Ethik

Beiträge aus dem Bereich Ethik.

Reizsüchtige Gesellschaft

Der Freiburger Mediziner und Psychiater Joachim Bauer spricht in der WELT über die Reizüberflutung und die Versuchung, allerlei Reizen möglichst schnell nachzugeben. Es klingt drollig, wenn er davon spricht, dass wir dem „Reptiliengehirn“, das auf die sofortige Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet ist, zu oft nachgeben.

Die Bedeutung dieses Wandels ist immens. Den größten direkten Einfluss auf unseren persönlichen Lebensstil haben die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, also die vielen Angebote des Internets, die sozialen Netzwerke, die Möglichkeit zum vernetzten Spielen, die Kommunikation per E-Mail und die Smartphones mit ihren unzähligen Apps. Viele dieser elektronischen Angebote haben Suchtpotenziale, sie sprechen im Hirn die gleichen Zentren an wie Kokain. Die entscheidende Frage ist: Wer hat die Macht über wen? Haben diese Geräte die Macht über mich, oder habe ich die Kontrolle? Steuere ich mein Verhalten oder werde ich gesteuert, lebe ich oder werde ich gelebt? Wer auf jedes Pling, das aus einem der Geräte – heute bezeichnet man sie ja gerne als „Gadgets“ – kommt, sofort reagieren muss, wird zu einer Reiz-Reaktions-Maschine und hat aufgehört, seinen Rhythmus selbst zu bestimmen. Inwieweit wollen wir es diesen Geräten also erlauben, uns vor sich herzutreiben, unseren Takt zu bestimmen und uns zu versklaven?

Hier das Interview: www.welt.de.

Tiefpunkt der Debatte

Jonathan Steinert hat für PRO online die Debatte um die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer kommentiert. Kramp-Karrenbauer hat Bedenken an der „Ehe für alle“ geäußert  und dafür viel Häme und sogar Entsetzen geerntet. Steinert schreibt:

Von „Dammbrüchen“ ist hin und wieder die Rede, wenn ethisch-moralische oder gesellschaftlich anerkannte Grenzen infrage gestellt werden. Warum sollte es in diesem Fall nicht zumindest möglich sein, dies zu denken und zu äußern? Ganz abgesehen von einem anderen Thema, das in dem Zusammenhang selten erörtert wird und das Kramp-Karrenbauer ansprach: das Kindeswohl.

Ausgerechnet jene, die Toleranz gegenüber Minderheiten und deren Meinungen einfordern, lassen in der „Debatte“ über die Öffnung der Ehe, um Homosexualität und sexuelle Identität leider häufig an Toleranz vermissen. Wer nicht dafür ist, wird öffentlich diffamiert. Oder vor Gericht gezogen. Aber Meinungsfreiheit bedeutet, die Freiheit zu haben und sie anderen zuzugestehen, ungestraft anderer Meinung zu sein. Dann wäre auch eine ehrliche Debatte möglich. Wenn sie gewollt wäre.

Weshalb der Staatsrechtler Christoph Gröpl die Ministerpräsidentin verteidigt, ist in der SAARBRÜCKER ZEITUNG zu lesen:

Ich war empört – und zwar darüber, wie stark da die öffentliche Meinungsbildung durch zum Teil persönliche Angriffe auf Amtsträger beeinträchtigt wird. Das scheint in gewissen brenzligen Themenbereichen nach ähnlichen Strategien zu gehen: Wer es wagt, etwas gegen die Meinung „gutmeinender Humanisten“ zu sagen, auf den hagelt es Schimpf und Schande. Deswegen trauen sich Menschen, die in vermeintlichen Tabuthemen anderer Meinung sind, immer weniger, ihre Ansichten zu äußern. Das stellt eine ernste Gefahr für die freie Meinungsäußerung und Meinungsbildung dar, die durch das Grundgesetz garantiert ist. Es sollte eine Atmosphäre herrschen, in der jeder grundsätzlich das sagen darf, was er denkt, gerade im politischen Bereich. Wenn eine Anwältin aus Berlin die Ministerpräsidentin wegen Beleidigung und Volksverhetzung anzeigt, sind wir auf dem besten Weg in totalitäres Denken.

