Transformation

Gott nur als Chiffre

Der Systematiker Ulrich Körtner (Wien, Österreich) hat der EKD fĂŒr ihr Zukunftspapier „Kirche auf gutem Grund – Elf LeitsĂ€tze fĂŒr eine aufgeschlossene Kirche“ krĂ€ftig die Leviten gelesen. Kurz: Wenn die Kirche so weitermacht, ist sie weder systemrelevant noch existenzrelevant (Wolfgang Huber). Körtner knackig:

Kein Wort [
] von Tod und Auferstehung Jesu, seiner Heilsbedeutung fĂŒr den Einzelnen wie die Welt im Ganzen. Kein Wort von SĂŒnde und Vergebung, es sei denn nur von Schuld in einem moralischen Sinne, aber nicht als Synonym fĂŒr eine zerrĂŒttete Gottesbeziehung. Kein Wort von Gottesferne oder davon, dass Gott in irgendeiner Weise fehlen könnte.

DafĂŒr findet man in dem Papier Transformationstheologie ohne Ende, die Umdeutung des Missionsbegriffs inklusive:

Zwar liest man irgendetwas von authentischer Frömmigkeit und Glaubenswissen, das weiterzugeben sei, doch wie kann es sein, dass ein Papier mit dem Titel „Kirche auf gutem Grund“ von diesem so wenig zu sagen weiß? Als Bibelleser wĂŒrde man doch zumindest einen Hinweis auf den Apostel Paulus erwarten, der im 1. Korintherbrief, Kapitel 3, schreibt: „Einen anderen Grund kann niemand legen, als der, welcher gelegt ist in Jesus Christus.“ Zwar will auch die EKD weiter „öffentlich relevant auf Christus verweisen“. Aber das geschieht bloß im Sinne einer Urbild- und Vorbildchristologie – oder sollte man besser sagen: Jesulogie. Christus, so lĂ€sst uns das Zukunfts-Team der EKD wissen, sei Urbild und Vorbild dessen, was die Kirche „fĂŒr die Vielen“ tue. Die Kirche folge ihm und seinem Geist, wenn sie sich fĂŒr die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten sowie fĂŒr Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetze. In dieser moralisierenden Auslegung des Evangeliums treffen sich kulturprotestantischer Liberalismus und eine linksliberale politische Theologie, die sich heute gern „Öffentliche Theologie“ nennt. Wenn es im EKD-Papier heißt, die Kirche der Zukunft mĂŒsse missionarisch sein, so ist doch nicht an VerkĂŒndigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein sozialpolitisches Handeln gedacht, das „zeichenhaft und exemplarisch“ sein soll.

Hier: www.zeit.de.

Mission und Transformation

Buchhinweis:

41Zu8+bvIVL SX341 BO1 204 203 200In den letzten Jahren hat die missionale Theologie weltweit fĂŒr Aufsehen gesorgt. Ihre Vertreter leiten aus der Reich Gottes-Perspektive die kirchliche Verpflichtung ab, die Gesellschaft zu verĂ€ndern, zum Beispiel, indem sie sich fĂŒr den Umweltschutz oder „Soziale Gerechtigkeit“ einsetzen.

Auch in Deutschland wird um den Wert und das Profil der Gesellschaftstransformation gerungen. So war etwa die Jahrestagung des Arbeitskreises fĂŒr evangelikale Missiologie (AfeM, heute genannt: Evangelischer Arbeitskreis fĂŒr Mission, Kultur und Religion) dem Thema „Evangelisation und Transformation“ gewidmet (die Referate sind erschienen in Robert Badenberg u. Friedemann Knödler (Hg.). Evangelisation und Transformation: „Zwei MĂŒnzen oder eine MĂŒnze mit zwei Seiten?“  Edition afem Mission reports. NĂŒrnberg u. Bonn: VTR u. VKW, 2013). Auch die StaatsunabhĂ€ngige Theologische Hochschule Basel (STH) veranstaltete 2014 eine Ringvorlesungsreihe ĂŒber „Mission und Transformation“.

