Wissenschaft

Ist Theologie eine Wissenschaft?

Die Theologie hob seit dem 13. Jh. ihren Wissenschaftscharakter heraus, also seit der Zeit, in der die ersten Universitäten entstanden. In gewisser Weise genoss die Theologie innerhalb der Wissenschaft immer eine Sonderstellung, die sich allerdings im Verlauf der Geschichte umgekehrt hat. In der Scholastik und der frühen Neuzeit galt die Theologie als die führende und höchste Wissenschaft, als „Herrin“ und „Mutter“ aller anderen Wissenschaften, die ihrerseits zu „Mägden“ degradiert wurden. Das heißt: alle Künste und Wissenschaften mussten sich vor der Theologie (o. Kirche) rechtfertigen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Theologie dementsprechend geachtet. Mit der Aufklärung emanzipierten sich die anderen Wissenschaften jedoch von der Theologie und traten ihr gegenüber zunehmend selbstbewusst bis abfällig auf. Durchgesetzt hat sich ein Wissenschaftsverständnis, das ohne Gott auskommt. Da in den Wissenschaften so gearbeitet wird, als gäbe es keinen Gott, ist die „Hypothese Gott“ überflüssig geworden (Laplace).

Heute muss sich die Theologie gegenüber anderen Wissenschaften rechtfertigen. Wenn zum Beispiel die EKD die immerhin noch vom Staat finanzierten theologischen Fakultäten verteidigt, dann tut sie das, indem sie den Nutzen für die Gesellschaft herausstellt. Theologie als Wissenschaft korrigiere den ökonomischen Totalitarismus, leiste einen Beitrag zur Orientierungskraft von Religion und Weltanschauung, fördere die Toleranz; kurz: sie „ist für die Gesellschaft unentbehrlich“.

Das sehen ganz viele Leute anders. Sie stellen die Frage: Warum soll Theologie mehr sein als eine private Tröstung? Es gibt sehr unterschiedliche Strategien, um die bedrohte Wissenschaftlichkeit der Theologie zu rehabilitieren. Wir können uns nicht mit allen beschäftigen. Ich will nur versuchen, drei Strategien kurz zu skizzieren.

1  Der theonomistische Ansatz

Einmal gibt es Theologen oder Wissenschaftstheoretiker, die davon ausgehen, dass Gott die Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten überhaupt ist. Wissenschaft kann es nur geben, weil Gott existiert und seiner Schöpfung eine rationale Struktur gegeben hat. Die Strömung, die auf den Apologeten Cornelius Van Til (1895–1987) vom Theologischen Seminar Westminster (USA, Philadelphia) zurückgeht, tritt mit dieser Denkvoraussetzung an. Zu ihren Vertretern gehören John Frame, Greg Bahnsen oder auch Vern Poythress. Poythress, der vor der Theologie Mathematik studiert und inzwischen sogar eine Logik verfasst hat, packt diesen Ansatz in den ersten Satz seiner Wissenschaftstheorie: „Alle Wissenschaftler, einschließlich der Agnostiker und Atheisten, glauben an Gott. Sie müssen das tun, um überhaupt ihre Arbeit tun zu können.“

John Frame hat ein Grundlagenwerk zur Erkenntnistheorie geschrieben, welches genau von dieser Denkvoraussetzung ausgeht. Er versucht in seinem Buch The Doctrine of the Knowledge of God eine christliche Erkenntnistheorie zu entwickeln, die sich einerseits durch ihren Bezug zu Heiligen Schrift auszeichnet und andererseits den nachmodernen Perspektivialismus würdigt (ja sogar biblisch begründet). Frame entwickelt ein durch und durch positives Verhältnis zur Wissenschaft, betrachtet ihre Disziplinen aber im Blick auf die Theologie eher als Hilfswissenschaften.

Er schreibt:

„Hier will ich allgemein zeigen, dass jede Wissenschaft so wie Linguistik, Logik und Geschichte uns dabei helfen kann, die Schrift zu interpretieren und anzuwenden. Es stimmt, dass viele Wissenschaften, vielleicht alle, heute von ungläubigen Denkvoraussetzungen dominiert werden und wir einen großen Aufwand betreiben müssen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber wenn wir unzweideutig auf dem biblischen Fundament arbeiten, können wir viel von der Wissenschaft lernen.“

Frame entwickelt im Folgenden einige Prinzipien zum Verhältnis von Theologie und Wissenschaft, die zeigen, dass er durchaus den Wissenschaften eigene Kompetenz zugesteht, aber alles in allem die Wissenschaften aus der Sicht der Schrift beleuchtet und beurteilt werden müssen. Er geht dabei davon aus, dass die Schrift sich bewährt, dass also das, was sie zu den Dingen sagt, die die Wissenschaft betreffen, autoritatives Wort Gottes ist.

