Bücher

Evangelisation und Transformation

41JZNsBTfpLVom  4. bis 5. Januar 2013 fand in Herrenberg bei Stuttgart eine AfeM-Tagung zur „Transformationstheologie“ statt. Das Buch mit den Referaten und einigen Mitschriften aus den Gesprächsrunden ist inzwischen erschienen als:

  • Robert Badenberg u. Friedemann Knödler (Hrsg.): Evangelisation und Transformation – „Zwei Münzen oder eine Münze mit zwei Seiten?“, Referate der Jahrestagung 2013 des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM), Nürnberg: VTR, 2013, 155 S.

Der Inhalt:

  • Vorwort (Robert Badenberg und Friedemann Knödler)
  • Grußwort im Auftrag der Deutschen Evangelischen Allianz (Michael Diener)
  • Einführung in die Diskussion (Thomas Schirrmacher)
  • Wir werden missional  und streichen evangelistische Dienste!? (Ulrich Parzany)
  • Dein Reich komme – Gesellschaftstransformation verstehen (Tobias Faix)
  • Die transformatorische Theologie im Licht des Neuen Testaments (Volker Gäckle)
  • Wofür ist die Kirche da? (Ron Kubsch)
  • Evangelisation – Grund, Motiv und Ziel (Johannes Reimer)
  • Das biblische Mandat, die Welt zu retten – innerlich wie äußerlich – ganz privat und ganz global (Thomas Schirrmacher)
  • Verhaltenskodex für christliche Entwicklungshilfe – Eine Initiative der Schweizerischen Evangelischen Allianz (Marc Jost)
  • Biblical Stewardship – Biblische Haushalterschaft (Manfred W. Kohl)
  • Schlusswort (Michael Diener)

Leuten, die sich für das Thema „Gesellschaftstransformation“ und die damit  verbundene Debatte in Deutschland interessieren, sei das Buch zur Lektüre empfohlen.

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Hilft Geld aus der Armut?

EscapeBrauchen die Ärmsten der Welt mehr Entwicklungshilfe? Nein, meint der Ökonom und Wachstumsforscher Angus Deaton in seinem neuesten Buch The Great Escape. Patrick Bernau hat in seinem Wirtschaftsblog das Buch besprochen.

Fazit:

Nach Deatons Streifzug durch die Geschichte von Wachstum und Gesundheit ist seine Argumentation überzeugend: Die Industrieländer können wenig tun. Deaton nennt ein Beispiel, das dieser Tage relevant wurde: Produkte aus Entwicklungsländern leichter ins Land zu lassen und weniger Zölle zu erheben – genau das ist gerade auf der Welthandelskonferenz geschehen. Die Industrieländer können auch ihren Pharmafirmen Anreize setzen, um wirksame Mittel gegen Armutskrankheiten wie Malaria und Tuberkulose zu entwickeln. Nur eines ist der falsche Weg: Geld direkt in die armen Länder zu schicken. Länder mit guter Politik können ihre Armut selbst bekämpfen, Ländern mit schlechter Politik hilft auch das Geld nicht.

Hier: blogs.faz.net.

David Wells spricht über neues Buch

41HtCTZNkTLDavid Wells hat kürzlich ein Interview zu seinem neuen Buch:

gegeben.

Auf die Frage: „How does God in the Whirlwind contribute to the work you’ve already done in No Place for Truth, God in the Wasteland, Losing Our Virtue, Above All Earthly Powers, and The Courage to Be Protestant?“ hat Wells geantwortet:

Christianity Today has dismissed this new book as being a mere retread of these prior works with lots of hurrumphing, they say, along the way! Oh, dear. I am sorry that they were unable to see that this book is actually quite different from what I have written in the past. It is true that my understanding of modernized culture remains substantially the same as before. In this book, though, I have focused most of my attention, not on the culture, but on developing a biblical understanding of the character of God. This is something I have not done before and some of my critics have said that while I have exposed the problems in the church, I have not given the answers. Well, the answers are all tied up in knowing God and obeying him. This book is really a biblical theology of God’s holy-love showing how that holiness and that love are progressively revealed through the O.T., are embodied in Christ, and come together in the cross that God’s love provided and that his holiness required. This is what grounds and defines our sanctification, worship, and service in the world.

Das macht mich neugierig. Das Buch erscheint im Januar 2014.

Hier mehr: www.crossway.org.

