Bücher

Charlie Chaplin und die Nationalsozialisten

The_Great_Dictator_(screenshot).jpg„Der große Diktator“ gehört zu den Filmen, die ich mehrmals mit Begeisterung gesehen habe. Ich hoffe, die Satire auf Adolf Hitler, die am 15. Oktober 1940 uraufgeführt wurde, noch einige Male genießen zu können.

2011 ist ein opulentes Werk über Charlie Chaplin und die Nationalsozialisten erschienen. Bettina Klix hat das Buch:

welches die Entstehung des Films eingehend beleuchtet, rezensiert:

„Ich konnte Hitler nicht ernst nehmen. Jede Postkarte zeigte eine andere Pose…Die Gebärde des Grußes, bei der er die Hand über die Schulter zurückwarf, wobei die Handfläche nach oben gerichtet war, erweckte in mir den Wunsch, ein Tablett mit schmutzigen Tellern daraufzustellen. ‚Das ist ein Verrückter!’ dachte ich. Doch als Einstein und Thomas Mann gezwungen wurden, Deutschland zu verlassen, war dieses Gesicht Hitlers nicht mehr komisch, sondern unheimlich.“ Was Charlie Chaplin hier beschreibt, ist eine Art die Gebärde zu studieren, die mit Hilfe grotesker Assoziationen der Wahrheit auf die Spur kommt. Und gleichzeitig schon Ideen für eine Figur sammelt, die sich aus dem Ausgangsmaterial herstellen lässt: Den Diktator Hynkel in der genialen Anti-Hitler-Satire „The Great Dictator“ (1940).

201302141139.jpgChaplin schrieb in seiner Autobiographie, dass er , trotz aller Schwierigkeiten im Vorfeld und der noch zu erwartenden Zensurprobleme – die USA befanden sich noch nicht im Krieg – fest entschlossen war, den Film zu machen, „denn über Hitler sollte gelacht werden.“ Aber: „Hätte ich etwas von den Schrecken der Konzentrationslager gewusst, ich hätte mich über den mörderischen Unsinn der Nazis nicht lustig machen können. “

Für dieses Projekt konnte Chaplin sich die Ähnlichkeit seiner Filmfigur des Tramps Charlie mit Hitler zunutze machen. Äußerer Anhaltspunkt war der zur Verwechslung einladende Schnurrbart, bei Chaplin falsch, bei Hitler echt. Auch zahllose Karikaturen in den Blättern der Auslandspresse – die im Buch zu sehen sind – nahmen die Barttracht zum Anlass für komische Vertauschungen und Verkehrungen.

Chaplin hatte Hitler anhand von Wochenschau-Aufnahmen und Fotos genau studiert. Sein Sohn Charlie Chaplin Junior erzählt: „Dad studierte jede Pose des Diktators, machte sich alle Eigenheiten seines Benehmens zu eigen und war von dem Gesamteindruck gefesselt. ‚Der Kerl ist ein großer Schauspieler’, pflegte er voller Bewunderung zu sagen. ‚Wirklich, er ist der größte Schauspieler von uns allen.’“ „Dieses intensive Studium machte sich für Dad bezahlt.“, erzählt sein Sohn weiter. „Seine Darstellung Hitlers war eine perfekte Imitation, so perfekt, dass Deutsche die den Film sahen, genau hinhören mussten, um sich zu vergewissern, dass es sich nicht um den typischen Tonfall Hitlers handelte, sondern um Dads Kauderwelsch.“

Mehr: www.solon-line.de.

Wie zuverlässig sind Gefühle?

201302081631.jpgDer 3L Verlag hat Evangelium21 freundlicherweise ein Kapitel aus Jonathan Edwards Klassiker Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben? (Originaltitel: „Religious Affections”) als Auszug zur Verfügung gestellt.

Edwards warnt in dem Buch einerseits vor dem Exzess einer extremen Gefühlsbetontheit im christlichen Leben, die oftmals einer Form der Fleischlichkeit entspringt. Andererseits betont er aber auch, dass es eine Art von äußerlicher Praxis ohne inneres Erleben gibt, die aus der Sicht Gottes gar keinen Wert hat. Denn wie Edwards betont, kommt das Evangelium immer in Veränderungen unseres Charakters zum Ausdruck, die wiederum zu einem aufopferungsvollen und selbstlosen Dienst führen.

