Autorenname: Ron

Stott on the Christian Life

Chester Stott on the Christian LifeJohn Stott gehört zweifelsohne zu den prägendsten Gestalten der Evangelikalen Bewegung im 20. Jahrhundert. Noch heute beeinflusst sein Vermächtnis Theologen, Missionswerke und Kirchengemeinden in vielen Ländern der Welt. Er half dabei, ein zeitgenössisches Verständnis des christlichen Glaubens zu entwickeln, das auf der Heiligen Schrift gründet, sich zugleich um das Kreuz dreht und sich zudem dadurch auszeichnet, dass es in allen Lebensbereichen nach Christusähnlichkeit strebt.

Der englische Theologe und Pastor Tim Chester legt mit seinem neuen Buch dar, wie John R.W. Stott das Leben als Christ sieht. Das Buch ist in der Themenreihe Theologen über das christliche Leben erschienen, die vom Crossway Verlag verantwortet wird. Es gibt dort ebenfalls Bände zu den Sichtweisen anderer großer Theologen, darunter Aurelius Augustinus, Martin Luther, Jonathan Edwards, John Owen oder Dietrich Bonhoeffer.

Ein erfülltes Leben

Obwohl es sich bei dem Buch nicht um eine Biographie handelt,1 folgt der knappen Einleitung (S. 11–13) ein Abriss zu John Stotts Lebensgeschichte. John wurde als drittes Kind seiner Eltern am 27. April 1921 in gut bürgerlichen Verhältnissen geboren. Der Schüler besuchte die traditionsreiche Rugby School, wo er unter dem Einfluss des anglikanischen Evangelisten E.J. Nash zum Glauben an Jesus Christus fand. Im Oktober 1940 begann er mit dem Studium der französischen und deutschen Sprache an der Universität von Cambridge (England). Schon damals entwickelter er die eiserne Selbstdisziplin,2 die für sein gesamtes weiteres Leben kennzeichnend werden sollte. Er stand 6 Uhr morgens auf (später dann sogar 5 Uhr), um vor dem Frühstück eineinhalb Stunden Zeit für sein Bibelstudium und das Gebet zu haben. Meistens ging er bereits um 21:30 Uhr zu Bett, um für den nächsten Tag fit zu sein (vgl. S. 18–19). Stott integrierte früh die persönliche Evangelisation in seinen Lebensstil und durfte miterleben, wie Menschen, die er mit dem Evangelium bekanntmachte, zum lebendigen Glauben fanden. Daneben leitete er schon als junger Christ andere in Bibelgruppen dazu an, die Heilige Schrift gründlich zu studieren. Nach seinem zweiten Studienjahr wechselte Stott zum Theologiestudium ans Trinity College in Cambridge. Am 21. Dezember 1945, also kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde er zum Pastor der All Souls-Kirchengemeinde in London ordiniert. 1950 wurde er ihr Rektor und blieb bis zu seinem Rücktritt 1975 in diesem Amt, obwohl er zahlreiche Angebote für andere kirchliche oder akademische Stellungen erhielt. Die Liebe zur eigenen Gemeinde prägte seinen gesamten Dienst, auch wenn er darüber hinaus viele andere verantwortliche Aufgaben im In- und Ausland übernahm. (Eine Liste seiner Ämter ist auf S. 28 zu finden.) Für uns in Deutschland ist herauszuheben, dass er 1974 an der Seite von Billy Graham eine Schlüsselfigur auf dem Lausanner Kongress für Weltevangelisation gewesen ist und für viele Jahre das Netzwerk Fellowship of European Evangelical Theologians (FEET) mitprägte.3 Nach einem sehr erfüllte Leben im Dienst für das Evangelium starb John Stott am 27. Juli 2011 im Alter von 90 Jahren.

Das Entscheidende im Leben eines Christen

Dem biographischen Abriss folgen zehn Kapitel, die jeweils bestimmende Anliegen John Stotts vorstellen und erläutern. Zu finden sind dort etwa Kapitel über „Das christliche Denken“ (S. 37–63), „Predige das Wort“ (S. 65–90), „Genugtuung durch Stellvertretung“ (S. 91–112), „Leben im Geist“ (S. 135–153) oder „Liebe für eine bedürftige Welt“ (S. 189–210). Jedes dieser Kapitel stellt die Besonderheiten von Stotts Ansichten auf diesen Gebieten heraus. Wir finden hilfreiche Erläuterungen etwa zu Stotts „Dialektischer Methode“ (vgl. S. 53–63), seinem Konzept des „Doppelten Hörens“ (vgl. S. 52–56), seinem Streit mit Martyn Lloyd-Jones zur Frage der Einheit der Kirche (vgl. S. 163–175), seinem „Annihilationismus“4 oder seiner Auffassung von einer „irrtumslosen Heiligen Schrift“ (S. 88–90). Es fehlt der Raum, um dies alles im Einzelnen zu erörtern. Erfreulicherweise sind jedoch die meisten dazugehörigen Bücher in deutscher Sprache erschienen, so dass jeder, der Interesse hat, sich schlaumachen kann.5 Kurz besprechen möchte ich hingegen drei Aspekte seiner Sichtweise auf das christliche Leben, die im deutschen Sprachraum weniger bekannt sind.