Mehr: www.saarbruecker-zeitung.de.

Warum ich als Christ nicht homosexuell leben kann

Das DIJG hat vor einiger Zeit das persönliche Zeugnis eines Christen veröffentlicht, der sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlt, jedoch dennoch sein Leben nach dem Willen Gottes gestalten möchte. Die genannten Gründe sind:

1. Ich nehme die gemeinsame Tradition der gesamten christlichen Kirche ernst.

2. Ich bin als evangelischer Christ in meinem Gewissen an die Heilige Schrift gebunden.

3. Ich glaube nicht an den Mythos, daß ein Mensch alles, was er fühlt, auch ausleben muß bzw. daß Gefühle unabänderlich sind.

4. Ich habe entdeckt, daß homosexuelle Impulse aus unreifen inneren Haltungen und ungelösten Identitätskonflikten herrühren und aufgelöst werden können.

5. Ich weiß, daß – entgegen mancher öffentlichen Darstellung – die Wirklichkeit der homosexuellen Lebensweise von Promiskuität geprägt ist.

6. Ich habe das Potential tiefer, nicht-sexueller Freundschaften zu Männern entdeckt, die nicht emotional abhängig machen, sondern aufbauen.

7. Ich habe als oberstes Ziel meines Lebens erkannt, Christus zu lieben und in sein Bild umgewandelt zu werden.

Hier: www.dijg.de.

Optimierter Anfang, kontrolliertes Ende

Dass es noch qualitativ hochwertigen Journalismus gibt, belegt die Radiosendung „Leben nach Plan – Optimierter Anfang, kontrolliertes Ende“ von Eva Schindele. Worum geht es?

Anfang und Ende des Lebens sind existenzielle Übergänge, bei denen immer häufiger die Medizin Regie führt. Die meisten Menschen begrüßen das und hoffen dadurch, das eigene Leben besser kontrollieren zu können. Aber der naturwissenschaftliche Blick prägt die Wahrnehmung von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt: Mit der Herstellung von Embryonen im Labor stellt sich die Frage: Wann beginnt das Leben? Die vorgeburtliche Diagnostik sucht gezielt nach Normabweichungen beim Ungeborenen; gleichzeitig werden immer kleinere Frühgeborene gerettet und Schädigungen dabei billigend in Kauf genommen. Auch der Tod wird zum Projekt von Planung und Kontrolle. Dabei haben Ärzte und Ärztinnen bis heute Probleme, am Lebensende ihre Rolle zwischen Aktionismus, Schmerzlinderung und Sterbehilfe zu finden.

Einige wichtige Sätze aus der Sendung:

Die Sprecherin:

Ethische Vorstellungen sind nicht in Stein gemeißelt. Sie werden im gesellschaftlichen Diskurs immer wieder neu ausgehandelt, spiegeln den Zeitgeist wider und legitimieren oft im Nachhinein das technisch Machbare. Dabei prägen oft diejenigen die Debatte, die ein Interesse an einer Liberalisierung haben: Das sind vor allem einerseits die Anbieter reproduktionsmedizinischer oder pränataldiagnostischer Frage: Es ist ja viel Potenz hier, sozusagen „Leben“ zu generieren?

