Die marxistische Transformation

Schon mehrmals habe ich hier im Blog eine Renaissance des marxistischen Denkens angedeutet (z.B. hier). Nun lese ich ausgerechnet im Hochschulanzeiger der FAZ (Was bekannte Frank Schirrmacher?: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat.“), dass der Literaturprofessor Mark Greif nicht mehr nur nach postmodernen Romanen, sondern ebenso nach marxistischen Ideen greift. Der Gründer der Occupy-Gazette beschreibt uns im Interview die Zukunftsvision einer Protestbewegung, die sich zwar nicht auf Kapitalismuskritik reduzieren lässt, aber eben doch den Kapitalismus für die Verschuldungsmisere verantwortlich macht.

Beim harten Kern der Bewegung geht die Tendenz zur radikalen Transformation. Kapitalismus ist für sie der Feind, sie wünschen sich, wie der Soziologe David Graeber, von dem die Formel der „99 Prozent“ stammt, einen gewaltfreien Anarchismus. Dann gibt es die Gruppe von Teilzeitprotestierern, diejenigen, die wie ich an bestimmten Tagen kommen, nach der Arbeit zum Beispiel. Sie haben eine ganz andere Haltung. Ich sah eine Frau, die Geschäftsleute vor der Börse ansprach: „Ich bin nicht gegen Kapitalismus“, sagte sie. „Ich glaube an die Idee von vergüteter Arbeit, aber ich habe so viele Krankenhausschulden, dass es egal ist, wie viel ich arbeite, ich werde das nie abbezahlen können.“ Für sie ist nicht der Kapitalismus das Problem, im Gegenteil – sie möchte ein Teil des Systems sein. Das Problem ist ein Kapitalismus, der es selbst denjenigen, die nach seinen Regeln spielen, unmöglich macht, ein ordentliches Mittelklasseleben zu führen.

Hier mehr: hochschulanzeiger.faz.net.

Kommentare

  1. Roderich meint:

    Das erinnert an die Weltwirtschaftskrise 1929, auch damals konnten linke ökonomische Konzepte z.T. profitieren von der Krise und mehr Anhänger gewinnen, auch wenn diese nicht durch den Markt, sondern durch falsche Rahmenbedingungen hervorgerufen wurde.

    Jeder – auch die oben zitierte Frau mit den Krankenhausschulden – interpretiert eine Krise oder eine jeweilige Notlage im Rahmen seiner/ihrer allgemeinen wirtschaftlichen Weltsicht. Da die Medien noch stets stark links besetzt sind, lautet der allgemeine Denkrahmen: „Der Kapitalismus ist tendenziell an Krisen (mit oder primär) verantwortlich (nicht die Staatseingriffe“.
    In dem Falle der zitierten Frau muss halt „der Kapitalismus“ einer bestimmten Ausprägung schuld an den niedrigen Löhnen.
    Was der Protest genau bringen soll, ist nicht klar – festgesetzte höhere Löhne? (Oder allgemein niedrigere Kosten für Krankenhausaufenthalte?)

    In BRD wie USA gilt: wenn der Staat ca 50% oder mehr aller Gelder abkassiert und damit das normale Wirtschaften extrem einschränkt (z.B. durch sehr hohe Steuern, Regulierungen etc.), gängelt das die Unternehmen und führt daher u.a. zu mehr Arbeitslosigkeit (denn wenn die Firmen weniger Gewinne machen, können sie weniger Leute beschäftigen), damit zu weniger Volkseinkommen, also wird auch weniger ausgegegen d.h. weniger Geld in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt, Firmen verkaufen also weniger, können wiederum weniger Leute einstellen etc.

    Wenn im Rahmen einer „Krüppelmarktwirtschaft“ (Begriff von Roland Baader) westlicher Prägung immer mehr Leute arbeitslos werden, und der Staat ungleichmäßig eingreift in die Wirtschaft, entstehen Schieflagen, durch die einzelne Leute benachteiligt werden. Schuld daran ist dann „natürlich“ der Kapitalismus.

