruieren und christliches Denken einzuüben. Wer Jesus Christus nachfolgt, sieht die ganze Welt mit anderen Augen. Wir können und sollten viel von ihm lernen.
 

Abraham Kuyper (Teil 2)

Abraham Kuyper: Der Prediger, Journalist und Politiker

Zunächst bemühte sich Kuyper darum, die im Traditionalismus erstarrte „Hervormde Kerk“ zu erneuern. Die Kanzel war ein geeigneter Ort, um durch leidenschaftliche Predigten die Kirchgänger zum geistlichen Leben anzuspornen. „Kuyper übte auf seine Zuhörer einen magischen Einfluss aus. Der Zulauf war enorm: Bisweilen riefen seine Predigten einen regelrechten Volkslauf hervor“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 293). Allerdings gab sich Kuyper mit der Kanzel nicht zufrieden. Er engagierte sich in der Politik und übernahm 1871 das in Schwierigkeiten geratene Wochenblatt „Der Herold“ (holländ. „De Heraut“). Schnell stellte sich heraus, dass Kuyper ein begnadeter Kolumnist war. Zu seinen Lebzeiten galt er als der bedeutendste Journalist der Niederlande und übernahm für einige Zeit den Vorsitz der Journalistenvereinigung. „Kuyper erweist sich mit seinem präzisen und zugleich bildhaften Schreibstil als ein Meister der Sprache“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 344). Ein Jahr später gründete er zusätzlich die Tageszeitung „Der Standard“ (holländ. „De Standaard“) und wurde ihr Chefredakteur. Kuyper schrieb nicht nur über theologische oder kirchenpolitische Themen, sondern – und das sollte typisch für ihn werden –, zu Fragen aller Lebensbereiche auf der Grundlage einer christlichen Weltsicht. C. Augustijn schreibt über diese Zeit (Abraham Kuyper“, S. 293):

Im Mittelpunkt von ‚De Standaard‘ standen die Politik und das ganze gesellschaftliche Leben. In allen Bereichen, sei es Staatspolitik, Schule oder [sic! die] Soziale Frage, wollte Kuyper die Prinzipien des Calvinismus zur Geltung bringen. Mit seinen eigenen Worten: „Es gibt auf dem ganzen Hof unseres menschlichen Lebens nicht eine winzige Ecke, wo nicht der Ruf Christi, der der Souverän aller Menschen ist, erschallt: Mein.“

Kuyper fragte nicht nur nach der angemessenen Gestalt der Kirche, sondern schenkte auch den christlichen Schulen verstärkte Aufmerksamkeit. Die reformierten Schulen wurden 1806 in öffentliche Einrichtungen umgewandelt. „In ihnen sollte die Erziehung ‚zur Bildung aller christlichen und gesellschaftlichen Tugenden‘ dienen“, wie es das Schulgesetz von 1857 später formulierte (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 293). Kuyper nahm an der Verchristlichung staatlicher Schulen Anstoß und plädierte für die Errichtung konfessioneller Schulen. Neben den staatlichen wurden so auch protestantische und katholische Schulen eingerichtet, die freilich erst ab 1920 im Rahmen der „Gleichstellung“ fiskal den staatlichen Schulen gleichgestellt wurden.

Durch sein Interesse an der Schulpolitik lernte Kuyper den von ihm sehr geschätzten niederländischen Historiker Guillaume Groen van Prinsterer persönlich kennen und wurde von ihm in die Politik eingeführt. 1874 erfolgt die Wahl als Abgeordneter in die zweite Kammer des niederländischen Parlaments. Da Geistliche keine Parlamentsmitglieder sein durften, musste er seinen Pastorenberuf aufgeben. Groen und Kuyper machten sich für eine Reformierung der niederländischen Gesellschaft im calvinistischem Sinne stark und bekämpften gegen den als Übel ihrer Zeit angesehenen Geist der Französischen Revolution. Auf diese Weise entstand die „erste wirklich organisierte politische Partei der Niederlande, die ‚Antirevolutionäre‘ oder ‚Christlich-Historische Partei‘, deren Grundsätze Kuyper 1878 mit dem Manifest ‚Ons Program‘ aufstellte und durch ausführliche Erklärungen erläuterte“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 295). Kuyper wollte die katholischen und liberalen Einflüsse in den Niederlanden keinesfalls leugnen, stellt aber den durch die Reformation erlangten besonderen Charakter im Volke heraus.

Zu seiner großen Enttäuschung konnte er allerdings als Parlamentsmitglied nur wenig bewirken. Die Aufgaben im Parlament und die große publizistische Aktivitäten überforderten ihn. Er erlitt 1876, – wie schon 1862 –, wegen Überarbeitung einen dramatischen Schwächeanfall und musste sich für ein Jahr bei einem Auslandsaufenthalt in der Schweiz, in Italien und in Frankreich regenerieren. Er selbst schrieb, dass er in dieser Zeit der Krise „zur Entschiedenheit der entschiedenen und tiefgreifenden Religion“ seiner Vorfahren geführt wurde (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 296). Später, in den Jahren 1901 bis 1905, wurde er allerdings Ministerpräsident der Niederlande und griff so nochmals aktiv in die Politik ein.

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