Die Lübecker Medizinethikerin Christina Schües sagt:

Materialprüfung ist üblicherweise nicht das, was am Anfang liegt, wenn man eine Beziehung eingeht mit einem Menschen. Ich hab mich schon oft gefragt, was es heißt eigentlich für ein Kind unter Bedingungen geboren zu werden. Ich hab in meinem Buch die Geburt verstanden als Gabe, und zwar in dem Sinne, dass Kinder bedingungslos geboren werden. Also im Sinne einer Gabe. Wenn es aber so ist, dass die Embryonen, also Kinder kontrolliert werden, und nicht zu ihren eigenen Bedingungen geboren werden, sondern zu Bedingungen von anderen, bestimmter Kriterien, bestimmter Qualitätsmerkmalen, dann würde ich sagen, ist ein Embryo reduziert auf einen Warencharakter. Und dann fragt man sich ja auch, ob dann vielleicht Regressansprüche gemacht werden können und ob man es auch wie eine Ware zurückgeben kann.

Die Sprecherin:

Von freudiger Erwartung ist in heutigen Schwangerschaften oft nur noch wenig zu spüren. Schon von Anfang an wird die Frau auf ein ärztliches Schwangerschaftsregime eingeschworen, das vor allem die Pathologie und das Risiko in den Mittelpunkt stellt. Kaum ein Kind kommt heute noch „ungeprüft“ auf die Welt. Unter dem Versprechen der „Sicherheit“ konnte sich so in den letzten 25 Jahren ein riesiger Markt für vorgeburtliche Untersuchungen und Tests etablieren. Gute Geschäfte für Frauenärzte, aber auch für Hersteller von Ultraschallgeräten, Software oder Testkits wie dem sogenannten Praenatest, der ab der 9. Schwangerschaftswoche im mütterlichen Blut nach Hinweisen für Down-Syndrom beim Ungeborenen sucht.

Margaretha Kurmann vom „Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik“:

Es wird gesucht, um zu verhindern, dass ein Kind mit dieser Behinderung oder Beeinträchtigung, nach der gesucht wird, geboren wird. Die Therapie ist der Schwangerschaftsabbruch. Es gibt seltene Fälle, wo man die Geburt sozusagen danach ausrichten kann und man kann auch manchmal das in der Schwangerschaft machen und das ist ja auch nicht strittig, aber in der Regel sind es Untersuchungen, die wir im Netzwerk als selektiv bezeichnen, die also darauf ausgerichtet sind, Geburt von Kindern mit bestimmten Merkmalen zu verhindern. In dem Sinne gibt es nichts zu entscheiden über das So-Sein des Kindes, sondern es gibt nur darüber etwas zu entscheiden: Soll dieses Kind auf die Welt kommen oder nicht?

Hier das Manuskript und der Link auf die mp3-Datei der empfehlenswerten Sendung zum Download: swr2wissen-20150606-leben-nach-plan-ra06.12844s.mp3.

Zugpferd einer Auflösung?

Klaus Bockmühl in „Die Diskussion über Homosexualität aus theologischer Sicht“ (Leben nach dem Willen Gottes, BWA Bd. II/3, Gießen: Brunnen, 2006, S. 31–32, erstmals erschienen in: Evangelische Theologie, Jg. 24/1964, S. 242–266):

Allem nach ist zu sagen: Die christliche Gemeinde muß sich dagegen wehren, daß sie zum Zugpferd einer Auflösung ihrer ethischen Maßstäbe gemacht werden soll, einer Relativierung, zu der das Alte wie das Neue Testament nicht die geringste Handhabe bieten. Die biblischen Urteile sind gerade deshalb relevant, weil sie das homosexuelle Verhalten, die Praxis, betreffen. Eben diese ist heute das Problem. Es ist also nicht einzusehen, wieso die Regel der Herrschaft Gottes – wie für jeden anderen Fall menschlicher Unzulänglichkeit und Verirrung auch – für die Frage der Homosexualität nicht gültig und heilbringend sein sollte. Paulus hat in 1.Korinther 6 gerade hierzu Erschöpfendes und Vorbildliches gesagt, indem er sowohl die Norm als auch die Kraft des neuen Lebens beschrieb.

Leider bekommen solche klaren Rufer im öffentlichen Diskurs heute wenig Raum. Deshalb müssen sie gelesen werden!

