Calvinismus

Reformierte Theologie

Abraham Kuyper (Teil 2)

Abraham Kuyper: Der Prediger, Journalist und Politiker

Zunächst bemühte sich Kuyper darum, die im Traditionalismus erstarrte „Hervormde Kerk“ zu erneuern. Die Kanzel war ein geeigneter Ort, um durch leidenschaftliche Predigten die Kirchgänger zum geistlichen Leben anzuspornen. „Kuyper übte auf seine Zuhörer einen magischen Einfluss aus. Der Zulauf war enorm: Bisweilen riefen seine Predigten einen regelrechten Volkslauf hervor“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 293). Allerdings gab sich Kuyper mit der Kanzel nicht zufrieden. Er engagierte sich in der Politik und übernahm 1871 das in Schwierigkeiten geratene Wochenblatt „Der Herold“ (holländ. „De Heraut“). Schnell stellte sich heraus, dass Kuyper ein begnadeter Kolumnist war. Zu seinen Lebzeiten galt er als der bedeutendste Journalist der Niederlande und übernahm für einige Zeit den Vorsitz der Journalistenvereinigung. „Kuyper erweist sich mit seinem präzisen und zugleich bildhaften Schreibstil als ein Meister der Sprache“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 344). Ein Jahr später gründete er zusätzlich die Tageszeitung „Der Standard“ (holländ. „De Standaard“) und wurde ihr Chefredakteur. Kuyper schrieb nicht nur über theologische oder kirchenpolitische Themen, sondern – und das sollte typisch für ihn werden –, zu Fragen aller Lebensbereiche auf der Grundlage einer christlichen Weltsicht. C. Augustijn schreibt über diese Zeit (Abraham Kuyper“, S. 293):

Im Mittelpunkt von ‚De Standaard‘ standen die Politik und das ganze gesellschaftliche Leben. In allen Bereichen, sei es Staatspolitik, Schule oder [sic! die] Soziale Frage, wollte Kuyper die Prinzipien des Calvinismus zur Geltung bringen. Mit seinen eigenen Worten: „Es gibt auf dem ganzen Hof unseres menschlichen Lebens nicht eine winzige Ecke, wo nicht der Ruf Christi, der der Souverän aller Menschen ist, erschallt: Mein.“

Kuyper fragte nicht nur nach der angemessenen Gestalt der Kirche, sondern schenkte auch den christlichen Schulen verstärkte Aufmerksamkeit. Die reformierten Schulen wurden 1806 in öffentliche Einrichtungen umgewandelt. „In ihnen sollte die Erziehung ‚zur Bildung aller christlichen und gesellschaftlichen Tugenden‘ dienen“, wie es das Schulgesetz von 1857 später formulierte (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 293). Kuyper nahm an der Verchristlichung staatlicher Schulen Anstoß und plädierte für die Errichtung konfessioneller Schulen. Neben den staatlichen wurden so auch protestantische und katholische Schulen eingerichtet, die freilich erst ab 1920 im Rahmen der „Gleichstellung“ fiskal den staatlichen Schulen gleichgestellt wurden.

Durch sein Interesse an der Schulpolitik lernte Kuyper den von ihm sehr geschätzten niederländischen Historiker Guillaume Groen van Prinsterer persönlich kennen und wurde von ihm in die Politik eingeführt. 1874 erfolgt die Wahl als Abgeordneter in die zweite Kammer des niederländischen Parlaments. Da Geistliche keine Parlamentsmitglieder sein durften, musste er seinen Pastorenberuf aufgeben. Groen und Kuyper machten sich für eine Reformierung der niederländischen Gesellschaft im calvinistischem Sinne stark und bekämpften gegen den als Übel ihrer Zeit angesehenen Geist der Französischen Revolution. Auf diese Weise entstand die „erste wirklich organisierte politische Partei der Niederlande, die ‚Antirevolutionäre‘ oder ‚Christlich-Historische Partei‘, deren Grundsätze Kuyper 1878 mit dem Manifest ‚Ons Program‘ aufstellte und durch ausführliche Erklärungen erläuterte“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 295). Kuyper wollte die katholischen und liberalen Einflüsse in den Niederlanden keinesfalls leugnen, stellt aber den durch die Reformation erlangten besonderen Charakter im Volke heraus.