Harald Seubert hat die VortrĂ€ge dieser Reihe nun in einem Band herausgegeben. Enthalten sind BeitrĂ€ge von Rolf Hille, Peter Beyerhaus, Steffen Schweyer, Andreas Loos und Klaus W. MĂŒller. Eingeleitet wird die Publikation durch einen Vortrag, den der Herausgeber im Jahre 2014 vor dem Professorium und den Doktoranden der STH gehalten hat.

Seubert begrĂŒĂŸt das in den letzten Jahrzehnten neu erwachte Interesse an den Fragen der Inkulturation. Das Evangelium gibt seiner Meinung nach keiner Kultur den Vorrang, sondern beurteilt alle Kulturen nach seinem eigenen Maßstab. Allerdings bedĂŒrfe es bei aller notwendigen Hinwendung zu Kultur keiner „unkritischen Übernahme sĂ€kular entwickelter InterkulturalitĂ€tskonzeptionen, sondern deren theologischer Kritik und Aufnahme von der Mitte des Evangeliums her“ (S. 20). „Die Welt umarmen“ reiche nicht. Der Band fĂŒhrt ausgewogen in die Hauptposition der aktuellen Missionswissenschaft ein und ist somit ein wichtiger Beitrag im KlĂ€rungsprozess.

„Transformation“ statt „Mission“

Auf einem dreitĂ€gigen Zukunftsforum haben kĂŒrzlich rund 800 Verantwortliche aus 563 Kirchenkreisen ĂŒber die Zukunft der EKD nachgedacht. Karsten Huhn war fĂŒr ideaSpektrum dabei und hat u.a. folgende Beobachtung gemacht (ideaSpektrum, Nr. 21, 21. Mai, S. 15):

Auffallend: Das in den 2000er Jahren vorĂŒbergehend beliebt gewordene Wort Mission ist erst mal wieder von der Tagesordnung verschwunden. Stattdessen dominiert jetzt das Wort Transformation. Auf dem Zukunftsforum hat man es so oft gehört, dass man es am liebsten auf den Index setzen möchte.

A. Kuyper: Kirche und Gesellschaft

Abraham Kuyper schreibt ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Kirche und Gesellschaft:

Kirche und bĂŒrgerliche Gesellschaft sind zweierlei. Es wĂ€re Selbstzerstörung der Kirche, wollte sie das Wohl der Gesellschaft ihr einziges Ziel nennen. Aber ebenso wenig darf die Kirche sich [so] stellen, als ginge die Gesellschaft sie nichts an. Vielmehr ist sie es, die Licht in ihre Dunkelheit, Leben in ihren Tod, Kraft in ihre Ermattung bringen muss. Nur die Kirche kann ĂŒberall die heilige Freiheit verkĂŒnden, angesichts des Sklavenjobs, das die Gesellschaft quĂ€lt.

Evangelisation und Transformation

41JZNsBTfpLVom  4. bis 5. Januar 2013 fand in Herrenberg bei Stuttgart eine AfeM-Tagung zur „Transformationstheologie“ statt. Das Buch mit den Referaten und einigen Mitschriften aus den GesprĂ€chsrunden ist inzwischen erschienen als:

  • Robert Badenberg u. Friedemann Knödler (Hrsg.): Evangelisation und Transformation – „Zwei MĂŒnzen oder eine MĂŒnze mit zwei Seiten?“, Referate der Jahrestagung 2013 des Arbeitskreises fĂŒr evangelikale Missiologie (AfeM), NĂŒrnberg: VTR, 2013, 155 S.