Der theonomistische Ansatz zeichnet sich durch seinen Bibelbezug aus und hilft durchaus einem Christen beim Durchdenken seines Glaubens und auch dabei, den Glauben zur Welt der Wissenschaft in einen Bezug zu setzen. Seine Stärke liegt aber mehr in der Binnenkraft als in der Außenwirkung. Selten gelingt der Dialog mit den Wissenschaften, die unter den Bedingungen heutiger Wissenschaftstheorie arbeiten.

2 Der kritische Ansatz

Der kritische Ansatz zeigt dort, wo die Schwächen des theonomistischen Ansatzes liegen, seine Stärken. Theologen, die sich einem kritischen Ansatz verpflichtet fühlen, wollen die Theologie den aggressiven kritischen Rückfragen aus dem Raum der Wissenschaftstheorie bewusst aussetzen und Theologie unter den Bedingungen jeweils akzeptierter Wissenschaft treiben. Sie suchen also gezielt den Dialog mit der Wissenschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass der christliche Glaube wirklichkeitsbezogen ist und sich auch vor dem Forum radikaler Anfragen bewähren kann.

Erkennbar sind die Ansätze dadurch, dass sie Theologie gegenüber einer jeweils prominenten Wissenschaftssicht verteidigen und daher die argumentativen Strukturen dieser „Paradigmen“ übernehmen.

Ein herausragendes Beispiel ist sicher Wolfhart Pannenberg (1928–2014), der das Problem erkannt hat und von der Theologie erwartet, dass sie sich so bewähren muss, wie andere Wissenschaften, „wenn auch zur theoretischen ‚Verifikation‘ der christlichen Lehre ihre affektive und praktische Bewährung hinzutreten muß“.

Ein anderer Theoretiker, der diese Herausforderung anzunehmen versucht, ist Richard Swinburne (geb. 1934), der von der analytischen Philosophie herkommend zeigt, dass der christliche Glaube plausibel ist. Swinburne nimmt die probabilistische Argumentation auf. Es ist wahrscheinlicher, dass es Gott gibt, als das es ihn nicht gibt. Er sagt über sein Buch zur Existenz Gottes:

„Die Schlußfolgerung dieses Buches ist, daß die Existenz, die Ordnung und die Feinabstimmung der Welt; die Existenz von bewußten Menschen in der Welt mit Möglichkeiten, sich selbst, einander und die Welt zu formen; eine Reihe historischer Indizien von Wundern im Zusammenhang mit menschlichen Nöten und Gebeten, besonders im Zusammenhang mit der Gründung des Christentums, weiter gestützt durch Erfahrungen seiner Gegenwart von Millionen von Menschen; daß all dies es erheblich wahrscheinlicher macht, daß es einen Gott gibt, als daß es keinen gibt.“

Im evangelikalen Raum hat sich in Deutschland vor allem Heinzpeter Hempelmann angestrengt, den Wirklichkeitsbezug des christlichen Glaubens hervorzuheben und zu zeigen, dass er sich nicht gegenüber Kritik immunisieren darf. Hempelmann setzt sich besonders mit den Vorwürfen des Kritischen Rationalismus auseinander, der insbesondere in der Person von Hans Albert dem Christentum unterstellt, es entziehe sich der kritischen Prüfung und die ganze Theologie sei damit unwissenschaftlich. Er kommt am Schluss seiner beachtlichen Dissertation zu dem Ergebnis:

„Der christliche Glaube lebt unter dem permanenten Gebot, sich einem offenen Dialog der Falsifizierbarkeit zu stellen. Nur so erreicht und demonstriert er seinen Wirklichkeitsbezug; nur so gewinnt er in der Bewährung die Glaubwürdigkeit, an der ihm im Interesse der von ihm vertretenen Botschaft doch sehr gelegen ein muß.“

Von katholischer Seite hat Helmut Peukert in der Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie (Jürgen Habermas) einen wissenschaftstheoretischen Ansatz, vorgelegt, der noch heute, vielleicht auch mangels Alternativen, große Wertschätzung genießt. Für Peukert ist Theologie „eine Theorie kommunikativen Handelns und der in diesem Handeln erschlossenen Wirklichkeit“.