Heldenhafte Spermien und wachgeküsste Eizellen

Die „Gender Studies“ haben Fachbereiche und Schulfächer fest im Griff. Kritik ist unerwünscht. Wer aufbegehrt, wird – mindestens – als „reaktionär“ bezeichnet. Die genderorientierten Curricula halten aber wissenschaftlichen Ansprüchen keineswegs stand.

Dass ich einmal einen Artikel empfehle, der sich schützend vor den Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera stellt, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist es so weit.

Hans Peter Klein schreibt für die FAZ:

Im Zuge der Genderisierung der Universitäten mit mittlerweile fast zweihundert speziell dafür eingerichteten Professuren hat sich das grundlegend geändert. Denn diejenigen, die in dieser Geschlechterforschung ihre Mission sehen, wurden durch öffentliche Proteste nicht von ihrem Weg abgebracht. Sie wollen, dass alle Menschen so denken wie sie, weil sie sich im Besitze einer Wahrheit wähnen, die alle anderen missachten oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dahinter steckt ein Erziehungsprogramm, für das die Vertreter dieser Position keine demokratische Legitimation besitzen.

Es ist erstaunlich, wie Minoritäten, offenbar mit politischer Unterstützung, der Mehrheit ihre Vorstellungen mit fast religiösem Eifer diktieren können. Um ihre Überzeugungen durchsetzen zu können, schaffen sie ein Klima, in dem nicht mehr der Diskurs gedeiht, sondern Andersdenkende durch Verdächtigungen und Anschuldigungen eingeschüchtert und verängstigt werden. Wer dagegen aufbegehrt, muss mit der Diffamierung und Diskreditierung der eigenen Person oder der Zensur kritischer Beiträge rechnen.

Hier mehr: www.faz.net.

VD: EP

„Warum ich als schwuler Atheist meine, die Kirche muss gegen die Homo-Ehe sein“

Ein schwuler Atheist erklärt der Kirche, weshalb sie sich dem öffentlichen Begehren nach der gleichgeschlechtlichen Ehe widersetzen muss. An solchen Beispielen wird deutlich, wie weit es die Kirchen mit ihrer Anbetung „soziologischer Wahrheiten“ gebracht hat.

Können diese Christen nicht sehen, dass die moralische Grundlage ihres Glaubens nicht in der Arithmetik der Meinungsforscher gesucht werden darf? Was hat das irische Referendum uns gezeigt? Eine Mehrheit der Menschen in der Republik Irland ist im Jahr 2015 nicht mit der jahrhundertealten Lehre ihrer Kirche einig, dass nämlich sexuelle Beziehungen zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts eine Sünde sind. Fein: Wir können diese Feststellung nicht bezweifeln. Aber kann ein Übergewicht in der öffentlichen Meinung das Verhältnis zwischen Tugend und Laster umkehren? Wäre es Mose für einen Moment in den Sinn genommen (ganz zu schweigen von Gott), dass er sich lieber der Moloch-Verehrung zuwendet, weil es das ist, was die meisten der Israeliten tun wollten?

Hier der empfehlenswerte Beitrag von Matthew Parris: blogs.spectator.co.uk.

VD: LN

Fortschritt braucht Vater, Mutter, Kinder

Bei der beabsichtigten Gleichstellung von Ehe und „Homo-Ehe“ geht es nicht um Kleinigkeiten, sondern um die Keimzelle der Gesellschaft. Zeit für den Bundestag, Farbe zu bekennen. Obwohl der Schutz der Familie eigentlich selbstverständlich sein sollte, muss man heute sehr dankbar sein, wenn ein Journalist wie Reinhard Müller die Diskussion um das neue Familienbild mit folgenden Worten kommentiert:

