Ethik

Beiträge aus dem Bereich Ethik.

Warum ist Sex etwas Besonderes?

Jeffrey Olen und Vincent Barry fragen in ihrem Buch Applying Ethics: A Text with Readings:

Warum sollte Sex nicht wie jede andere Aktivität behandelt werden? Warum sollten wir es als moralisch einwandfrei betrachten, mit jemandem Tennis zu spielen, den wir nicht lieben, aber als unmoralisch, mit jemandem Sex zu haben, den wir nicht lieben? Warum sollten wir es als moralisch einwandfrei betrachten, mit einer Per- son des gleichen Geschlechts Mittag zu essen, aber als unmoralisch, mit der gleichen Person Sex zu haben? Warum sollte es uns erlaubt sein, aus reinem Vergnügen einen Film zu schauen, aber nicht, aus reinem Vergnügen Sex zu haben? Wodurch zeichnet sich Sex aus, dass solche besonderen Regeln dafür notwendig sind?

Mein Kollege Thomas Johnson gibt im MBS Text 145 »Warum ist Sex etwas Besonderes?« eine Antwort: mbstexte145.pdf.

Der »body turn«

Die Genderstudies ordnen sich neu. Der Tagesspiegel interviewte die Münchner Soziologin Paula Villa und neben inzwischen traditionalisierten Argumenten lassen sich Zugeständnisse finden, die noch vor wenigen Jahren als sektiererisch gegolten hätten:

Nach wie vor ist Butler eine ganz zentrale Autorin, aber ich denke, dass die große Zeit der Butler-Euphorie vorbei ist. Butler war ein Fall von Hegemonie, alle mussten sich auf sie beziehen. Aber es hat natürlich auch vor und neben ihr andere, zum Teil viel differenziertere Ausführungen der »Konstruktionshypothese« gegeben. Inzwischen ist in der Geschlechterforschung anderes wieder viel stärker in den Vordergrund gerückt, etwa die Frage nach Ungleichheit, nach gesellschaftlicher Inklusion, nach ökonomischen Verhältnissen. Das Thema Arbeit beschäftigt uns sehr. Ein wichtiges Theorem ist hier »Prekarisierung«, das heißt das »Prekär«-Werden von Biografien und ganzen Schichten durch unsichere Arbeits- und Lebensbedingungen. Auch die Untersuchung neuer Migrationsprozesse ist Teil der neueren Forschung, immer mit der Frage: Wie ist Geschlecht daran beteiligt?

Oder:

TS: Wie steht es um die Gretchenfrage »Körper« in den Genderstudies? Unter dem Einfluss von Judith Butler hat man den biologischen Aspekt von Geschlecht ausgeblendet. Spielt der Körper in der Genderforschung heute eine andere Rolle?

Es gibt in der Geschlechterforschung den Grundkonsens, dass man nicht naiv von einem angeblich »natürlich« vorhandenen, rein physiologisch bestimmten Geschlecht ausgeht. Dieser Grundkonsens steht weiterhin fest, allerdings in vielen Schattierungen. Inzwischen haben verschiedene Fachdisziplinen wie Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft oder Soziologie aber geradezu einen »body turn« vollzogen. Leitend ist derzeit die Frage, wie und wovon der Körper regiert, beherrscht und geformt wird. So untersuchen wir die Entgrenzung der Medizin. Ehemals medizinische Verfahren mutieren heute zu Wellness und Lifestyle. Der Schönheitsboom – oder das, was da Schönheit genannt wird – macht ehemals Medizinisches zu einer Sache von Kosmetik, etwa in der plastischen Chirurgie. Und das wiederum betrifft die Gestaltbarkeit des geschlechtlichen Körpers. Der Körper wird also vor allem in Hinsicht auf das diskutiert, was man heute »Biopolitik« nennt. Das heißt, was ehemals emanzipatorische Selbstermächtigung war – den Körper in die eigene Hand zu nehmen –, das wird heute zunehmend zu einem Gebot der Optimierung.

Hier das Interview: www.tagesspiegel.de.

Wie wir in Zukunft sterben werden

Petra Thorbrietz erwartet langfristig eine Legalisierung der Sterbehilfe:

Sterbehilfe wird die Sterbebegleitung an vielen Stellen ablösen. Euthanasie wird für mehr Menschen … nicht mehr Tötung bedeuten, sondern Erlösung aus einem immer längeren Leben voller chronischer Krankheiten, vielleicht auch aus Einsamkeit. Das mag schockieren, doch die Zeichen sprechen eine deutliche Sprache.