Zu seiner großen Enttäuschung konnte er allerdings als Parlamentsmitglied nur wenig bewirken. Die Aufgaben im Parlament und die große publizistische Aktivitäten überforderten ihn. Er erlitt 1876, – wie schon 1862 –, wegen Überarbeitung einen dramatischen Schwächeanfall und musste sich für ein Jahr bei einem Auslandsaufenthalt in der Schweiz, in Italien und in Frankreich regenerieren. Er selbst schrieb, dass er in dieser Zeit der Krise „zur Entschiedenheit der entschiedenen und tiefgreifenden Religion“ seiner Vorfahren geführt wurde (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 296). Später, in den Jahren 1901 bis 1905, wurde er allerdings Ministerpräsident der Niederlande und griff so nochmals aktiv in die Politik ein.

Abraham Kuyper (Teil 1)

Kuyper.jpgHeute starte ich eine kleine Reihe über das Leben von Abraham Kuyper. Teil 1 der vierteiligen Reihe ist seiner Jugend und Ausbildung gewidmet.

Abraham Kuyper: Der Meisterschüler

Im Europa des 19. Jahrhunderts erwachte ein neuerliches Interesse am reformierten Glauben. Der sogenannte „Neo-Calvinismus“ spielte dabei eine maßgebliche Rolle. Der „Neo-Calvinismus“ als Bezeichnung für eine reformierte Weltanschauung ist unlösbar mit dem Namen des Niederländers Abraham Kuyper (1837–1920) verbunden.

Abraham Kuyper wurde am 29. Oktober 1837 als Sohn des reformierten Pfarrers Jan Fredrik Kuyper und von Henriette Huber, die schweizerische Vorfahren hat, in Maassluis (Südholland) geboren. Obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden die meisten Pfarrhäuser wohlhabend waren, wuchs er in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Um das Schulgeld zu sparen, wurde der Grundschulunterricht zu Hause erteilt. Als Abraham mit zwölf Jahren das erste Mal eine Schule betrat, zählte er schnell zu den besten Schülern.

Ab 1855 studierte er in Leiden Theologie und Sprachwissenschaften. Er galt als exzellenter Akademiker mit großem Interesse für systematische und historische Theologie. Die Universität war zu jener Zeit eine Hochburg der liberalen Theologie. Ihr prominentester Gelehrter an der theologischen Fakultät, der Systematiker J.H. Scholten (1811–1885), gilt als Mitbegründer des Modernismus.

In den Jahren 1859/60 befasste sich Kuyper akribisch mit dem Kirchenbegriff des polnischen Reformators Johannes a Lasco (1499–1560) und verglich ihn mit dem Kirchenverständnis bei Calvin (1509–1564). Anlass war ein Preisausschreiben der Universität Groningen. Kuypers Untersuchung mit dem Titel „Commentatio“ erhielt den Siegespreis. Der erster Teil dieser Schrift wurde 1862 von der Universität Leiden als Dissertation mit „summa cum laude“ angenommen.

1863 heiratete Abraham seine langjährige Verlobte Johanna Hendrika Schaaij. Das frisch vermählte Paar zog in das kleine Dorf Beesd in der Betuwe, wo Kuyper eine Pfarrerstelle innerhalb der Reformierten Kirche antrat. Die Abkehr vom liberalen Modernismus und Hinwendung zum Calvinismus fallen mutmaßlich in diese Schaffensperiode. Die genauen Vorgänge lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Kuyper übertrieb, wenn er seinen Aufenthalt in Beesd als Wendepunkt für seine theologischen Entwicklung herausstrich (Dirk van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, in: Marco Hofheinz, Wolfgang Lienemann u. Martin Sallmann (Hg.), Calvins Erbe: Beiträge zur Wirkungsgeschichte Johannes Calvins, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S. 338–359, hier S. 341–342. ). Wahrscheinlich geht sein Sinneswandel auf den Einfluss der ungebildeten aber gottesfürchtigen Dame Pietje Baltus zurück (Cornelius Pronk, „Neo-Calvinism“, Reformed Theological Journal, Nov. 1995, S. 45–46).