Die Stärke des kritischen Ansatzes liegt in seiner Dialogfähigkeit. Theologie setzt sich der radikalen Kritik mit offenem Visier aus. Die Schwäche ist, dass durch die „Anpassungsleistungen“ meist Überzeugungen fallengelassen werden, die im Rahmen des Dialogparadigmas nicht „überlebensfähig“ sind. Sehr schön ist das beispielsweise bei Rudolf Bultmann zu sehen, der sich den Herausforderungen der Moderne mit bewundernswerter Konsequenz stellt, letztlich aber Glaubensinhalte geopfert hat, ohne die biblischer Glaube nicht auskommt (z. B. Auferstehung).

3 Der dialektische Ansatz

Einen vollkommen anderen Weg hat die sogenannte dialektische oder neo-orthodoxe Theologie um Karl Barth (1886–1968) eingeschlagen. Für Barth ist es eine Form des Götzendienstes, wenn Theologie sich einem heidnischen allgemeinen Wissenschaftsbegriff beugt. Wissenschaft muss für Barth zwar im Sinne der Sachgemäßheit wissenschaftlich sein. Gegenstand der Theologie ist aber Gott in seiner Offenbarung, also das Wort Gottes. Sachgemäßheit von Theologie entscheidet sich deshalb an der Frage, ob sie dem Wort Gottes entspricht oder nicht.

Barth warnt die Theologen davor, sich dem Druck wissenschaftlicher Forderungen zu stellen. Theologie muss sich nicht vor den heidnischen Künsten bewähren, sondern vor Gott. Es gibt – hier wird die Prägung durch Sören Kierkegaard erkennbar – keinen Übergang vom Wissen zum Glauben. Barth: „Direkt übernommen haben Philosophie, Geschichtswissenschaft, Psychologie usw. … faktisch noch nie etwas anderem als der Vermehrung der Selbstentfremdung der Kirche, der Entartung und Verwüstung ihrer Rede von Gott gedient.“

Das heißt für die Theologie:

„Keinesfalls folgt aus der Tatsache, daß sie als solche gilt und auch wohl zu gelten beansprucht, die Verpflichtung, sich mit Rücksicht auf das, was sonst ‚Wissenschaft‘ heißt, in ihrer eigenen Aufgabe stören und beeinträchtigen zu lassen. Der Ausrichtung auf diese ihre eigene Aufgabe hat sie vielmehr schlechterdings jede Rücksicht auf das, was sonst ‚Wissenschaft‘ heißt, unterzuordnen und nötigenfalls zu opfern. Die Existenz der anderen Wissenschaften, die höchst achtunggebietende Treue, mit der wenigstens manche von ihnen ihren Axiomen und Methoden nachgehen, kann und muß sie daran erinnern, daß auch sie ihrer eigenen Aufgabe ordentlich, d. h. mit entsprechender Treue nachgehen soll. Sie kann sich aber nicht von jenen darüber belehren lassen, was das in ihrem Fall konkret zu bedeuten hat. Sie hat methodisch nichts bei ihnen zu lernen. Sie hat sich nicht vor ihnen zu rechtfertigen, vor allem nicht dadurch, daß sie sich den Anforderungen eines zufällig oder nicht zufällig allgemein gültigen Wissenschaftsbegriffs unterzieht.“

Die Stärke dieses Ansatzes liegt sicher darin, dass Theologie ihren Gottesbezug wichtiger nimmt als alles andere. Theologie richtet sich nach ihrem Gegenstand, also an Gott und seiner Offenbarung, aus.

Aber es gibt eine entscheidende Schwäche. Nichts, was in der Welt passiert, kann den Glauben gefährden. Glaube hat sich gegenüber der Kritik immunisiert und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, damit unwissenschaftlich zu sein.

