Was denkt P. Helm über die reformierte Dogmatik?

Paul Helm hat die neue Systematische Theologie von Michael Horton gelesen und seine Eindrücke in eine Buchbesprechung gepackt. Ich habe das Buch inzwischen auch angelesen und kann Helm in einigen Punkten zustimmen. Obwohl ich das Werk von Horton schätze, glaube ich z.B. nicht, dass es sich so lange halten wird wir die Dogmatik von Louis Berkhof (vgl. hier).

Bemerkenswert ist folgende Beobachtung von Helm:

A final general comment. Horton’s systematic theology, like many another’s, is very much an intramural product, consisting of lots of conversations among exclusively Christian theologians. The general features or movements of current culture only merit discussion insofar as they have been taken up by or unconsciously reflected in the published work of members of the guild. As far as I can see the numerous works in systematic theology recently produced among conservative theologians (Grudem, Frame, Reymond, Kelly and now Horton) all seem to play on the same field and in more or less the same way, so that while we all may have our favourite, there is, frankly, little to choose between them, except depth of pocket or size of shelf. Is this, a kind of Theological Correctness, what contributes to the feeling of many that systematic theology is inherently dull? I hazard the hope that when the present cycle of systematic theology writing has run its course, the next cycle, while thoroughly conservative in orientation, will be wider, broader, more expansive, allowing some genuine, substantive differences of opinion and so, if nothing else, widening consumer choice.

Eine kluge Anmerkung.

Hier die vollständige Rezension: www.reformation21.org.

Kommentare

  1. Daniel meint:

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich die „Kritik“ richtig verstehe. Was meint Helm mit „broader“ – und was hat er gegen „Theological Correctnes“?
    Und: muss eine Systematische Theologie sich wirklich mit dem Islam beschäftigen (wie Helm offenbar erwartet)?

  2. Schandor meint:

    @Daniel

    „Und: muss eine Systematische Theologie sich wirklich mit dem Islam beschäftigen“

    Nein. Mit letzter Sicherheit nicht. Das gehört nicht in eine Systematische Theologie, sondern ganz woanders hin. Die Systematische Theologie hat die Lehre der Heiligen Schrift systematisch zu erklären. Wenn sie darüber hinausgeht, verfehlt sie m. E. ihr Ziel. Woran wäre denn zu messen, mit welchen Religionen sie sich zu beschäftigen hätte? An der Zahl der Anhänger? An der Macht der zu behandelnden Religion?
    Jede Systematische Theologie ihrer Zeit hat sich in für ihre Zeit aktualisierter Form darzustellen, daher auch die Berechtigung, von Zeit zu Zeit neue Werke aufzulegen. Sie muss in der Sprache ihrer Zeit den Inhalt des Wortes Gottes systematisieren. Der Inhalt muss immer derselbe bleiben; der Sinn darf sich nie verändern. Es muss zukünftigen Generationen möglich sein, von Augustin (oder gar früher) bis Horton und bis XY (im Jahre XYZ) die selbe Lehre zu erkennen, nur jeweils der Sprache ihrer Zeit akkomodiert (und NUR der Sprache, nicht dem säkularen Denken ihrer Zeit).
    Über Einteilung und Umfang mag man streiten (so hat William G. T. Shedd in seiner „Dogmatik“ 80 Seiten lang über die ewige Verdammnis gesprochen, nicht aber über die Gemeinde, was manche moniert haben, vielleicht zu recht, vielleicht aber auch nicht). Nur WAS gesagt wird, das muss aus der Heiligen Schrift selbst stammen, und wenn der Islam behandelt werden soll, dann auch die Scientology-Sekte, die Mun-Sekte und —- die römisch-katholische Kirche 😉 ahso, ja, das hat Calvin in seiner „systematischen Theologie“ aka *institutio* prächtig besorgt 😉

    Oder irre ich mich?

    Liebe Grüße
    Schandor

  3. Lieber Ron, ich bin erst 200 Seiten weit. Kannst du die Punkte nennen, an denen zu Helm zustimmst?

  4. Roderich meint:

    @Daniel,
    bei wikipedia.org (Englisch) steht bei „Systematic Theology“ im Abschnitt „Contemporary usage“:

    Christian systematic theology will often touch on some or all of the following topics:…. interfaith statements on other religions“.

