Agent*In

Da haben sich die Grünen wieder was einfallen lassen: Die Agent*In – ein Antifeminismus-kritisches Online-Lexikon. Das ganze Projekt läuft unter dem Dach der Heinrich-Böll-Stiftung und wird – so darf vermutet werden – mit öffentlichen Geldern gefördert.

Und worum geht es inhaltlich? Die Antwort der Betreiber:

Die gesellschaftliche Polarisierung zwischen autoritär orientierten Parteien und Gruppierungen und emanzipatorischen Kräften, die eine offene und liberale Gesellschaft mit all ihren Errungenschaften verteidigen wollen, nimmt zu. Mittendrin können wir seit Jahren Antifeminismus beobachten, der als verbindendes Element, als Kitt zwischen (national)konservativen, rechtspopulistischen bis hin zu rechtsextremen Einstellungen und Politiken fungiert und die Brücke in die sogenannte Mitte der Gesellschaft bildet. In dieser sind antifeministische Positionen gleichfalls verankert. Islamfeindlichkeit, Homophobie und Ablehnung von ‚Gender-Ideologie‘ verbinden eine bunte Mischung von Rechtsaußenparteien, Gruppierungen und fundamentalistischen Bewegungen in ganz Europa und über die Grenzen Europas hinaus. In Deutschland gehören zu diesem Spektrum u.a. die AfD, Pegida, HogeSa, Besorgte Eltern, Demo für alle, die Zivile Koalition, sogenannte Lebensschützer oder christlich-fundamentalistische Organisationen und Gruppierungen der Neuen Rechten. Diese antifeministischen, geschlechtskonservativen und mitunter rassistischen Kreise mobilisieren z.T. schon seit Jahren auf europäischer und nationalstaatlicher Ebene gegen Gleichstellungspolitik und emanzipative Geschlechterbewegungen wie auch gegen die Geschlechterforschung. Durch Demonstrationen, sprachliche Subversion und Aktionen, die sich z.B. gegen „Gender-Wahn“ oder die „Frühsexualisierung unserer Kinder“ richten sowie gezielte Tabubrüche wollen sie Einfluss auf den öffentlichen Diskurs nehmen. Unterstützung erhalten diese Gruppierungen u.a. von (ultra)konservativen Publizist_innen. Der Blick auf Leitmedien, Talkshows und Bestsellerlisten zeigt, dass der Einfluss von Anti-Feminist*innen in den letzten Jahren stärker geworden ist. Egal ob es sich um die Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Gesellschaft, in Schulen oder in den Gender Studies handelt oder um Familien- und Rollenvorstellungen – der Protest richtet sich stets gegen post-essentialistische Sexualitäts- und Genderkonzepte.

Aufgebaut ist das wie eine „Täterdatei“. Hat jemand gegen Gender-Mainstream Stellung bezogen, etwa in einem Vortrag oder einem Buch, wird das im „Lexikon“ entsprechend vermerkt. Zu finden sind beispielsweise Einträge zur Rolf Hille, Stephan Holthaus, Daniel von Wachter oder auch das Netzwerk für „Bibel und Bekenntnis“. Sogar Harald Marteinstein, ein langjähriger Wähler der Grünen, wurde als NPD-nah eingestuft, weil er sich in der ZEIT kritisch zum Gender-Mainstream geäußert hatte.

Eine Stellungnahme gegen Abtreibung oder die Frühsexualisierung in den Schulen wird so als „gezielter Tabubruch“ hingestellt. Bedeutungsumkehr. Wir merken: Es geht nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um eine neue Form der Inquisition. Ich frage mich, ob der Tag kommen wird, an dem die Aktivistinnen Leute dazu verpflichten wollen, einen Sticker zu tragen, weil sie antifeministische Positionen vertreten.

Kommentare

  1. Roderich meint:

    Das ist Denunziantentum, das nur der Einschüchterung dienen soll, damit Gegner von Gender Mainstreaming in Zukunft lieber nicht mehr den Mund aufmachen.

  2. Schandor meint:

    So, Roderich. Kleiner Queertreiber, wie?

  3. Einfach nur abartig.

    Sehr interessant auch der Eintrag „Biologismus“, in dem auch eine naturwissenschaftliche biologische Herangehensweise an den Pranger gestellt wird und ein wichtiger deutscher Evolutionsbiologe, Ulrich Kutschera, ebenfalls einen langen Eintrag hat und seine evolutionsbiologische Herangehensweise völlig negativ dargestellt wird. Hammer – selbst Biologie ist bei ihnen nun ein Ismus.
    Die haben doch völlig ein Rad ab.

    Sogar ein Evolutionsbiologe steht uns Christen im Verständnis von Mann und Frau tausendmal näher als die Betreiber dieses intoleranten Prangers.

  4. Theophil Isegrim meint:

    Bei der letzten Bundestagswahl haben die Grünen 8,4% erreicht. Bei einer Wahlbeteiligung von 71,5% entspricht das 6%. 94% haben die Grünen nicht gewählt. Diese real 6% meinen nun, sie können einfach so die Gesellschaft umbauen, wie sie es für richtig halten. Was für eine unverschämte Arroganz. Und wenn sich andere gegen ihren Wahn mit demokratischen Mitteln dagegen zu Recht wehren, dann wollen sie diese ins schlechte Licht rücken. Ei, was sind das doch für freiheitsliebende, liberale Demokraten. Ihre Taten sprechen eine klare Sprache. Es sind keine Demokraten. Das sind einfach nur Extremisten, die ihre Diktatur durchdrüben wollen. Ich wünsche mir eine möglichst hohe Wahlbeteiligung, dann fallen sie vielleicht unter 5%. Niemand braucht sie.