Weihnachtsaktion 2013

51SSwhtgemL._Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Ich möchte mich auch diesmal bei allen Lesern des Theoblog herzlich für das Interesse an den Beträgen und Disputen bedanken!

Einige haben auch 2013 Bücher, DVD’s oder Elektroartikel über TheoBlog bei Amazon bestellt (mehr dazu hier) oder über den Buchladen geordert. Zudem sind einige Spenden zugunsten der Arbeit eingegangen. Vielen herzlichen Dank dafür!

Wie üblich will ich mich durch eine kleine Aufmerksamkeit erkenntlich zeigen. Jeder Blog-Leser hat die Chance, in der Weihnachtszeit ein Päckchen zu empfangen. Das Päckchen enthält das Buch:

Über das Buch schrieb ich im Oktober in einer idea Rezension (Auszug):

Der Tübinger Alttestamentler Bernd Janowski geht mit Bonhoeffer von der Unverzichtbarkeit des Alten Testaments für die christliche Theologie und Kirche aus. Wer sich heute zur Vollgültigkeit des ersten Bibelteils bekennt, wird mit etlichen Klagen konfrontiert. Für Richard Dawkins, Sprachrohr der „Neuen Atheisten“, ist der alttestamentliche Gott beispielsweise ein „kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, … launisch-boshafter Tyrann“.

Janowski stellt sich diesen Vorhaltungen und packt zwölf besonders brisante Fragen rund um Themenkreise wie Gericht, Zorn, Rache oder Opfer an. Sein Buch ist ungemein detailreich und informativ. Es zeigt, dass sich zahlreiche Hürden durch genaue Übersetzungen oder eine umsichtige Wahrnehmung biblischer und historischer Kontexte überwinden lassen. Alles in allem entspricht jedoch der Gott der Bibel nicht den Projektionen der Menschen. Janowski plädiert für ein umfassendes Reden von Gott, das prominente Vereinfachungen überwindet …

Um Empfänger des Buches werden zu können, sind folgende drei Punkte zu beachten:

  1. Sie müssen TheoBlog regelmäßig lesen (Vertrauenssache).
  2. Sie müssen mir über das Kontaktformular Ihre E-Mail-Adresse mitteilen (und dabei das Stichwort: „Weihnachtspäckchen“ in der Mitteilung erwähnen).
  3. Am 20. Dezember werde ich von meiner jüngsten Tochter unter allen übersandten Adressen einen Empfänger über ein Losverfahren auswählen lassen und die gewählte Person kontaktieren (Vertrauenssache). Nach Übersendung der Postanschrift schicke ich das Päckchen an den Gewinner.

Vielen Dank fürs Mitmachen!

Martin Heidegger: „Betet bitte täglich für mich“

51xYcaVu2ZLHier der Auszug einer Buchbesprechung, die vollständig in der nächsten Ausgabe von Glaube und Denken heute erscheinen wird:

Ich lese Briefwechsel gern. Meist abends, wenn die Konzentration für anspruchsvolle Lektüre fehlt. Das Studieren der Briefe lässt die Menschen hinter den großen Werken lebendig erscheinen. Die Briefe von Theologen etwa gewähren Einblick in die Entstehenszusammenhänge wichtiger Denkbewegungen. Nehmen wir Karl Barth. Wenn wir an den Schweizer Professor denken, sind wir sofort bei seiner kategorischen Absage an alle „Anknüpfungspunkte“ zum Menschen unter der Sünde. Von einer allgemeinen Gottesoffenbarung oder den Leistungen einer natürlichen Vernunft wollte Barth nicht viel wissen, was schlussendlich zum Zerbruch seiner Freundschaft mit Emil Brunner führte. Barths Briefwechsel mit Eduard Thurneysen ist freilich zu entnehmen, dass Barth noch 1923 mit dieser Frage rang. Er schrieb (Gesamtausgabe, Bd. 4, S. 211):

„… Puncto Vernunft und Offenbarung habe ich bei Peterson, bei dem ich Thomas v. Aquino höre, Erleuchtendes vernommen, was mir das I. Buch von Calvins Institutio erst verständlich macht. Es gibt eine ‚natürliche Theologie‘, sogar die Gottesbeweise sind nicht ganz zu verachten, gerade von der Offenbarung aus muß eine relative und natürlich unvollkommene Erkenntnis Gottes vom Intellekt aus postuliert werden. Aber sag das noch niemand; ich muß erst noch eine Weile darüber schlafen, bis es zur Promulgierung reif wird.“

Ich lese aber nicht nur Briefe von Theologen. Als ich kürzlich erfuhr, dass Martin Heideggers Briefwechsel mit seinen Eltern erschienen ist, hat das sofort mein Interesse geweckt. Heidegger ist zweifellos einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Wer sich mit der Geistesgeschichte Europas beschäftigt, kommt an Heidegger nicht vorbei, auch dann nicht, wenn er ihm – wie beispielsweise Karl Popper – zutiefst misstraut.