Der Inhalt:

  • Vorwort (Robert Badenberg und Friedemann Knödler)
  • Grußwort im Auftrag der Deutschen Evangelischen Allianz (Michael Diener)
  • EinfĂŒhrung in die Diskussion (Thomas Schirrmacher)
  • Wir werden missional – und streichen evangelistische Dienste!? (Ulrich Parzany)
  • Dein Reich komme – Gesellschaftstransformation verstehen (Tobias Faix)
  • Die transformatorische Theologie im Licht des Neuen Testaments (Volker GĂ€ckle)
  • WofĂŒr ist die Kirche da? (Ron Kubsch)
  • Evangelisation – Grund, Motiv und Ziel (Johannes Reimer)
  • Das biblische Mandat, die Welt zu retten – innerlich wie Ă€ußerlich – ganz privat und ganz global (Thomas Schirrmacher)
  • Verhaltenskodex fĂŒr christliche Entwicklungshilfe – Eine Initiative der Schweizerischen Evangelischen Allianz (Marc Jost)
  • Biblical Stewardship – Biblische Haushalterschaft (Manfred W. Kohl)
  • Schlusswort (Michael Diener)

Leuten, die sich fĂŒr das Thema „Gesellschaftstransformation“ und die damit  verbundene Debatte in Deutschland interessieren, sei das Buch zur LektĂŒre empfohlen.

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A. Kuyper: Die Königsherrschaft Christi

Abraham Kuyper ĂŒber die Herrschaft Jesu Christi:

Sobald die Königsherrschaft Christi in den Schatten gestellt wird, entsteht zweierlei Leben: ein Leben in der Kirche, ein anderes außerhalb derselben. Die Einheit von beiden kommt nicht mehr zu ihrem Recht. Man gerĂ€t schließlich dahin, dass man mit der MajestĂ€t Christi außerhalb der der Kirche gar nicht mehr rechnet.

Moltmanns Umdeutung der Kreuzestheologie

Ich kann der sorgfÀltigen und fairen Analyse von Michael Korthaus (Kreuzestheologie, 2007, S. 294) nur zustimmen:

In Moltmanns Theologie vom gekreuzigten Gott und ihrer Fortschreibung im passionstheologischen Teil in „Der Weg Jesu Christi„ ist die Theologie des Kreuzes in einer Theologie der politisch instrumentalisierten Eschatologie untergegangen: das Kreuz Christi stellt auch dort nicht die Mitte des Moltmannschen Denkens dar, wo dieses den ausdrĂŒcklichen Titel Kreuzestheologie fĂŒhrt. Stattdessen steht hier stets eine auf Gott projizierte Vorstellung von Gerechtigkeit und Menschenwohl im Hintergrund, die dann als Auftrag Gottes an den Menschen deklariert im politisch-gesellschaftlichen Handeln vom Menschen verwirklicht werden soll.

Noch deutlicher und m.E. zutreffend fĂ€llt das Urteil Ulrich Körtners aus. In seinem bemerkenswerten Aufsatz „Das Wort vom Kreuz“ (P.-G- Klumpiges u. D.S. Du Toit, Paulus – Werk und Wirkung, 2013, S. 625–646, hier S. 641–642) schreibt er:

WĂ€hrend er in seiner Monographie „Der gekreuzigte Gott“ mit Emphase forderte, alle Theologie habe Kreuzestheologie zu sein und den Tod Christi am Kreuz als Kreuzestod Gottes zu begreifen, ist die Theologie des Kreuzes in Moltmanns spĂ€terer Christologie, wie er sie in seinem Buch „Der Weg Jesu Christi“ entfaltet hat, völlig in den Hintergrund getreten, um nicht zu sagen aufgegeben worden. Moltmann selbst erklĂ€rt den Sinneswandel damit, dass die Leiden Christi nicht auf Jesus von Nazareth beschrĂ€nkt seien, sondern eine universale Dimension hĂ€tten, „weil sie im apokalyptischen Horizont der fĂŒr alle befristeten Zeit stehen. Die apokalyptischen Leiden ‚dieser Zeit‘ aber sind in den ,Leiden Christi‘ auf Golgatha zusammengefaßt. […] Ich wĂ€hle damit einen neuen Ansatzpunkt gegenĂŒber der Kreuzestheologie, die ich 1972 in ,Der gekreuzigte Gott‘ entwickelt hatte. […] Ich habe von dem dort Gesagten nichts zurĂŒckzunehmen, sondern setze es fĂŒr diese apokalyptische Theologie der Leiden Christi voraus.“ Bereits in seinem Buch „TrinitĂ€t und Reich Gottes“ (1980) ist Moltmann nach eigenem Bekunden ĂŒber „Kreuz und Auferstehung“ „hinausgegangen“ und hat einerseits „die Sendung des Sohnes“, andererseits „die Zukunft des Sohnes“ in eine „trinitarische Christologie integriert“. Nunmehr sind die Leiden Christi „Teil der Leidensgeschichte Israels und der Propheten Gottes“. In Wahrheit hat Moltmann damit jedoch seine Theologie des Kreuzes und schon gar nicht diejenige des Paulus vertieft und fortgefĂŒhrt, sondern sich von ihr verabschiedet. Auch seine VorschlĂ€ge zur inhaltlichen Erweiterung des NicĂ€no-Konstantinopolitanums und des Apostolikums verlieren kein Wort zur theologischen Deutung des Kreuzes.

Wohl deutet Moltmann den Kreuzestod Jesu als Tod eines Sklaven und Armen. Er erinnert an die Massenkreuzigungen nach Niederschlagung des Spartakusaufstandes und verweist auf Phil 2, wo von Christus gesagt wird, er habe die Gestalt eines Sklaven angenommen. Dann aber verallgemeinert Moltmann sogleich: Jesus teilt das Schicksal seines jĂŒdischen Volkes. „Jesus ist auch der Lazarus-Christus, und Lazarus ist eine Christusgestalt (Lk 16). Jesus wurde einer von diesen Ärmsten der Armen: ein gefolterter, geschĂ€ndeter und gekreuzigter Sklave. Die ‚Leiden Christi‘ sind in dieser Hinsicht auch die Leiden der machtlosen, rechtlosen, heimatlosen Massen der Armen in dieser Welt, und ihre Leiden sind in dieser Hinsicht auch die ‚Leiden Christi‘.“

WofĂŒr ist die Kirche da?

Die AfeM-Jahrestagung am 4. und 5. Januar 2013 stand unter dem Thema „Transformationstheologie“. Zu den Referenten gehörten BefĂŒrworter klassischer Evangelisation und Mission sowie Vertreter der sogenannten „transformativen Theologie“. Da hier im Blog immer wieder ĂŒber die Frage der Transformation diskutiert wird (vgl. hier), stelle ich meinen eigenen Vortrag nun ins Netz. Ich sollte der Frage nachspĂŒren, ob es Überschneidungen zwischen der Theologie aus der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts und den neueren evangelikalen Entwicklungen gibt. Den sehr gedrungenen Redestil bitte ich zu entschuldigen. Die Referenten hatten eine Redezeit von jeweils zwölf Minuten. Da liegt die WĂŒrze in der KĂŒrze.

Hier also: „WofĂŒr ist die Kirche da? Anfragen an die transformative Eschatologie“:
Transformation2013_AfeM-Web.pdf.

Abraham Kuyper (Schluß)

 

Abraham Kuyper: Der reformierte Denker 

Denkerischer Ausgangspunkt fĂŒr Kuyper ist das Bekenntnis zur absoluten SouverĂ€nitĂ€t Gottes. Dieser Glaube an die allumfassende Königsherrschaft von Jesus Christus (engl. Lordship Principle) bedeutete ihm, dass der Calvinismus als eine Lebensanschauung (engl. Life-System) anzusehen ist, die jeden Bereich der Wirklichkeit berĂŒhrt. Die Herrschaft von Jesus Christus ĂŒber die gesamte Wirklichkeit konkretisiert sich in drei Ordnungen, die jeweils unmittelbar Gott unterstellt sind, nĂ€mlich Staat, Gesellschaft und Kirche (Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism, Grand Rapids, MI: Erdmans, Reprint 2002, S. 79). 
 