Hier das erste Kapitel aus dem Buch: Edwards_Sind_religioese_Gefuehle__(Auszug).pdf. Das gesamte Buch:

  • Jonathan Edwards: Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben? (Die Puritaner, Band 13), Waldes: 3L Verlag, 264 S., 10,50 €.

gibt es hier.

Übrigens? Schon für die E21-Konferenz 2013 angemeldet? Informationen dazu unter: www.evangelium21.net.

Christentum und säkularer Staat

Nachfolgend eine Rezension zum Buch:

rhonheimerDer säkulare Staat scheint sich gegenüber den christlichen Kirchen zunehmend auf Konfrontationskurs zu befinden. Aber ging das moderne Staatsverständnis nicht gerade aus der Scheidung von Politik und Religion hervor, die das Christentum als Novum in die Geschichte einführte? In mancherlei Hinsicht ist das moderne Staatengebilde zwar eine Antwort auf den christlichen Glauben und damit das Produkt der Emanzipation des Weltlichen vom Geistlichen. Gleichwohl ist ein modernes Europa ohne Christentum undenkbar, ja das moderne Staatsverständnis, einschließlich der Trennung von weltlicher und geistlicher Macht, hat selbst christliche Wurzeln.

Der Rechtsphilosoph und ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde hat es einmal prägnant formuliert: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ (E.-W. Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, S. 60). Der katholische Gelehrte Martin Rhonheimer geht in einer sorgfältig angelegten Untersuchung der Frage nach, ob Aufklärung und Moderne auf dem Humus einer vom christlichen Glauben geprägten Zivilisation erwachsen sind. Als Einstieg projiziert er dabei ein eindrückliches Bild: „Stellen wir uns vor: Wir sitzen auf der Spitze eines Baumes mit wunderbaren Ästen und Früchten, genießen den Blick in die Weite. Dann wandert unser Blick hinab. Wir sehen andere, wunderbare und auch weniger wunderbare Äste, die dem Stamm entsprießen. Der Blick nach unten ist ein Blick in die Geschichte des Baumes. Wir erblicken da auch eine Menge knorriges, verwachsenes Geäst und am Boden einige herabgefallene, bereits angefaulte Früchte. Und nun – so stellen wir uns vor – rufen wir empört: ‚Was doch dieser Stamm nicht alles an Unrat hervorgebracht hat! Er taugt zu nichts mehr und muss umgehauen werden!‘“ (S. 15).

So ein Vorhaben wäre sehr töricht. Und doch – so der in der Schweiz geborene Philosoph Rhonheimer – finden wir derzeit eine Torheit, die den Sturz aus der Höhe provoziert: „Sie ist Menschen eigen, die ein demokratisches, pluralistisches, säkulares Europa wollen, in dem die Freiheit eines jeden anerkannt wird, seiner religiösen und moralischen Überzeugung gemäß zu leben, ein Europa, in dem Frieden, Rechtssicherheit und Wohlstand herrschen, in dem die Wissenschaft blüht, das sozial und zukunftsorientiert ist“ (S. 15). Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Ergänzt wird es durch einen Anhang zum Thema Menschenrechte und ein Postskriptum zur Rede des Papstes vor dem Bundestag im Jahre 2011. Im ersten geschichtlichen Teil erzählt der Autor die Entwicklung des politisch-theologischen Dualismus nach. Er distanziert sich dabei sowohl von einem kirchenfeindlichen Laizismus als auch von einigen Formen der katholischen Apologetik. Rhonheimer greift auf anerkannte geschichtswissenschaftliche Forschungsergebnisse zurück, ohne dabei sein theologisches Vorverständnis an den Nagel zu hängen. „Wie ich es sehe, besteht zwischen der modernen Idee der Laizität (Trennung von Religion und politischer Macht, von Religion und weltlichem Rechtssystem, Gewissens-, Kult-, Religionsfreiheit usw.) und dem Wesen des Christentums nicht nur das Band des gemeinsamen Ursprungs und eine nicht geringe Geistesverwandtschaft, sondern auch eine Divergenz und prinzipielle Spannung, die ihrer Natur nach letztlich unüberwindbar sind. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich dabei jedoch um notwendige, schöpferische und fruchtbare Spannungen und Divergenzen. Sie schwächen keineswegs notwendigerweise die Laizität des säkularen demokratischen Verfassungsstaates, können diese sogar stärken. Diese grundlegende Divergenz ergibt sich gerade aus dem Wesen des Christentums selbst, daraus, was ich– da mir kein treffenderer Ausdruck in den Sinn kommt – das ‚christliche Paradox‘ oder ‚Paradox des Christentums‘ nennen möchte“ (S 34–35).