Von allen drei Ansätzen oder Strategien können wir lernen. Denn ich glaube, (a) dass jeder Mensch um Gott weiß, dieses Wissen aber unterdrückt (theonomistischer Ansatz); dass (b) der Gottesglaube sich in der Wirklichkeit bewähren und deshalb auch gegenüber den Wissenschaften sprach- und argumentationsfähig sein muss (kritischer Ansatz); und schließlich (c) Theologie zuallererst von der Bezogenheit auf Gott und dem Gehorsam gegenüber Gottes Offenbarung bestimmt sein soll (offenbarungstheologischer Ansatz).

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Die weiche Wissenschaft

In der Zeitschrift SCIENCE ist eine Untersuchung veröffentlicht worden, deren Ergebnis die Fachwelt schockieren dürfte. Nachgewiesen wird dort nämlich durch Stichproben, dass von 100 psychologischen Studien 61 nicht reproduzierbar sind. Die Psychologie ist eine weiche Wissenschaft, die sich hervorragend dafür eignet, zu finden, was man finden will.

Science veröffentlichte Untersuchung eines 269-köpfigen Teams um den amerikanischen Sozialpsychologen Brian Nosek. Das Resultat schockiert eine Disziplin, deren Ansehen nach diversen Betrugsfällen ohnehin nicht das beste ist. Dieser Hinweis durfte in keinem Bericht über die Arbeit des Nosek-Teams fehlen, genauso wenig wie die Forderung, es müsse sich dringend etwas ändern in der experimentellen Psychologie, auf dass mehr Geld, Reputation und Mühe in die wiederholende Überprüfung ihrer Studien gesteckt werde.

Mehr: www.faz.net.

Zum Vorfall: Nobelpreisträger Sir Tim Hunt

Harald Martenstein hat „den Vorfall“ Tim Hunt mahnend und ein wenig selbstkritisch angesprochen:

In England und den USA gibt es die schöne Tradition, Reden mit Scherzen zu würzen. Die Scherze dürfen ruhig frech und ein wenig anzüglich sein. Als der Nobelpreisträger Sir Tim Hunt in Südkorea vor jungen Wissenschaftlerinnen gesprochen hat, begann er so: „Es ist seltsam, dass ein chauvinistisches Monster wie ich gefragt wurde, vor Wissenschaftlerinnen zu sprechen. Lassen Sie mich von meinen Problemen mit Frauen erzählen. Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Männer und Frauen einrichten? Spaß beiseite, ich bin beeindruckt von der wirtschaftlichen Entwicklung Koreas. Und Wissenschaftlerinnen spielten dabei zweifellos eine wichtige Rolle. Wissenschaft braucht Frauen, und Sie sollten Wissenschaft betreiben trotz all der Hindernisse und trotz solcher Monster wie mir.“

Daraufhin brach ein Shitstorm los, wegen Sexismus. Hunt wurde gezwungen, als Professor zurückzutreten, auch aus der Royal Society wurde er ausgestoßen. Es hat ihm nichts genützt, dass er sich entschuldigt hat.

Und:

Wir verteidigen unsere Werte nicht, wir haben die Hosen voll, aber ich vermute, dass die meisten unserer Leserinnen und Leser etwas mehr Mut von uns erwarten. Der Forscher Hunt, dem die Menschheit manches verdankt, ist erledigt. Wer ist der oder die Nächste?

Hier: www.zeit.de.

VD: LG

Warum passen Christen sich dem Weltdenken an?

Francis Schaeffer schreibt in Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1971, S. 14):

Viele von uns werden jedoch von Voraussetzungen [Anm.: gemeint sie nichtchristliche Denkvoraussetzungen, wie z.B.: „es gibt keinen Gott“ oder „ethische Werte sind fließend“) wie von den Masern »angesteckt«. Warum passen sich die Menschen denn der nachchristlichen Welt an? Meiner Überzeugung nach nicht aufgrund von Tatsachen, sondern weil uns unsere fast monolithische Kultur die andere Antwort aufgezwungen hat — nämlich die Naturkausalität, nicht in einem offenen System; an dessen Anfang ein persönlicher Gott steht, wie die frühen modernen Wissenschaftler glaubten, sondern in einem geschlossenen System. Nicht die Tatsachen widersprechen den christlichen Denkvoraussetzungen, sondern die christliche Perspektive wird einfach als undenkbar hingestellt. Je besser die Universität, desto besser die Gehirnwäsche.

