Evangelikale

David Wells spricht über neues Buch

41HtCTZNkTLDavid Wells hat kürzlich ein Interview zu seinem neuen Buch:

gegeben.

Auf die Frage: „How does God in the Whirlwind contribute to the work you’ve already done in No Place for Truth, God in the Wasteland, Losing Our Virtue, Above All Earthly Powers, and The Courage to Be Protestant?“ hat Wells geantwortet:

Christianity Today has dismissed this new book as being a mere retread of these prior works with lots of hurrumphing, they say, along the way! Oh, dear. I am sorry that they were unable to see that this book is actually quite different from what I have written in the past. It is true that my understanding of modernized culture remains substantially the same as before. In this book, though, I have focused most of my attention, not on the culture, but on developing a biblical understanding of the character of God. This is something I have not done before and some of my critics have said that while I have exposed the problems in the church, I have not given the answers. Well, the answers are all tied up in knowing God and obeying him. This book is really a biblical theology of God’s holy-love showing how that holiness and that love are progressively revealed through the O.T., are embodied in Christ, and come together in the cross that God’s love provided and that his holiness required. This is what grounds and defines our sanctification, worship, and service in the world.

Das macht mich neugierig. Das Buch erscheint im Januar 2014.

Hier mehr: www.crossway.org.

Let’s talk about Sex

In den letzten Wochen haben sich sonderbare Konstellationen ergeben. Im SPIEGEL, in der WELT oder in der FAZ wird die EKD-Orientierungshilfe zur Familie schonungslos verrissen (vgl. z.B. hier). Im Dunstkreis des Evangelikalismus finden sich hingegen Stimmen, die sich mit dem Abschied vom christlichen Familienbild solidarisieren (z.B.  bei Peter Aschoff von der Lausanner Bewegung oder bei Rolf Krüger von dem Internetportal Jesus.de).

Da macht sich ganz natürlich Unsicherheit breit, besonders unter jungen Leuten. Dankbar empfehle ich Zweifelnden den Aufsatz „Let’s talk about Sex: Eine Revolution, die sich an der Bibel orientiert“ von Konstantin Mascher (Salzkorn 3/2013, 120–125), der sowohl einen Rückblick als auch einen herausfordernden Ausblick zu Familie und Geschlechtlichkeit anbietet.

Das Reden über Sex hat inflationäre Ausmaße angenommen – auch in der Kirche. Zugleich aber herrscht eine erstaunliche Sprachlosigkeit unter uns, wenn es um die Gabe der Sexualität als Aufgabe geht. Prüderie unter Christen hat viele Formen: Sie kann den Menschen durch restriktives Moralisieren beschämen, sie kann ihn aber auch durch schamloses Verwischen der Grenzen demoralisieren. Darüber hinaus hat es vielen Ehepaaren schlichtweg die Sprache verschlagen, weil die Realität des Scheiterns in der eigenen Sexualität dominiert. Enttäuschungen, Frustrationen und Verletzungen sind kaum zu vermeiden; die Sprachlosigkeit darüber sollte aber nicht hingenommen werden. Die Heilung der Herzen und der Ehen beginnt, wenn Menschen dazu befähigt werden, das Erlebte oder Nichterlebte in ihrer Sexualität zu benennen und die damit einhergehende Scham auf angemessene und behutsame Weise in Worte zu kleiden. Es braucht daher in der Kirche insgesamt, aber auch in den Gemeinden vor Ort, ein neues, an der kraftvollen, lebenshaltigen Verheißung der Bibel ausgerichtetes Reden über Sex!

Die Revolution der Liebe, die das zeitlos aktuelle Modell propagiert, dauert an. Diese in der Zweiheit von Mann und Frau liegende kreatürlich-kreative Kraft der Geschlechtlichkeit soll wider den Zeitgeist behauptet und in seiner ganzen Schönheit, Fülle und Freude lebendig werden!

Hier: www.ojc.de.