Selbstverleugnung versus Selbstliebe und Selbsthass

In seinem Buch Das Kreuz hatte Stott nachgewiesen, dass der Tod von Jesus Christus mehr ist als das inspirierendes Beispiel für ein aufopferungsvolles Leben. Stott zählt zu jenen, die das Geschehen auf Golgatha als stellvertretendes Sühnehandeln verstehen. Es bringt all jenen, die daran glauben, dass Jesus für sie persönlich gestorben ist, Vergebung der Sünden und ewiges Leben. Aber das Kreuz ist für Stott nicht nur der Weg, auf dem Menschen errettet werden. Er war zutiefst davon überzeugt, dass es obendrein das Kennzeichen der Nachfolge Christi schlechthin ist. „Das Kreuz“ so schrieb er, „ist nicht nur ein Anstecker, durch den wir erkannt werden“, sondern es ist „der Kompass, der uns Orientierung in einer orientierungslosen Welt gibt“ (S. 106). Das Kreuz verändert die Art und Weise, wie wir Gott, uns selbst, die Gemeinde und die Welt sehen. Ein Christ gibt, so Stott, sein Leben täglich in den Tod, um unter der Herrschaft Gottes zu leben (vgl. 106).

Nun hat Stott bemerkt, dass viele Menschen mit lähmenden Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen haben. Oft hängt das mit Erfahrungen in der Kindheit und Jugend und kulturellen Einflüssen zusammen.6 Die Botschaft der täglichen Selbstverleugnung (vgl. z.B. Lk 9,23) wird von solchen Christen bisweilen so aufgenommen, dass sie sich noch weniger zutrauen, als dies sowieso schon der Fall ist. Deshalb rief Stott weder zum Selbsthass noch zur Selbstliebe auf,7 sondern zur Selbstverleugnung und zur Selbstbejahung: „Er hebt sowohl die biblischen Appelle zur Selbstverleugnung hervor – insbesondere den Aufruf Jesu, uns selbst zu verleugnen und unser Kreuz auf uns zu nehmen (Mk 8,34) – als auch die Bejahung unseres Menschseins, die wir in der Lehre und Haltung Jesu erkennen“ (S. 107).

Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu verstehen? Stott löst die Spannung auf, indem er von einer zweifachen Identität des Christen spricht. „Diese doppelte Identität hilft uns zu erkennen, was Selbstverleugnung beinhaltet: ‚Das Selbst, das wir verleugnen, ablegen und kreuzigen sollen, ist unser gefallenes Selbst, alles in uns, was mit Jesus Christus unvereinbar ist“ (S. 107). Weil das so wichtig ist, zitiere ich das im Zusammenhang aus der deutschen Ausgabe von Das Kreuz. Zunächst schreibt er:

„Was wir sind (unser Selbst oder unsere persönliche Identität) ist zum Teil das Resultat der Schöpfung als Ebenbild Gottes und zum Teil das Resultat des Sündenfalls als entstelltes Ebenbild. Das Selbst, das wir verleugnen, von dem wir uns lossagen und das wir kreuzigen sollen, ist unser gefallenes Selbst, alles in uns, was nicht mit Jesus Christus vereinbar ist (daher seine Aufforderungen ‚verleugne er sich selbst‘ und dann ‚folge mir nach‘). Das Selbst, das wir bejahen und wertschätzen sollen, ist unser erschaffenes Selbst, alles in uns, was mit Jesus Christus vereinbar ist (daher seine Aussage, dass wir uns selbst finden werden, wenn wir uns durch Selbstverleugnung verlieren). Wahre Selbstverleugnung, die Verleugnung unseres falschen, gefallenen Selbst, ist nicht der Weg zur Selbstzerstörung, sondern zur Selbstfindung.“8

Das bedeutet, wir verneinen in uns das, was zu dem gefallenen Selbst gehört, bejahen aber, was unter der Verheißung des neuen Menschen steht. Stott schreibt weiter:

Was immer wir also durch die Schöpfung sind, müssen wir bejahen: Unsere Rationalität, unser Bewusstsein moralischer Verpflichtung, unsere Sexualität (sei es Männlichkeit oder Weiblichkeit), unser Familienleben, unsere Begabung zu ästhetischem Empfinden und künstlerischer Kreativität, unsere Haushalterschaft über die fruchtbare Erde, unseren Hunger nach Liebe und unser Erleben von Gemeinschaft, unser Bewusstsein der transzendenten Majestät Gottes und unseren angeborenen Drang, niederzufallen und ihn anzubeten. All dies (und mehr) ist Teil unserer erschaffenen Menschlichkeit. Es stimmt, dass es durch Sünde befleckt und verbogen wurde. Doch Christus kam, um es zu erlösen, nicht um es zu vernichten. Deshalb müssen wir es dankbar und positiv bejahen. Was immer wir hingegen durch den Sündenfall sind, müssen wir verleugnen oder ablehnen: Unsere Irrationalität; unsere moralische Verderbtheit; unsere Verwischung sexueller Unterscheidungsmerkmale und unseren Mangel an sexueller Selbstbeherrschung; die Selbstsucht, die unser Familienleben verdirbt; unsere Faszination für das Hässliche; unsere träge Weigerung, Gottes Gaben zu entwickeln; unsere Verschmutzung und Zerstörung der Umwelt; die antisozialen Tendenzen, die wahre Gemeinschaft behindern; unsere stolze Autonomie und unsere götzendienerische Weigerung, den lebendigen und wahren Gott anzubeten. All dies (und mehr) ist Teil unserer gefallenen Menschlichkeit. Christus kam nicht, um sie zu erlösen, sondern um sie zu vernichten. Deshalb müssen wir sie entschieden verleugnen oder ablehnen.9

