Der Aufstieg und Triumph des modernen Selbst

Trueman The Rise and Triumpf of the Modern SelfDaniel Vullriede hat das Buch The Rise and Triumph of the Modern Self (dt. Der Aufstieg und Triumph des modernen Selbst) von Carl Trueman gelesen und rezensiert.

Daniel schreibt:

Deutlich wird hier: Wenn man die politische Unterdrückung als Hauptproblem der Gesellschaft ansieht und sie v.a. psychologisch definiert, dann wird das subjektive Gefühl schnell zum Maßstab von Recht und Unrecht. Folglich konnte Marcuse die Einschränkung der liberalen Redefreiheit fordern (!), weil bereits Worte unterdrücken können. Parallel dazu bestimmte die existenzialistische Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir die Frage nach der Wahrheit v.a. von der Empirik her, und unterschied zwischen einem biologischen und psychologischen Geschlecht.

Gerade dieser dritte Teil des Buches hat es in sich. Anstatt sich in konstruierten Verbindungen und Argumenten aus zweiter Hand zu verlieren, arbeitet Trueman eng an den Primärquellen. Sich auf die unterschiedlichen Weltbilder, Denkvoraussetzungen und Argumente einzulassen, erfordert einiges an Konzentration und Wendigkeit. Dennoch kommt Trueman seinen Lesern stets entgegen – er wiederholt regelmäßig zentrale Gedanken, unterstreicht die logischen oder historischen Verbindungen und erläutert die praktischen Konsequenzen der jeweiligen Theorie.

Im vierten Teil von The Rise and Triumph of the Modern Self erläutert Trueman, wie die bisher besprochenen Denkrichtungen, Theorien und Umwertungen schließlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Besonders in der Bewegung des Surrealismus ging es darum, dem Irrationalen und Unbewussten künstlerisch Ausdruck zu verleihen, auch auf subversive und erotisierende Weise die traditionellen Normen in der Gesellschaft zu überwinden.

In gewisser Hinsicht leistete der Surrealismus direkte Vorarbeit für die kulturelle Entschärfung der Pornographie. Während eine frühere Generation von Feministinnen darin noch eine klare Unterdrückung von Frauen erkannte, hinterfragt heute fast niemand mehr die moralische Brisanz dahinter. Vom Playboy-Magazin über Fernsehserien wie Game of Thrones bis hin zu Liedern von Ariana Grande – pornographische Anspielungen und Inhalte, Praktiken und Produkte sind längst im kulturellen Mainstream angekommen. Sie ‚helfen‘ den Menschen dabei, ihre Individualität auszudrücken und sich im Hier und Jetzt gut zu fühlen – allerdings ohne die tieferen sozialen, existenziellen und ethischen Folgen und Problematiken bedenken zu müssen.

Bis zu diesem Punkt hat Trueman aufgezeigt, wie das Menschsein seit der Aufklärungsepoche einseitig psychologisch umgedeutet wurde, wie schließlich die Psychologie sexualisiert wurde, und wie die individuelle Sexualität sich immer weiter zu einem politischen Thema entwickelte.

Aber ist Sexualität nicht vielmehr etwas Persönliches und Privates? Ist das ganze Thema nicht vielleicht etwas dramatisiert dargestellt? Dass dies nicht der Fall ist, weist der Autor nach, indem er die Argumentationslinien verschiedener Beschlüsse des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten seit 1992 untersucht, die 2015 zur landesweiten Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA geführt haben. Der Wortlaut der offiziellen Beschlüsse überrascht tatsächlich und passt zu Truemans ideengeschichtlicher Kulturanalyse.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

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3 Kommentare
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Clemens Altenberg

„Parallel dazu bestimmte die existenzialistische Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir die Frage nach der Wahrheit v.a. von der Empirik her“

???

Wer ein bisschen Ahnung von der Geistesgeschichte hat weiß, dass dieses Wahrheitskonzept nicht auf Beauvoir, Existenzialismus oder Feminismus zurückgeht sondern auf Auguste Comte (Positivismus gibt´s seit dem 19. Jh.).

DanielV

So eine Rezension ist ja arg begrenzt – da lohnt sich tatsächlich immer eine Präzisierung.

Sie haben absolut Recht, Herr Altenberg:
Selbstverständlich hat de Beauvoir dieses Wahrheitskonzept nicht erfunden. Vielmehr baut sie da an unterschiedlichen Punkten auf Kernideen von Auguste Comte auf.
Bei dem Satz, den Sie zitieren, ging es in diesem Zusammenhang vielmehr um die Methode, mit der de Beauvoir die Frage der Geschlechteridentität deuten und definieren wollte.

Trueman bezieht sich da konkret auf ihr zweibändiges Werk Das andere Geschlecht. Methodisch sollte das eine sozialwissenschaftliche Untersuchung sein, die die ‚alten Metanarrative‘ dekonstruiert. In Truemans Buch sind das konkret die Seiten 254-263, falls Sie das unter die Lupe nehmen möchten.
Danke für Ihren Hinweis. Ich hoffe, das hat einige potenzielle Missverständnisse ausgeräumt.
Ihnen ein gutes Wochenende!

Clemens Altenberg

@ DanielV

Danke für die Erklärung, jetzt verstehe ich wie es gemeint war! Ebenfalls ein schönes Wochenende!