Was wir aber wirklich brauchen, so Thorbrietz, ist die persönliche Zuwendung auch um Alter:

Die Betreuung am Lebensende wird sich weiter professionalisieren, das ist gegenüber dem heutigen Stand erst mal positiv. Doch diese Entwicklung ist überwiegend an körperlichen Symptomen orientiert. Wer mehr will – Ansprache, soziale Unterstützung, Sinngebung – muss dafür vielleicht demnächst gezielte Vorsorge treffen, mit speziellen Versicherungen für das Lebensende oder genossenschaftlichen Fürsorgekonzepten. Was wir bewahren sollten, ist das, was hinter organisierter und professionalisierter Zuwendung steht – die Bereitschaft und die Offenheit für das, was entsteht, wenn Menschen füreinander da sind, zum Beispiel in der Hospizbewegung. Der Begegnung mit dem Tod können wir nicht ausweichen, schon gar nicht in Telefonhäuschen. Auch wenn wir manchmal versucht sind, den Hörer einfach aufzulegen.

Hier mehr: www.focus.de.

Puritanische Lust

Edmund Leiters schreibt in seinem bemerkenswerten Buch:

Zumindest in einer Hinsicht hat sich Weber [gemeint ist Max Weber] völlig getäuscht. Der Puritanismus ist zutiefst von einer Ethik beseelt, die weltbejahend ist. In ihrer Philosophie der Ehe, eines der wichtigsten Lebensbereiche für den Puritanismus, fordern Prediger und Theologen die spontane Freude, die sexuelle Befriedigung und das Vergnügen aneinander. Sie bejahen den inneren Wert des Vergnügens und der Erquickung, die Ehegatten einander spenden können. Aus ihrer Sicht müssen diese Freuden nicht durch einen weitergehenden spirituellen Zweck gerechtfertigt werden, wenngleich die Ehe für sie spirituelle Ziele besitzt; die Freuden der Ehe sind Güter an sich, die dem natürlichen menschlichen Bedürfnis nach Gesellschaft und Liebe entsprechen. Der Puritanismus kann daher nicht als eine durch und durch asketische Religion gelten.

Recht hat Weber dagegen, was die Forderung der Puritaner nach gründlicher Selbstdisziplin angeht. Puritanische Prediger forderten in allen Lebensbereichen – Ehe, Arbeit, Politik, Familie, Krieg – eine auf die Schaffung konstanter und verläßlicher Motive gerichtete, systematische Selbstdisziplin. Dies galt ebenso für die Liebe zum Ehegatten wie für die beim Genuß von Reichtum und irdischen Gütern zu übende Zurückhaltung. Der Ruf nach moralischer Beständigkeit hatte in der Tat immer dann asketische Konsequenzen, wenn man der Meinung war, daß die Freuden der Welt einer Preisgabe der Selbstdisziplin und der moralischen Stetigkeit gleichkamen. Die Hauptströmung des Puritanismus sah in der ehelichen Sexualität keine Gefahr für die moralische Beständigkeit; vielmehr sah sie in ihr eine bemerkenswerte und gelungene Harmonie der sinnlichen, moralischen und spirituellen Bande.

Junia, die erste Apostelin?

Seit Jahren wird nicht nur in der akademischen Welt über eine Person, die lediglich in einem Grußwort des Paulus im 16. Kapitel des Römerbriefes erwähnt wird, gestritten: Junia(s). Wer einmal in der eigenen Gemeinde sich mit der Frage nach dem Lehramt der Frau auseinandergesetzt hat, wird Befürworter der Frauenordination antreffen, die Junia für die erste gemeindeleitende Apostelin halten, gewiss aber auch Kritiker, die Junias für einen Mann halten. Und so wird eine Randperson der neutestamentlichen Briefliteratur zum Zankapfel nicht nur der Theologen sondern auch der Gemeinde insgesamt.

Daniel Dangendorf vom Blog Theologia et Musica hat eine exegetische Studie über Röm 16,7 geschrieben.