Das Kreuz ruft uns demnach zur Selbstbejahung und Selbstverleugnung zugleich auf. Das ist eine erhellende Klarstellung. Sie hilft nämlich, eine unnötig weltverleugnende Haltung zu vermeiden, in der wir die guten Gaben Gottes aus der Sorge heraus ablehnen, dass wir uns nicht ausreichend selbstverleugnen. Noch wichtiger ist, dass sie den positiven Wert der Selbstverleugnung aufzeigt. Wahre Selbstverleugnung führt zur Selbstentdeckung, die uns von unserer Selbstbezogenheit befreit und dazu befähigt, ein Leben der Selbsthingabe zu führen. Zu einem hingegeben Leben gehören nach Stott auch Verzichts- und Leidensbereitschaft.

War John Stott ein reformierter Theologe?

Im deutschsprachigen Raum wurde John Stott vor allem als evangelikaler und weniger als reformierter Theologie wahrgenommen. Stott hat – anders als etwa Martyn Lloyd-Jones – die Bezeichnung „Calvinist“ selten gewählt. Aus seinen Schriften ist hingegen ersichtlich, dass er ein moderater Vertreter reformierte Theologie gewesen ist (vgl. S. 104). Er verteidigte die völlige Verdorbenheit des Menschen, die göttliche Erwählung, das Geschenk eines geistgewirkten Glaubens und die Bewahrung der Heiligen (vgl. S. 104–105). Seine Einführung in den christlichen Glauben für Nichttheologen eröffnet er mit folgenden Worten (vgl. 104):

Die Sache ist die: Wir können Gott niemals überraschen, geschweige denn ihm zuvorkommen. Er macht immer den ersten Schritt. Er steht immer ‚am Anfang‘. Bevor es uns gab, war Gott schon am Werk. Bevor wir uns auf den Weg machen, um Gott zu suchen, geht Gott uns schon entgegen. Es geht in der Bibel nicht darum, dass Menschen versuchen, Gott zu entdecken, sondern dass Gott sich nach uns ausstreckt, um uns zu finden.10

An anderer Stelle schreibt er zur Sünde: „Weil Sünde eine innere Korruption der menschlichen Natur ist, sind wir darin gefangen.“11 Tim Chester fasst den Befund treffend zusammen: „Eine hohe Sicht des Kreuzes“ geht bei Stott „also Hand in Hand mit einer tiefen Lehre von der Sünde“ (S. 105), was für die reformierte Theologie charakteristisch ist.

Notwendige Konfrontationen

Stott war von seiner Persönlichkeit her ein sehr gewinnender Typ. Dass er sich als Ireniker12 verstand, ist schon daran ablesbar, dass er es schaffte, zerstrittene Evangelikale in vielen Fragen immer wieder zueinander zuführen.

Seine einheitsfördernde Art darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er auch ein Kämpfer war. Er war bereit und willens, klare Standpunkte zu vertreten. Er verteidigte das „Stellvertretende Sühneopfer“ zu einem Zeitpunkt, als es auch durch Evangelikale verdunkelt wurde. Zusammen mit J.I. Packer stellte er sich gegen ein quietistisches und subjektivistisches Heiligungsverständnis, wie es innerhalb der Keswick-Bewegung13 befürwortet wurde (vgl. S. 12–13; 118–134). „Die Heilige Schrift war immer seine höchste Autorität, und er war bereit, ihr zu folgen, wohin sie ihn auch führte“ (S. 12). Eines seiner Bücher trägt den Titel ‚Ich aber sage euch‘ … Christus der Polemiker.14 Darin zieht er Lehren aus den Streitgesprächen Christi mit den Menschen seiner Zeit und macht die Vorgehensweise Jesu zu einem Modell für die heutige Bereitschaft, fest zur Wahrheit zu stehen. In dem Kapitel „Der Ruf zur Klarheit“ schreibt er:

Vielleicht kann man die Behauptung, dass der Meinungsstreit manchmal eine schmerzhafte Notwendigkeit ist, am besten dadurch untermauern, dass man sich daran erinnert, dass unser Herr Jesus Christus selbst jemand war, der dem Streit nicht aus dem Weg ging. Er war nicht ‚weitherzig‘ in dem Sinne, dass er bereit war, sich mit allen Ansichten zu jedem Thema einverstanden zu erklären. Im Gegenteil: […] Er ließ sich häufig auf eine Debatte mit den religiösen Führern seiner Zeit ein, den Gesetzeslehrern und Pharisäern, den Herodianern und Sadduzäern. Er behauptete, dass er selbst die Wahrheit sei, dass er gekommen sei, um die Wahrheit zu bezeugen, und dass die Wahrheit seine Anhänger frei machen würde. Seine Loyalität zur Wahrheit bedeutete, dass er sich nicht scheute, offiziellen Verlautbarungen öffentlich zu widersprechen (wenn er wusste, dass sie falsch waren), Irrtümer aufzudecken und seine Jünger vor falschen Lehrern zu warnen. Er war auch extrem unverblümt in seiner Sprache, nannte sie ‚blinde Blindenführer‘, ‚Wölfe im Schafspelz‘, ‚getünchte Gräber‘ und sogar ‚Schlangenbrut‘. Es war nicht nur Jesus selbst. Die neutestamentlichen Briefe machen deutlich, dass auch die Apostel Polemiker waren. Judas zum Beispiel appellierte an seine Leser, ‚für den Glauben zu kämpfen, der dem heiligen Volk Gottes ein für allemal anvertraut worden ist‘. Wie ihr Herr und Meister mussten sie die Gemeinden vor Irrlehrern warnen und sie auffordern, fest in der Wahrheit zu stehen.15

Da manchmal behauptet wird, ein scharfer Disput sei mit der christlichen Liebe unvereinbar, setzte Stott sich gründlich mit diesem Einwand auseinander:

Nehmen Sie zum Beispiel Johannes, der als Apostel der Liebe bekannt ist. Wir haben von ihm die erhabene Erklärung, dass Gott die Liebe ist, und seine Briefe quellen über vor Aufrufen an die Christen, sich gegenseitig zu lieben. Dennoch erklärt er geradeheraus, dass jeder, der leugnet, dass Jesus der Christus ist, ein Lügner, ein Betrüger und Antichrist ist. In ähnlicher Weise spricht Paulus, der uns in 1. Korinther 13 den großen Hymnus auf die Liebe gibt und erklärt, dass die Liebe das höchste Kennzeichen des Geistes ist, dennoch einen feierlichen Fluch über jeden aus, der das Evangelium der Gnade Gottes verdreht. In unserer Generation scheinen wir uns von dieser kraftvollen Leidenschaft für die Wahrheit, die Christus und seine Apostel an den Tag legten, weit entfernt zu haben. Aber wenn wir die Herrlichkeit Gottes mehr lieben würden und wenn wir uns mehr um das ewige Wohl anderer Menschen sorgen würden, wären wir sicherlich eher bereit, uns auf Kontroversen einzulassen, wenn die Wahrheit des Evangeliums auf dem Spiel steht.16

Fazit

So wie Tim Chester (vgl. S. 11) bin auch ich als junger Mann John Stott mehrfach begegnet. Einmal habe ich ihn am Flughafen in Frankfurt am Main mit dem Auto abgeholt und ihn zusammen mit Alfred Kuen und einem anderen Theologen, dessen Namen ich vergessen habe, zu einer FEET-Tagung gebracht. Während der Gespräche im Auto hat mich Stotts Weisheit und Klarheit so gefesselt, dass ich mich verfahren hatte. So konnte ich länger als geplant zuhören und mitstottern. Als Praktikant war ich damals dafür zuständig, die Konferenzvorträge auf Magnetband aufzunehmen. Eines Tages kam John Stott bei mir vorbei, bedankte sich noch einmal für meinen Chauffeurdienst und verwickelte mich in ein kurzes Gespräch über mein eigenes Leben. Mir erging es exakt so wie Tim Chester: „Diese kurze Begegnung machte einen großen Eindruck auf mich. Stott […] hatte einen unbeholfen aussehenden Teenager gesehen, der allein stand, und er hatte es auf sich genommen, dem jungen Mann das Gefühl zu geben, willkommen zu sein“ (S. 11). Falls mich meine Erinnerung nicht täuscht, war Stott der einzige Konferenzteilnehmer, der sich für mich interessierte.

Tim Chesters Buch Stott on the Christian Life ist eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Ich selbst wurde förmlich „mitgerissen“. Ich sehne mich nach Brüdern und Schwestern, die – wie Stott – einen weiten Horizont haben und um die christliche Einheit ringen, dabei aber ihr Denken und Handeln an der Heiligen Schrift ausrichten und keine faulen Kompromisse eingehen. Wer diese Sehnsucht kennt, sollte das Buch in die Hand nehmen.

Hinweis: Die Rezension erschien zuerst im April 2021 bei Evangelium21.

 

Wird Wissenschaft zum Aktivismus?

Thomas Ribi stellt für die NZZ das Buch Die neue Schweigespirale: Wie die Politisierung der Wissenschaft unsere Freiheit einschränkt von Ulrike Ackermann vor und sagt:

Dass linke Aktivisten versuchen, den öffentlichen Diskurs mit Sprechverboten und Verunglimpfungen so weit einzuschränken, dass der freie Austausch von Ideen, Argumenten und Meinungen verunmöglicht wird, ist in den vergangenen Jahren zu einer traurigen Realität geworden.