Zwar bringt auch nicht jede Ehe Kinder hervor, wie Karlsruhe messerscharf beobachtete, doch ist die Verbindung zwischen Mann und Frau nun einmal die einzige, die Kinder hervorbringen kann. Hier geht es nicht um Antidiskriminierung, sondern um Vaterschaft, Mutterschaft und Kindeswohl. Müsste aus einer kompletten Gleichstellung nicht gefolgert werden, Leihmutterschaft auch in Deutschland zu erlauben? Der neue, überparteiliche Leitsatz, der womöglich bald auch im Grundgesetz steht, lautet: Familie ist da, wo Kinder sind. Aber die Samenbank ist nicht die Keimzelle der Gesellschaft. Ist das konservativ? Wer Fortschritt will, braucht Vater, Mutter, Kinder.

Hier: www.faz.net.

Helmut Kentler als Aufklärer

Helmut Kentler gehörte zu den Wortführern der „Emanzipatorischen Pädagogik“. Wie viele andere ging er davon aus, dass zwischen Autoritätshörigkeit und dem Verbot sexueller Betätigung für Kinder und Jugendliche ein kausaler Zusammenhang bestehe. Die „Kämpfer“ für eine ungehemmte sexuelle Triebbefriedigung stützten sich auf Hypothesen von Wilhelm Reich, der in der Sexualmoral ein Mittel dafür sah, Menschen in einer Stimmung der Selbstunterwerfung zu halten.

So sah das auch Kentler: Die „repressive Sexualerziehung“ veranlasse Menschen, bedenkliche Fähigkeiten wie Selbstbeherrschung, Verzichtenkönnen und Aufopferungsbereitschaft zu lernen, „die weit über den Sexualbereich hinaus Bedeutung gewinnen: Einem Menschen, der gelernt hat, auf seine sexuellen Bedürfnisse zu verzichten, kommt gar nicht mehr in den Sinn, daß er im Beruf ein Bedürfnis nach Mitbestimmung seiner Arbeitsbedingungen und Selbstorganisation seiner Arbeit anmelden könnte, daß ‚Gesellschaft‘ kein Schicksal sein müßte, von dem er abhängt, daß Politik nicht über seinen Kopf hinweg zu geschehen braucht. Während er sich seine Sexualität untertan machte, wurde er zum Untertan der herrschenden Gesellschaftsverhältnisse“ (Sexualerziehung, 1970, S. 68, zitiert aus: W. Brezinga, Die Pädagogik der Neuen Linken, 1980, S. 175).

Nun zeigt sich immer klarer, was für eine perfide Rolle Kentler bei den Pädophilieverstrickungen der linken Szene gespielt hat. Wie die TAZ berichtet, hat der Berliner Senat Ende der 60er Jahre 13- bis 15-jährige Straßenkinder pädophilen Männern anvertraut. Geleitet wurde der Feldversuch vom „Papst der Sexualpädagogik“, Helmut Kentler. Der bekennende Homosexuelle hat die Jugendlichen, die er als „sekundärschwachsinnig“ einstufte, bei ihm bekannten Pädophilen wohnen lassen. Bei einer Fraktionsanhörung der FDP im Jahr 1981 sagte er aus: „Diese Leute haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren.“

Übrigens fand die TAZ noch 2008 lobende Worte für Kentler. Anlässlich seines Todes schrieb die Tageszeitung:

Er plädierte für die Entkriminalisierung des Sexuellen überhaupt, war ein couragierter Gutachter vor Gerichten, wenn es um Delikte nach dem Sexualstrafrecht ging, und engagierte sich in sexualwissenschaftlichen Organisationen. Kentler zählte zu den wütenden Kämpfern wider ein gesellschaftliches Klima, in dem Sexualität nur als Steckprinzip patriarchaler Prägung denkbar sein sollte. Sexualität, so Kentler, musste vom „Igittigitt“ entkleidet werden.