Die Heidegger-Gesamtausgabe ist auf 102 Bände angelegt und erscheint seit 1975 im Frankfurter Verlag Vittorio Klostermann. Die Briefe werden von Alfred Denker und Holger Zaborowski im Freiburger Karl Alber Verlag herausgegeben. Geplant sind die Abteilungen „Private Korrespondenz“, „Wissenschaftliche Korrespondenz“ und „Korrespondenz mit Verlagen und Institutionen“. Der Briefwechsel zwischen Heidegger und seinen Eltern sowie seiner Schwester ist als erster Band der Abteilung I erschienen.

Anliegen der Herausgeber ist es, die Briefwechsel von Heidegger in einer Edition zugänglich zu machen, die den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Erschließung genügt. Entsprechend wurden sie durch Anmerkungen und Erklärungen ergänzt. Allerdings handelt es sich nicht um eine historisch-kritische Ausgabe, da nicht alle Briefe und Briefentwürfe enthalten sind. Der Anhang enthält neben einem tabellarischen Lebenslauf allerlei Verzeichnisse, darunter auch ein Personenregister. Zudem wurden neun Bilder in den Band aufgenommen. Der Briefwechsel mit Heideggers Eltern beginnt 1907 und endet 1927 und enthält 132 Dokumente. 100 Briefe stammen von Martin Heidegger, 22 von seiner Frau Elfriede und 4 von seiner Mutter. Die restlichen Briefe wurden von Familienangehörigen und Bekannten verfasst.

Die veröffentlichten Dokumente sind für die Forschung bedeutsam, da sie Heideggers einfache Herkunft und seinen Abschied vom Katholizismus belegen. Die Eltern waren schlichte Leute mit einem tiefen katholischen Glauben. Der Vater arbeitete als Fassbindermeister und Mesner in Meßkirch. Er war „ein großer Schweiger“ (S. 198). Die Mutter war lebensfroh und wusste sich auch in schwerer Zeit von Gott getragen. Fritz Heidegger, der Bruder des Philosophen, konnte von ihr sagen, dass sie im Stand der Gnade alles Widerwärtige des Lebens leicht zu ertragen vermochte (S. 198).

Heideggers Verhältnis zu den Eltern war, den Briefen nach zu urteilen, herzlich. Er bedankt sich für Lebensmittelgeschenke und berichtet von seinen Aufgaben als Privatdozent. Zu Spannungen führte, dass Heideggers Gefährtin Elfriede Petri eine Protestantin war und zögerte, dem Wunsch der Schwiegereltern entsprechend zum katholischen Glauben zu konvertieren. Um weiteren Verstimmungen aus dem Weg zu gehen, ließen sich Martin und Elfriede am 21. Februar 1917 unter Ausschluss der Öffentlichkeit katholisch trauen. Zwei Tage später heirateten sie bei den Schwiegereltern in Wiesbaden evangelisch.

Am 9. Dezember 1918 schreibt Heidegger einen schmerzbereitenden Brief an seine Eltern. Dies ist der bedeutsamste Brief des Bandes, da er Heideggers Abschied vom Katholizismus dokumentiert. Es kommt eine Zeit, „wo der Mensch selbständig wird“. Heidegger bittet um Verständnis dafür, dass er seine Überzeugungen „im ehrlichen Suchen und Prüfen der Wahrheit“ bildet (S. 35). Er kann nicht mehr mit „innerer Wahrhaftigkeit“ zur katholischen Konfession stehen.

„Ich möchte Euch wiederholt innig bitten, nicht schnell zu urteilen und nun gar darüber verzweifelt zu sein und zu meinen, daß ich überhaupt nichts mehr glaube und so fort. Im Gegenteil, heute, wo ich in selbst errungener Überzeugung ohne die einengenden Schranken und unüberwindlichen Schwierigkeiten des katholischen Glaubens Gott gegenüberstehe, habe ich eine wahrhaft innere Ruhe und Freudigkeit, eine wirklich lebendige Religiosität, während ich früher durch Zweifel und Zwang innerlich zermürbt und leer war und alles nur noch mechanisch, ohne echte innere Beteiligung mitmachen konnte“ (S. 36).