  5. Johannes meint:

    Es grenzt ja fast schon an ein Wunder, dass etwa Peter Hahne und Markus Spieker da (noch) nicht aufgeführt sind.

    Aus „Pro Life“ macht man schnell mal „Anti-Choice“ 🙁

    Klar, Ideologen sind immer die anderen…

  6. Thomas S. meint:

    Hier ein weiterer guter Kommentar dazu: https://man-tau.com/2017/07/19/gruene-pranger-wagenburg/

  7. Roderich meint:

    @Thomas S.,
    besten Dank, ein hervorragender Artikel!

    Einige Zitate:

    „Tatsächlich wird überhaupt nicht deutlich, welchen Zweck dieses „Lexikon“ eigentlich erfüllen soll. Wer über die vorgestellten Personen etwas erfahren möchte, wird mit dürren, in der Regel diskreditierenden Informationen abgespeist, die über Argumente, Kritikpunkte, Positionen, Auseinandersetzungen oder Kontexte überhaupt nichts aussagen.“
    ..
    „Hoffmanns Vorwurf, es würde sich bei dem Lexikon eigentlich um einen öffentlich finanzierten *Online-Pranger* handeln, ist auch aus diesem Grund kaum von der Hand zu weisen. Eine diskreditierende Darstellung, die verfälschend oder hoch selektiv auf belastende Hinweise konzentriert ist, Kontexte außer Acht lässt und linksliberale Kritiker direkt neben Rechtsaußen-Akteure platziert: Diese Art der Darstellung kann eben nur denjenigen Betroffenen in ihrer bürgerlichen Existenz schaden, die auch unter Klarnamen bekannt sind.

    Es geht den BetreiberInnen also offensichtlich darum, Kritiker einzuschüchtern – und zwar eben gerade keine Kritiker von rechtsaußen, weil die durch die gemeinsame Auflistung mit linken und liberalen Akteuren ja eher entlastet werden. Es geht um die Einschüchterung von eben solchen linksliberalen Kritikern – denn nur die können durch die beliebige Assoziation mit Rechtsaußen-Positionen ja beschädigt werden.

    Das Pranger-Lexikon ist also überhaupt nicht als eine allgemeine Information über einen bestimmten Diskurs konzipiert. Dafür fehlen fast sämtliche relevanten Informationen, und dafür fehlt es auch ganz an dem Bemühen, das Thema „Feminismus“ für ein weiteres Publikum interessant zu machen. Es ist ein Signal an die Akteure des eigenen politischen Lagers – als müsste die Herde zusammengehalten werden.

    Allein schon dadurch ist es fragwürdig, solch ein Portal aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren: Warum sollten alle Steuerzahler (oder „Steuerzahler*innen“ im Jargon von Agent*in) dafür aufkommen, dass linksliberale Milieus sich dagegen abdichten, mit Kritik an feministischen Positionen in Berührung zu kommen?“

    „Wenn sich daneben die immensen Summen für die parteinahen Vereine, die sich „Stiftungen“ nennen, überhaupt legitimieren lassen, dann doch allenfalls als Beiträge zur Förderung eines offenen demokratischen Diskurses. Hier aber geht es zweifellos eher darum, einen solchen Diskurs zu verhindern.“

    Nun, leider hat Angela Merkel (und ein Großteil der CDU) für solche Fragen überhaupt kein Gespür, sodass es also an entschiedenem Widerspruch fehlen wird.

    In einem würde ich dem Kommentar übrigens nicht zustimmen: Nicht nur die linksliberalen Feminismus- und Genderkritiker sollen eingeschüchtert werden, sondern natürlich auch konservative und „rechte“.

  8. Schandor meint:
  9. gandalf meint:

    Das Ganze zeigt wieder einmal dass die sogenannte „offene und liberale Gesellschaft“ genau so wie viele andere Konzepte zuvor immer nur Offenheit und Liberalität für einige meint, welche dann allen anderen ihre Vorstellung überstülpen. Es gibt kein wie auch immer geartetes Gesellschaftskonzept aus Menschenhand, welches für alle Mitglieder gleich frei, gerecht usw. ist.

  10. Thomas meint:

    Leider zeigt die “ feministisch-liberalisierend“ und aufklärerisch daherkommende .“LGBT-pride“ recht intolerant, ja fast schon im Ansatz „gleichschaltend“ (um das verfemte Wort zu brauchen.) totalitäre Züge…und die Unterstützer sind vielschichtig…

  11. Michael Pieper meint:

    Kann man die Beteiligung der Grünen noch etwas klarer herleiten? Gibt es da Anhaltspunkte?

  12. Christian B. meint:

    @Michael: Steht im Prinzip im Impressum der Seite.
    „Heinrich-Böll-Stiftung e.V.(…)
    Die Heinrich-Böll-Stiftung ist die parteinahe Stiftung der Grünen mit Sitz in Berlin.“
    http://www.agentin.org/index.php/Agent*In:Impressum

    viele Grüße
    Christian

  13. Schandor meint:

    Die Agent*in-Seite ist noch unvollständig.

    Unter der Kategorie „Ideologien“ haben die Verfasser die zwei schlimmsten ausgelassen: Genderismus und Feminismus. Vielleicht ist die Seite noch im Aufbau.

  14. @Schandor: Prädikat: Gut gebrüllt, Löwe!
    Liebe Grüße, Ron

  15. Eine kurze Beitrag zu diesen Thema https://www.youtube.com/watch?v=T9hpAaQgbJI

  16. Hier die Entschuldigung des Vorstands der Böll-Stiftung:

    https://www.boell.de/de/2017/08/07/stellungnahme-des-vorstands-der-heinrich-boell-stiftung-zum-online-lexikon-agentin

    Liebe Grüße, Ron

Ihre Meinung ist uns wichtig

*