Einerseits verteidigte Kuyper große (Wieder-)Entdeckungen der Reformatoren wie die tiefe SĂŒndhaftigkeit aller Menschen, die Glaubensgerechtigkeit oder die ErwĂ€hlung, andererseits gab er dem Calvinismus ein aufgeschlossenes und der Welt zugewandtes Gesicht. Gelingen konnte ihm das durch die gleichzeitige Betonung von Antithese und allgemeiner Gnade.
 
Mit der Antithese hebt Kuyper den Gegensatz von Kirche und Welt heraus. Die Kinder Gottes leben versöhnt nach dem Glauben zur Ehre Gottes. Die Kinder der Welt richten sich nach ihrem eigenen verdorbenen Herzen und rebellieren gegen Gott. Diese vorausgesetzte Antithese fĂŒhrt allerdings nicht in den Kulturpessimismus, dem Kuyper die „allgemeine Gnade“ gegenĂŒberstellt. 
 
WĂ€hrend die spezielle Gnade die erwĂ€hlten Menschen erleuchtet und mit Gott versöhnt, schenkt uns die allgemeine Gnade, was wir zum Leben benötigen und begrenzt die sĂŒndhaften und destruktiven MĂ€chte dieser gefallenen Welt. Von der allgemeinen Gnade profitieren also alle Menschen. Gott versprach im Noahbund, die Erde trotz der Bosheit der Menschen zu erhalten (vgl. Gen 8,21). „Solange die Erde wĂ€hrt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ Gen 8,22). Gott „lĂ€sst seine Sonne aufgehen ĂŒber Böse und Gute und lĂ€sst regnen ĂŒber Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Die allgemeine Gnade gibt den Ebenbildern Gottes das Mandat fĂŒr die Erforschung und Gestaltung dieser Welt. FĂŒr die Christen heißt das, dass sie zusammen mit den Heiden kulturschaffend tĂ€tig sind. Sie arbeiten, sie engagieren sich fĂŒr Gerechtigkeit und Wohlfahrt, sie sind kĂŒnstlerisch tĂ€tig oder treiben Sport. All das verbindet sie nicht nur mit den Christen, sondern auch mit ihren unglĂ€ubigen Freunden und Nachbarn, deren Leistungen sie wertschĂ€tzen. Eine besondere Stellung rĂ€umte Kuyper ĂŒbrigens der Wissenschaft ein, indem er sie in der Schöpfung ansiedelte. „Ohne SĂŒnde“, schrieb Kuyper, „gĂ€be es weder einen Staat noch die christliche Kirche, aber die Wissenschaft“ (Wisdom & Wonder, Grand Rapids, Michigan, 2011, S. 35). 
 
Im niederlĂ€ndischen Protestantismus erntete der Neo-Calvinismus mitunter scharfe Kritik. Kuyper wurde und wird vorgeworfen, er habe das reformierte Christentum von der ĂŒberlieferten reformierten Theologie entfremdet. TatsĂ€chlich verĂ€nderte sich unter ihm das „reformierte SelbstverstĂ€ndnis“. 
 