McDermott zum Status der evangelikalen Theologie

Gerald McDermott, Experte für Jonathan Edwards und das Verhältnis des christlichen Glaubens zu anderen Religionen, blickt in der aktuellen Ausgabe des Journals of the Evangelical Society sorgenvoll auf erkennbare Aufspaltungstendenzen innerhalb der evangelikalen Theologie („The Emerging Divide in Evangelical Theology“, JETS, Vo. 56, Nr. 2, S. 355–377). Der Streit zwischen Traditionalisten und Progressiven könne laut McDermott zu einer enormen Belastung werden. Die Empfehlungen, die McDermott ausspricht, zeigen, dass eine mächtige Strömung innerhalb des Evangelikalismus den Spuren folgt, die Schleiermacher vorgezeichnet hat.

Drittens, evangelikale Theologen müssen das eigentümliche akademische Bestreben ablegen, nach Akzeptanz und Anerkennung bei unseren liberalen Kollegen zu streben. Wir wollen ihre Anerkennung und deshalb sind wir versucht, das zu schreiben und zu lehren, was mit den Idealen der Hochschulen und den theologischen Empfindsamkeiten übereinstimmt.

Oder wir suchen nach dem Nervenkitzel jener intellektuellen Perfektion, die nicht mit traditionellen Formulierungen belastet ist. Aber wie Donald MacKinnon einmal beobachtet und William Abraham uns zudem erinnert hat, schützen die großen orthodoxen Glaubensbekenntnisse die Christen üblicherweise vor der Genialität der Klugen und den intellektuell Überlegenen.

Die geläufigste Versuchung besteht heute darin, die Moraltheologie von der Dogmatik zu trennen, was in neupietistischer Mode bedeutet, dass Lehre und Moral letztendlich unwichtig sind, solange es warme, flauschige Gefühle über Jesus gibt.

Oder wir reduzieren die Schrift auf den menschlichen Ausdruck jener religiösen Erfahrung, die selbst außerhalb des biblischen Textes zu finden ist. Dabei übergehen wir jedoch rücksichtslos den Anspruch der Schrift an sich selbst, nämlich nicht Weisheit zu sein, wie Menschen sie lehren, „sondern Worte, wie der Geist sie lehrt“ (1Kor 2,13).

Eine gekürzte Version seines Aufsatzes ist bei First Things erschienen: www.firstthings.com.

VD: NK

Bono lobt die Evangelikalen

Am Donnerstag wird Focus on the Family ein mit Spannung erwartetes Gespräch mit Bono von der Band U2 veröffentlichen. Bono dankt im Interview den Evangelikalen für ihren Einsatz gegen AIDS/HIV in Afrika. Bono:

Und ich möchte auch den Evangelikalen dafür danken, da dass ohne ihre Führungsverantwortung nicht passiert wäre. Sie haben wie ich George Bush und die Regierungsverwaltung zum Handeln gedrängt, sie verdienen tatsächlich Lob dafür, dass sie damit begonnen haben.

Mehr bei CTblog.christianitytoday.com.

Brian McLaren: Unterstützung für Rob Bell

Wir leben in aufregenden Zeiten. Das empfehlenswerte Blog „Sex and Culture“ gebraucht im Zusammenhang mit aktuellen ethischen Neuorientierungen das Bild der „Dammbrüche“. Das passt gut. Leider auch im Blick auf die Kirche.

In wenigen Tagen wird die EKD eine Orientierungshilfe zum Familienverständnis herausgeben. Ich rechne damit, dass sich die EKD durch die Verlautbarung ausdrücklich vom jüdisch-christlichen inspirierten Familienbegriff verabschiedet. Schon auf Seite 13 ist zu lesen (Zwischen Autonomie und Angewiesenheit, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013):

Angesichts der Vielfall biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familialen Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und damit Orientierung geben. Ein normatives Verständnis der Ehe als „göttliche Stiftung“ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterollen aus der Schöpfungsordnung einsprechen nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.

