Michael Beintker: Krisis und Gnade

Beintker GnadeHier ein Auszug aus einer Buchbesprechung, die vollständig in der nächsten Ausgabe von Glaube und Denken heute erscheinen wird.

Der Schweizer Theologe Karl Barth (1886–1968) hat wie kein anderer die Theologie des 20. Jahrhunderts geprägt. Das Potential seines voluminösen Werkes ist noch nicht ausgeschöpft.* Nach Einschätzung von Michael Beintker liegt die eigentliche Wirkungsgeschichte seiner Theologie noch vor uns. Beintker muss es wissen. Er zählt zu den ausgewiesenen Experten der neueren Barthforschung. 1982 wurde er von der Universität in Halle an der Saale mit der „soliden Arbeit“ (so Eberhard Busch) „Die Dialektik in der ‚dialektischen Theologie‘ Karl Barths“ habilitiert. Heute ist der systematische Theologe Direktor des Seminars für Reformierte Theologie an der Universität Münster und Mitglied im Stiftungsrat der Karl Barth-Stiftung Basel.

Der Sammelband Krisis und Gnade vereint Studien, die in den Jahren von 1986 bis 2010 entstanden sind. Untersucht werden Themen wie Barths Abschied von der Zeitschrift Zwischen den Zeiten, Barths Kant-Deutung, die Sündenlehre oder die politische Ethik. Ergänzt werden die Aufsätze durch eine Einleitung der Herausgeber sowie eine Einführung zu Karl Barth durch den Autor. Bibelstellen-, Personen- und Sachregister sind ebenfalls enthalten. Hin und wieder stößt der Leser im Text auf Wiederholungen (vgl. z. B. S. 180–181 u. S. 225–226). Das lässt sich bei Sammlungen von bereits publizierten Texten nicht immer vermeiden.

Da ich im Rahmen dieser Buchbesprechung nicht auf alle Beiträge des Bandes eingehen kann, konzentriere ich mich auf diejenigen, die meine besondere Aufmerksamkeit geweckt haben.

Der Beitrag „Krisis und Gnade“ deutet die Dialektik beim frühen Barth anhand seines Verhältnisses von Gesetz und Evangelium (S. 22–39). Phänomenologisch stehen wir Menschen in dieser Welt „tiefer im Nein als im Ja“. Dennoch verzichtet Barth darauf, den Sündern mit einem von der Gnade abgeschnittenen Nein zu konfrontieren. Das Nein, die Negation also, wurzelt in einem zuvor gesetzten Ja Gottes zur Welt. Schon in der zweiten Auflage des Römerbriefkommentars ist implizit der Vorrang der Gnade Gottes unüberhörbar. Literarisch manifestiert er sich spätestens 1923 durch die Formel „Evangelium und Gesetz“ (vgl. S. 33). „Verwerfung gibt es“ – so Barth – „nur als Schatten des Lichtes der Erwählung. Gottes Nein ist nur die diesem Menschen in dieser Welt unvermeidlich zugekehrte Kehrseite von Gottes Ja“ (S. 35). Gelegentlich treibt Barth diese Dialektik auf die Spitze. So schreibt er 1922 in „Not und Verheißung der christlichen Verkündigung“: „Dieses Nein ist eben Ja. Dieses Gericht ist Gnade. Diese Verurteilung ist Vergebung. Dieser Tod ist Leben, diese Hölle ist Himmel. Dieser furchtbare Gott ist der liebende Vater, der den verlorenen Sohn in seine Arme zieht …“ (S. 252). Der Gnadenvorrang führt – wie Beintker in seiner Einführung zu Karl Barth richtig bemerkt (S. 246–263) – zu einem Heilsoptimismus (auch wenn Barth sich m. W. nie ausdrücklich zu einer Allerlösung bekannt hat). „In der Konzentration auf die sich in Christus vollziehende Begegnung zwischen Gott und Mensch ist vielmehr ein Heilsuniversalismus beschlossen, der — eminent realitätsbezogen — die Wirklichkeit konsequent im Horizont des Evangeliums entziffert“ (S. 254).

Wie wichtig Barths Offenbarungsverständnis angesichts der theologiegeschichtlichen Entwicklungen zwischen 1918 und 1934 war, zeigt der Aufsatz „Die Frage nach den Quellen der Offenbarung im Spiegel theologiegeschichtlicher Entwicklungen zwischen 1918 und 1934“ (S. 40–63). Große Theologen wie Emanuel Hirsch oder Adolf Deißmann erlagen Anfang des 20. Jahrhunderts den Versuchungen eines Bindestrich-Christentums. Gott wurde deutsch, der Krieg heilig. Hirsch begriff die Ereignisse von 1933 als Gottesstunde und verfiel hinsichtlich der Erstarkung des Nationalismus geradezu in religiöse Schwärmerei: „Das ‚Ja‘ zu dieser Stunde ist in mir lebendig, ist von Herzens Grunde in mir lebendig als ein Dank gegen den Gott, der nach langer Schande und Nacht uns allen in Flammen aufgegangen ist“ (S. 48).

Barth versperrte sich diesen gefährlichen Synthesen des Kulturprotestantismus und schritt gegen jegliche Inanspruchnahme Gottes für menschliche oder völkische Interessen ein. Der Verwerfungssatz der maßgeblich von Barth ausgearbeiteten Barmer Erklärung von 1934 bestreitet die falsche Lehre, „als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Allerdings haben sich nicht nur die dialektischen Theologen aus dem Umfeld von Karl Barth der nationalisierten Theologie verweigert. Wie Beintker zeigt, erkannten auch Gelehrte wie Paul Tillich oder Friedrich Heiler die Zeichen der Zeit, ohne dabei den Offenbarungsmonismus Barths zu teilen. Heiler schrieb 1932 beispielsweise: „Wenn die evangelische Kirche dieser Zersetzung des biblischen Christentums in ihren Reihen keinen entschlossenen Widerstand entgegensetzt, so verliert sie die ganze Substanz des Evangeliums, sie verfällt nicht nur einer völligen Säkularisierung, sondern einer furchtbaren Paganisierung“ (S. 54).