Kuyper verlor beispielsweise vertraute Mitstreiter, als er eine Korrektur des NiederlĂ€ndischen Glaubensbekenntnisses (lat. Confessio Belgica) einforderte. Er störte sich am Artikel 36, wo zur Bestimmung des Staates gesagt wird, dass dieser nicht nur fĂŒr die bĂŒrgerliche Verfassung zu sorgen hat, sondern auch darum bemĂŒht sein soll, „dass der Gottesdienst erhalten werde, aller Götzendienst und falscher Gottesdienst entfernt werde, das Reich des Antichrists zerstört, Christi Reich aber ausgebreitet werde. Endlich ist es ihres Amtes zu bewirken, dass das heilige Wort des Evangeliums ĂŒberall gepredigt werde und dass jeder Gott auf reine Weise nach Vorschrift seines Wortes frei verehren und anbeten könne“. Kuyper sah hier eine unzulĂ€ssige VerknĂŒpfung von Staat und Kirche und deshalb eine Verletzung der „SouverĂ€nitĂ€t im eigenen Kreis“. Er war ĂŒberzeugt, dass Familie, Staat und Kirche jeweils eigene DomĂ€nen sind, die sich gegenseitig nicht „hineinregieren“ sollten. R. S. de BruĂŻne (1869–1941) hat diese kuypersche „SphĂ€rensouverĂ€nitĂ€t“ einmal markant formuliert: „Es ist unsere Überzeugung, dass es nicht zur Berufung des Staates gehört, das soziale Leben von oben zu kontrollieren und es in vorgefertigte Bahnen zu pressen 
 Wir unterscheiden mehrere Kreise: den Staat, die Gesellschaft, die Kirche und die Familie, um nur einige zu nennen. Diese haben alle ihre eigene Natur, ihre eigene AutoritĂ€t und Verantwortung. (zitiert nach: Joop M. Roebroek, The Imprisoned State, 1993, S. 55). FĂŒr Kuyper war es unertrĂ€glich, wenn der Staat kirchliche Aufgaben ĂŒbernahm oder die Institution Kirche versuchte, Politik zu machen. Seine BemĂŒhungen, die Korrektur des Artikels durchzusetzen, traf auf harten Widerstand (vgl. dazu: Peter Heslam, Creating a Christian Worldview: Abraham Kuyper‘s Lectures on Calvanism, 1998, S. 162–164). Schlussendlich wurde die Passage 1905 von den Reformierten Kirchen aber aus dem Bekenntnis gestrichen (Dirk van Keulen, „Der niederlĂ€ndische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 356). 
 
Noch ein Beispiel: Vor Kuyper bestritten die Reformierten zwar nicht, dass Christen den Auftrag haben, Gesellschaft zu gestalten. Betont wurde aber vor allem die Erlösung von SĂŒndern. Die Predigten befasste sich meist mit den großen biblischen Themen wie Buße, Glaube, Wiedergeburt, Rechtfertigung, Heiligung usw. Durch Kuyper verschob sich der Schwerpunkt hin zur Weltverantwortung. Die Frage, was der Heilige Geist in den Herzen der SĂŒnder durch das Wort wirkt, wurde zwar nicht ausgeblendet, aber oft von dem ĂŒberlagert, was Christen tun sollten, um Gesellschaft und Kultur zu prĂ€gen (vgl. Cornelius Pronk, „Neo-Calvinism“, S. 49). 
 
Gern wird Kuyper deshalb heute fĂŒr die sogenannte „transformative Kulturauffassung“ oder „Gesellschaftstransformation“ in Anspruch genommen. Demnach sind Christen dazu beauftragt, sich in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und diese auf Mikro-, Meso- und Makroebene zu verĂ€ndern. Ist diese Vereinnahmung von Kuyper berechtigt? Ja und nein. TatsĂ€chlich wollte Kuyper den Protestantismus entprivatisieren und entwickelte eine „öffentliche Theologie“, die viele neue AnstĂ¶ĂŸe fĂŒr die parteiische Einmischung und Weltverantwortung lieferte. 
 