Zeitzeichen fragt in der Buchvorstellung, wie es um die Segnung homosexueller Paare stehe (6/13, S. 17)?

Durch das biblische Zeugnis klinge als ,Grundton‘ vor allem der Ruf nach einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, nach einer Treue, die der Treue Gottes entspreche. Somit „sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften (…) auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen“.

Diese Entwicklung in der EKD kann kaum überraschen. Doch auch im evangelikalen Raum des Protestantismus tut sich etwas. Steve Chalke wirbt für Anerkennung homosexueller Partnerschaften. Kürzlich hat sich Rob Bell ähnlich geäußert. Unterstützung hat er von Brian McLaren erhalten, der sich im April in einer Videobotschaft dem Votum von Rob Bell anschloss.

Auch dies dürfte Kenner der Szene nicht überraschen. Entscheidend für diese Neuorientierung ist das Bibelverständnis der Verantwortlichen. Sie glauben nicht mehr an die Verbindlichkeit und Kraft des Wortes Gottes und behaupten mit Nachdruck und „gewiss“, dass die Bibel nicht mehr die Norm für theologische und ethische Entscheidungen sein kann. (Ich frage mich dann immer, woher sie in dieser Frage ihre Gewissheit nehmen.) 2007 haben ich in einem factum-Artikel über McLaren dazu geschrieben (nachzulesen auch hier):

Eine konsequente Kontextualisierung des Evangeliums verlange, dass die Heilige Schrift durch die Kultur der heutigen Glaubensgemeinschaft verstanden werde. Die Botschaft der Bibel müsse zusammen mit den Methoden der Verkündigung immer wieder überdacht und modifiziert werden (McLaren, 2003: 210). So kann die Bibel nicht mehr der Maßstab aller Maßstäbe sein, sondern nur noch eine Folie von menschlichen Erfahrungen, durch die Gott sich mehr oder weniger verständlich mitteilt.

Und weiter:

Leider ist zu befürchten, dass genau das eintritt, was McLaren vermeiden will: Die Gegenwartskultur wird die Botschaft des Evangeliums mehr und mehr überdecken. Wenn es nur noch miteinander vergleichbare Kulturen gibt, kann Kultur irgendwann nicht mehr vom Evangelium unterschieden werden. So wird das Christentum mehr und mehr Zeugnis ablegen von der Kultur, die es umgibt. Der Auftrag der Kirche Gottes besteht aber darin, das überzeitliche Evangelium von Jesu Tod und Auferstehung zu bezeugen. Das Evangelium kennt kein Verfallsdatum, sondern „ist den Heiligen ein für allemal überliefert worden“ (Jud 3).

Es ist eingetreten.

Das Gewaltniveau in den Familien

Vor einigen Tagen hörte ich von der „Gewaltstudie 2013“, die im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung von der Universität Bielefeld unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Holger Ziegler umgesetzt wurde. „Gewalt ist in Deutschland für viele Heranwachsende erschreckender Alltag. Fast ein Viertel (22,3 Prozent) wird von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen; 28 Prozent davon sind Kinder ab sechs Jahren, etwa 17 Prozent Jugendliche“ ist in der Zusammenfassung zu lesen. Für die Studie wurden 900 Kinder und Jugendliche in den Altersgruppen zwischen 6 bis 11 und 12 bis 16 Jahren interviewt. Die strukturierten Gespräche wurden in den Städten Berlin, Köln und Dresden von geschulten Befragern geführt.