Das ist Grund genug, der Thematik exegetisch zu begegnen. In Röm 16,7 stoßen etliche exegetische Probleme aufeinander, die hier nacheinander diskutiert werden sollen. Ist Junia(s) Mann oder Frau? Sind Andronikus und Junia(s) selbst Apostel? Wenn ja, was meint die Bezeichnung Apostel an dieser Stelle? Diese und ähnliche Fragen müssen zuerst geklärt werden, bevor man sich einer ethischen Perspektive widmet. Was lässt sich ethisch aus Röm 16,7 ableiten? Diese Frage soll im Rahmen dieser Hausarbeit ebenfalls abschließend gestellt werden und es ist notwendig, diese Frage zu stellen, da Junia(s) so gerne in der Diskussion um die Frauenordination als Fallbeispiel gebraucht wird. Bei der Diskussion wird insbesondere auch die Publikation von Eldon Jay Epp Junia, the first Woman Apostle, Fortress: Minneapolis, 2005 mit berücksichtigt.

Die exegetische Studie kann hier herunter geladen werden: mbstexte140.pdf.

Merkmal der sexuellen Identität in das Grundgesetz aufnehmen

Die SPD-Fraktion möchte das Merkmal der sexuellen Identität in das Grundgesetz einfügen. Dazu hat sie einen Gesetzentwurf (17/254) vorlegt. Nach den Vorstellungen der Fraktion soll Artikel 3 (»Gleichheit vor dem Gesetz«) nach den Wörtern »wegen seines Geschlechtes« einen entsprechenden Formulierung enthalten.

In einer Pressemitteilung des Deutschen Bundestages dazu heißt es:

Die Sozialdemokraten schreiben unter anderem, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, transsexuelle und intersexuelle Menschen seien in unserer Gesellschaft auch heute noch Anfeindungen, gewaltsamen Übergriffen und Benachteiligungen ausgesetzt. Gesetzliche Diskriminierungsverbote hätten zwar die rechtliche Situation der Betroffenen deutlich verbessert. Ein ausdrückliches Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität im Grundgesetz schaffe jedoch eine klare Maßgabe für den Gesetzgeber. Es stehe für das deutliche Bekenntnis, dass Gesichtspunkte der sexuellen Identität eine ungleiche Behandlung in unserer Gesellschaft unter keinen Umständen rechtfertigen könne.

The Conservative-Christian Big Thinker

The New York Times hat vor einigen Tagen ein Feature über den derzeit wohl größten konservativen Denker in den U.S.A. veröffentlicht. Der brillante Juraprofessor Robert P. George (Princeton University) ist in die Fußstapfen von Richard Neuhaus getreten (siehe hier) und als bekennender Katholik einer der Hauptverantwortlichen für die »Manhattan Declaration«. Hier der Artikel aus The New York Times: www.nytimes.com.

Paul Edwards hat in einer Radiosendung ausführlich mit Professor Robert George über die »Manhattan Declaration«, das Naturrecht, die Heilige Schrift und viele andere Themen gesprochen. Ein Mitschnitt der Radiosendung kann hier als mp3-Datei herunter geladen werden.

Das äußerst hörenswerte Gespräch beginnt ab der 24. Minute. Wer thomistische Argumente (also theologisch-philosophische Argumente in der Tradition von Thomas von Aquin) für den Schutz der Familie und das Leben kennenlernen oder vertiefen möchte, sollte sich das Gespräch anhören.

Sie galt als lebensunwert

Claus Peter Müller hat einen bemerkenswerten Text gegen das Vertuschen und Vergessen der Euthanasie-Morde im »Dritten Reich« geschrieben:

Stogniew, geborene van Hasseln, wurde am 13. Februar 1941 in der Heilanstalt Hadamar vergast. Ihr Leichnam wurde verbrannt. Keiner weiß, was mit ihrer Asche geschah. Ihre Sterbedaten wurden von den Behörden systematisch gefälscht, um das Verbrechen zu vertuschen. Das war in Hadamar so, aber auch in den anderen fünf Tötungsanstalten Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hartheim und Pirna. Von Januar bis August 1941 trieben die Nationalsozialisten kranke Menschen wie Frau Stogniew als »lebensunwert« unter ärztlicher Aufsicht in Gaskammern. Nach dem Mord wurden den Toten die Goldzähne aus dem Kiefer gebrochen, und einzelne Leichname wurden untersucht, wenn die Autopsie interessante medizinische Erkenntnisse versprach. Am 24. August 1941 stoppte Hitler die Tötungsaktion, nachdem der Bischof von Münster, Graf von Galen, in einer Predigt den Mord an den ursprünglich Schutzbefohlenen als solchen benannt hatte. Mehr als 70.000 Kranke waren den Ärzten im Dienst des NS-Systems bis dahin schon zum Opfer gefallen.