Wer nicht so denkt und spricht, wie es den Vorstellungen der kritischen Race-, Gender-, Feminismus- und Postcolonial-Theoretikerinnen und -Theoretiker an den Hochschulen entspricht, soll schweigen. Sonst wird er oder sie zum Schweigen gebracht. Von immer militanter auftretenden Aktivisten, die für sich in Anspruch nehmen, für die Freiheit und die Rechte von Minderheiten einzustehen, tatsächlich aber genau das Gegenteil davon tun. Und die Universitäten sind ein wesentlicher Treiber der Entwicklung.

Mehr: www.nzz.ch.

Der totalitäre Antirassismus des Ibram X. Kendi

Rassismus ist eine böse Angelegenheit. Aber wir müssen bei diesem Thema genau hinschauen. Einflussreiche identitätspolitische Aktivisten verbreiten einen Antirassismus, der mehr Probleme schafft als er löst. Ibram X. Kendi gehört zu jenen, die totalitär gegen Rassismus vorgehen und ihrem Kampf mit der Kapitalismuskritik verbinden. In Deutschland findet der 39-jährige Professor für Geisteswissenschaften von der Boston University (USA) dafür offene Ohren. Der Theologe Christoph Markschies schwärmte sogar von seinem Buch How to Be an Antiracist. Nur wenigen fällt auf, dass die von ihm propagierten Formen der positiven Diskriminierung totalitäre Züge tragen.

Die NZZ berichtet:

«Das einzige Mittel gegen rassistische Diskriminierung ist antirassistische Diskriminierung», schreibt Kendi. Wer es anders sieht, wer positive Diskriminierung nicht für eine segensreiche Sache, sondern für leistungsfeindlichen Unfug hält und deshalb ablehnt, ist für ihn: genau, ein Rassist. Auch die freie Wirtschaftsordnung gehört für Kendi zu jenen Dingen, die schnellstens überwunden werden müssen. Denn Rassismus und Kapitalismus sind «siamesische Zwillinge».

In einem Gastbeitrag für «Politico» hat Kendi erklärt, wie er seine Überzeugungen mithilfe eines Zusatzes zur amerikanischen Verfassung implementieren will: Ein Ministerium für Antirassismus («Department of Antiracism», kurz DOA) soll politische Entscheidungen von der lokalen bis zur nationalen Ebene auf fehlende Gleichheit hin kontrollieren und bei Bedarf Disziplinarmassnahmen ergreifen. Die Mitarbeiter sollen «Experten» sein, keine gewählten Volksvertreter.

Autoren wie Andrew Sullivan und Coleman Hughes, die im klassischen Sinne Liberale sind (also keine amerikanischen «liberals»), haben auf den totalitären Charakter dieses Konzepts hingewiesen. Derzeit möge so ein Ministerium keine Chance haben, schreibt Hughes. Aber langfristig werde sich das Meinungsklima in den Vereinigten Staaten wohl in diese Richtung verändern. Es sei daher gut möglich, dass die Unterstützung für Kendis Verfassungszusatz unter progressiven Amerikanern schon in wenigen Jahren zum guten Ton gehöre.

Mehr: www.nzz.ch.

Für eine theologische Bewertung des Rassismus empfehle ich: „Thinking Theologically About Racial Tensions“ von Kevin DeYoung: KDY-Racial-Tensions-series.pdf.

Bullinger: Unzucht entheiligt den Tempel Gottes

Heinrich Bullinger über die Unzucht (gemeint ist die sexuelle Sünde, in: Schriften, Bd. 1, 2016, S. 488–489):

Die Unzucht zieht das Gemüt von Gott weg, macht, dass wir den Bund brechen, schmäht die Gnade Gottes und die Glieder Christi, sie raubt Gott das, was ihm gehört, entheiligt den Tempel Gottes und drückt uns mit Geist und Fleisch in den Dreck und allen Schmutz, macht viehische Menschen aus uns, befleckt Leib und Seele, bringt uns um all unsere Ehre und unser Hab und Gut, macht uns zu Schanden, verdirbt uns und führt uns mit Elend, Kummer und Not zur Hölle. Dagegen erlöst uns die Ehe ein für allemal von diesem ganzen Jammer. Und deshalb ist es eine Schande, dass man all das nicht erkennen will und sogar alte Leute findet, die Unzucht nicht für Sünde halten und so leichtfertig und übermütig vor jungen Leuten davon reden, dass diese in ihren bösen Absichten angestachelt werden und dadurch hartnäckig darin fortfahren.

Mark Dever: Die Gebete der Gotteskinder werden erhört

Am Sonntag, den 10. Juli 2022, sprach Mark Dever im Abendgottesdienst der Freien Evangelischen Gemeinde München Mitte über die Öffnung des Siebenten Siegels in Offenbarung 8,1–5. Der Hauptpastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D.C. (USA) ermutige die Gottesdienstteilnehmer zu einem treuen und beharrlichen Gebetsleben.