Diese Daten erinnerten mich an die Untersuchungsergebnisse einer Studie des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen“ (KFN), die vor einigen Jahren vor allem durch den NDR öffentlichkeitswirksam verbreitet worden sind. Christian Baars fasst die Ergebnisse dieser Studie mit folgenden entschlossenen Worten zusammen: „In sehr religiösen freikirchlichen Familien werden Kinder demnach besonders häufig Opfer von Gewalt. Mehr als jeder sechste freikirchliche Schüler hat in der Kindheit schwere elterliche Gewalt erlebt. Und: Je religiöser die Eltern sind, desto häufiger und massiver schlagen sie ihre Kinder. Bei den katholischen und evangelischen Schülern liegt die Quote deutlich tiefer.“ Grundlage für die „KFN-Studie“ bildeten zwei Befragungen. Einmal wurden 45.000 Schüler aus der neunten Jahrgangsstufe (also zwischen 14 und 15 Jahre alt) und ein zweites Mal ungefähr 11.500 Erwachsene befragt. „Von diesen Jugendlichen gehören 11.831 dem katholischen Glauben, 11.627 dem evangelischen Glauben an. Unter den evangelischen Jugendlichen finden sich insgesamt 431 Schüler, die angaben, einer Freikirche anzugehören. Um welche Freikirche es sich genau handelt, wurde nicht erfragt“ (S. 3).

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Studie durch die Aussage, dass sich bei den evangelisch-freikirchlichen Jugendlichen das höchste innerfamiliäre Gewaltniveau ermitteln ließ. Die evangelisch-freikirchlichen Schüler bildeten die mit Gewalt am stärksten belastete Gruppe. „Am deutlichsten zeigt sich dies in Bezug auf die Nicht-Akademiker-Familien: 17,4 % der evangelisch freikirchlichen Schüler haben in ihrer Kindheit schwere elterliche Gewalt erlebt …“ (S. 6). Hinzu kommt, „dass mit stärkerer Religiosität das Ausmaß innerfamiliärer Gewalt zunimmt“ (S. 6). In der Zusammenfassung heißt es entsprechend (S. 13):

„Mitglieder evangelisch-freikirchlicher Gemeinden sind von ihren Eltern öfter geschlagen worden als Befragte aus evangelischen oder katholischen Gemeinden. Vor allem aber wird eine Besonderheit deutlich: Je religiöser evangelisch-freikirchliche Eltern sind, umso häufiger und massiver schlagen sie ihre Kinder. Für katholische und evangelische Befragte hat sich dieser Zusammenhang nicht bestätigt. Im Gegenteil: Bei den katholischen Befragten zeigt sich sogar eine gegenteilige Tendenz.“

Erklärt wird der Befund vornehmlich mit den rigiden Erziehungsvorstellungen der Eltern (S. 14):

 „Eine Erklärung für diese Befunde dürfte sein, dass in den freikirchlichen Gemeinden und hier insbesondere unter den Hochgläubigen noch immer antiquierte Erziehungsvorstellungen aufrechterhalten werden, die Gewalt als legitimes Mittel einschließen und die mit in der Bibel geäußerten Erziehungsvorstellungen übereinstimmen.“

Verantwortet wurde die „KFN-Studie“ von Christian Pfeiffer und Dirk Baier. Bei meinem Versuch, insbesondere die Sorgen des Kriminologen Christian Pfeiffer besser zu verstehen, bin ich auf seinen Vortrag „ Parallel Justice – warum brauchen wir eine Stärkung des Opfers in der Gesellschaft?“ gestoßen. Dieser Vortrag eröffnet aufschlussreiche Einblicke in sein pädagogisches Menschenbild.

Für Pfeiffer ist die Urform „schwerer Viktimisierung“ (jemanden zum Opfer machen) eine alte religiös begründete Erziehungsmethode. Hinter dem Glauben, Kinder durch Züchtigung erziehen zu können, „steht der religiöse Glaube an eine angeborene Verderbtheit und Erbsünde des Menschen. Dem galt es, von Beginn an mit aller Härte entgegen zu wirken. ‚Kindern den Teufel aus dem Leib prügeln‘, war über Jahrhunderte mehr als nur eine Redewendung“ (S. 1).

Während Pfeiffer also namentlich den christlichen Ursündengedanken für innerfamiliäre Gewalt verantwortlich macht, schwärmt er für die romantische Pädagogik, wie sie beispielsweise bei Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf zu finden ist.

