Martin Luther

Luther: Wenn du Christus aus den Schriften nimmst

Martin Luther schreibt in De servo arbitro über die Klarheit der Heiligen Schrift:

Nimm Christus aus den Schriften – was wirst du noch in ihnen finden? Was in den Schriften enthalten ist, liegt aber alles offen zu Tage, auch wenn manche Stellen bis jetzt wegen unbekannter Worte undeutlich sind. Töricht aber ist es und gottlos, wenn man weiß, dass die Dinge der Schrift ganz klar zu Tage liegen, und dann behauptet, wegen weniger undeutlicher Worte seien die Dinge selbst undeutlich. Wenn die Worte an einer Stelle undeutlich sind, sind sie doch an einer anderen Stelle klar. Ein und dieselbe Sache aber, ganz deutlich der ganzen Welt erklärt, wird in der Schrift mal mit klaren Worten ausgesagt, mal verbirgt sie sich bisher hinter undeutlichen Worten. Nun macht es nichts, wenn die Sache am Licht ist, ob irgendein Zeichen in Dunkelheit liegt, weil ja unterdessen viele andere ihrer Zeichen am Licht sind. Wer würde sagen, ein öffentlicher Brunnen sei nicht am Lichte, bloß weil die, die in einer Seitengasse stehen, ihn nicht sehen, alle anderen aber, die auf dem Markt stehen, ihn sehen?

…

Dass aber vielen vieles dunkel bleibt, geschieht nicht durch die Undeutlichkeit der Schrift, sondern durch die Blindheit und den Stumpfsinn derer, die nichts tun, um die überaus klare Wahrheit zu sehen. So wie Paulus von den Juden 2Kor 4 sagt: »Die Decke bleibt über ihren Herzen.« Und wiederum: »Wenn unser Evangelium verhüllt ist, ist es in denen verhüllt, die verloren gehen, deren Herzen der Gott dieser Welt verblendet hat.« Mit derselben Unverfrorenheit könnte der die Sonne oder den Tag als dunkel beschuldigen, der sich selbst die Augen verhüllt oder vom Licht in die Dunkelheit geht und sich verbirgt. Die elenden Menschen sollen also aufhören, die Finsternis und die Dunkelheit ihres Herzens in gotteslästerlicher Verkehrung den Schriften Gottes anzulasten, die ganz und gar klar sind.

Das kurze Zitat verteidigt nicht nur eine christo-zentrische Hermeneutik, es stellt eindrücklich heraus, wie sehr sich die Erwartungshaltung vieler Theologen heute von der der Reformatoren damals unterscheidet. Während Luther Schwierigkeiten bei der Schriftauslegung mit der geistlichen Verschlossenheit des in sich selbst verkrümmten Menschen begründete, heißt es heute oft: »Da hätte Gott sich eben verständlicher erklären müssen!«

Noch einmal Luther dazu: »Die elenden Menschen sollen also aufhören, die Finsternis und die Dunkelheit ihres Herzens in gotteslästerlicher Verkehrung den Schriften Gottes anzulasten …«