Zunächst betrachtete er die Erwähnung der „Stille“ in Offb 8,1. Die kurze Zeit der Stille – eine halbe Stunde – verdrängt den unaufhörlichen Lobgesang der triumphierenden Gemeinde (vgl. Offb 7,9–10). Wir brauchen in unserem Leben und in unseren Gottesdiensten Zeiten der Stille. Stille ist allerdings auch angebracht in Erwartung des kommenden Gerichts des Herrn (vgl. dazu Zef 1,7–10; Sach 2,13). Gott wird eines Tages gerecht Richten und dabei alle Ungerechtigkeiten ans Licht bringen. Die Menschen, deren Sünden nicht durch Jesus gesühnt und vergeben sind, werden ihre gerechte Strafe empfangen. Die Erlösten, die zu Jesus gehören und ihm vertrauen und nachfolgen, leben in der Erwartung der ewigen Gegenwart ihres Königs.

Im letzten Teil der Predigt betonte Dever vor voller Gemeinde, dass die Gebete der Heiligen einen Anteil an der Entstehung der Gerichte haben. Sie steigen als Weihrauch zu Gott auf und werden von dort von einem Engel mit Feuer auf die Erde geschüttet (Offb, 8,4–5). Die Gebete der Gotteskinder werden erhört, meinte Dever. Manchmal schnell, manchmal mit zeitlichem Abstand, spätestens am Tag des Gerichts. Während sieben Engel bereitstehen, um warnende Trompeten zu blasen, ist der Weihrauchaltar, von dem der Rauch aufsteigt, die Quelle einer Reihe von feurigen Gerichten, die vom Himmel auf die Erde geworfen werden – verheerende, aber gerechte Vorboten des kommenden Endgerichts.

Mark Dever, der als Leiter des Gemeindehilfswerks 9Marks einige Tage für Konsultationen in Europa war, ist eng verbunden mit der Freie Evangelischen Gemeinde München Mitte und dem Netzwerk Evangelium21. Matthias Lohmann, der Hauptpastor der Gemeinde und 1. Vorsitzender von Evangelium21, der Dever übersetzte, hat selbst für mehrere Jahre die Capitol Hill Baptist Church in Washington besucht. Bei der Evangelium21-Konferenz in der Zeit vom 20.–22. April 2023 in Hamburg wird Dr. Mark Dever der Hauptreferenz sein.

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Mark Dever und sein Übersetzer Matthias Lohmann (Foto: W. Adelberger).
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Pastor Mark Dever (Foto: W. Adelberger).

 

EU-Parlament: „Jeder hat das Recht auf sichere und legale Abtreibung.“

Nachdem in den USA das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch gekippt wurde, will das EU-Parlament genau dieses in die Grundrechtecharta der Europäischen Union aufnehmen. Man wolle in puncto Frauenrechte und Selbstbestimmung vorwärts gehen, heißt es in einer Erklärung, der heute zugestimmt wurde (siehe hier).

Die im Jahr 2000 verabschiedete Grundrechtecharta der EU ist rechtlich bindend und hat eigentlich den gleichen Stellenwert wie die Verträge der EU. Die TAZ meldet:

Die im Jahr 2000 verabschiedete Grundrechtecharta der EU ist rechtlich bindend und hat den gleichen Stellenwert wie die Verträge der EU. Die Aufnahme des Rechts auf Abtreibung in die Charta erfordert nach den derzeitigen EU-Verträgen die Einstimmigkeit der Mitgliedsländer, die derzeit nicht besteht. Die Abgeordneten forderten in ihrer Entschließung daher auch eine Möglichkeit zur Änderung der Verträge.

Die Parlamentarier verurteilten „erneut aufs Schärfste die Rückschritte bei den Rechten von Frauen und der sexuellen und reproduktiven Gesundheit“ weltweit, „auch in den USA und in einigen EU-Mitgliedstaaten“. Die Europaabgeordnete Terry Reintke (Grüne) unterstützte die Forderung. „Auch in Europa wollen rechtskonservative Kräfte die Zeit zurückdrehen“, erklärte Reintke. Die französische Abgeordnete Nathalie Colin-Oesterlé von der konservativen EVP-Fraktion hatte am Montag ebenfalls davor gewarnt, dass in Europa „die Frauenrechte auch bedroht“ seien. „Starke Frauenrechte“ seien „eine Errungenschaft, auf die ganz Europa stolz sein kann“, hatte die EU-Gleichstellungskommissarin Helena Dalli am Montag in Straßburg gesagt. „Wir sollten vorwärts gehen, nicht rückwärts.“ Alexandra Linder kommentiert als Vorsitzende des Bundesverband Lebensrecht die Entwicklung treffend:

In die Grundrechtecharta der Europäischen Union soll laut heutiger Mehrheitsabstimmung im EU-Parlament als Artikel 7a folgender Passus eingefügt werden: „Jeder hat das Recht auf sichere und legale Abtreibung.“ Diese Grundrechtsverwirrung ist eigentlich so bizarr, dass man eher an einen üblen Scherz als eine ernsthafte Debatte und Entschließung glauben könnte.