Der Schluss des Briefes kann taktisch oder aufrichtig gedeutet werden:

„Betet bitte täglich für mich, daß ich meinem Wege der inneren Wahrhaftigkeit und der Gottergebenheit treu bleibe und stark sei in den Stürmen der inneren Kämpfe. Und freut Euch mit uns an unserem Glück, das uns alle Gott verbinden soll in gegenseitiger Liebe und in unbedingtem Vertrauen“ (S. 37).

Von da an tritt der Glaube in der Korrespondenz spürbar zurück. Einige Tage später schreibt er anlässlich des Weihnachtsfestes noch: „Ich stehe der katholischen Konfession nicht etwa feindlich gegenüber, im Gegenteil, ich werde mir nie nehmen lassen, was sie an Wertvollem enthält. Ebenso wenig kann ich mich für eine bestimmte protestantische Richtung entscheiden“ (S. 38).

Nicht nur die Mutter, auch die Schwester Maria machte sich Sorgen. Am 31. Mai 1918 erkundigt sie sich bei einem Studienfreund Heideggers nach dessen Glaubensleben:

„Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß meine lieben Eltern nur, auf Vermittlung des Herrn Dr. Krebs, und auf das Versprechen von Elfride, daß sie zur katholischen Kirch übertreten werde, die Einwilligung zur Heirat gaben. Nun bin ich aber anlässlich meines Besuches in Freiburg über das religiöse Leben von Martin und Elfride sehr enttäuscht und erbittert. Besonders grämen sich jetzt meine lieben Eltern furchtbar hierüber“ (S. 161).

Die eilige Antwort muss beruhigend ausgefallen sein. Schon am 4. Juni erklärt Maria, dass sie den Eltern und ihr selbst viel Trost und Freude gebracht habe (S. 162).

Als Martin Heidegger 1921 seiner Schwester zur Hochzeit gratuliert, formuliert er betont fromm, dass Liebe darin bestehe, sich dafür einzusetzen, „dem anderen zu helfen und die Hindernisse aus dem Weg nimmt, vor Gott ein rechter Mensch zu werden“ (S. 113). Seiner Mutter schreibt er aus Köln am 4. Dezember 1924, dass er täglich in der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen lese. Die Mutter antwortet beseligt: „Löblich ist es ja, daß Du in der Nachfolge Christi liest, besonders wenn Du danach lebst. Also 3 Ave musst Du beten, wofür Dich Deine Mutter bittet“ (S. 72).

Bewegend ist der Abschiedsbrief, den er seiner schwer leidenden Mutter am 30. April 1927 übersandte: „Du bist mir diesmal zu einem unvergesslichen Vorbild des Mutes und der Ausdauer und des unerschütterlichen Gottvertrauens geworden.“ Weiter heißt es:

„Wenn ich jetzt auch fern von Dir sein muß, so bin ich mit dem Herzen und dem Gedenken um so öfter bei Dir in Deiner mir jetzt vertrauten Krankenstube. Und täglich wünsche und bete ich für Dich, daß diese schweren Tage für Dich nicht allzu hart werden. ‚Bleib brav, dieses Leben ist so bald vorbei‘ hast Du mir beim Abschied gesagt. Mutterworte bleiben unvergessen. ‚Und es war doch ein schönes Leben, Mutter‘ erwiderte ich Dir. Und da sagtest Du aus innerster Seele und mit einem freudig dankbaren Blick ‚ja, Martin, es war schön‘. Dieses Gespräch bewahre ich in meinem Herzen, und wenn immer ich Deiner gedenke, soll es mir Dein immer frisches Bild verklären“ (S. 108).

Am 3. Mai ist Johanna Heidegger gestorben.

Auch wenn in den Briefen viel Belangloses zu lesen ist, hat sich die Lektüre gelohnt. Die Gottesfrage hat Heidegger trotz seiner Absage an den Katholizismus und den jüdisch-christlichen Gott nie losgelassen. „Ohne … theologische Herkunft wäre ich nie auf den Weg des Denkens gelangt“, bekannte er 1953. Und schon 1948 hatte er gesagt: „Meine Philosophie ist ein Warten auf Gott“ (vgl. „Warten auf Gott“, Der Spiegel, Nr. 20/1972, S. 146–149).