Luther: Auf den Gerechten wartet das Gericht

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Da die Gerechtigkeit der Gläubigen in Gott verborgen ist, ihre Sünde aber offenkundig in ihnen selbst, ist es wahr, dass nur die Gerechten verdammt werden, die Sünder und Dirnen aber gerettet werden. Das ergibt sich hinsichtlich des ersten, weil die Gerechtigkeit der Gläubigen allein aus der Zurechnung Gottes kommt, gemäß dem Spruch Ps 32: »Glückselig der Mann, dem Gott die Sünde nicht zugelechnet hat«, und in einem anderen Psalm: »Meine Hilfe [kommt] vom Herrn«, und Hos 13: »Du [bist] dein [eigenes] Verderben, Israel, aber in mir ist Hilfe.« Das zweite ergibt sich daraus, dass ein anderer Psalm die Sünde öffentlich bekennt, »die immer in mir ist«, das heißt, in meinen Augen bin ich immer Sünder. Und der Apostel Gal 3 [richtig: Kol 3]: »Ihr seid gestorben«, sagt er, »und euer Leben ist verborgen in Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit«. Folglich ist jeder Heilige bewusst Sünder, unbewusst aber ein Gerechter, Sünder der Tatsache nach, Gerechter der Hoffnung nach, Sünder tatsächlich, Gerechter jedoch durch die Zurechnung des sich erbarmenden Gottes. Also ist es wahr, dass nur die Gerechten, das heißt, die Gerechten, die sich selbst keine Sünde zurechnen, in ihren Übeltaten verdammt werden. Die Dirnen aber, oder diejenigen, die sich selbst Sünden zurechnen und in ihren eigenen Augen Dirnen und Sünder sind, aber ihre Gottlosigkeit dennoch GOTT bekennen und zur rechten Zeit dafür um Vergebung bitten, auf ihn und nicht auf sich selbst hoffen, werden gerettet. Dazu passt es, dass der Herr den Priestern und Schriftgelehrten sagte: »Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und Sünder vor euch in das Reich Gottes eingehen werden.« Ebenso: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.« »Die Kranken bedürfen des Arztes.« »Es ist größere Freude über einen Sünder« usw.

Luther: Gnade ist notwendig unverdient

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Joh 15: »Ohne mich könnt ihr nichts tun.« Desgleichen: »Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben wird.« Der Apostel [sagt] 1Kor 4: »Was hast du denn, das du nicht empfangen hast?« Und durch viele andere [Stellen] des Neuen und Alten Testaments wird schlüssig so gelehrt, am meisten durch den Propheten Hesekiel, wo Gott geradezu sagt, er lasse sich durch keine guten Verdienste der Menschen veranlassen, sie gut zu machen, als gehorchten sie seinen Geboten; sondern vielmehr vergelte er ihnen Gutes für Böses und tue dies um seiner selbst willen, nicht um ihretwillen. Er sagt nämlich: »Das sagt der Herr dein Gott: ›Das werde ich dem Haus Israel um meines heiligen Namens willen tun, den ihr entheiligt habt unter den Heiden‹.« Und nach vielen Worten des Propheten folgt: »Nicht euretwegen tue ich das, spricht Gott der Herr, damit ihr es nur wisst.« Aus diesen [Aussagen] allen [folgert] St. Augustinus, der Verteidiger der Gnade, zusammen mit dem heiligsten Apostel, dem Prediger der Gnade, dass es nicht an des Menschen Wollen und Laufen liege, sondern am Erbarmen GOTTES, der Strafe nur auferlegt, wenn sie verdient ist, Erbarmen hingegen nur, wenn es unverdient ist. Folglich werden Verdienste, die der Gnade vorangehen, hinfällig und nichts sein. Notwendigerweise bleibt also der Mensch ohne Gnade ein Sohn des Zornes, weil es allein die Söhne GOTTES sind, die vom Geist GOTTES getrieben werden.

Martin Bucer begegnet Luther

In seinem Vortrag beim Festakt anlässlich des 400. Todestages Bucers sagte Heinrich Bornkamm über das Zusammentreffen von Luther und Bucer im Frühjahr 1518 (Heinrich Bornkamm, Martin Bucers Bedeutung für die europäische Reformationsgesichte, Gütersloh: Bertelsmann Verlag, 1952, S. 7):