„Doch dann entdeckten unabhängige Köpfe im Zeitalter der Aufklärung ganz andere Zusammenhänge. Von dem französischen Philosophen und Humanisten Michel de Montaigne stammt die Aussage: ‚Von der Rute habe ich bisher keine andere Wirkung gesehen, als dass sie die Kinder zu Kriechern oder zu immer verstockteren Bösewichtern machte‘. 1692 wandte sich der englische Philosoph John Locke in seinem Werk ‚Gedanken über Erziehung‘ gegen das Konzept der angeborenen Verderbtheit, die man durch Prügel bekämpft. Zitat: ‚Kinder sind wie weißes Papier oder wie Wachs, das man positiv und negativ gestalten und formen kann‘. Und 70 Jahre später setzte Jean Jacques Rousseau dem christlichen Begriff der Ursünde den der kindlichen Unschuld entgegen. Kinder sollten die Chance erhalten, ihre Kreativität zu entfalten und selber aus ihren Erfahrungen schrittweise zu lernen. Es dauerte dann jedoch weitere 200 Jahre, bis in Schweden und den nordischen Ländern die wunderbaren Kinderbücher von Astrid Lindgren den Boden für eine grundlegende Reform vorbereiteten.“

Dazu drei kurze Gedanken:

(1) Ich kenne weder eine Bekenntnisschrift noch einen Christen, der meint, die Erbsünde aus einem Menschen herausprügeln zu können. Die Antwort auf die von uns Menschen ererbte Neigung zum Bösen heißt Gnade, Vergebung sowie eine aufrichtige Liebe zu Gott und dem Nächsten. Zwar lassen sich etwa bei einflussreichen pietistischen Pädagogen Texte finden, die davon sprechen, dass der natürliche Eigenwille des Kindes „gebrochen“ werden müsse. Aber das ist eben etwas anderes als Herausprügeln des Teufels oder der Sünde. Die maßgeblichen Erziehungsmittel für August Herrmann Francke hießen „Vorbild, Verheißung und Strafe (Aufsicht), das Gebet und der Unterricht“ (Philipp vom Stein, Der Blick auf das Kind, 2005, S. 7., der sich beruft sich auf: Peter Menck, Die Erziehung der Jugend zur Ehre Gottes, Tübingen: 2001, S. 43-62.).

(2) Pfeiffer wischt das christliche Menschenbild einfach beiseite und beruft sich auf eine „aufgeklärte Pädagogik“, die davon ausgeht, dass der Mensch ein unbeschriebenes Blatt ist (John Locke) oder von Natur aus gut erst durch falsche Erziehung zum Bösen verbogen wird (Jean-Jacques Rousseau).

So sehr ich dafür dankbar bin, dass Pfeiffer damit seinen pädagogischer Unterbau offengelegt, so sehr wundert es mich, dass glattweg der Eindruck erweckt wird, dieses humanistische Menschenbild sei unbestreitbar gültig. Einsichten anderer großer Pädagogen, unter ihnen Comenius, Hobbes oder Pestalozzi, werden einfach ausgeblendet. Gerade Letzterer war einst Anhänger Rousseaus, hat sich aber nach eingängiger pädagogischer Arbeit von ihm abgewandt. In seiner reifen Phase war er davon überzeugt, dass der Mensch ambivalent offen ist für Gutes und Böses. Das Menschenbild der „Pipi Langstrumpf-Pädagogik“ mag weit verbreitet sein, gut begründet ist es nicht. Es ist schon gar nicht die heute einzig vertretbare Sichtweise auf den Menschen.

Meines Erachtens werden wir derzeit auf eher unangenehme Weise mit den Einseitigkeiten jener Menschenbilder konfrontiert, die auf die Unschuld des Kindes setzen. Aus „süßen Pipis“ können nämlich Tyrannen werden. Gerade das christliche Menschenbild erscheint mir demgegenüber realitätsbezogen und aufgeklärt. Es geht davon aus, dass jeder Mensch einerseits ein wertvolles Geschöpf Gottes ist (in der Bibel auch „Ebenbild Gottes“ genannt, vgl. Gen 1,27), andererseits nimmt es die Disposition zum Bösen ernst. Das christliche Menschenbild ist weder so naiv wie das von Rousseau oder Locke, noch ist es so hoffnungslos deterministisch wie das vieler posthumanistischer Soziobiologen oder Geistphilosophen (z. B. Richard Dawkins oder Wolf Singer).