    Also waere die Kontrastierung z.B. mit dem Islam wohl nicht soooo fehl am Platze.

    Ich kann mir vorstellen, dass eine systematische Theologie noch interessanter zu lesen waere, ohne dabei an Klarheit zu verlieren, wenn allerlei aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen bzw. Denkrichtungen (wenigstens in Nebensaetzen) in die Diskussion einbezogen werden /wuerden.
    Das erfordert allerdings eine weitaus groessere Denkleistung: man muss nicht nur das Feld „Systematische Theologie“ beherrschen, sondern auch alle anderen Weltanschauungen / aktuelle Ereignisse (und deren weltanschauliche Ursachen/ Implikationen), so dass man sich nicht selbst widerspricht.

    Das wuerde ein christliches Buch viel relevanter machen. (Das gilt auch fuer andere Themen / Gebiete als systematische Theologie).

  5. Roderich meint:
  6. Roderich meint:

    …. ist das nicht uebrigens das gleiche Problem bei vielen Predigten: Pastoren leben oft nicht in der „Realitaet“ (z.B. dem 40h oder 50h Arbeitsleben) und predigen „Prinzipien“, die wenig mit der Realitaet der meisten Menschen zu tun haben?

    Oder: Pastoren sind so liberal, dass sie zwar die Zeitung lesen und wissen, was abgeht, aber die Ereignisse dann nicht aus biblischer Sicht einordnen bzw. das Geschriebene dann nicht neu versuchen zu durchdenken mithilfe von christlichen Grundannahmen (denn viele Zeitungsautoren schreiben ja mit humanistischen / nichtchristlichen Grundannahmen und kommen daher zu vorhersehbaren Interpretationen.)

    Oder: Pastoren sind zwar nicht liberal, sondern bibeltreu, aber beschaeftigen sich dann gar nicht mehr mit dem, was wirklich passiert, und wenn, dann nur so oberflaechlich, dass ihre Interpretation der aktuellen Dinge z.B. viel zu reduktionistisch ist. (Z.B.: Ein Erdbeben geschieht irgendwo: ja, klar, das ist ja schon in der Offenbarung beschrieben. Die EU formt sich mit zentralistischen Tendenzen: ja, klar, das steht ja schon in der Offenbarung“ etc, ohne jede Detailkenntnis oder Verstaendnis von Oekonomie, Politik etc. – Ein Pastor muss ja nicht Volkswirtschaft oder Politikwissenschaft studiert haben, aber ein oder zwei „neutrale“ Standardwerke wuerden ihm nicht schlecht tun.)

    Ein positives Vorbild ist da Tim Keller, der wirklich die Themen aufgreift, die den Leuten auf dem Herzen liegen. (Auch wenn er mit seinem neuesten Buch ueber Wirtschaft „Generous Justice“ wohl etwas daneben lag, wie WORLD magazine geschrieben hat („Author Tim Keller urges help for the poor, but his political analysis misses the mark“).
    Aber „Gruende fuer Gott“ ist sehr gut, weil es die echten Fragen der Menschen anspricht).

    Das, was BRD wohl mit am meisten braucht, ist Gemeinden, bei denen die Menschen eine gut durchdachte christliche Weltanschauung haben, erfuellt sind mit dem Heiligen Geist, und sowohl viel in der Bibel lesen (und Christus nachfolgen) als auch wissen, was in der Welt wirklich passiert und das, was sie in Zeitungen lesen, kritisch durchdenken koennen.

  7. Daniel meint:

    @Roderich:
    Allein die Tatsache, dass man „nicht nur das Feld Systematische Theologie“ beherrschen muss, spricht doch dafür, dass eine solche Beschäftigung (wie soll die aussehen? Darstellend? Apologetisch? Vergleichend?) eher nicht in eine Systematische Theologie gehört – weswegen das offenbar auch kaum ein Verfasser solcher Darstellungen bisher erwogen hat. Ich gebe Dir Recht darin, dass solche Darstellungen interessant/notwendig sein können, halte aber eine ST für den falschen Ort. Weder erwarte ich das dort, noch scheint mir das in sinnvoller Weise möglich zu sein, ohne die Darstellung zu überfrachten. In jedem Fall scheint es mir nicht ganz fair zu sein, etwas zu erwarten, was auch kein anderer ST-Verfasser liefert – und das Gesamtwerk deswegen als „inherently dull“ zu apostrophieren.