Am 26. April 1518 erlebte Heidelberg ein akademisches Ereignis, das an der Universität mit höchster Spannung erwartet wurde. Der seit einem halben Jahr berühmt gewordene und heiß umstrittene Wittenberger Professor und Augustinermönch Luther war anlässlich eines in Heidelberg tagenden Generalkapitels der deutschen Kongregation seines Ordens beauftragt worden, eine Disputation abzuhalten. Der Hörsaal des Klosters war von Mönchen, jungen Magistern und Studenten überfüllt. Luther hat einen guten Fang in ihm getan: eine große Zahl der späteren Reformatoren Süddeutschlands saß damals zu seinen Füßen. Niemand unter ihnen war stärker erregt und gepackt als ein sechsundzwanzigjähriger Magister aus dem Heidelberger Dominikanerkloster: Martin Bucer. Er schrieb wenige Tage später an seinen Freund, den Humanisten Beatus Rhenanus, einen langen, vor Begeisterung überströmenden Brief, in dem er ihm nicht nur die wichtigsten Thesen Luthers mit ausführlicher Begründung mitteilte, sondern auch – bezeichnend für seine Beobachtungsgabe – die Eleganz der Lutherschen Gesprächsführung schilderte und mit humanistischer Stilkünsten pries. Aber auch Luther bekam von dem temperamentvollen Elsässer, dessen Gesicht sich durch eine auffallend bräunliche Hautfarbe, scharf geschnittene Züge und eine mächtig hervorspringende Maße einprägte, einen starken Eindruck. Unerwartet schlug ihm aus den Reihen des feindlichen Ordens, der bereits in Rom den Ketzerprozess gegen ihn beantragt hatte, eine stürmische Zuneigung entgegen, die sein Vertrauen gewann. Der Generalvikar der Augustiner, Staupitz, und sie luden Bucer auf den folgenden Tag zum Treffen ein, bewirteten ihn – was dieser noch nach zwei Jahren nicht zu erwähnen vergisst – aufs beste und führten ein Gespräch mit ihm, das ihm unvergesslich blieb. Die Begegnung in den Heidelberger Frühjahrstagen war für die beiden Männer von schicksalvoller Bedeutung. Luther fand in Bucer den Mann, der wie sein anderer seine lehre am Oberrhein ausbreiten und ihm eines Tages nach jahrelangen Kämpfen zwischen der Lutherschen und der evangelischen Süddeutschen wieder zuführen sollte. Und Bucer fand in Luther seinen Befreier, der ihm half, eine ihm längst fremd gewordene Glaubens- und Lebensform wirklich zu überwinden; er fand in ihm die Mitte seines künftigen Lebens, die ihn, auch wenn er sich zeitweilig weit von ihr entfernte, doch immer wieder mit magnetischer Kraft anzog und bestimmte Bahnen nicht mehr überschreiten ließ.

Hat Luther seine 95 Thesen angeschlagen?

Noch ist nicht Sommer, doch die Redaktionen kramen bereits nach verwertbarem Material in ihren Archiven. DIE WELT online meldet:

Der 31. Oktober 1517 gilt als Initialzündung der Reformation. Doch für den Wittenberger Thesenanschlag fehlen die Beweise. Hat Luther also die Thesen an die Domtür geschlagen?

Vieles spricht dafür, dass sie nicht mehr sind als eine schöne Legende. Es kam zwar öfter vor, dass Thesen öffentlich angeschlagen wurden. Wenn ein Professor zu einer Disputation auffordern wollte, schickte er seine Thesen an den Dekan der Universität. Der übergab sie dem Pedell, dieser hängte sie in der Universität auf und nagelte sie an die Kirchentüren Wittenbergs. Luther aber tat dies wahrscheinlich nie. Warum glauben wir trotzdem daran?

Weil wir es wollen. Das wäre die leichteste Antwort. Es passt ins Bild. So wie der Satz „Hier stehe ich und kann nicht anders“, den Luther übrigens auch nie gesagt hat. Ein wortgewaltiger Reformator, getrieben von historischer Notwendigkeit: So sahen ihn schon viele Zeitgenossen. Philipp Melanchthon etwa, der Humanist und Weggefährte Luthers. Als er kurz nach Luthers Tod dessen Werke herausgab, schrieb er im Vorwort von den Ablassthesen, die Luther „öffentlich an der Kirche in der Nähe des Wittenberger Schlosses am Vortage des Festes Allerheiligen angeschlagen“ habe.

DER SPIEGEL berichtete schon im Januar 1966 über den Reformator ohne Hammer:

Im Herbst 1517 hatte Universitätslehrer Luther davon erfahren, daß der Ablaßhandel – Erlaß von Sündenstrafen gegen Geld – auf einer kirchlichen Dienstanweisung beruhte. Luther lehnte solche Sitten ab: Am 31. Oktober 1517 forderte er den Erzbischof Albrecht von Magdeburg-Mainz als verantwortlichen päpstlichen Ablaßkommissar in einem Brief auf, „den Ablaßpredigern eine andere Predigtweise zu befehlen“. Dem Schreiben fügte Luther die kurze Zusatzbemerkung an, der hochwürdigste Bischof möge bitte die beigefügten 95 Thesen zur Kenntnis nehmen. Daß er die Thesen noch am selben Tag an die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlagen wollte, schrieb Luther seinem Bischof nicht.