Drei Beiträge beschäftigen sich mit der Soziallehre. Ausgesprochen hilfreich fand ich den Aufsatz „Die politische Verantwortung der Christengemeinde im Denken Barths“ (S.172–199), der 1996 entstand und maßgebliche Strukturmomente seiner politischen Ethik skizziert. Einige erwähnenswerte Momente will ich kurz vorstellen.

Barth ersetzte die in der Sozialethik üblicherweise benutzen Begriff „Kirche“ und „Staat“ intendiert durch “Christengemeinde“ und „Bürgergemeinde“, um die Verantwortung der Menschen im kommunitären Interaktionsgeflecht anzusprechen (vgl. S. 175). Die politische Verantwortung der Kirche war für ihn aufs engste mit dem Auftrag verbunden, den sie durch Wort und Werk ihres Herrn empfangen hat (vgl. die sechste Barmer These). Beintker illustriert das durch ein wunderschönes Zitat aus der Kirchlichen Dogmatik (IV/3, S. 916):

„So heißt es zusammenfassend: ‚[…] der Gemeinde ist das Evangelium aufgetragen: die gute, die fröhliche Botschaft von Jesus Christus, von der wirklichen Tat und von der wahren Offenbarung der Güte, in der Gott sich selbst zum Gott des Menschen, den Menschen zu seinem Menschen machen wollte und gemacht hat. Dieses große Ja ist ihre Sache. Einen anderen Auftrag neben diesem hat sie nicht. Dieser Auftrag ist so tief erregend, so radikal bewegend, so wichtig, dringlich und umfassend, daß er sie ganz beansprucht, daß sie neben ihm keine anderen Aufträge entgegenzunehmen in der Lage ist.‘“

Damit wird das Evangelium nicht politisch neutralisiert, jedoch vermieden, dass die Nöte der Welt zum Gesetz der Kirche werden. „Das ihr zugesprochene Evangelium darf mit einem irdischen Programm zur Weltverbesserung weder identifiziert noch kompatibilisiert werden, weil es dann seine alles tragende Dynamik einbüßte und zur religiösen Hintergrundmusik einer auch ohne das Evangelium zu entwickelnden Gesellschaftstheorie, Sozialphilosophie, Werteordnung oder Parteiprogrammatik verkäme“ (S. 177). „So wird die Gemeinde in ihren Stellungnahmen immer zu beachten haben, dass nicht sie es ist, die das Reich Gottes herbeiführt. Sie kann ihre eigene Erlösungsbedürftigkeit ebensowenig ignorieren wie die Erlösungsbedürftigkeit der in tiefer Unordnung befindlichen Welt“ (S. 177).

Beeindruckend finde ich den Aufsatz über Barths Anselm-Buch Fides quaerens intellectum (S. 64–85). Nur wenige – so Beintker –, haben wie Hans Urs von Balthasar bemerkt, dass Barths Beschäftigung mit Anselm von Canterbury als wichtiger Schlüssel für das Verstehen seiner Denkbewegungen gesehen werden muss. Als Barth mit seinem Anselm-Buch begann, befand er sich in einer Situation des Übergangs. Die Rekapitulation der Theologiegeschichte war abgeschlossen, die Krisis der liberalen Theologie beschrieben. Nun ging es darum, eine theologische Erkenntnishaltung zu entwickeln, „die vor dem Anspruch der Wahrheit nicht zurückscheute und deren Resultate sich durch Erklärungskraft und Erschließungsfähigkeit auszeichneten“ (S. 65). Auch wenn die Übergänge fließend und vielschichtig sind, kommt mit dem Buch ein Klärungsprozess zum Abschluss und Barth findet zu einem Denkstil, der seinen Weg von da an bestimmt (vgl. S. 68).

Im Horizont des Proslogion von Anselm ist allein die anbetende Denkhaltung der Wahrheit Gottes angemessen. Theologie, dies entnahm Barth dem Wechsel von der reflektierenden zur betenden Argumentation bei Anselm, „‚ist anbetender Gehorsam‘. Man dürfe nicht übersehen wollen, daß Anselm über Gott redet, indem er zu ihm redet“ (S. 70).

Barth wurde und wird genau diese Deutung zum Vorwurf gemacht. Seine entrationalisierende Interpretation verkenne den Beweisanspruch Anselms. Beintker verteidigt Barth gegen solche Einwände, insbesondere gegenüber den Richtersprüchen Kurt Flaschs. „So weit vom historischen Anselm, wie es manche Kritiker ihm nachsagten, war Barths Interpretation gar nicht entfernt. Es ist einfach nicht wahr, dass Barth das Gegenteil von dem aus Anselm heraus- oder in Anselm hineingelesen hätte, was Anselm selber vor Augen stand, als er sein Proslogion niederschrieb“ (S. 72).