(3) Was ich aber eigentlich sagen möchte (obwohl ich natürlich weiß, dass Studien sich seriös nicht so einfach gegenüberstellen lassen): Nach Pfeiffer erleben unter den freikirchlichen Nicht-Akademiker-Familien 17,4 % Gewalt. Dieser Wert entspricht ungefähr den 17 % unter den Jugendlichen zwischen 12–16, die laut der „Gewaltstudie 2013“ familiäre Gewalt erfahren. Demnach läge die innerfamiliäre Gewalt in den evangelisch-freikirchlichen Kreisen ungefähr genauso hoch wie die in der Gesamtbevölkerung. Zieht man die Pauschalaussagen der Studien heran, erleben in den freikirchlichen Kreisen weniger Kinder Gewalt (jeder sechste Schüler) als Kinder in der Gesamtbevölkerung (jeder vierte Schüler).

Das ist sicher kein Grund zur Entwarnung, zeigt aber, dass der Befund im Blick auf die Freikirchen auch keinen Anlass für Panikmache gibt.

David Wells: Kein Platz für Wahrheit

Im zweiten Teil des Gesprächs zwischen David Garner und David Wells geht es um die Entfremdung der evangelikalen Theologie vom Denken. Kurz: Woher kommt die denkfaule und vor allem therapeutisch ausgerichtete Verkündigung in den evangelikalen Kreisen? Die Antwort: Es hat etwas mit unserer Lebenskultur zu tun, die unsere Gottesdienste und Predigten imprägniert. Impulse für eine Erneuerung der Theologie sieht Wells in der christozentrischen „Biblischen Theologie“, wie sie beispielsweise von John Piper betrieben wird.

Professor Wells hat übrigens am WTS einen Vortrag über 1. Kor 1,21 gehalten, wo es heißt: „Denn da die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, auf dem Weg der Weisheit Gott nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung jene zu retten, die glauben.“ Hier der Mitschnitt des Vortrags „The Stupidity of Preaching and the Contemporary Moment“.

Hier Teil 2 des exzellenten Interviews!

Offener Brief an die postpartisanen Evangelikalen

In Nordamerika sorgt derzeit ein offener Brief für ziemlich viel Furore. David French beschreibt in seinem „Open Letter to Young, ‚Post-Partisan‘ Evangelicals“ seinen persönlichen Kampf mit und um einen gesellschaftsrelevanten Lebensstil. David zeigt, dass es sich bei dem Vorwurf des Rechtskonservatismus um einen Mythos handelt. Evangelikale geben seit langem deutlich mehr Geld für die Armutsbekämpfung aus als für den sogenannten „Kulturkampf“. Der Anwalt schreibt:

Im Jahr 2011 recherchierte ich die Budgets der führenden „Kulturkampf-Organisationen“ und verglich sie mit den führenden christlichen „Anti-Armuts-Organisationen“. Hier, was ich gefunden habe:

… Lassen Sie uns nur drei ansehen: World Vision, Compassion International, und Samariters Purse. Ihre jährlichen Bruttoeinnahmen (wieder, nach dem neuesten vorliegenden Formular 990s) betragen mehr als US$ 2,1 Milliarden. Die kleinste der drei Organisationen (Samariters Purse) hat höhere Bruttoeinnahmen als alle große „Pro-Life“-Organisationen in den Vereinigten Staaten zusammen. World Vision, die größte dieser Organisationen, nimmt nicht nur in mehr als 1 Milliarde Dollar pro Jahr ein, sondern hat auch mehr als 1.400 Mitarbeiter und 43.000 Freiwillige.