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Enzyklika „Laudato si“

Die Umweltenzyklika von Franziskus polarisiert. Es gibt vie Lob für den „grünen Papst“, aber auch viel Kritik. Von Wirtschaft hat er keine Ahnung, meint der Volkswirt, Publizist und Katholik Michael Rutz.

Hier die gute Analyse:

Der Papst verfolgt hier ein Gesellschaftsmodell, das mit dem der westlichen Demokratien wenig gemein hat. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich nicht um dem Papst der größten Kirche der Welt handelte, die sich in langen Kämpfen der Kirchengeschichte zu einem freiheitlichen Menschen- und Gesellschaftsbild durchgerungen hat und es mit freiheitlichen und demokratischen Macht­systemen zu vereinigen wusste.

In diesem päpstlichen Sendschreiben ist davon nicht viel übrig. Niemand wird dem Papst die ernsthafte Sorge um das ökologische System des Erdballs absprechen können, dafür hat es tatsächlich an zu vielen Stellen Schaden genommen. Aber wie kommt er darauf, dafür das marktwirtschaftliche System haftbar zu machen? Wer hat ihn da beraten? Wer hat ihm die Theorie und Praxis der knappheitsanzeigenden und ressourcenschonenden Preisbildung vorenthalten?

Warum hat man ihm die katastrophalen Misserfolge jeder Planwirtschaft nicht ausreichend dokumentiert? Und weitere Fragen: Wieso hat er sich in dieser Enzyklika nicht mit den Vorzügen der sozialen Marktwirtschaft auseinandergesetzt und ihren verteilungspolitischen Maßgaben? Warum hat er vielleicht das »Kapital« von Karl Marx, aber nicht das von Reinhard Marx gelesen, in dem Wirtschaft und Gesellschaft daran gemessen werden, »ob sie der Personenwürde und Freiheit des Menschen dienen oder sie beeinträchtigen«, weshalb »der sozialistische Kollektivismus für die Kirche nie eine bedenkenswerte Alternative« sein könne?

Vor allem aber: Wie kommt er darauf, dass eine nachhaltige Umweltpolitik und marktwirtschaftliche Mechanismen im Gegensatz zueinander stünden?

Mehr: www.christundwelt.de.

Verletzten Wunder die Naturgesetze?

Verletzen Wunder die Naturgesetze? Daniel von Wachter meint: Nein! In seinem Vortrag:

  • „Miracles are not violations of the laws of nature because the laws do not entail regularities“

plädiert er für eine neue Sichtweise der Naturgesetze:

Some have tried to make miracles compatible with the laws of nature by re-defining them as something other than interventions. By contrast, this article argues that although miracles are divine interventions, they are not violations of the laws of nature. Miracles are also not exceptions to the laws, nor do the laws not apply to them. The laws never have exceptions, they never are violated or suspended. They probably are necessary and unchangeable. They apply to divine interventions too. We need to reconsider not miracles but laws. The main claim of this article is that laws of nature do not entail regularities, and that therefore miracles do not violate the laws. We need a new theory of the laws of nature, the tendency theory.

Hier der Aufsatz als PDF-Dokument: Wachter-2015-regularities-2015-05-21.pdf.

Professor Wachter hat zu diesem Thema kürzlich auch einen Vortrag an der ETH Zürich gehalten. Hier ein Mitschnitt:

Charakterbildung bei Comenius

Jan Hábl schreibt über die Didaktik von Johann Amos Comenius (Thomas Schirrmacher und Ron Kubsch (Hg.), Vergangenheit als Lernfeld, Bonn: VKW, 2015, S. 116-118):

Die angemessenen Ziele moralischer Bildung in Comenius’ Didaktiken sind die so genannten „Schlüsseloder Kardinaltugenden“ der „Weisheit, Mäßigung, Stärke und Gerechtigkeit“ (prudentia, temperantia, fortitudo, iustitia), ohne welche der Aufbau der Pädagogik gänzlich ohne „Fundament“ bliebe. Comenius geht zu Beginn kurz auf die einzelnen Tugenden ein und postuliert dann die Methoden zu ihrer Aneignung; zusammen bilden sie den Kernpunkt seiner Methodologie der Charakterformung. In seiner Tschechischen Didaktik formuliert er sechs Grundsätze; in der Großen Didaktik ergänzt und erweitert er sie auf zehn.8 Um der Klarheit willen möchte ich sie im folgenden kurz zusammenfassen:

1) Die Tugend wird nicht durch Reden, sondern durch Handeln kultiviert. Denn der Mensch erhält sein Leben, um es „im Gespräch und Handeln mit seinen Mitmenschen zu leben“. Ohne tugendhafte Handlungen ist der Mensch für die Erde nicht mehr als eine sinnlose Last.