Fides quaerens intellectum bedeutet, dass der Glaube, dem Gewissheit geschenkt wurde, rationale Klarheit über seinen Gegenstand sucht. Beintker: „Die Gewissheit des Glaubens ist also nicht das Ergebnis rationaler Schlussfolgerungen am Ende eines langen Erkenntnisweges, sondern sie geht faktisch allen Erkenntniswegen voraus und verlangt nach ihnen. Barth versteht Anselms fides quaerens intellectum als Konsequenz der Gewissheit des Glaubens. Gerade im Besitz der Gewissheit des Glaubens müssen wir nach der fidei ratio hungern“ (S. 73). Die Theologie braucht die Wahrheit also nicht erst denkerisch zu konstituieren. „Davon ist sie entlastet. Und damit wäre sie auch hoffnungslos überfordert. Sie trägt nicht die Verantwortung für das Gegebensein des Glaubenssatzes, dass Gott existiert“ (S. 75). Die Wahrheit Gottes ist Voraussetzung allen Seins und Erkennens.

Erinnern wir uns kurz an den Aufbau des „Ontologischen Gottesbeweises“. Die Vernunft kennt nach Anselm die Idee des höchsten denkbaren Wesens. Würde dieses Wesen allein im Denken der Vernunft existieren, wäre es nicht das höchste Wesen, weil dann noch ein höheres Wesen gedacht werden könnte, nämlich ein Wesen, das nicht nur in der Vorstellung, sondern auch in der Wirklichkeit existiert. Deshalb verlangt der Begriff eines höchsten Gottes, dass dieser nicht nur im Denken, sondern auch in der Wirklichkeit existiert. Gott, über den nichts Größeres gedacht werden kann, existiert nicht nur im Intellekt, sondern auch in der Wirklichkeit.

Diese Beweisführung blieb natürlich nicht unwidersprochen. Anselms unbequemer Kritiker Gaunilo verkörpert für Barth den Skeptiker. Der Mönch behauptet, „dass man sehr wohl Gott nur als Gedankengebilde, als ein nur gedachtes Seiendes denken könne. Es fällt ihm leicht, das über allem Dasein stehende Dasein Gottes auf das Niveau einer imaginären Insel im Ozean herabzusenken“ (S. 79). Immanuel Kant formulierte später: „Man siehet aus dem bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolut notwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d. i. eine bloße Idee sei, deren objektive Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange nicht bewiesen ist, …“ (KrV, Meiner 1998, S. 668).

Für Barth laufen Einwände dieser Art ins Leere. Beintker erklärt dessen Sichtweise so: „Hinter den Einwänden des durchaus zeitlos zu denkenden Gaunilo verbirgt sich ein Wirklichkeitsverständnis, das sowohl im Blick auf die Wirklichkeit Gottes als auch im Blick auf die Wirklichkeit des Menschen deutlich unterkomplex verfährt und deshalb danebengreift. Es wird nicht beachtet, dass die Wirklichkeit Gottes kategorial von der Wirklichkeit der Dinge, die wir wahrnehmen und verstehend zu begreifen suchen, unterschieden werden muss. Wer an Gott glaubt und zugleich den Gedanken des Nichtseins Gottes für eine ernsthaft erwägenswerte Denkmöglichkeit hält, hat faktisch das Dasein Gottes mit allem anderen Dasein auf eine Stufe gesetzt. Er stellt Gott zur Disposition wie ein beliebiges Seiendes, dessen Denkbarkeit tatsächlich noch lange nicht dessen Dasein verbürgt“ (S. 79–80). Gaunilos Einwand basierte also auf der Annahme, „‚dass das Maß des Daseins überhaupt das Maß des Daseins Gottes sei‘. In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt: ‚das Dasein Gottes ist das Maß des Daseins überhaupt‘. Wer ihn erkennt, wirklich im Sinne des Wortes erkennt, kann nicht gleichzeitig denken: ‚Gott ist nicht da‘“ (S. 80). Gaunilos Wirklichkeitsverständnis ist vereinfacht im Blick auf die Unterscheidung des Daseins Gottes von allem anderen Dasein und missversteht die Wirklichkeit des Menschen. „Es verkennt nämlich den konstitutiven Rang des Gottesbezugs für das menschliche Dasein … Es nimmt den Unglauben ernster, als er es verdient, und fixiert so den Menschen, der in seinem Herzen spricht: ‚Gott ist nicht da‘, in seiner Isolation von der Wirklichkeit Gottes“ (S. 80).

Barth erteilt unter Berufung auf Anselm dem Cartesianismus und der Transzendentalphilosophie des deutschen Idealismus damit eine klare Absage. Er denkt gar nicht daran, den Satz vom Dasein Gottes in ein Abhängigkeitsverhältnis zu seiner eigenen Existenz zu setzen. Nicht das ego cogito des menschlichen Subjekts ist Urdatum der Erkenntnis, sondern die Selbstgewissheit ist von der Gottesgewissheit aus zu verstehen (vgl. S. 83–84). Barth stellt sich aus Überzeugung in die Denktradition Anselms. „Die Formel ‚fides quaerens intellectum‘ besagt, dass der Glaube, dem Gewissheit geschenkt wurde, rationale Klarheit über seinen Gegenstand sucht. Dieser Gegenstand kann in seiner Gültigkeit nicht in Zweifel gezogen werden, will aber auf Grund seiner Gültigkeit im Detail erkannt und mit der vom Glauben bestärkten und vergewisserten Rationalität so sorgfältig wie nur möglich erfasst werden. Darin besteht die Aufgabe der Theologie. Sie braucht die Wahrheit, der sie nachdenkt, nicht erst denkerisch zu konstituieren“ (S. 254).