Unmittelbar nach dem Verweis auf die Menschenwürde, auf das Recht jeder Person auf Leben und Unversehrtheit, nach dem Verbot eugenischer Praktiken und dem Recht auf Freiheit und Sicherheit würden in dieser Charta einer ganzen Gruppe von Menschen alle Rechte mit einem Satz wieder genommen. Der perverse Trick: Diese Gruppe von Menschen, die alle Menschen von der Zeugung bis zur Geburt umfasst, wird willkürlich und entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Menschsein herausdefiniert.

Hier sollen Pflöcke gegen das Leben eingeschlagen werden. Abtreibung als Bestandteil einer Grundrechtecharta führt Grundrechte ad absurdum: Alle Erkenntnisse der Embryologie, der pränatalen Psychologie, der Biologie etc. stellen eindeutig fest, dass der Mensch von seiner Zeugung an Mensch ist und bereits vor der Geburt eine faszinierende personale Entwicklung durchläuft. Zu einem Zeitpunkt, an dem dies noch nie so hervorragend belegt war, genau dies zu verleugnen, führt in finsterste, barbarische Zeiten, nach dem Motto: Wer Mensch ist, wird von anderen Menschen bestimmt.

Hier der vollständige Kommentar: christlichesforum.info.

Michael Reeves: Gottesfurcht – Angst oder Freude?

Was ist Gottesfurcht? Jeder Christ hat sich das vermutlich schon irgendwann einmal gefragt. Michael Reeves geht im nachfolgenden Video darauf ein, dass es eine sündhafte und eine rechtschaffene Furcht vor Gott gibt. Es handelt sich um eine sehr komprimierte Zusammenfassung der Hauptthese des Buches Gottesfurcht: Eine überraschend gute Nachricht.

Abschied von der Woke-Kultur

Jagoda Marinić, eine kroatisch-deutsche Schriftstellerin und Dramatikerin, hat eine bedenkenswerte Kritik der Woke-Kultur geschrieben. Im STERN-Artikel „Sag das nicht! Warum ich mich nicht mehr zu denen zähle, die sich ‚woke‘ nennen“, erklärt sie:

Als Elke Heidenreich bei Markus Lanz von einer Taxifahrt erzählte, bei der sie den Fahrer nach seiner Herkunft fragte, wurde sie vom Twittermob als Rassistin bezeichnet. Die Eltern des Taxifahrers kamen aus Marokko. Heidenreich hatte ihn gefragt, ihn mit keinem Wort ausgegrenzt, im Gegenteil: Sie meinte, er sei Kölner, mit typischem Dialekt. Am zweiten Tag der Empörungswelle machte ich mit zwei Tweets darauf aufmerksam, dass die vermeintlich rassistische Frage nicht für alle Minderheiten gleich klinge. Manche möchten gefragt werden, andere nicht. Alle Gruppen haben berechtige Gründe für ihre Haltung.

Manche sahen in mir daraufhin eine Abtrünnige, die Rassismus verharmlost. Ich hätte, forderten sie mich auf, Solidarität zu leisten und nicht den Weißen nach dem Mund zu reden. Ich sei ein „Token“, eine Frau mit Migrationsgeschichte, die von Weißen benutzt wird, ja sich benutzen lässt, zum eigenen Vorteil. Zumal ich, meiner hellen Haut und Haare wegen, sicherlich nie wirklich Rassismus erfahren hätte. Eine Diskussion, in der die Haarfarbe über Glaubwürdigkeit entscheiden soll, ist an ihrem Nullpunkt angekommen. Soll ich das nächste Mal meiner Friseurin für das Wasserstoffperoxid danken? Die Meinung des Taxifahrers, den Heidenreich erwähnte, interessierte übrigens niemanden, erst recht nicht die woken Aktivisten.

Das schrille Handwerk der Superwoken füttert paradoxerweise die Gegner der offenen Gesellschaft. Das zeigt der Fall der Autorin Chimamanda Ngozi Adichie: Die Ikone des Feminismus und der schwarzen Bewegung wurde von Trans-Aktivistinnen angegriffen, als sie der Meinung ist, Transfrauen müssten natürlich alle Rechte haben. Doch, so Adichie weiter, müsse man auch darüber reden, dass Transfrauen und Frauen unterschiedliche Welterfahrungen mitbringen.

Mehr im Stern: www.stern.de.

VD: WH

Mark Dever am Sonntag in München

Dr. Mark Dever, Autor des Buches 9 Merkmale einer gesunden Gemeinde, wird am kommenden Sonntag (10. Juli 2022) in der Freien Evangelischen Gemeinde München Mitte im Abendgottesdienst (19.00 Uhr) über Offenbarung 8,1–5 predigen: 

Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang. Und ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen, und ihnen wurden sieben Posaunen gegeben. Und ein anderer Engel kam und trat an den Altar und hatte ein goldenes Räuchergefäß; und ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, dass er es darbringe mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron. Und der Rauch des Räucherwerks mit den Gebeten der Heiligen stieg von der Hand des Engels hinauf vor Gott. Und der Engel nahm das Räuchergefäß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde. Und da geschahen Donner und Stimmen und Blitze und Erdbeben.