Er verfasste eine Fülle von Ratgebern und schrieb auch das Vorwort zu dem von Will McBride publizierten Bildband „Zeig mal“, eine Art Coffeetablebook für Erwachsene, denen im Zeichen der antiautoritären Aufgewühltheit jener Jahre nahe gebracht werden sollte, keine Angst vor ihren Doktor spielenden Kindern zu haben. Kentlers Credo: Sexualität verdient es, ernst genommen und von der Last religiöser Verbotsmoral befreit zu werden. In den späten Achtzigern geriet seine Perspektive allerdings schwer in Misskredit. Einen akademischen Wegbereiter des Pädosexuellen hieß man ihn; Feministinnen hielten ihm ein naives Verhältnis zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch Erwachsene vor.

Im Bericht über erste und vorläufige Befunde zum Forschungsprojekt „Die Pädophiliedebatte bei den Grünen im programmatischen und gesellschaftlichen Kontext“, ist nachzulesen, wie groß der Einfluss Helmut Kentlers gewesen ist:

Die von Kentler mit verfasste Aufklärungsbroschüre „Zeig mal! Ein Bilderbuch für Kinder und Eltern“, 1974 im von Hermann Ehlers (CDU) gegründeten und lange von Johannes Rau (SPD) geleiteten, infolgedessen sehr evangelisch geprägten Jugenddienst-Verlag (Rechtsnachfolger: Peter Hammer), erschienen, setzte sich in Deutschland 90.000 Mal, in den USA über 300.000 Mal ab. Im Vorwort betonte Kentler, dass sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kinder keineswegs bedenklich oder gar schädlich seien. Würden „solche Beziehungen nicht von der Umwelt diskriminiert“, dann seien vielmehr „positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten“. Ähnlich argumentierte sein Bremer Professorenkollege Rüdiger Lautmann, für den Sexualdelikte eher „Straftaten ohne Opfer“ waren. An den „hergebrachten Stereotypen“ zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern – die sexuelle Handlung hinterlasse beim Kinde einen seelischen Schock mit bleibenden Schäden – „stimmt nichts“.

Auch die Gerichte zogen diese Wissenschaftler damals gern als Sachverständige in Missbrauchsfällen hinzu. Im Übrigen war Kentler, seit 1976 Lehrstuhlinhaber für Sozialpädagogik und Sexualwissenschaft an der Universität Hannover, fest davon überzeugt, dass „echte Pädophile“ „hochsensibel gegen Schädigung von Kindern“ seien. In der Zeit kam er 1980 auch als Experte für das „Trampen“ zu Wort. Der „Tramp-Fan Kentler“, wie ihn der durchaus ein wenig skeptische Autor nannte, mochte die Sorgen von Eltern gegen das „Per-Anhalter-Mitfahren“ der Kinder nicht teilen. Es sei zwar möglich, „daß im Wagen ein Mann sitzt, der das Mädchen oder den Jungen verführen will. Das ist aber meines Erachtens gar kein Problem. Ich weiß von vielen Trampern und auch aus meiner Jugend: Man braucht dann bloß zu sagen, ich habe keine Lust, und dann ist die Sache in Ordnung.“

Kentler, der drei Jungen adoptierte, erklärte später über seine Tätigkeit als Gerichtsgutachter apropos: „Ich bin sehr stolz darauf, dass bisher alle Fälle, in denen ich tätig geworden bin, mit Einstellungen der Verfahren oder sogar Freisprüchen beendet worden sind.“

Es wird höchste Zeit, die pseudowissenschaftlichen Ansätze der Reformpädagogik, die inzwischen fast flächendeckend in die Bildungspolitik eingedrungen sind, auf ihre Ideologielastigkeit zu untersuchen. Wie viele entsprechende Forschungsprojekte gibt es eigentlich dazu an den Universitäten?

Wie finster es noch in den 80er und 90ern innerhalb der Kreuzberger Pädophilenszene zuging, hat übrigens kürzlich Gerd Nowakowski für den TAGESSPIEGEL zusammengetragen.

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