Die Lektüre von Krisis und Gnade hat Freude bereitet. Michael Beintker ist ein begnadeter Beobachter und versteht es, die theologischen Weichenstellungen auf dem Hintergrund der damaligen Fragestellungen verständlich zu erklären. Der Sammelband erleichtert den Zugang zur Theologie eines wirklich großen kirchlichen Denkers. Mein Eindruck, dass nämlich Karl Barth vor hundert Jahren die Krise der Theologie scharfsinnig durchleuchtete und uns neu mit Gottes Anspruch und Zuspruch konfrontierte, hat sich bestätigt. Barth wandte sich entschlossen gegen jeden Versuch, vom Menschen ausgehend Gott zu denken und stellte dem neuzeitlichen Anthropozentrismus eine beharrliche Offenbarungstheologie entgegen. „Den Inhalt der Bibel bilden gar nicht Menschengedanken über Gott“ – schreibt er kraftvoll –, „sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen. Nicht wie wir von Gott reden sollen, steht in der Bibel, sondern was er zu uns sagt, nicht wie wir den Weg zu ihm finden, sondern wie er den Weg zu uns gesucht und gefunden hat“ (Das Wort Gottes und die Theologie, 1925, S. 18).

Dennoch bleibt das Vergüngen ambivalent, wie so oft, wenn ich Literatur von oder zu Karl Barth lese. Es hat sich mir deutlicher als bisher erschlossen, weshalb Klaus Bockmühl (ähnlich wie Bonhoeffer) in seiner Barthstudie mehrmals von der „Unwirklichkeit“ und „Zweideutigkeit“ der Theologie seines Basler Lehrers spricht (Atheismus in der Christenheit, Brunnen u. Brockhaus, 1985). Zwar schützen Verjenseitigung und Dialektik vor Kritik, lassen Gott aber eigenartig unwirklich erscheinen. Barths Situationsethik illustriert das besonders deutlich. Der Christ bleibt im Hier und Jetzt sich selbst überlassen.

Nur sehr wenige Theologen können alles lesen, was Karl Barth geschrieben hat. Niemand kann lesen, was alles über Barth geschrieben wurde. Ich empfehle Theologen, Studenten und Laien, die sich für das Werk des Schweizer Theologen interessieren, diesen Sammelband in die engere Auswahl zu nehmen.

Ron Kubsch

* Barth hat nicht nur die 13 Bände seiner Die Kirchliche Dogmatik hinterlassen. Im Auftrag der Karl Barth-Stiftung wird vom Theologischen Verlag Zürich zusätzlich unter der Leitung von Hinrich Stoevesandt (bis 1998) und Hans Anton Drewes (seit 1998) eine Gesamtausgabe verantwortet. Die bisher erschienenen 49 Bände sind inzwischen zusammen mit der Dogmatik und anderen Schriften auch digital zugänglich unter URL: solomon.dkbl.alexanderstreet.com.

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Nancy Pearcey: Total Truth

51Ei7DTzR5LHanniel Strebel hat freundlicherweise eine Besprechung des Buches:

zur Verfügung gestellt:

Eine Wahrheit für das ganze Leben

Wer ist Nancy Pearcey? Die 1952 geborene US-Amerikanerin zählt gemäss „The New Evangelical Outpost“ zu den wenigen weiblichen evangelikalen Intellektuellen. Ich las das Buch nicht deshalb, weil es 2005 den prestigeträchtigen „ECPA Gold Medallion Award“ gewann, sondern weil es auf mehreren Bücherlisten von mir geschätzter Blogger ganz oben aufzufinden war. Sympathisch wog für mich als Europäer und Heimschulvater die Tatsache, dass Pearcey in Heidelberg Violine studierte und ihre beiden Söhne zu Hause unterrichtete. Pearcey zählt den zu geistlichen Erben von Francis Schaeffer (1912-1984). Der Besuch in schweizerischen L’abri anfangs der 1970er-Jahre hatte die damals agnostische junge Frau nachhaltig aufgerüttelt. Dies schildert sie denn auch in „Total Truth“. Heute leitet Pearcey zusammen mit ihrem Mann das „Francis Schaeffer Center for Worldview and Culture“ der Houston Baptist University.

Um was geht es? Philipp E. Johnson, ein führender Kopf der Intelligent Design-Bewegung in den USA, schreibt im Vorwort: „Weltanschauung zu verstehen gleicht dem Versuch, die Linse des eigenen Auges zu sehen. Normalerweise sehen wir unsere eigene Weltsicht nicht, stattdessen sehen wir alles andere durch diesen Filter. Einfach gesagt ist die Weltanschauung das Fenster, durch das wir die Welt – oft unbewusst – wahrnehmen und (dann) entscheiden, was real und wichtig oder nicht real und unwichtig ist.“ Die Wahrnehmung für dieses „Fenster zur Welt“ zu schärfen, darum geht es Pearcey in diesem Buch. Ausgangspunkt bildet der „tiefe Hunger unter Christen, durch „einen übergeordneten Rahmen“ Einheit in ihr Leben zu bringen und die tiefe Trennung zwischen einem säkularen und einem privat-persönlichen Bereich zu überbrücken. Wir sind es uns gewohnt, zwischen einem „wissenschaftlichen“, „wertefreien“ Bereich der öffentlichen Institutionen und einer privaten Sphäre der persönlichen Überzeugungen und Entscheidungen zu unterscheiden. Genau an dieser Stelle liegt der Hund begraben.

Wie ist das Buch aufgebaut? Pearcey hat ihr Werk in vier Teile aufgeteilt: Im ersten Teil legt Pearcey die Grundlagen für einen biblisch-weltanschaulichen Grundrahmen. Dieser hängt an drei Fragen:

  • Schöpfung: Wie hat alles begonnen?
  • Fall: Was ist schief gegangen?
  • Erlösung: Wie kann es wiederhergestellt werden?