Damit ĂŒberwand er die von Immanuel Kant (1724–1804) angestoßene und noch heute gefragte Aufspaltung der Vernunft in einen öffentlichen und einen privaten Gebrauch. Es bedĂŒrfe der Freiheit, „von seiner eigenen Vernunft in allen StĂŒcken öffentlich Gebrauch zu machen“, sagte Kant (Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist AufklĂ€rung?“, 1974, S. 11). Er kontrastiert den öffentlichen Gebrauch der Vernunft mit dem privaten. Unter öffentlichem Gebrauch versteht er „denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“ (Ibid., S. 9). Der Privatgebrauch der Vernunft könne dagegen eingeschrĂ€nkt sein (Ibid., S. 11). Kuyper holte den Glauben, der sich auf Offenbarung berief, wieder
in den öffentlichen Diskurs zurĂŒck. Sein Ansatz hob dabei entschieden vom liberalen Kulturprotestantismus ab, der Evangelium und Kultur durchmischte. Zugleich unterschied er – wie oben bereits angesprochen –, scharf zwischen allgemeiner und rettender Gnade. Um es anders auszudrĂŒcken: Kuyper verwechselte die Erhaltungsethik nicht mit dem Aufbau von Gottes Reich. Darum wissend, dass das geistliche Reich nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), schrieb er (A. Kuyper, „Common Crace“ zitiert aus: David VanDrunen, Natural Law and The Two Kingdoms, 2010, S. 295):
 
Wir mĂŒssen zwischen zwei Dimensionen dieser Manifestation der Gnade unterscheiden. 1.a. eine rettende Gnade, die am Ende SĂŒnde abschafft und ihre Folgen vollstĂ€ndig rĂŒckgĂ€ngig macht; und 2. eine zeitliche zurĂŒckhaltende Gnade, die die Wirkung der SĂŒnde abmildert und aufhĂ€lt. Die erste 
 ist ihrer Natur nach eine besondere und auf die AuserwĂ€hlten Gottes begrenzt. Die zweite 
 erstreckt sich auf das gesamte menschliche Leben.
 
Die Frucht der besonderen Gnade, die Menschen mit Gott durch Jesus Christus versöhnt, war eindeutig das Herzensanliegen von Kuyper (vgl. S.U. Zuidema, Common Grace und Christian Action in Abraham Kuyper, S. 6). Die Kirche als Institution sollte deshalb treu das Evangelium verkĂŒndigen. KulturprĂ€senz wird erreicht, da die Kirche als Organismus in der Welt wohnt.
 
Kuypers Wirkung ist ambivalent. Er stĂ€rkte das nachmoderne Christentum auf dem Weg zu einem kulturprĂ€senten Christsein und inspirierte herausragene christliche Vordenker, unter ihnen Herman Bavinck (1854–1921), Hermann Dooyeweerd (1894–1977), Hans Rookmaaker (1922–1977) oder Francis Schaeffer (1912–1984). Doch auch Bewegungen wie der „Christian Reconstructionism“ von Rousas J. Rushdoony (1916–2001) und Greg L. Bahnsen (1948–1995) oder der „shalom-Neo-Calvinismus“, wie er von Alvin Plantinga (* 1932) und Nicholas Wolterstorff (* 1932) vertreten wird, sind von Kuyper inspiriert. Interessanterweise ist der „Christian Reconstructionism“ anti-sozialistisch ausgerichtet und hebt die „Antithese“ zwischen christlichem und weltlichem Denken heraus (vgl. dazu: Thomas Schirrmacher, Anfang und Ende von Christian Reconstruction (1959–1995), 2001). Der „shalom-Neo-Calvinismus“ ist demgegenĂŒber sozialistischen Idealen aufgeschlossen und neigt dazu, die Immanenz Gottes und die KontinuitĂ€t zwischen der jetzigen und der zukĂŒnftigen Welt zu idealisieren (vgl. dazu: Williams Dennison, „Dutch Neo-Calvinism and the Roots for Transformation“, JETS 42 (1999), Nr. 2, S. 271–291). Gelegentlich wird von den „Transformisten“ deshalb eingestanden, dass sie sich mehr mit dem Beispiel als mit den inhaltlichen Anliegen des niederlĂ€ndischen Theologen identifizieren (z.B. Phillip Morgen, „Abraham Kuyper: Christ Transforming Culture, Helwys Society Forum, URL: http://www.helwyssocietyforum.com).
 