Aus einem Brief Barths ist übrigens zu entnehmen, dass dieser in Marburg mit Heidegger zusammentraf. „Der Philosoph Heidegger“ – schreibt der Theologe – war „sehr zustimmend, es sei methodisch alles in Ordnung gewesen, keine Grenze überschritten, aber mit der Frage nach unserem Verhältnis zu Kant, den er zu Aristoteles rechne, von dem sich der junge Luther losgesagt habe“ (Gesamtausgabe, Bd. 4, S, 229).

Schade, dass Briefe heute eine Rarität sind. Sie werden zukünftigen Generationen fehlen.

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Das wahre Drama des begabten Kindes

Ich erinnere mich noch an lebhafte Diskussionen über Alice Millers Buch Das Drama des begabten Kindes in den 80er Jahren. Das Werk über die narzisstische Störung, das inzwischen in der 28. Auflage erschienen ist, gilt als ein Schlüsselwerk der Erziehungsliteratur, prägte eine ganze Generation von Eltern und Therapeuten.

Das Drama des begabten und sensiblen Kindes bestehe laut Miller darin, dass es schon früh die Bedürfnisse seiner Eltern spüre und sich ihnen anpasse. Es lerne, seine intensivsten aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen. Das führe zur Abspaltung von starken Emotionen. Der vitalste Teil des „wahren Selbst“ werde nicht in die Persönlichkeit integriert, was den Selbstverlust zur Folge hat, der sich in Depressionen ausdrücke oder aber durch Grandiosität abgewehrt werde.

Martin Miller, der Sohn von Alice Miller, hat nun in seinem Buch Das wahre ‚Drama des begabten Kindes‘: Die Tragödie Alice Millers die eigene wie auch die Geschichte seiner Mutter schonungslos offenlegt. Die Kulturzeit von 3sat hat einen Beitrag über Miller produziert und schreibt dazu:

Von Martin Miller gibt es keine Kindheitsfotos. Die Mutter hat sie vor ihrem Tod vernichtet. Sie hat größtmögliche Kontrolle ausgeübt: über Bilder und über das, was die Öffentlichkeit von ihrem Privatleben und über ihren Sohn erfahren durfte. „Dass für mich das Weggehen von Zuhause in ein katholisches, strenges Internat eine Befreiung war, lässt tief blicken“, sagt Martin Miller. Jetzt hat sich Martin Miller losgeschrieben, seine Wahrheit über eine Frau verfasst, die sein Leben zeitweise unerträglich gemacht hat. „Mit dem wahren Drama meine ich das Drama, wenn man die Diskrepanz realisiert: Da ist jemand, der einerseits Theorien beschreiben kann, die auf der ganzen Welt stimmen und beliebt sind, und andererseits tritt er sämtliche dieser theoretischen Prinzipienmit Füßen. Man sagt und macht das Gegenteil.“

1979 erscheint das Buch, das Alice Miller mit einem Schlag berühmt macht. „Das Drama des begabten Kindes“ ist ein kluges, radikales Plädoyer gegen körperliche und psychische Gewalt an Kindern. Gerade sensible, begabte Kinder, würden besonders unter dem Missbrauch von elterlicher Macht leiden. Kinder müssten stattdessen in ihrer Eigenart gestärkt und ernstgenommen werden. Auf den eigenen Sohn jedoch überträgt sie ihr Gift – so die These von Martin Miller. Doch er klagt nicht einfach nur an. Er sucht nachErklärungen und findet sie in ihrer Vergangenheit. „Sie hat nie gesagt: ‚Schau, du bist jüdisch und ich habe dies erlebt und das.‘ Es gab diese Vulkanausbrüche“, erinnert sich Martin Miller. „Und gleichzeitig spürte man unbewusst, da hat jemand eine grauenhafte Geschichte erlebt.“

Hier geht es zu den Filmaufnahmen in der Mediathek (ab 00:30):  www.3sat.de.

Paulus in neuer Sicht?