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Schöpfung, dem Startpunkt jeder Weltanschauung. Pearcey entfaltet darin ein engagiertes Plädoyer für den Intelligent Design-Ansatz. Wer sich bereits mit der evolutionistischen Weltanschauung abgefunden hat, reibt sich über diesen Seiten erstaunt die Augen.
Der dritte Teil geht der Frage nach, warum die Evangelikalen keine Tradition der Verteidigung ihrer Weltanschauung entwickelt haben.

Wo bleibt denn die Umsetzung? Das mögen sich einige gegen Schluss des Werkes fragen. Dafür hat sich Pearcey den vierten Teil vorbehalten. Der Rückgriff auf das wichtige Werk von Francis Schaeffer „Geistliches Leben – was ist das?“ hielt ich für angebracht.

Vier Anhänge mit Vertiefungen über die Säkularisierung der US-amerikanischen Politik, den modernen Islam und die New Age-Bewegung, den Materialismus und die Apologetik, wie sie in L’abri betrieben wurde, runden die Lektüre ab. Eine ausführliche, kommentierte Leseliste sowie ein Studienführen beschliessen das über 400 Seiten starke Werk.

Was faszinierte mich? Man mag das Beispiel für gar amerikanisch halten: Da unterhalten sich junge Frauen, die in einem Zentrum für Beratung von abtreibenden schwangeren Frauen arbeiten, in der Pause über die nächste Sonntagschullektion. So weit ist das Beispiel nicht hergeholt. Ich rede mit Studenten, die in der Freizeit eine Jungschararbeit leiten und im Studium mit dem Genderthema in der Literatur ringen. Ich kenne Juristen, die verbindlich in der Gemeinde mitarbeiten und sich täglich für die Interessen von zum Teil skrupellosen Klienten einsetzen. Ausserdem gibt es genügend Christen, die unserer Entscheidung, die Kinder selber zu unterrichten, mit Stirnrunzeln begegnen. Ganz zu schweigen von dem von mir beobachteten Tabu, über die Rolle der Frau im Rahmen der Gemeinde konkret zu werden. Zumindest in meiner Lebensrealität halten wir – trotz Bekenntnis – die zwei Lebensbereiche privat und öffentlich bzw. säkular und geistlich fein säuberlich getrennt. So ging mir denn die Ermahnung Pearceys zu Herzen. Sie sagte: „Der erste Schritt zum bewussten Um- und Aufbau einer christlichen Weltanschauung besteht darin, auf die Suche nach den eigenen Götzen zu gehen.“ Besonders geblieben sind mir einzelne biographische Elemente des Buches, so etwa die Beschreibung ihres engagierten Vaters, der den Familientisch für manche Lektionen und Diskussionen nutzte. Dass sie mit ihren Söhnen frühzeitig weltanschauliche Themen dort bearbeitete, wo sie auftauchten – zum Beispiel in den Kinderbüchern -, fand ich nachahmenswert. Ebenso berührte mich Pearceys Schilderung ihrer Zeit, als sie ehrlich nach der Wahrheit suchte. Ebenso nahe ging mir der Abschnitt im vierten Teil, in dem sie über ihr Ringen um ihre Rolle als Mutter berichtet.

Welche Stellen irritierten? Bisweilen fragte ich mich, ob ich den Ansprüchen „eine versöhnende Kraft in jedem Bereich der Kultur “ sein, verpflichtet bin. Ebenso bezweifle ich, exzellentere Lösungen als jeder Nichtchrist zustande bringen zu müssen. Wird hier nicht eine Erwartung aufgebaut, welche meine tief in mir wurzelnde Neigung zur Selbsterlösung stimuliert?

Ein weiteres Thema, das ich nicht genügend beleuchtet finde, ist der Stellenwert der Gemeinde. Pearcey betont zwar deren Wichtigkeit, wenn sie schreibt, dass die Gemeinde der Plausibilitätstest für das Evangelium sei. Bei mir blieb eher ihr Beispiel hängen, als sie bei einem Probebesuch in einer neuen Gemeinde den Pastor gegen die kopflastigen Bibelschulen uns Seminare wettern hörte.

Den einen oder anderen mag das dritte Kapitel, das die Geschichte der Evangelikalen in den USA beschreibt, dann doch gar amerikanisch anzumuten. Ich blieb dennoch sehr konzentriert, denn die Ausführungen werfen Licht auf den Anti-Intellektualismus, dem ich auch in unseren Gemeinden auf Schritt und Tritt begegne.

Ich legte das Buch mit einem tiefen Seufzer zur Seite. Für mich notierte ich: „Durch dieses Buch bin ich satt geworden.“ Ich empfehle es jedem Leser, welcher der englischen Sprache mächtig ist. Und ich wünsche mir mehr solches Material in der deutschen Sprache.

Hanniel Strebel

John Lennox: Naturwissenschaft hat Gott nicht begraben

Prof. John Lennox hat zum Parlamentarischen Gebetsfrühstück in Großbritannien am 25. Juni 2013 eine Ansprache zur Schöpfungswissenschaft gehalten, die freundlicherweise von Cornelia Imming für Wort & Wissen übersetzt wurde. Lennox sagte:

Aber die Naturwissenschaft hat Gott nicht begraben. Ironischerweise war es die Bibel, die Europa mit dem Gedanken erfüllte, dass ein rationaler, intelligenter Gott das Universum geschaffen hat und erhält. Sie bereitete damit den Boden für die moderne Naturwissenschaft. „Menschen wurden wissenschaftlich, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten“ (C. S. Lewis). Der Glaube an Gott behinderte also Naturwissenschaft nicht – im Gegenteil, der Glaube war der Motor, der die Naturwissenschaft antrieb.