    Vielleicht kann Ron hier für mehr Klarheit sorgen, was Helm wohl gemeint haben könnte?

    @Schandor:
    Sehe ich grundsätzlich ähnlich. Deswegen wüsste ich auch gerne, was Helm gegen „Theological Correctness“ hat. Auch das ist kein wirklich valider Kritikpunkt – jedenfalls nicht ohne konkrete Erklärung, was er damit meint.

  8. Schandor meint:

    @Daniel

    Ja, man darf sich manchmal nicht von Rang, Namen oder Titel blenden lassen. Manchmal schießen auch „größere Geister“ nicht gerade ins Schwarze. Soll die Systematische Theologie nur auch damit anfangen, sich mit dem Islam zu beschäftigen. Vielleicht ist das ein erster Schritt in Richtung dessen, was der Islam ohnehin in Europa vorhat. Der erste Schritt sieht immer harmlos aus. Die Warner sind immer die Deppen. Es gibt nur ein einziges Wort, das zum Islam zu sagen ist. Ganze Bücher kann man schreiben, Untersuchungen, Annäherungen, Dialoge, Diskurse, Entgegenkommen. Und noch mehr. Nur eines kann man nicht: Erkennen. Dass es nämlich nur ein einziges Wort gibt (dogmatisch gesprochen!): Nein.

  9. Roderich meint:

    Ja, es waere mal hilfreich, um Rons Input zu hoeren, was alles in eine Systematische Theologie gehoert und was nicht.
    (Habe leider kein Theologie studiert, kann daher nur mit fundiertem Halbwissen mitreden… :-))

    Grundsaetzlich meine ich: wenn es ueber Gott den Schoepfer geht, dann geht es auch ueber Umwelt, Schoepfungsordnung (alle Bereiche, die dazugehoeren), aber auch ueber Philosophie (Den Anfang und das Ende aller Dinge = Ontologie, Metaphysik, Teleologie etc.); wenn es ueber „Gott den Versorger“ geht, dann auch ueber Wirtschaft, wenn es ueber „Gott den Gesetzgeber“ geht, dann auch ueber Recht, Gerechtigkeit und Jurisprudenz, wenn es ueber Christus geht, dann auch ueber Erziehung etc.

    (Man kann / sollte Querverweise zumindest in Nebensaetzen, kurzen Absaetzen, Fussnoten etc. einbauen – als Hilfe zur Einordnung).

    Aber: @Daniel, das stimmt, evtl. passt manches besser in den Bereich Apologetik, Ethik, etc.

    @Schandor: nur aus der Beschaeftigung mit dem Islam ergibt sich noch nicht zwingend eine „Anpassung“ an den Islam bzw. „Konzessionen“.
    (Siehe z.B. das Buch „Kampf um Wahrheit“ von David A. Noebel, das u.a. den Islam mit Christentum, Postmoderne, New Age, Humanismus und Marxismus kontrastiert, ohne dabei die christliche Basis zu kompromittieren).

  10. Schandor meint:

    Klar, wenn man eine Systematische Theologie in mehrere Teilbände aufteilt, kann man freilich weiter ausholen. Ein einbändiges Werk mit 1000 Seiten kann darauf nicht eingehen, ohne das Wesentliche ausführlich genug zu behandeln.

  11. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, es handele sich bei der ST von Horton um ein überschätztes Buch. Das war, wenn ich es richtig verstehe, auch nicht das Anliegen von Helm. Helm will m.E. sagen: Ruhig mal mehr wagen, auch wenn Du aneckst. Ich wollte andeuten, dass der Autor einer ST nicht zu sehr auf das achten sollte, was gerade „hip“ ist. Natürlich ist es eine Stärke von Horten, dass er mit anderen Leuten agiert. Ich glaube allerdings nicht, das im Fachbereich der ST McLaren, Grenz, Hybels & Co. eine besondere Rolle zukommt. Ihre Impulse werden bald vergessen sein.

    Insgesamt schätze ich das Buch und lese immer wieder mal einige Seiten mit großem Gewinn.

    Liebe Grüße, Ron

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