Die Predigt wird übersetzt. Gäste sind herzlich willkommen! Möglicherweise wird unter www.feg-mm.de/livestream ein Videostream angeboten.

Das Geschlecht als Gefühl

Ein kürzlich publiziertes Interview mit Frau Prof. Dr. med. Sibylle M. Winter von der Charité in Berlin bestätigt wieder einmal, wie wichtig es ist, dass das Buch Der Siegeszug des modernen Selbst von Carl Trueman in diesem Herbst bei Verbum Medien erscheinen soll. 

Trueman zeigt in seiner Untersuchung zur kulturellen Amnesie und dem expressiven Individualismus, dass der postmoderne Mensch keine Autorität jenseits des eigenen Gefühls mehr gelten lässt. Sogar der eigene Körper wird dem inneren psychologischen Selbst unterworfen. Der Leib darf (angeblich) nicht mehr „mitsagen“, wer ich bin. Was bleibt, ist ein expressiver Individualismus und Subjektismus, dem die Gesellschaft sich anschließen darf. 

Und damit zurück zu Sibylle Winter. Die FAZ hat die Ärztin anlässlich des geplanten Selbstbestimmungsgesetzes gefragt, wie denn festgestellt werden könne, ob eine Person transident sei (Transidentität liegt laut Genderforschung dann vor, wenn die Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht nicht übereinstimmt). Die Antwort lautet wie folgt: 

Die Geschlechtsidentität ist eine sub­jektive Einschätzung. Es gibt keine Diagnostik wie eine Blutentnahme oder Ähnliches. Deshalb ist es sehr wichtig, den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, uns ihre Gedanken zu ihrer Geschlechtsidentität mitzuteilen. Wenn wir das nicht infrage stellen, können die jungen Menschen eigene Unsicher­heiten zulassen und ihren Weg finden. Ihre subjektive Einschätzung ist für uns maßgeblich. Dabei ist die Haltung ­wichtig, dass Transsexualität heute nicht mehr als Krankheit gesehen wird, wie man früher noch dachte. Sondern ein subjektives Gefühl. Für uns bedeutet das: Wir prüfen nicht, wir stellen es nicht infrage. Wir schauen nicht, ob es wirklich so ist.

Kurz gesagt: Geschlechtsidentität ist ein subjektives Gefühl, das nicht infrage gestellt wird (werden darf). Es wird nicht überprüft, ob das Gefühl mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die subjektive Selbstauskunft hat das letzte Wort.  

Stellen wir uns mal vor, wir würden auch in anderen Bereichen der Medizin (oder in sonstigen Wissenschaften) so vorgehen. Was wollen wir denn einer Frau sagen, die subjektiv das sichere Gefühl hat, eine Katze zu sein und darunter leidet, nicht nur einen falschen Köper zu haben, sondern auch in der falschen Spezies geboren worden zu sein? 

Oder ein anderes Beispiel: Es gibt Menschen, die intakte Körperteile als fremd empfinden und – um dem wahren Ich näher zu kommen – diese Körperteile entfernen oder zerstören lassen möchten (man sprich auch von „Apotemnophilia“ oder besser von „Body Integrity Identity Disorder“,  also: Störung der körperlichen Integrität und Identität, vgl. dazu: Ron Kubsch, Eine fatale Sehnsucht: Wenn sich Menschen eine Behinderung wünschen, ideaSpektrum 31/23 2006). Was würde denn passieren, wenn wir nicht schauen, ob es wirklich so ist? Rechtfertigt das seelische Leid Betroffener einen unwiderruflichen ärztlichen Eingriff, der zur Körperbehinderung führt, also etwa der Amputation eines gesunden Armes? 

Ich hoffe nicht. Menschen reifen doch gerade dann, wenn sie sich infrage stellen lassen und ihre eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Ideen an der Wirklichkeit prüfen. Wo soll denn ein Absolutismus des Selbst hinführen? 

Es ist höchste Zeit, dass wir die Vorstellung vom Menschen als eine plastische Person, deren psychologisches Wesen es mit sich bringt, dass sie ihre persönliche Identität nach Belieben erschaffen und verändern kann, hinterfragen. Nur wenn uns das gelingt, sind wir in der Lage, die mit diesem Konzept aufgeworfenen Fragen solide zu beantworten. Trueman: 

Die Welt, in der diese Art des Denkens plausibel geworden ist, hat sowohl intellektuelle als auch materielle Wurzeln. Philosophische Denkströmungen aus dem neunzehnten Jahrhundert haben die Annahme, dass die menschliche Natur etwas Gegebenes ist, etwas, das eine intrinsische, nicht verhandelbare Autorität darüber hat, wer wir sind, stark geschwächt oder sogar abgeschafft. Die Veränderungen in unseren materiellen Verhältnissen haben es ermöglicht, dass die diesen Philosophien zugrundeliegenden, anti-essentialistischen Prinzipien plausibel und vielleicht sogar zum Maßstab unseres heutigen Denkens über das Selbstsein geworden sind.

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