41ZDZbp8DBLMit der „Neue Paulusperspektive“ (NPP) wurde in den letzten vier Jahrzehnten ein neues Kapitel der Paulusinterpretation eröffnet. Die Exegeten dieser Richtung sind sich mehr oder weniger darin einig, dass die Paulusauslegung besonders seit der Reformation einseitig individualistisch und das Judentum fälschlicherweise als Gesetzesreligion verstanden wurde. Die Gesetzespolemik des Apostels richte sich weder gegen die Tora noch gegen deren angeblichen jüdischen Missbrauch im Sinne einer Werkgerechtigkeit, sondern gegen die Beschränkung der göttlichen Erwählung auf das Volk Israel. Viele neue Paulusinterpreten stellen der lutherisch-reformatischen Rechtfertigungslehre eine partizipatorische gegenüber. Das Evangelium ist demnach keine Botschaft der Errettung von Sünde und persönlicher Schuld, sondern Ver­kündigung der Tatsache, dass Gläu­bige vollberechtigte Mitglieder des göttlichen Bundes sind. Die Rechtfertigungslehre wird entsprechend nicht mehr in der Anthropologie oder Soteriologie, sondern in der Ekklesiologie angesiedelt. N.T. Wright schreibt beispielsweise (What St. Paul Really Said, S. 119):

Bei „Rechtfertigung“ ging es im ersten Jahrhundert nicht darum, wie jemand eine Beziehung zu Gott aufbauen kann. Es ging um Gottes eschatologische, sowohl zukünftige als auch gegenwärtige Definition davon, wer tatsächlich ein Mitglied seines Volkes ist. Um es mit Sanders’ Worten auszudrücken: Es ging nicht so sehr um das „Hineinkommen“ oder das „Darin-Bleiben“, sondern darum, „wie man sagen kann, wer drin ist“. In der christlich-theologischen Fachsprache ausgedrückt, ging es weniger um Soteriologie als um Ekklesiologie, weniger um Errettung als um die Gemeinde.

Bei der Vielfalt der Meinungen unter dem Dach der NPP verliert man schnell die Übersicht. Ivana Bendik liefert nun mit ihrer 2008 in Basel angenommenen Dissertation Paulus in neuer Sicht? einen forschungsgeschichtlichen Überblick zur NPP. Sie geht den Anfängen dieser Perspektive nach und stellt die Positionen ihrer prominentesten Vertreter zugänglich dar. Damit liegt eine kritische Vermittlung der jüngeren Forschungsgeschichte in deutscher Sprache vor. Hilfreich sind daneben weiterhin die Einführung von Christian Strecker („Paulus aus einer ‚neuen Perspektive‘: Der Paradigmenwechsel in der jüngeren Paulusforschung“, Kirche und Israel 11 (1996), S. 3–17) und der von M. Bachmann im Jahr 2005 herausgegebene Sammelband  Lutherische und Neue Paulusperspektive (siehe zudem hier).

Die Untersuchung, die von Prof. Ekkehard W. Stegmann betreut wurde, enthält vier Teile. Zunächst werden die Hauptvertreter der Paulusforschung aus der Zeit von Ferdinand Christian Baur (1792–1860) bis Albert Schweitzer (1875–1965) vorgestellt. Besonderes Augenmerk richtet die Autorin dabei auf den Gedanken des Äonenwechsels. Im zweiten Teil behandelt sie einflussreiche Vertreter der NPP. Sie beginnt mit Rudolf Bultmann (1884–1976), der zwar nicht zur NPP gehört, aber mit seinem existenztheologischen Ansatz die jüngsten Entwicklungen mit vorbereitet hat. Sie bescheinigt ihm einerseits, wie Schweitzer die Eschatologie des Paulus zur Geltung gebracht zu haben. Andererseits wirf sie ihm vor – ebenfalls ähnlich wie Schweitzer –, das antike Judentum übergangen zu haben. Was Schweitzer und Bultmann dem Judentum anlasten, „wirft Paulus der Menschheit generell unter den Bedingungen des schuldbehafteten alten Äons vor“ (S. 18). Weiter beschäftigt sich Bendik mit Johannes Munck (1904–1965), Krister Stendahl ( 1921–2008), Ed Parish Sanders (* 1937) und James D.G. Dunn (* 1939).