    Grundziel müsste hingegen sein, durch geeignete Rahmenbedingungen wieder anständige Wirtschaftswachstum zu ermöglichen (hauptsächlich in Form von annähernder Vollbeschäftigung). Dann lösen sich viele – wenn auch nicht alle – Probleme von alleine.

  2. Ich meine, solche Kritik sollte durchaus inspirierend für Christen sein, nicht nur denen hinterherzulaufen, die von Freiheit und Selbstbestimmung quatschen und im nächsten Moment die Sozialausgaben kürzen. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus fehlt in der Welt so eine Art ideologisches Gegengewicht, dass dazu anregt, über sinnvolle gesellschaftliche Modelle nachzudenken, die nicht nur den Reichen dienen. Man sollte nicht alles kritiklos übernehmen, aber Anregungen können das schon sein.

  3. Roderich meint:

    @Jordanus,
    wenn unser Staatshaushalt zu 30% oder mehr aus Sozialausgaben besteht, ist es durchaus sinnvoll, sie zu kürzen.

    „Gleichgewicht“ ist ein inhaltsleerer Begriff. Man sollte als Christ nicht unbedingt danach streben, sondern nach der richtigen Sicht.
    Niedrige Steuern dienen nicht nur den Reichen, sondern allen. (Siehe den Wohlstandszuwachs unter ärmeren Leuten in den sog. „Dritte-Welt-Ländern“, die sich der Marktwirtschaft zugewandt haben). Siehe dazu das Buch „Modern Times“ von Paul Johnson (Geschichte des 20. Jahrhunderts, u.a. auch der „3.-Welt-Länder“.)

  4. Roderich meint:

    … aus Wikipedia:
    1913 betrug die Sozialquote in Deutschland 3,1 %, 1938 6,0 %. Heute ist sie 30,1 %.

    Der reine Wahnsinn… jeder dritte Euro, der von arbeitenden verdient wird, wird für den Sozialstaat ausgegeben. Daher auch, Jordanus, die ganzen Abzüge auf Deinem Gehaltszettel.

  5. Jordanus meint:

    Ich weiß nicht, ob man die Sozialquote von 1913 mit der von heute vergleichen kann. Wie wurde die denn 1913 gemessen? Die wirtschafltichen Bedingungen zu der Zeit stelle ich mir ganz anders vor. wie hoch war damals die Arbeitslosigkeit? Welchen Anteil am Bruttosozialprodukt hatten erster und zweiter Sektor? Wie hoch war die Geburtenrate?
    In einer Familie wird auch mindestens jeder dritte Euro für „Sozialabgaben“ ausgegeben – für Kleidung, Essen oder Bildung von Menschen, die nicht arbeiten? Ist nicht die Gesellschaft auch so eine Art Familie?
    Ich bin jetzt auch nicht so der Marxist, aber ich finde es schon angemessen, einige dieser neoliberalen Thesen, die immer kursieren, zu hinterfragen. Vor allem, weil das die „Kapitalisten“ im entscheidenden Moment auch machen – nämlich, wenn die Banken pleite gehen. Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert. Ich finde es gar nicht so dumm, dann auch mal auf marxistisches Gedankengut zurückzugreifen, weil Marx doch vieles richtig beschrieben hat, was in unserer Gesellschaft passiert. Nur seine Schlüsse waren vielleicht etwas – voreilig.

  6. Jordanus meint:

    Niedrige Steuern fände ich auch gut! Allerdings haben wir für unsere Steuern hier auch eine der besten Infrastrukturen der Welt. Nur unter den Privatisierungen hat die Infrastruktur etwas gelitten…

  7. Roderich meint:

    @Jordanus,

    In einer Familie wird auch mindestens jeder dritte Euro für “Sozialabgaben” ausgegeben – für Kleidung, Essen oder Bildung von Menschen, die nicht arbeiten? Ist nicht die Gesellschaft auch so eine Art Familie?

    Ja, das ist auch die elterliche Pflicht, die von Gott eingesetzt sind, für die Kinder zu sorgen. Aber der Staat darf sich diese „Pflicht“ nicht durch Umverteilung aneignen.