„Bei den sehr einfachen Leuten in der Gemeinde auf dem Lande“ begegneten Kuyper Ideen, „die ihm zwar durch seine Calvinstudien geläufig waren, die aber in der damaligen Kirche kaum noch lebten“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 291.) Vier Jahre nach seinem Pfarrdienst in dem Dorf Beesd wird Kuyper nach Utrecht berufen. Obwohl diese reformierte Kirche als orthodox galt, ist der junge Pfarrer von der oberflächlichen Volksfrömmigkeit sehr enttäuscht. Er spricht von der „Lüge in der Kirche“ und hat „tiefgreifende Bedenken und formuliert ernsthafte theologische Einwände gegen die institutionalisierte Volkskirche“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 342). Hier festigt sich sein Augenmerk für eine Bekenntniskirche, die sich an die reformierten Bekenntnisse des 16. und 17. Jahrhunderts bindet. Schon nach drei Jahren verlässt Kuyper Utrecht und nimmt eine Amsterdamer Pfarrstelle in der größten reformierten Gemeinde des Landes an (ca. 130.000 Mitglieder). Spätestens ab 1876/77 ist Kuyper ein durch und durch überzeugter Calvinist (vgl. C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 291).

Edwards: Ein Lehrer der Gnade und die größte Erweckung

201103171309.jpgErfreulicherweise ist Murrays‘ Biographie über Jonothan Edwards nun auch auf deutscher Sprache erschienen. Über das Buch:

  • Jonathan Edwards: Ein Lehrer der Gnade und die Große Erweckung, Bielefeld, CLV, 2011, 576 S., 12,90 Euro

schreibt der Verlag:

Diese gut lesbare, sorgfältig recherchierte Biografie über Jonathan Edwards, der mitunter als größte intellektuelle Gestalt des 18. Jahrhunderts in Amerika wahrgenommen wird, baut auf älteren Lebensbeschreibungen des berühmten Predigers auf, benutzt aber auch Material aus neueren Studien. Edwards´ Theologie wird mit seinem täglichen Leben, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im privaten Umfeld, in Beziehung gesetzt. Seine familiären Beziehungen durchziehen die geschichtliche Darstellung, wobei sie gleichzeitig Spannung erzeugen und Mitgefühl wecken. Diese hervorragende Arbeit ist nicht nur eine außergewöhnliche Biografie, sondern dient gleichzeitig als Veranschaulichung dafür, wie die Gemeinde heute aus ihrer Geschichte lernen kann und was sie darüber hinaus tun sollte.

Ich rate sehr zum Kauf des Buches. Wer sich die außergewöhnlich preiswerte Ausgabe nicht leisten kann, darf sich hier die PDF-Datei herunterladen: 256306.pdf.

Ein großes Dankeschön an den Verlag!

NEXT 2011

In der Zeit vom 28. bist 31. Mai 2011 wird in Orlando (USA) die NEXT 2011 Konferenz stattfinden. Die Veranstalter formulieren ihr Anliegen so:

Look around—you live in a post-Christian culture. What the Bible says is treated with disbelief or scorn; faith is considered a relic or worthless. Christ calls us to love God with our minds, interpreting all of nature and culture in the light of God’s self-revelation. As Christians we can survey the whole cosmos with new eyes and see it as an open field for joyful, worshipful exploration. A Christ-centered worldview is broad and deep and mature enough to encompass every facet of life—science and society, mathematics and music, love and logic. In Christ, Christians should be the deepest thinkers, the most passionate explorers, the most innovative entrepreneurs.

Das Programm mit der Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier. Nachfolgend der Trailer:

Next 2011 Promotional Video from Sovereign Grace Ministries on Vimeo.

Warum brauchen wir eine reformierte Theologie?

R. Scott Clark hat sich kürzlich mit Mike Horton darüber unterhalten, ob wir auch heute noch Systematische Theologie brauchen. (Die reformierte Dogmatik von Professor Horton wird im Herbst 2010 erwartet). Mike spricht ausführlich über seine Entdeckung der reformatorischen Rechtfertigungslehre und seinen holprigen Weg zur reformierten Theologie, für die er auch in diesem Gespräch leidenschaftlich wirbt.

Hier der Podcast (ca. 35 Minuten): 10.05.09Horton.mp3.

