Postmoderne als Abwehrmechanismus

Globalisierung und digitale Technisierung haben einen neuen ich-orientierten Persönlichkeitstypus hervorgebracht. Er entzieht sich verbindlichen Strukturen und will ständig Wirklichkeit neu schaffen. Der »neue Mensch« sucht sein Glück eklektisch bei Spiel, Sport, Lifestyle, Wellness oder in sonstigen Erlebniswelten.

Rainer Funk, von der analytischen Sozialpsychologie Erich Fromms geprägt (sein letzter Assistent), machte als Erster den Versuch, diesen neuen Persönlichkeitstypus psychoanalytisch zu verstehen und zu beschreiben. Dabei kommt er zu interessanten Ergebnissen. Besonders aufschlussreich finde ich, dass er das tiefe Bedürfnis nach Dekonstruktion als psychologischen Abwehrmechanismus beschreibt. Ein postmoderner Mensch empfindet Verbindlichkeit oder Begrenzung als bedrohlich und rationalisiert deshalb möglichst alle auoritären Ansprüche an ihn weg (z.B. den Anspruch eines bindenden Bibeltextes wie in Mt 6,24; das ist mein Beispiel, nicht das von R. Funk). Hinter der Lust an der Dekonstruktion, diesem fast schon demagogischen sich nie festlegen wollen (das kann man natürlich so oder so sehen, ich bin ich und du bist du) oder der notorischen Verweigerung steckt ein Abwehrmechanismus. Funk schreibt (Rainer Funk, Ich und Wir, München: dtv, 2005, S. 219)

Postmoderner Lebensstil zeichnet sich gegenüber den bisherigen Lebensformen vor allem durch die programmatische Befreiung von gesellschaftlichen Mustern des Selbsterlebens und des Umgangs mit der natürlichen und menschlichen Umwelt aus. Die Befreiung wird dabei nicht durch neue Lebensstile und Muster erreicht, die die alten ersetzen, sondern durch die Entgrenzung von allem Vorgegebenen. Dekodierung und Dekonstruktion stehen im Dienste dieser Entgrenzung. Im Hinblick auf das geistige und spirituelle Selbsterleben des Menschen kommt es zu einer Patchwork-Identität und Patchwork-Religiosität; das Lebensskript besteht im je neuen projekthaften »Basteln an der eigenen Biografie« (U. Beck 1997, S. 191). Schließlich geht mit der Entgrenzung der Verlust eines kohärenten Welt-, Geschichts- und Menschenbildes einher, der insofern zu einer dramatischen Orientierungslosigkeit führt, als kein Mensch psychisch überleben kann, ohne das »Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe« (E. Fromm 1955a, GA IV, S. 48-50) zu befriedigen.

Bestimmte Aspekte des Anspruchs postmodernen Denkens als typische »Zeitgeist-Phänomene« können deshalb »psychoanalytisch demaskiert und dekodiert werden« (S. 199).

Dies betrifft in erster Linie den Anspruch, den die postmoderne Art zu leben erhebt: Jeder habe das Recht, seine Art zu leben frei und selbstbestimmt zu wählen. Begründet wird dieses Recht damit, dass Wirklichkeit immer Konstruktion sei. Psychoanalytisch lassen sich solche Ansprüche als Abwehr unbewusster Befindlichkeiten (etwa des Gefühls der Abhängigkeit oder der Begrenztheit) deuten. Die Begründung (Wirklichkeit sei immer Konstruktion) wird durch eine solche Deutung zu einer Scheinbegründung, zu einer Rationalisierung.
Rationalisierungen haben – das wurde aufgezeigt – die Aufgabe, ein faktisches Verhalten so zu begründen, dass dieses als sinnvoll und ethisch wertvoll deklariert wird. Unterschiedliche Verständnisse von Wirklichkeit und Wirklichkeitserzeugung, aber auch unterschiedliche Menschenbilder lassen sich deshalb als Wandel von Bedeutungsgehalten verstehen, der sich auf Grund der Notwendigkeit ergibt, das veränderte Verhalten mit Hilfe von Rationalisierungen zu legitimieren.

Kommentare

  1. Ist der Postmodernismus nicht ein weiterer Versuch, das Wissen um Gott und Sein Gesetz aus dem Denken der Menschen zu verbannen? Der Mensch will einfach nicht wahrhaben, dass er für seine Taten gerichtet werden wird.

    Soweit ich informiert bin, glauben Postmodernisten nicht, dass es eine absolute Wahrheit gibt.

    Ihre absolute Wahrheit lautet: „Es gibt keine absolute Wahrheit.“

    Wenn das stimmt, dann ist ihre Behauptung „Es gibt keine absolute Wahrheit“ keine absolute Wahrheit. Also kann es doch eine absolute Wahrheit geben.

    LG René

Trackbacks/ Pingbacks

  1. […] das Bewegungen der Abwehr (heute würden wir wohl von »Abwehrmechanismen« sprechen, vgl. auch hier). Ausmussen (S. 30): Ich wage nicht zu sagen, welcher Rettungsversuch der Gefährlichere ist: Gott […]

  2. […] den von mir bereits schon einmal zitierten Rainer Funk ist die Ich-Orientierung das herausragende Kennzeichen des postmodernen Menschen. Funkt schreibt […]

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