    Die Gesellschaft ist keine Familie. „Familie“ höchstens als Metapher. Familie definiert die Bibel als Vater, Mutter, Kind(er).
    Nächstenliebe ist per definitionem freiwillig. Der Staat hat nicht das Recht, 30% unseres Einkommens NUR für Sozialausgaben abzuknapsen. Das ist nahezu blasphemisch.

    Ich bin jetzt auch nicht so der Marxist, aber ich finde es schon angemessen, einige dieser neoliberalen Thesen, die immer kursieren, zu hinterfragen.

    Hinterfragen ist gut. Systematisch durchdenken ist besser.

    Schon für 10 cent (+ Porto 3 Euro) erhältst Du Hans-Werner Sinns Buch „Ist Deutschland noch zu retten?“ bei Amazon.

    Vor allem, weil das die “Kapitalisten” im entscheidenden Moment auch machen – nämlich, wenn die Banken pleite gehen. Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert.

    Das sind nur die inkonsequenten Kapitalisten… 🙁
    Dass Verluste auch privat getragen werden, ist konstitutives Prinzip des Neoliberalismus (Euckens Grundsätze der Wirtschaftspolitik).
    Banken sind allerdings systemwichtig. Wir haben uns durch verantwortungslose Ausgabenpolitik des Staates, durch Gelddrucken (Diebstahl des Staates an den Bürgern) und falsche Regulierungen im Bankenwesen (Mindestreservepolitik, Giralgeld, mangelnde Eigenkapitalquote und damit mangelnde Haftung der Banken), also durch den MANGEL an Marktwirtschaft, in eine weltweite Krise gestürzt.
    Jetzt muss man klug vorgehen, wenn man wieder zu marktwirtschaftlichen Prinzipien zurückgehen will. Falsches einseitiges Vorgehen kann natürlich den globalen Crash hervorrufen – aber langfristig brauchen wir wieder den Goldstandard, Banken müssen auch pleite gehen können, etc.

  8. @Roderich,

    ich möchte jetzt nicht deine Diskussion thematisch unterbrechen, mir sprang aber dein letzter Satz so entgegen.

    Es gibt auch andere Überlegungen als „aber langfristig brauchen wir wieder den Goldstandard“.
    Hast du schon vom „Energiestandard“ gehört? Dir sind sicher aufgrund deiner Englischkenntnisse auch mehr Quellen zugänglich als mir.
    Kennst du dieses?:
    http://issuu.com/verax/docs/auraria-20110701
    (Auraria-Magazin vom 1. 7. 2011)
    http://issuu.com/verax/docs/auraria_20120104-pv
    (Auraria-Magazin vom 4. 1. 2012)

    Lutz

  9. Roderich meint:

    @Lutz,
    vielen Dank für den Link. Ich werde es mir die folgenden Tage mal mit Interesse durchlesen.

  10. „Das sind nur die inkonsequenten Kapitalisten…“

    @ Roderich: Das klingt wie: Kommunismus ist eigentlich gut, er wurde nur nicht richtig umgesetzt.

    Ehrlich gesagt, ich habe von alledem nur wenig Ahnung. Ich möchte nur festhalten, dass Marx und Engels und andere sehr viele richtige Beobachtungen gemacht haben, die uns bei der Analyse der jetzigen Lage helfen können. Das Medien heute auf solche Ansätze zurückgreifen, liegt zum Teil sicher auch daran, dass die Politik uns ihr jetziges Vorgehen ständig als „alternativlos“ verkauft.

    Interessant fand ich z.B. diese Artikel:
    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36539/1.html

    http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/201evielleicht-hat-occupy-schon-heute-mehr-erreicht-als-die-68er201c

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-herrschaft-der-finanzoligarchie-der-krieg-der-banken-gegen-das-volk-11549829.html

    http://feynsinn.org/?p=14178

    http://feynsinn.org/?p=13792

    Natürlich muss man solche Ansätze auch prüfen (wenn das überhaupt möglich ist). Aber ich finde manches davon interessanter und nachvollziehbarer als das, was vom Bund bezahlte Wirtschaftsprofesssoren oder Bänker einem vorbeten. Vielen von denen traue ich einfach nicht mehr!

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