Trotzdem wird darauf bestanden, dass wir zwischen Gott und Naturwissenschaft wählen müssen. Aber das stimmt auf gar keinen Fall. Wir müssen nicht zwischen Gott und der Naturwissenschaft als Erklärung für den Kosmos wählen, so wie wir nicht zwischen Sir Frank Whittle und Naturwissenschaft als Erklärung für das Strahltriebwerk wählen müssen. Diese Erklärungen stehen nicht in Konkurrenz oder im Konflikt zueinander, sondern ergänzen sich – beide sind notwendig. Gott ist nicht dieselbe Art von Erklärung wie Naturwissenschaft. Gott ist die Erklärung dafür, warum es überhaupt ein Universum gibt, in dem Naturwissenschaft betrieben werden kann.

Deshalb gibt es nach wie vor hervorragende Wissenschaftler, die an Gott glauben; denn es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der rationalen Verständlichkeit des Universums und der Rationalität Gottes.

Hier der vollständige Vortrag: d13-3.pdf.

Wenn ein Mensch langsam unsichtbar wird

Vor drei Tagen hat die 82-jährige Frau Hansen zuletzt mit jemandem gesprochen. Es war die Supermarktkassiererin.  Katharina Miklis beschreibt für die WELT ein wachsendes Problem, das auch die Kirchen etwas angeht: die Vereinsamung älterer Menschen:

Ein Leben lang war sie von Menschen umgeben. Jetzt ist Frau Hansen auf einmal allein und spricht nur noch mit der Frau an der Supermarktkasse: Wie geht es einem Menschen, den die Gesellschaft abgehängt hat – nur weil er alt ist?

Frau Hansen hat sich nie darüber Gedanken gemacht, dass sie einmal alt werden könnte. Und schon gar nicht darüber, dass sie alleine alt werden könnte. Jetzt sitzt sie hier und ist plötzlich 82. Alt fühlt sie sich noch immer nicht. Aber allein. Die Einsamkeit kam schleichend. Frau Hansen konnte nichts dagegen tun. Plötzlich war sie da, die Stille. Das Telefon klingelte nicht mehr, der Besuch blieb aus.

Mehr: www.welt.de.

Das Evangelium für Litauen

lahayneEs ist mir eine Freude, das Blog meines ehemaligen Kollegen Holger Lahayne vorzustellen. Holger lebt mit seiner Familie in Litauen und arbeitet dort für die Studentenmission IFES (in Litauen LKSB) sowie als Dozent am Ev. Bibelinstitut. Ausserdem übersetzen Holger und seine Frau Rima christliche Literatur in die litauische Sprache, derzeit arbeiten sie an einer Neuübersetzung des Heidelberger Katechismus.

Holger ist Kurator der Evangelisch-reformierten Kirche Litauens. Die Kirche hat kürzlich einen „Kanon zu Ehe und Scheidung“ herausgegeben, der im Auftrag der Synode ins Deutsche übersetzt wurde (der Text kann hier eingesehen werden). Der Beschluss der Ev.-reformierten Kirche Litauens ist bibelbezogen und hebt sich damit deutlich von der Orientierungshilfe der Ev. Kirche in Deutschland ab. In einem ideaSpektrum Leserbrief schrieb Holger Lahayne kürzlich:

Eine Kluft zwischen den Protes­tanten Europas entsteht Kardinal Meisner warnt vor einem „tiefen Riss in der Ökumene“, verursacht durch die jüngste „Orientierungshilfe“ der EKD zum Thema Ehe und Familie. Eine immer größere Kluft tut sich auch innerhalb der Protes­tanten Europas auf. Aufgrund ganz unterschiedlicher Ansichten zu Ehe und Sexualität haben beispielsweise die Lutheraner der baltischen Länder schon seit Jahren keine Gemeinschaft mehr mit der Kirche Schwedens. Nun nahm bei der Synode im Juni die Evangelisch-refomierte Kirche Litauens einen Kanon zu Ehe und Scheidung an und kehrte damit zu biblischen und reformatorischen Grundsätzen zurück. Die Ehe wird dort als „ein heiliger Bund zwischen einem Mann und einer Frau“ bezeichnet, und es ist Gottes Wille, dass dieser Bund ein Leben lang hält. Unzucht wird biblisch definiert, und bei den Scheidungsgründen und der Wiederheirat wird die traditionelle reformierte Lehre bekräftigt. Diese Sicht wurde von Deutschland her schon als biblizistisch gebrandmarkt. Sie würde eine evangelikal-fundamentalistische Weltanschauung widerspiegeln. Die Kirche Litauens wird ihre Position auch in der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, zu der einige EKD-Kirchen gehören, verteidigen. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass manche Kirchen des Westens und die Zentral- und Osteuropas unterschiedliche Wege gehen.

Wer sich für das wunderschöne Litauen und die Kirchen dort interessiert, wird auf der Seite www.lahayne.lt viele interessante Informationen finden. Holger kommentiert auch Themen, die weit über Litauen hinausreichen, wie z.B. den neuen evangelikalen Moralismus: Sünde Smartphone?.

Holger und Rima brauchen für Ihre Arbeit weitere Unterstützung. Wer ihnen helfen möchte, findet hier weitere Informationen: lahayne.lt.