2) Die Tugend kann zum Teil im Umgang mit tugendhaften Menschen erlangt werden. Als Beispiel sei die Bildung Alexanders des Großen angeführt, die dieser von Aristoteles erhielt.

3) Rechtschaffenes Verhalten verdankt sich aktivem Durchhaltevermögen. Die angemessen behutsame und beständige Beschäftigung des Geistes und Körpers führt zum Fleiß; für einen Menschen, der sich dieser Dinge befleißigt, ist der Müßiggang untragbar.

4) Im Herzen jeder Tugend liegt der Dienst am anderen. Dem gefallenen Wesen des Menschen wohnt immense Eigenliebe ein, die dazu führt, dass „jeder am liebsten im Mittelpunkt steht.“ Es ist daher notwendig, dem Menschen das Verständnis zu vermitteln, dass „wir nicht nur für uns selbst geboren werden, sondern für Gott und unsere Mitmenschen.“

5) Die Pflege der Tugenden muss schon in frühestem Alter einsetzen, denn „schlechtes Benehmen und Laster nisten sich alsbald ein“. Wie Wachs und Gips in weichem Zustand leicht geformt, in erstarrtem Zustand dagegen unmöglich umzugestalten sind, so auch der Mensch: Der Großteil des Charakters gründet sich auf die ersten „Fertigkeiten“, die ihm in seiner frühen Kindheit vermittelt werden.

6) Die Anerkennung ersteht aus tugendhaftem Handeln. Wie der Mensch das „Gehen durch gehen, das Sprechen durch sprechen, das Lesen durch lesen“ lernt, so lernt er „Gehorsam durch Gehorsam, Nachsicht durch Verzögerungen, Aufrichtigkeit durch das Sprechen der Wahrheit“ usw.

7) Die Tugend wird an Beispielen erlernt. „Denn Kinder sind Affen nicht unähnlich: Alles, was sie sehen, sei es gut oder schlecht, möchten sie alsbald nachahmen, selbst wenn sie angehalten werden, es zu unterlassen, und noch bevor sie lernen, wie man lernt, lernen sie, nachzuahmen.“ Sie bedürfen daher als Lehrer „lebendiger Beispiele“.

8) Die Tugend wird auch durch Anleitung gelernt, der das Beispiel zur Seite geht. Anleitung bedeutet, die Bedeutung einer gegebenen Regel sittlichen Verhaltens zu erläutern und anzugeben, weshalb man danach handeln sollte, was man tun sollte und warum man es auf diese Weise tun sollte. Wie „ein Tier durch einen Dorn gedrängt wird, sich zu bewegen oder zu laufen, so wird auch ein erfolgreicher Verstand nicht nur informiert, sondern auch durch freundli che Worte gedrängt, sich der Tugend zu befleißigen.“

9) Es ist vonnöten, Kinder vor schlechten Leuten und schlechtem Einfluss zu schützen. Weil der Geist eines Kindes so leicht angesteckt wird, ist es einerseits nötig, sich von „schlechter Gesellschaft“ fernzuhalten und andererseits faule Menschen zu meiden. Denn der faule Mensch „lernt, Böses zu tun, da der Geist nie untätig sein kann, und wenn er sich nicht mit Nützlichem befasst, wird er von leeren, sinnund wertlosen Dingen erfüllt.“

10) Die Tugend erfordert Disziplin. Wie das gefallene Wesen des Menschen stets „bald diesem, bald jenem zuneigt“, ist es nötig, es systematisch zu disziplinieren.9 Es ist der Erwähnung wert, dass sich Comenius des Prinzips gewahr ist: Egal, um welche Art der Bildung oder Formung es sich handeln mag – das beste Alter dafür ist die Kindheit und Jugend.