Michael Horton: Die fünf besten Calvin-Bücher

Professor Michael Horton hat der Zeitschrift CT folgende fünf Bücher von bzw. über Johannes Calvin empfohlen:

  1. Johannes Calvin: Unterricht in der christlichen Religion – Institutio Christianae
  2. W. Robert Godfrey: John Calvin: Pilgrim and Pastor
  3. T.H.L. Parker: John Calvin: A Biography (dt. Johannes Calvin – Ein großer Reformator)
  4. Richard A. Muller: The Unaccommodated Calvin
  5. J. Todd Billings: Calvin, Participation, and the Gift

Hier kurze Erläuterungen: www.christianitytoday.com.

Ausstellung: Die Reformierten in Europa und Deutschland

plakat_180.jpgDas Deutsche Historische Museum (Berlin) und die Johannes a Lasco-Bibliothek (Emden) haben für die Zeit vom 1. April bis zum 19. Juli 2009 die Ausstellung »Calvinismus: Die Reformierten in Deutschland und Europa« organisiert. Zur Ausstellung heißt es:

Das Wirken des vor 500 Jahren geborenen Genfer Reformators Johannes Calvin ist als Teil der Kulturgeschichte Europas nur zusammen mit den religiösen und politischen Fragen zu begreifen. Die Erneuerung von Kirche und Staat war seit dem 15. Jahrhundert eine dringliche Aufgabe. Eine frühe Reformbewegung ging von Jan Hus aus. Er wurde als Ketzer auf dem Konstanzer Konzil 1415 verurteilt. Rund ein Jahrhundert später griffen humanistisch-evangelische Kreise in Europa die Glaubenslehre Martin Luthers auf und führten sie fort. Radikalere Kirchenkritiker wie Ulrich Zwingli und Calvin forderten die Neuorganisation der Kirche und die Reformation des Lebens. Allen Reformbewegungen gemeinsam war die starke Rückbesinnung auf die Heilige Schrift.

Die Auseinandersetzung um den rechten Glauben prägte die folgenden Jahrhunderte. In Deutschland konnte sich das reformierte Bekenntnis neben der Lehre Martin Luthers nur in einzelnen Regionen dauerhaft etablieren. In weiten Teilen Nord- und Westeuropas aber wurde es zur bedeutendsten evangelischen Glaubensrichtung, mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen an einzelnen Orten: Von Schottland bis Ungarn folgten Menschen der neuen Lehre und nahmen dafür Vertreibung und Flucht in Kauf. Sie entwickelten ein intensives Gemeindeleben und ein dichtes, regionen- und länderübergreifendes geistiges, caritatives und politisches Netzwerk.

Wie nur wenige Personen entfaltete der Genfer Reformator eine tiefe, bis heute andauernde Wirkung auf Wissenschaft, Politik, Kunst und Mentalitäten. Reformierte Ideale wie Arbeitsethos und Zeitmanagement scheinen heute im Alltag ebenso wiedererkennbar wie in gesellschaftlichen Normen und staatlichen Ordnungen. Calvinistische Bürger prägten die Ausformung eines modernen Wirtschaftssystems, calvinistische Politiker waren bestimmend in der Entwicklung einer modernen, republikanischen Staatlichkeit.

Mehr Informationen auf der Internetseite: www.dhm.de.

Das Calvin Handbuch

41eh8n5ihnl_sl160_Die Calvinforschung erlebt derzeit weltweit eine Blütezeit. Der 500. Geburtstag des Reformators gibt der Forschungsarbeit neue Impulse. Mit dem vorliegenden Handbuch soll die Forschung unterstützt und stimuliert werden. Die Beiträger möchten damit neben den Fachgelehrten auch jenen eine verlässliche Information bieten, die sich nicht wissenschaftlich oder von Berufs wegen mit Calvin beschäftigen. Auf der Grundlage jüngster Forschungsergebnisse bietet ein internationales Team von anerkannten Wissenschaftlern eine umfangreiche Übersicht über die Biographie, Theologie und Wirkungsgeschichte Calvins.

Dies macht das Werk zu einem bisher einzigartigen Handbuch der Calvinforschung. Der Band ist zugleich in englischer Sprache bei Eerdmans, in italienischer Sprache bei Claudiana und in niederländischer Sprache bei Kok erschienen.

  • Herman J. Selderhuis: Calvin Handbuch, Mohr Siebeck, 2009, 569 S., € 39,00

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