Mit anderen Worten: Christen geben überwältigend viel Geld für die Armutsbekämpfung aus, nicht für Anliegen des Kulturkampfes. Dass die Evangelikalen so anders dargestellt werden, haben wir vor allem Medienkampagnen zu verdanken, denen wir nicht so naiv glauben sollten.

David bekennt weiter:

Inzwischen glaube ich die Lüge nicht mehr, dass es in unserer Kultur für Christen einen Weg gibt, auf dem sie von allen oder den meisten Leute geliebt werden. Ich glaube nicht mehr die Lüge, die amerikanische Christen seien „zu politisch“ und wenn wir nur weniger über Abtreibungen sprächen, würden wir mehr geachtet.

Hier die ganze Geschichte: www.patheos.com.

VD: JT

Interview mit Kevin Vanhoozer

Kevin Vanhoozer war Blanchard Professor für Theologie am Wheaton College  und geht nun wieder zurück an seine ehemalige Wirkungsstätte Trinity. Justin Taylor hat sich 2009 mit ihm über die evangelikale Theologie und einige Buchprojekte gesprochen. Das Interview ist immer noch interessant.

I have a pet theory: every significant intellectual and cultural trend eventually shows up in the way people read the Bible. Is there an alternative to imposing theoretical frameworks onto the Bible? Do all interpretive frameworks do an equally good job at preserving the integrity of the gospel, and hence the significance of Jesus Christ?

A related issue concerns the conversation between exegetes and systematic theologians about biblical interpretation. We have a long way to go fully to heal the Enlightenment split between biblical studies and dogmatics. No one – neither church nor society nor academy – really benefits from this balkanization of theological studies.

Finally, I’m concerned that the attitude that „no one can really know the truth” has seeped into the evangelical mind. From the (correct, in my opinion) premise that no tradition gives us exclusive access to absolute truth, some infer (incorrectly, in my opinion) that it really doesn’t matter which, if any, tradition we inhabit. For my own part, I’d rather reside in a house with a leaky roof or basement than rough it on the street.

Hier: thegospelcoalition.org.

Die Kapstadt-Verpflichtung

Passend zur Diskussion über den „Evangelikalismus“ hier der Verweis auf eine deutsche Übersetzung der so genannten Die Kapstadt-Verpflichtung: „Ein Bekenntnis des Glaubens und ein Aufruf zum Handeln“. Im Vorwort heißt es:

Beim Dritten Lausanner Kongress über Weltevangelisation (Kapstadt, 16. – 25. Oktober 2010) kamen 4,200 evangelikale Leiter aus 198 Ländern zusammen und weitere Hunderttausende nahmen in Meetings rund um die Welt sowie online daran teil. Das Ziel? Eine neue Herausforderung darzulegen und Zeugnis zu geben von Jesus Christus und seiner Lehre, in jeder Nation, in jeder Gesellschaftsschicht und in allen Ideenbereichen der globalen Gemeinde,

Die Frucht dieses Unterfangens ist die Kapstadt-Verpflichtung. Sie ist Teil einer historischen Reihe, indem sie auf den Lausanner Bund und das Manifest von Manila aufbaut. Die Kapstadt-Verpflichtung besteht aus zwei Teilen. Teil I beschreibt die biblischen Überzeugungen, die uns in den Schriften weitergegeben werden und Teil II ruft auf zum Handeln.

Wie wurde Teil I zusammengestellt? Zum erstenmal diskutierte man darüber in Minneapolis im Dezember 2009, als 18 eingeladene Theologen und evangelikale Leiter aus allen Kontinenten zusammenkamen. Eine kleinere Gruppe, geleitet von Dr. Christopher J. H. Wright, Vorsitzender der Lausanner Theologischen Arbeitsgruppe, wurde gebeten, ein Schlussdokument zusammenzustellen, um es dem Kongress vorzulegen.