In Kap. 7, Abschn. 4 spricht er beinahe wie ein Entwicklungspsychologe: „Es liegt in der Natur jegliches Entstehenden, dass es in weichem Zustand leicht gebogen und geformt werden kann (meine Hervorhebung). … Es ist klar, dass dies auch für den Menschen selbst gilt“, fährt Comenius im nachfolgenden Abschnitt fort und folgert: „Soll die Tugend im Herzen des Menschen Wurzeln schlagen, so muss sie darin verankert werden, solange er noch jung ist; wollen wir tugendhafte Menschen, so müssen wir sie von früher Jugend auf darin erziehen (in der Tschechischen Didaktik „otestat“, „meißeln“); wollen wir, dass der Mensch große Fortschritte in der Weisheit erzielt, so müssen wir seine Fähigkeiten schon in der Kindheit darauf ausrichten …“.

Das Wechselverhältnis von Moral und Gottesfurcht ist kaum zu übersehen. Überall im Buch ist es erkennbar, doch in Kap. 23 und 24 kommt Comenius direkt darauf zu sprechen. Um diesen Punkt besonders hervorzuheben, fügt er dem Kapitel über die moralische Erziehung ein kurzes Kapitel mit dem Titel Methodus pietatis hinzu, das sich mit der Vermittlung der Frömmigkeit beschäftigt (Kap. 24). Er ist sich bewusst, dass es sich hierbei um eine besondere „Gabe Gottes“ handelt, fügt aber hinzu, dass Gott auch die „natürlichen Vermittlungen“ seiner Gnade gebraucht und daher Eltern, Lehrer und Diener im geistlichen Bereich als seine „Gehilfen“ haben will, was etwas über sein Verständnis der Lehre von der „Allgemeinen Gnade“ verrät. Dies führt zum Schluss, dass die Frömmigkeit nicht nur integraler Bestandteil der familiären Erziehung, sondern auch der schulischen Bildung sein sollte. Unter „Frömmigkeit“ versteht Comenius die Fähigkeit, „überall Gott zu suchen, … ihm überall nachzufolgen … und sich seiner stets zu erfreuen“10 und erklärt: Das erste geschieht durch die Vernunft, das zweite durch den Willen und das dritte durch die Freude, ihn zu kennen. Drei Quellen zur Frömmigkeit sind dem Menschen gegeben: Gottes Wort, die Welt und die Menschen (Scriptura, natura, providentia particularis); wir sollen lesen, beobachten und sorgfältig nachdenken, um davon zu zehren (Große Didaktik. 24. S. 3–5).

Reizsüchtige Gesellschaft

Der Freiburger Mediziner und Psychiater Joachim Bauer spricht in der WELT über die Reizüberflutung und die Versuchung, allerlei Reizen möglichst schnell nachzugeben. Es klingt drollig, wenn er davon spricht, dass wir dem „Reptiliengehirn“, das auf die sofortige Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet ist, zu oft nachgeben.

Die Bedeutung dieses Wandels ist immens. Den größten direkten Einfluss auf unseren persönlichen Lebensstil haben die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, also die vielen Angebote des Internets, die sozialen Netzwerke, die Möglichkeit zum vernetzten Spielen, die Kommunikation per E-Mail und die Smartphones mit ihren unzähligen Apps. Viele dieser elektronischen Angebote haben Suchtpotenziale, sie sprechen im Hirn die gleichen Zentren an wie Kokain. Die entscheidende Frage ist: Wer hat die Macht über wen? Haben diese Geräte die Macht über mich, oder habe ich die Kontrolle? Steuere ich mein Verhalten oder werde ich gesteuert, lebe ich oder werde ich gelebt? Wer auf jedes Pling, das aus einem der Geräte – heute bezeichnet man sie ja gerne als „Gadgets“ – kommt, sofort reagieren muss, wird zu einer Reiz-Reaktions-Maschine und hat aufgehört, seinen Rhythmus selbst zu bestimmen. Inwieweit wollen wir es diesen Geräten also erlauben, uns vor sich herzutreiben, unseren Takt zu bestimmen und uns zu versklaven?

Hier das Interview: www.welt.de.

Heldenhafte Spermien und wachgeküsste Eizellen

Die „Gender Studies“ haben Fachbereiche und Schulfächer fest im Griff. Kritik ist unerwünscht. Wer aufbegehrt, wird – mindestens – als „reaktionär“ bezeichnet. Die genderorientierten Curricula halten aber wissenschaftlichen Ansprüchen keineswegs stand.