Alles in allem leitete Kuyper vor ungefĂ€hr einhundert Jahren eine notwendige und begrĂŒĂŸenswerte Renaissance des reformierten Denkens ein. Wir dĂŒrfen dankbar sein, dass er die christliche Weltdeutung aus der Defensivhaltung herausfĂŒhrte und zahlreiche Christen ermutigte, den ideologischen Götzendienst des Modernismus zu dekonstruieren und christliches Denken einzuĂŒben. Wer Jesus Christus nachfolgt, sieht die ganze Welt mit anderen Augen. Wir können und sollten viel von ihm lernen.
 

Transformationskongress

Vom 8. bis 9. Juni 2012 veranstalteten der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Deutsche Naturschutzring und Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Deutschland einen Kongress zu den politischen und wirtschaftlichen UmbrĂŒchen unserer Zeit, den so genannten Transformationskongress.

Wer sich die MĂŒhe macht, die BeitrĂ€ge der EKD-Vertreter zu lesen, stĂ¶ĂŸt schnell auf Formulierungen, die an die messianisch-marxistischen Agitationen der Diesseits-Eschatologen erinnern. Gerhard Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland, solidarisiert sich mit dem politischen Programm der „große Transformation“: „Es braucht dringend eine Gesamtstrategie. Sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, eine grundlegende Transformation des die Welt beherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsystems zu erreichen, das sich immer noch am besten mit dem Begriff Kapitalismus erfassen lĂ€sst.“ „Die Menschen“, so Wegner, „wehren sich gegen die Reduzierung ihres Selbst auf die beliebig handelbare Ware Arbeitskraft.“ Die angestrebte Transformation – und beim Lesen dieser Zielbeschreibung fĂŒhlte ich mich dann doch sehr an meinen Marxismus-Unterricht erinnert –, sieht so aus:

Wir brauchen, heißt es im Vortrag „Gesellschaft im Umbruch: Transformation wohin? Kapitalismus 4.0“:

  • die konsequente Aufwertung der Rolle des Staates durch die StĂ€rkung der Demokratie,
  • die Indienstnahme der FinanzmĂ€rkte: „Banking has to be boring again!“,
  • die Umstellung der Ökonomie in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit,
  • die Schaffung umfassend inklusiver, nachhaltiger und demokratischer Arbeitswelten, um Teilhabe aller zu verwirklichen.

In eine ganz Ă€hnliche Richtung argumentiert auch der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Alles, was er fordert, könnte man ohne Bezug auf den christlichen Glauben (besser) formulieren. Aber da es sich fĂŒr einen Kirchenvertreter gut macht, den Reichtum der biblischen Bildersprache zu nutzen, wird gleich das Pfingstfest bemĂŒht:

Die Transformations-Aufgabe und dieser Transformationskongress sind sehr wohl auch eine Aufgabe der Kirche. Als Christinnen und Christen sind wir ĂŒberzeugt: Es gibt immer Alternativen, auch wenn sie oft nur von wenigen gedacht, getrĂ€umt, erhofft, erstritten und erarbeitet werden. Wir können uns und wir können unsere Welt verĂ€ndern. Gottes Geist kann unser Denken und Handeln erneuern. Und wir sind ĂŒberzeugt, dass dieser Geist des Lebens nicht nur in der Kirche wirkt. Wir wollen mit allen zusammenarbeiten, die unterwegs sind zu sozialer Gerechtigkeit, nachhaltiger Wirtschaft, Bewahrung der Schöpfung und lebendiger Demokratie. Das ist möglich, auch wenn wir aus ganz verschedenen Traditionen und Kulturen kommen und in gewisser Weise verschiedene Sprachen sprechen. Diese Erfahrung haben wir vor kurzem mit dem Pfingstfest gefeiert.

FĂŒr so eine Transformation braucht man Jesus Christus nicht.

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