Für ein selbstbestimmtes Leben

Für den von mir schon mehrmals zitierten Psychoanalytiker Rainer Funk ist die Ich-Orientierung das herausragende Kennzeichen des postmodernen Menschen. Funkt schreibt (Ich und Wir, S. 55):

Der postmoderne Ich-Orientierte strebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können. Das entscheidende Movens ist die postmoderne Lust an der selbstbestimmten, ich-orientierten Erzeugung von Wirklichkeit, und zwar der den Menschen umgebenden Wirklichkeit, die er sich selbst schafft, ebenso wie der Wirklichkeit, die er selbst ist, indem er sich selbst erschafft – nach dem Motto: „Nur wenn du etwas aus dir machst, bist du was!“ … Die Grundüberzeugung postmoderner Ich-Orientierung lautet: „Lass dir von niemandem sagen, wer du bist. Du bist der, der du bist.“

Soweit klar?

Nun empfehle ich einen Werbespot der „Jungen Grünen“ aus Österreich:

VD: HS

ARD: „Koalition der Frommen“

Wie gefährlich ist – so fragt Tilman Jens in seiner brisanten ARD-Dokumentation morgen Abend in der ARD –, in unserem Land die Koalition der Frommen? Hat der „Sündenfall“ des Rechtsstaats Methode? In Kirchen gibt es kein nennenswertes Streikrecht, in bayerischen Klassenzimmern hängen die Kruzifixe noch immer, als hätte es nie ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gegeben. Auch das Beschneidungsurteil von Dezember 2012 weist eine klare Richtung des Staates in seinem Verhältnis zur Religion.

Tilman Jens beleuchtet dieses Verhältnis in seiner Dokumentation und in seinem Buch und entfaltet es in pointierten Thesen:

  • Die Privilegien, die der Staat den Glaubensvereinigungen in demonstrativer Gottesfurcht gewährt, stehen lang schon in keiner Relation mehr zu ihrer tatsächlichen, gesellschaftlichen Bedeutung.
  • Eigentlich ist eine Organisation wie die katholische Kirche, die Verbrechen systematisch verdunkelt, ein Fall für den Verfassungsschutz. Aber die Religionsfreiheit genießt Immunität im Lande, die so schnell niemand aufhebt.
  • Einzig im Gottesstaat ist die gerne beschworene Religionsfreiheit ein Spiel ohne Grenzen.
  • Die Aussichten sind trübe: Da zieht eine Koalition der Frommen in den Krieg gegen den Rechtsstaat – und dessen Garanten aus der Politik lassen sich, in der Stunde der Bewährung, wie Nasenbären durch die Manege führen.

Also: ARD, „Koalition der Frommen – Wie viel Religion verträgt die Republik?“, Mittwoch, 04. September, 23.30 Uhr.

Wir dürfen gespannt sein und ahnen zugleich, was da wieder auf uns zukommt.

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Nachtrag vom 05.09.13: Hier der Link zu Mediathek: m.daserste.de.

Weder Mann noch Frau

Der sympathische Heinz-Jürgen Voß beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Dekonstruktion binärer Geschlechterdifferenz und möchte den postmodernen Gendertheorien eine biologische Verankerung zuschreiben. Kurz: Judith Butler geht mit ihrer Konstruktion des sozialen Geschlechts nicht weit genug. In einem Beitrag für die marxistisch–feministisch–linksradikale Zeitschrift ak – analyse & kritik, die Zeitung für linke Debatte und Praxis schreibt Voß (Nr. 547 vom 19.2.2010):

Die im folgenden dargelegte Kritik an Butlers Ansatz bezieht sich jedoch darauf, dass er nicht weitreichend genug ist. Butler verblieb auf der Ebene von „Erscheinungen“, auf der Ebene performativer Herstellung. Butler führte exzellent aus, dass Merkmale, dass Körper erst in Gesellschaft gelesen werden und dass damit geschlechtliche Deutungen auch gesellschaftliche sind. Diese These ist durch die historischen Arbeiten von Thomas Laqueur, Londa Schiebinger und Claudia Honegger gut belegt – so wandelten sich zeitlich die körperlichen (physiologischen und anatomischen) Merkmale, die als geschlechtlich gelesen wurden. Lange Zeit wurden weibliche und männliche Zeugungsstoffe gleichermaßen als „Samen“ beschrieben, z.T. mit Unterscheidung der Qualität; sie wurden allerdings nicht als binär und gegensätzlich wahrgenommen, wie es heute oftmals geschieht.

Mit der Betonung performativer Akte erscheinen Deutungen als gesellschaftlich, allerdings bleiben Körper und Organe – vermeintlich vorhandene Materialität, die anfassbar sei – unangetastet. Auch mit Butlers Ausführungen bleiben in der öffentlichen – populären und wissenschaftlichen – Debatte „Gebärmutter“, „Vagina“, „Klitoris“, „Eierstock“, „Penis“, „Hodensack“, „Hoden“ Bezeichnungen für scheinbar sichere, tatsächlich vorhandene Organe, die zur gut begründeten Einteilung von Menschen in „Frauen“ und „Männer“ bei wenigen „Abweichungen“ herangezogen werden könnten. Die derzeitige gesellschaftliche Deutungsweise von körperlichen Merkmalen als binär-geschlechtliche erscheint als selbstverständliche, die sich beim Lesen der „natürlichen Vorgegebenheiten“ aufdränge.