Dass ich einmal einen Artikel empfehle, der sich schützend vor den Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera stellt, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist es so weit.

Hans Peter Klein schreibt für die FAZ:

Im Zuge der Genderisierung der Universitäten mit mittlerweile fast zweihundert speziell dafür eingerichteten Professuren hat sich das grundlegend geändert. Denn diejenigen, die in dieser Geschlechterforschung ihre Mission sehen, wurden durch öffentliche Proteste nicht von ihrem Weg abgebracht. Sie wollen, dass alle Menschen so denken wie sie, weil sie sich im Besitze einer Wahrheit wähnen, die alle anderen missachten oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dahinter steckt ein Erziehungsprogramm, für das die Vertreter dieser Position keine demokratische Legitimation besitzen.

Es ist erstaunlich, wie Minoritäten, offenbar mit politischer Unterstützung, der Mehrheit ihre Vorstellungen mit fast religiösem Eifer diktieren können. Um ihre Überzeugungen durchsetzen zu können, schaffen sie ein Klima, in dem nicht mehr der Diskurs gedeiht, sondern Andersdenkende durch Verdächtigungen und Anschuldigungen eingeschüchtert und verängstigt werden. Wer dagegen aufbegehrt, muss mit der Diffamierung und Diskreditierung der eigenen Person oder der Zensur kritischer Beiträge rechnen.

Hier mehr: www.faz.net.

VD: EP

80 Prozent der biomedizinischen Forschung sind „Müll“

Die Wissenschaft lebt von ihrer Glaubwürdigkeit. Doch Betrug ist auch in deutschen Forschungsstätten keine Seltenheit – gerade in den Disziplinen, auf denen die Hoffnungen der Menschen ruhen.  Thomas Sebastian Vitzthum schreibt für DIE WELT:

Fehlverhalten, Manipulation, ja Betrug in der Wissenschaft werden zum Problem. Sonst hätte nicht der Wissenschaftsrat, das höchste deutsche Beratergremium auf diesem Gebiet, gerade ein langes Memorandum dazu veröffentlicht. Es ist ein Appell, dass sich dringend etwas ändern muss. Schon die Grundlagen des korrekten Arbeitens würden nur in der Hälfte aller Studiengänge gelehrt. Viele Experimente ließen sich nicht nachvollziehen, weil „weniger als die Hälfte der antwortenden Universitäten die Empfehlungen zur langjährigen Datenaufbewahrung bislang umgesetzt hat“. Eigentlich sollen Daten zehn Jahre gespeichert werden.

In einer Artikelserie des Fachmagazins „Lancet“ stellten die Autoren im vergangenen Jahr fest, dass 80 Prozent der biomedizinischen Forschung „Müll“ seien. „Müll“ ist dabei auch ein Ergebnis, das sich nicht wiederholen lässt, selbst wenn die Bedingungen des ursprünglichen Versuchs genau kopiert werden. „Wahr ist nur, was nachgekocht werden kann“, bringt es Löwer auf den Punkt. Dies ist das Kernprinzip von Wissenschaft und Fortschritt. Doch es wird massenhaft missachtet. Rund 70 Prozent aller Studien in den Biowissenschaften sollen nicht reproduzierbar sein. Für die Neurowissenschaften kursieren Werte von bis zu 90 Prozent. Es sind Schätzungen, denn wenig wird tatsächlich „nachgekocht“.

So sind Eklats selten. Das „Journal of Vibration and Control“ hat im Juli 2014 auf einmal 60 Studien widerrufen, die sich als fehlerhaft herausgestellt haben. Gerade hat der Fachverlag BioMed Central 43 Aufsätze zurückgezogen. Bei der Begutachtung soll es zu Manipulationen gekommen sein. Gutachter können natürlich Fehler übersehen. Dass sie dies aber mit Absicht tun, ist eine neue Qualität. Im Internet bleiben solche Artikel trotz des Widerrufs oft abrufbar. Hier Transparenz zu schaffen versucht das Blog „Retraction Watch“ zweier Journalisten.

Darin werden die Gründe für einen Widerruf mitsamt der Studie aufgeführt. Jeden Tag kommen mehrere Einträge dazu. Rund 60 Prozent aller Widerrufe gehen auf Fehlverhalten und nicht auf unabsichtliche Fehler zurück.

Mehr: www.welt.de.

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