Wie wurde Teil II zusammengestellt? Mehr als drei Jahre vor dem Kongress begann ein aufwendiger Prozess des Zuhörens. Jeder der Internationalen Stellvertretenden Direktoren der Lausanner Bewegung organisierte Informationsgespräche in seiner Region und christliche Leiter wurden gebeten, die großen Herausforderungen, denen die Gemeinde gegenübersteht, zu ermitteln. Daraus entwickelten sich sechs Kernpunkte. Sie bestimmten erstens das Kongressprogramm und formten zweitens den Rahmen für den Aufruf zum Handeln. Der Prozess des Zuhörens ging weiter beim Kongress, als Chris Wright und die Arbeitsgruppe, die den Bericht zusammengestellt hatte, alle Beiträge genauestens aufzeichneten. Es war eine Herkules-Aufgabe und eine enorme Anstrengung.

Während der nächsten zehn Jahre wird die Kapstadt-Verpflichtung der „Fahrplan” der Lausanner Bewegung sein. Ihr prophetischer Aufruf zur Arbeit und zum Gebet wird, so hoffen wir, Gemeinden, Missionsorganisationen, Seminare, Christen am Arbeitsplatz und Studentengemeinschaften auf dem Campus einbeziehen und jeden veranlassen, seinen Teil zur Verwirklichung beizutragen.

Viele Lehraussagen bestätigen, was die Gemeinde glaubt. Doch wir wollten weitergehen und den Glauben mit der Praxis verbinden. Unser Vorbild war der Apostel Paulus, dessen theologische Lehre durch praktische Instruktionen mit Leben erfüllt wurde. Im Kolosserbrief zum Beispiel, geht seine tiefgründige und wunderbare Darstellung der Vorherrschaft Christi über in eine realistische, gemeinverständliche Lehre, was es bedeutet, in Christus verwurzelt zu sein.

Wir erkennen, was der Kern des christlichen Evangeliums ist, nämlich die grundlegenden Wahrheiten, über die Einigkeit bestehen muss. In zweitrangigen Fragen hingegen können echte Christen unterschiedlicher Meinung sein, wie in der Interpretation dessen, was die Bibel lehrt oder verlangt. Wir haben daran gearbeitet, Lausannes Prinzip der „Breite innerhalb Grenzen“ zu entwickeln, und im Teil I sind die Grenzen klar definiert.

Es hat uns gefreut, während dieses ganzen Prozesses mit der Weltweiten Evangelischen Allianz zusammenzuarbeiten, die uns in jeder Phase ein guter Partner war. Die Leiter der WEA sind in voller Übereinstimmung mit dem Bekenntnis des Glaubens und dem Aufruf zum Handeln.

Während wir in der Lausanner Bewegung über die evangelikale Tradition sprechen und schreiben, bestätigen wir die Einheit des Leibes Christi und freuen uns, dass es innerhalb anderer Traditionen viele Nachfolger Jesu Christi gibt. In Kapstadt durften wir führende Vertreter aus verschiedenen historischen Kirchen mit anderen Brauchtümern als Beobachter willkommen heißen, und wir vertrauen darauf, dass die Kapstadt-Verpflichtung auch eine Hilfe für alle Kirchen und Gemeinden sein wird, gleich welcher Überlieferungen. Wir bieten dies an in einem Geist der Demut.

Was sind unsere Hoffnungen für die Kapstadt-Verpflichtung? Wir vertrauen darauf, dass man darüber spricht, diskutiert, und dass ihr, als eine vereinigte Erklärung von Evangelikalen in der ganzen Welt, ein bestimmter Stellenwert zugesprochen wird; dass sie entscheidende Impulse im christlichen Dienst setzt; dass sie führende Denker in der Öffentlichkeit stärkt; und dass mutige Initiativen und Partnerschaften daraus hervorgehen.

Möge das Wort Gottes Licht auf unserem Weg sein, und möge die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mit jedem Einzelnen von uns sein.

Hier die Erklärung: www.lausanne.org.

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