Tatsächlich hat weder Luther noch einer seiner Zeitgenossen diesen demonstrativen Akt, der nach gängiger Meinung das Startsignal zur Reformation war, jemals beschrieben. Auch in den erhalten gebliebenen Nachrufen auf Luther ist nirgends davon die Rede, daß er der Mann gewesen sei, der sich mutig und mit einem Hammer an der Kirchentür zu schaffen gemacht habe.

Über diese Sternstunde der evangelischen Menschheit berichtete vielmehr erst knapp dreißig Jahre danach der Humanist Philipp Melanchthon in seiner Vorrede zum 2. Band der gesammelten Werke des Reformators: „Luther, brennend von Eifer für die rechte Frömmigkeit, gab Ablaßthesen heraus, die im 1. Band dieser Ausgabe gedruckt sind. Diese hat er öffentlich an der Kirche in der Nähe des Wittenberger Schlosses am Vortag des Festes Allerheiligen 1517 angeschlagen.“

Und im November 2008 schrieb der Focus:

Doch ob sich die Szene vom Thesenanschlag im Städtchen Wittenberg tatsächlich so zugetragen hat, wird angezweifelt. 1961 trat ausgerechnet ein katholischer Lutherforscher mit der Erkenntnis an die Öffentlichkeit, in keinem seiner Dokumente habe der Reformator ausdrücklich einen Anschlag der Thesen erwähnt. Erwin Iserloh war der Meinung, dass der Thesenanschlag so nie stattgefunden habe. In der Tat berichtete erst Philipp Melanchthon, ein Weggefährte Luthers, davon – und zwar 1546, in einem Vorwort zum ersten Band der gesammelten Werke Luthers. Der Reformator war zu diesem Zeitpunkt schon tot, konnte also diese Aussage weder bestätigen noch dementieren. Außerdem war Melanchthon 1517 noch nicht in Wittenberg und deshalb kein Augenzeuge des möglichen Thesenanschlags.

Bis 2006 war dieser Stand in der Lutherforschung Gelegenheit zum umfangreichen Austausch bis hin zu Streit unter den Experten … Dann entdeckte der Wissenschaftler Martin Treu von der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena ein Dokument, das die Diskussion um den vermeintlichen Thesenanschlag neu befeuerte: ein handschriftlicher Vermerk von Luthers Sekretär Georg Rörer. Dieser hatte am Ende des Arbeitsexemplars zur Revision des Neuen Testaments von 1540 notiert: „Am Vorabend des Allerheiligenfestes im Jahre des Herren 1517 sind von Doktor Martin Luther Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen worden.“

Hat Luther nun oder hat er nicht? Die Gelehrten mögen weiter darüber streiten. Geschrieben hat Luther die Thesen, das gilt als sicher. Und wir tun gut daran, sie ab und an zu lesen.

Hier: www.luther.de.

Martin Luther und die deutsche Mystik

Der Deutschlandfunk hat in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass Luther in seiner Jugend von der deutschen Mystik geprägt war. Das ist grundsätzlich richtig. Trotzdem vermisse ich den Hinweis darauf, dass sich der reife Theologe Luther von der Mystik distanziert hat und sein Gottesbild mit dem des Mystiker Meister Eckhart nichts zu tun hatte (»Gott und ich, wir sind eins.«).

Martin Luther zur Mystik nach Dionysius:

Dies ist ihre Lehre, die als die höchste göttliche Weisheit ausgegeben wird, von der ich auch einmal überzeugt gewesen bin, doch nicht ohne großen Schaden für mich selbst. Ich ermahne euch, daß ihr diese Mystische Theologie Dionysii … wie die Pest verabscheut.

Interessenten empfehle ich meine kurze Ausarbeitung »Die Mystik oder das Wort«: MystikoderdasWort.pdf.

Hier der Beitrag des DLF:

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