Die Entwicklung der Geschlechterdifferenz wird von Voß marxistisch als ein „gesellschaftliches Produkt“ interpretiert. Die binäre Unterscheidung von männlich und weiblich dient der Verfestigung von kapitalistischen Unterdrückungsstrukturen. Sie gaukeln uns Menschen Sicherheit und Eindeutigkeit vor, stehen jedoch tatsächlich der Wahrnehmung ureigenster Bedürfnisse im Weg. Also (Heinz-Jürgen Voß: „Biologisches Geschlecht ist ein Produkt von Gesellschaft!“, Soziologie Magazin, 1/2013, Jg. 6, S. 87–91, hier S. 88–89):

Produkte, Institutionen, Kategorien führen bereits von eigentlichen Bedürfnissen von Menschen weg – und führen letztlich dazu, dass wir als Menschen gar nicht (mehr) in der Lage sind, unsere Bedürfnisse außerhalb von Produkten, Institutionen und Kategorien zu formulieren. Bezogen auf Geschlecht heißt dies, dass wir gar nicht in der Lage sind, unsere Begehrensweisen, unsere vielfältigen Bedürfnisse auf Menschen zu richten, ohne diese Menschen zuvor in ein Korsett „weiblich“ oder „männlich“ zu zwängen.

Für die Befreiung des Menschen ist die Entkategorisierung des Geschlechts damit ein Politikum (Heinz-Jürgen Voß: „Biologisches Geschlecht ist ein Produkt von Gesellschaft!“, S. 91):

„Geschlecht“, auch „biologisches Geschlecht“ wird damit einmal mehr als gesellschaftliches Produkt augenscheinlich. „Geschlecht“, auch „biologisches Geschlecht“ ist wandelbar und es rückt so auch die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne „Geschlecht“ in den Bereich des Denkbaren. Zumindest gibt es keinen, aber auch gar keinen Grund an „Geschlecht“, dieser gesellschaftlichen Kategorie/Institution, mit der historisch so viel Diskriminierung, Benachteiligung, Bevorteilung, Leid verknüpft war, weiterhin festzuhalten! Und ein Abgehen von „Geschlecht“ ermöglicht uns, Wahrnehmungen und Begehren vielfältiger auszurichten …

Der Sozialwissenschaftler ist inzwischen auch in der Evangelischen Kirche angekommen. In der aktuellen Ausgabe von Chrismon ist zu lesen, dass die Theorie der biologischen Zweiteilung auf die Nazis zurückgeht und unsere Welt viel schöner wäre, gäben wir diese Unterscheidung auf. Voß: „Das Geschlecht hätte einen Stellenwert wie heute das Sternzeichen oder ob ich Tiere mag. Man kann danach fragen, aber es ist nicht wirklich von Bedeutung“ (Chrismon, September 2013, S. 7).

Da wir nun schon mal bei dem Thema „Geschlechterkonstruktion“ sind, empfehle ich den Beitrag „Das Tabu der Gender-Theorie – Geisteswissenschaftliche Geschlechterforschung und die Biologie“ von Ferdinand Knauß (aus: Helmut Fink und Rainer Rosenzweig (Hg.): Mann, Frau, Gehirn: Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft, 2011, S. 115–132). Der Aufsatz, der online einsehbar ist und übrigens auch kurz das Voß-Argument kritisiert, zitiert im Epilog eine renommierte Philosophin mit folgenden Worten:

„’Naturalismus’, ‚Ontologisierung’, ‚Essentialismus’ und ‚Biologismus’ … fungieren inzwischen geradezu als Denkverbote. Jeder Versuch, anthropologische Konstanten auch nur als Grenzwerte für Transformationsprozesse zu bestimmen, jeder Versuch zu reflektieren, was es für Menschen bedeutet, sich ebenso wie Tiere fortpflanzen zu müssen (wenn sie sich denn überhaupt fortpflanzen wollen), und jeder Versuch, die Geschlechterdifferenz philosophisch zu reflektieren, ohne sie vorab als reines Konstrukt zu setzen, kann damit bereits unter Ideologieverdacht gestellt werden.“

VD: JS

Schafft die Toleranz ab

Toleranz beschreibt die Fähigkeit, anderen Menschen fair und offen zu begegnen. Es gibt aber auch eine Kehrseite der Toleranz. Die im heutigen Petersburg geborene russisch-jüdische Schriftstellerin Lena Gorelik macht auf eine falsche Toleranz aufmerksam, die ehrlicher Begegnung und dem Erkenntnisfortschritt im Weg steht. Gorelik:

Und an mancher Stelle ist Toleranz auch einfach nur feige. Weil es selbstverständlich einfacher ist, sich als toleranter Mensch gut zu fühlen, denn nachzufragen, zu widersprechen, zu streiten, Differenzen festzustellen, zu akzeptieren, auszuhalten. Dies gilt für Freundschaften und Beziehungen nicht minder als anderswo in der Gesellschaft.

Hier der DLF-Beitrag:

Norbert Bolz: Die Krise des Bildungssystems

Bereits zum dritten Mal wurde der hoch dotierte Tractatus als Preis für philosophische Essayistik vergeben. Bei der feierlichen Verleihung im Rahmen des Philosophicum Lech bedankte sich der Preisträger Norbert Bolz, Medienwissenschaftler und Kulturphilosoph, mit einer pointierten Rede, die seinem Ruf als streitbarer Zeitgenosse wie auch dem Charakter eines Tractatus mehr als gerecht wurde. In seiner gleichermaßen überaus klugen wie pointierten Rede spricht Bolz über das deutsche Bildungssystem, über ‚Political Correctness‘ und die Folgen eines mehr und mehr erstarkenden konformistischen Zeitgeistes.

Zitat:

Die Wissenschaft ist längst in den Dienst des Gruppenkultus getreten. Und an dem typischen Campusphänomen der politischen Korrektheit kann man sehen, dass nicht mehr die Wissenschaft verfolgt wird, sondern sie selbst die Verfolgung des häretischen Geistes organisiert. An den Universitäten darf man heute dumm sein, aber man darf nicht von der Parteilinie abweichen.

Hier der Audiomitschnitt dieser ausgezeichneten Rede:

VD: LR

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