Hier mehr: www.faz.net.

Die »Manhattan-Erklärung« auf Deutsch

Freundlicherweise hat das Institut für Ethik & Werte die »Manhattan-Erklärung« übersetzt. In der Präambel heißt es:

Heutige Christen sind Erben einer zweitausendjährigen Tradition. Zum Inhalt dieser Tradition gehören die Verkündigung von Gottes Wort, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, Widerstand gegen Tyrannei sowie der karitative Einsatz zugunsten der Armen, Unterdrückten und Leidenden.

Im vollem Bewusstsein, dass christliche Gemeinschaften und Institutionen über die Jahrhunderte oft versagt haben und unvollkommen geblieben sind, machen wir uns das Erbe der Christen zu eigen, die sich für unschuldiges Leben einsetzten, indem sie ausgesetzte Säuglinge von den städtischen Müllhalden des Römischen Reiches retteten und dessen Duldung des Kindermords öffentlich anprangerten. Wir gedenken mit Ehrfurcht der Gläubigen, die während der Pest in den Städten blieben, um sich um Kranke und Sterbende zu kümmern, oder lieber mutig in den Arenen starben als ihren Herrn zu verleugnen.

Im Mittelalter waren es die christlichen Klöster, die nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch die abendländische Literatur und Kunst bewahrten. Christen waren es, die das Übel der Sklaverei bekämpften. Päpstliche Erlasse im 16. und 17. Jahrhundert verurteilten den Sklavenhandel und exkommunizierten die Händler. Evangelikale Christen wie William Wilberforce bewirkten das Verbot des Sklavenhandels in Großbritannien und gründeten karitative Vereine zur Unterstützung der Armen, der Häftlinge und der Opfer der Kinderarbeit, die oft an Maschinen gekettet wurden.

Es waren Christen, die in Europa das Königtum von Gottes Gnaden angefochten haben und sich erfolgreich Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung erkämpften, um moderne Demokratie überhaupt zu ermöglichen. In den Vereinigten Staaten waren Christen unter den ersten Frauenrechtlerinnen. Die große Bürgerrechtsbewegung der 1950 und 1960er Jahre wurde von Christen angeführt, die sich auf die Heilige Schrift beriefen und den Adel aller Menschen als Gottes Geschöpfe ungeachtet Rasse, Religion oder Rang bekräftigten.

Die gleiche Sorge um die Würde des Menschen hat im vergangenen Jahrzehnt Christen dazu geführt, gegen entmenschlichende sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel anzugehen, sich um Aids-Opfer in Afrika zu kümmern sowie sich vielfältig für Menschenrechte einzusetzen, ob für sauberes Trinkwasser in den Entwicklungsländern oder für Heime für Abertausende von Kindern, die Krieg, Seuchen oder Geschlechterdiskriminierung zu Waisen gemacht hatten.
Wie unsere Vorgänger im Glauben sind Christen heute dazu berufen, das Evangelium der kostbaren Gnade zu verkündigen, die wahre Menschenwürde zu schützen und für das Gemeinwohl einzustehen. Bleibt die Gemeinde ihrer Berufung in die Nachfolge Jesus Christi und den Dienst ihrer Mitmenschen treu, vermag sie einen weitreichenden Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

Die autorisierte deutsche Ausgabe kann hier herunter geladen werden: Manhattan_Declaration_German.pdf.

Gender Konfusion

Perry.jpgDanny Burk hat auf seinem Campus (Boyce College, U.S.A.) zwei interessante und aufschlussreiche Vorträge über die Gender-Diskussion gehalten.

Burk steigt mit der ›Erfolgsgeschichte‹ von Katy Perry, die zweimal hintereinander die MTV European Music Awards moderiert hat (2008 u. 2009), ein. Die US-amerikanische Sängerin und Songschreiberin ist die Tochter eines Pastorenehepaars. Sie hat sich bewusst von ihren christlichen Wurzeln gelöst und tritt inzwischen als Protagonistin der Gender-Ideologie innerhalb der Popkultur auf.

Anschließend stellt Burk die Ideologie des Gender Mainstream (mit Betonung der sexuellen Aspekte) sehr allgemeinverständlich vor und zeigt, wie stark sie bereits Werteeinstellungen in christlichen Kreisen prägt. Im zweiten Teil enwickelt er einige Leitgedanken für eine christliche Gegenkultur.

Hier die Mitschnitte der Vorlesung als mp3-Dateien:

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