Im dritten Teil formuliert die Autorin dann ihre Wertschätzung und Kritik. Die neuen Betrachtungsweisen der NPP unterlaufen die theologischen Interpretationen durch das Aufgebot religionsgeschichtlicher Argumente, die bisherige Schlüsseleinsichten der paulinischen Exegese aufweichen. Die neuen Rahmenbedingungen (Bendik überschreibt diesen Teil ihrer Untersuchung mit einem Zitat von Stendahl: „shift the frame“) erlauben es den Exegeten, das Zentrum der paulinischen Theologie in der universellen Erlösungslehre zu sehen. Sie „verstehen die individualistische Rechtfertigungslehre als ein Nebenprodukt derselben“ (S. 150) und knüpfen wesentlich an der soziologischen Perspektive Muncks an. Anstelle des Sünders rücken die Völker ins Zentrum. Wird in der traditionellen Paulusauslegung der Sünder durch Erlösung ein Gerechtfertigter, „kommen in den Darstellungen der New Perspective die Völker durch Rechtfertigung zu Erlösung, d.h. zu den Rechten an der Heilszusage Gottes an Israel“ (S. 151). Das Gesetz war – wie Sanders erfolgreich gezeigt hat – schon für die Juden nicht dafür gedacht, in den Gnadenbund hineinzukommen, es ermöglicht vielmehr Israel und den Heidenvölkern das Verbleiben im Kreis der Erwählten. Während für Juden wie Heiden der Glaube den Eintritt in den Bund kennzeichnet, ist das Halten des Gesetzes Signum des Bleibens im Bund (vgl. S. 151, 160–161). Sie bemängelt an der NPP, dass ihre Vertreter trotz der Chancen, die sich durch die religionsgeschichtliche Argumentation ergeben, immer wieder in alte Begründungsmuster zurückfallen und einer Antithese von Judentum und Christentum erliegen. Auf der Suche nach geschichtlicher Wahrheit operiere die NPP unkritisch mit übergeschichtlichen Begriffen wie Kirche, Christentum, Religion, Glaube, Identität oder Abgrenzung (vgl. S. 152).

Ihre eigene Paulusdeutung skizziert Ivana Benedikt im letzten Teil des Buches. Sie glaubt, der immer wieder behauptete Paradigmenwechsel habe gar nicht stattgefunden. Nach lautstarker Rehabilitation des Judentums werde nämlich Paulus in der NPP letztlich doch wieder gegen den Judaismus für das Christentum in Anspruch genommen. „Den Vertretern der New Perspective gelingt es … keineswegs, das klassische Paradigma zu verlassen. Die alte Antithese Judentum – Christentum, die sich in der Frage des Gesetzes zuspitzt, geistert in allen vorgestellten Entwürfen weiter herum“ (S. 151). Tatsächlich deute Paulus mit Hilfe der Tora seine Zeit als durch Christi Tod und Auferstehung erwirkte eschatologische Äonenwende. An das Judentum anknüpfend verkündigte der Apostel ein Evangelium, unter dem alle Völker von und vor Gott wieder zusammengeführt würden. Er rief also nicht zum Religionswechsel auf, sondern zeigte, dass durch Christus eine neue Epoche für alle Menschen in Erscheinung getreten ist. Sie schreibt (S. 194–195):

Paulus geht es weder um das individualistische Problem eines gnädigen Gottes noch um ethnische Probleme der Missionsgeschichte. Auch wenn alle diese Aspekte in den Briefen vorzufinden sind, bilden sie nicht das Axiom seiner Theologie. Die Ausgangslage liegt einzig und allein in der apokalyptischen Wende der Gegenwart und des Apostels Bemühen, mithilfe der Tora das zu erklären, was sich schon längst im göttlichen Plan durchgesetzt hat oder sich in Bälde durchsetzen wird. Von Geschehnissen der Äonenwende sind auch die Völker mitbetroffen. Sie sind jedoch nicht die alleinigen Protagonisten des endzeitlichen Dramas. Ihr Schicksal wurzelt in der Dynamik des Handelns Gottes mit Israel und ist von diesem im höchsten Masse abhängig. Der neue Äon trifft die Menschheit an sich und diese besteht aus der Sicht des Paulus aus Israel und den Völkern. Für die eschatologische Stellung eines oder einer Gerechten vor Gott ist jedoch die ethnische Zugehörigkeit bedeutungslos (Gal 6,15; 1 Kor 7,19).

So manches an dieser Einführung bleibt mir rätselhaft. Nur ein kleines Beispiel: Ist es wirklich kontrovers, dass Paulus den Juden das Evangelium verkündigte? (vgl. S. 194). Meiner Meinung nach ist der neutestamentliche Befund diesbezüglich überwältigend eindeutig, sogar dann, wenn ein Exeget Vorbehalte gegenüber der Apostelgeschichte hegt (siehe z.B. Apg 18,4; Röm 1,16; 11,13–15; 1Kor 9,20). Die vorgeschlagene Rechtfertigungslehre kann kaum überzeugen. Bendik lehnt eine Rechtfertigung als Übergangslehre für die Heidenvölker, wie sie von der NPP entwickelt worden ist, zurecht ab. Auch weist sie – was bei ihren Vorbehalten gegenüber der abendländischen Theologie nicht überrascht – eine forensische Rechtfertigungslehre zurück. Sie behauptet dagegen eine effektive Rechtfertigung, in der durch Glauben die sündige Menschheit in unschuldige pneumatische Wesen transformiert werde und der Kampf des Einzelnen mit seinem alten Adam der Vergangenheit angehöre (S. 187–188). Doch die effektive anthropologische Verwandlung, die sie dafür unter Berufung auf 1Kor 15,50 in den Anschlag bringt, ist für den begnadeten Sünder Paulus keine Gegenwartserfahrung, sondern Verheißung, die sich endgültig erfüllt, wenn von Christus errettete Menschen ihren himmlischen Auferstehungsleib empfangen.

Trotz solcher Anfragen lohnt sich die Lektüre des Buches. Eine Beobachtung finde ich übrigens geradezu brillant. Im Blick auf das vornehmlich soziologische Deutungsraster der NPP schreibt Ivana Bendik (S. 152):

Mit der soziologischen Perspektive rückt das Interesse an gruppendynamischen Prozessen in den Vordergrund und verdrängt das Nachdenken über die Zusammenhänge von Sündenmacht – σὰρξ – Gesetz unter den Bedingungen des alten Äons, die einen wichtigen Bestandteil der paulinischen Deutung der Endereignisse ausmachen.

  • I. Bendik, Paulus in neuer Sicht?: Eine kritische Einführung in die „New Perspective on Paul“, Stuttgart: Kohlhammer, 2010, Euro 24,00

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Wie man als Gelehrter Bücher verkauft (und ausverkauft)

Folgende Ratschläge für den erfolgreichen Bücherverkauf habe ich von dem Reformationsforscher Jim West erhalten. Vielen Dank Jim!

Also:

(1) Schreibe unorthodox. Unorthodox verkauft sich, besonders wenn du den Glauben oder die Kirche abwertest.

(2) Stelle den wissenschaftlichen Konsens falsch dar.

(3) Tue so, als ob die ketzerische Sichtweise aus dem 2. oder 3. Jahrhundert tatsächlich deine eigene neue Erkenntnis sei.

(4) Schmücke dein Buch mit einem glanzvollen Einband und mit seltsamen Posierfotos von dir auf dem Rückumschlag.

(5) Gehe auf die primitivsten Aspekte und Neugierden der menschlichen Natur ein.

(6) Stelle einen Agenten ein.

(7) Eisegetisiere, eisegetisiere, eisegetisiere.

(8) Ignoriere die historische Theologie.

Wenn du diese acht Schritte befolgst, wirst du deine Bücher verkaufen. Um genau zu sein, wenn du diesen Schritten folgst, brauchst du gar nicht mehr vorzugeben, ein Wissenschaftler zu sein (weil du nicht länger einer bist). Du kannst einfach der sein, der du geworden bist: ein Ausverkäufer.

(Es sind einige Musterbeispiele erhältlich, um dich durch den Prozess zu führen. Folge einfach ihren Fußspuren, selbst wenn diese Leute beim besten Willen nicht als Gelehrte bezeichnet werden können.)

VD: NK

Kevin DeYoung: Die Tyrannei der digitalen Kommunikation

31jxUo94FqL BO2 204 203 200 PIsitb sticker arrow click TopRight 35 76 SX342 SY445 CR 0 0 342 445 SH20 OU03Christianity Today hat mit Kevin DeYoung über sein neues Buch Crazy Busy: A (Mercifully) Short Book About a (Really) Big Problem gesprochen. Unter anderem adressiert er den verfänglichen Einfluss digitaler Kommunikationsmedien auf das geistliche Leben. Ich kann dem nur zustimmen. Es lohnt sich, hin und wieder ein analoges Buch oder Stift und Papier zur Hand zu nehmen:

Whatever rules I have to suggest, I’ve probably broken myself. This is a struggle for me, like it is for many younger Christians. The place to start is with a healthy suspicion toward technology. We don’t have to be Luddites, but we should realize that the opportunities technology affords also present new dangers. Besides this initial awareness, it can be helpful to do practical things like: deliberately use „old“ technologies (i.e. real books, paper, pen), don’t clutter people’s lives with needless texts and emails, set aside times in the home when screens are not allowed. Most importantly, we have to remember that the God of eternity does not want us to live our whole lives in the trivial and ephemeral world of sound bites and the tyranny of the now.

Mehr: www.christianitytoday.com.

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