Worin besteht nun das christliche Paradox? Rhonheimer bringt den Widerspruch sehr schön auf den Punkt: „Dieses christliche Paradox besteht darin, dass das Christentum auf der einen Seite von den irdischen, der Schöpfungsordnung angehörenden Wirklichkeiten behauptet, sie seien in sich gut und vernünftig und deshalb weder erkenntnislogisch noch ontologisch noch in praktischer Hinsicht der religiösen Sphäre untergeordnet; sie könnten aus sich selbst heraus erkannt werden und besäßen eine eigene, ihnen innewohnende Konsistenz und Logik; als solche würden sie – wie etwa das Naturrecht – aus sich heraus, ohne Rekurs auf übernatürliche Offenbarung, erkennbar sein und bereits praktische Orientierung bieten. Andererseits ist jedoch nun für das Christentum gleichzeitig auch die Aussage wesentlich – und das genau führt zum ‚christlichen Paradox‘ –, dieselben irdischen Wirklichkeiten bedürften, um ihren eigentlichen und letzten Sinn zu verwirklichen, des Lichtes einer höheren Wahrheit und der übernatürlichen, erlösenden Gnade. Diese Verknüpfung einer Anerkennung von Autonomie auf der Ebene der Schöpfungsordnung mit der Behauptung gleichzeitiger Abhängigkeit auf der Ebene der Heilsordnung ist der Hauptgrund für die Komplexität, die Ambivalenz und die Konflikte auf theoretischer und praktischer Ebene, welche die Beziehungen zwischen ‚weltlicher‘ und ‚geistlicher Gewalt‘, wie sie traditionellerweise genannt werden, kennzeichnen“ (S. 35). Der Autor erörtert die Entwicklung der politisch-theologischen Struktur des christlichen Dualismus anhand bedeutender Vorgänge – von Augustinus bis zu Johannes Paul II. Die Reformation wird nur am Rande erwähnt (vgl. S. 116ff), obwohl sie erheblich zur Emanzipation des Politischen beigetragen hat. Der Bruch der Einheit des christlichen Europa ließ politische Lösungen zugunsten eines Ausgleichs konkurrierender Wahrheitsansprüche dringlich werden. „Das sich allmähliche Herausbilden eines klaren Bewusstseins der Notwendigkeit eines friedensstiftenden Primats der Politik über die Religion ist die Folge einer langen Reihe von Konflikten und blutigen Kriegen, der frühneuzeitlichen Erfahrung der Unfähigkeit friedlichen Zusammenlebens unter Bedingungen religiöser Uneinigkeit und tiefgreifender weltanschaulicher Divergenzen. Die Erfahrung des religiösen und ideologischen Pluralismus förderte damit die Entstehung moderner Territorialherrschaft“ (S. 116). Später erklärt Rhonheimer treffend: „Nicht zu bestreiten ist aber auch, dass manch für die politische Entwicklung entscheidendes christliches Ferment in der Neuzeit mehr durch das nichtkatholische Christentum gefördert wurde, so etwas das demokratische Prinzip durch Aspekte des angelsächsischen, vor allem nordamerikanischen Calvinismus, …“ (S. 317). Der zweite Teil ist dem Verhältnis von Christentum und säkularem Staat in der Gegenwart gewidmet.

Der Autor diagnostiziert eine spannungsvolle Koexistenz und wünscht eine schöpferische Zusammengehörigkeit von Staat und Christentum. Obwohl das sittliche Naturgesetz die faktischen Möglichkeiten und Kräfte des Menschen übersteigt und seinem Streben nach Erfüllung und Glück im Weg zu stehen scheint, gehört die Verteidigung des Naturrechts zu einer vordringlichen Aufgabe der Kirche im öffentlichen Raum. Erlösung von Sünde heißt auch „Rettung und Wiederherstellung der natürlichen Würde des Menschen und seiner mitmenschlichen Beziehungen … Insofern tritt die Kirche durch ihre Verteidigung des Naturrechts für einen spezifisch christlichen Humanismus ein“ (S. 303). „Unter solchen Voraussetzungen sind die Stimme der Kirche und generell jene der christlichen Verkündigung, aber auch die Lebens- und Handlungsweise authentischer Christen notwendigerweise Stimmen des Widerspruchs, die mit den weltlichen Gewalten, insbesondere derjenigen des säkularen Staates, nicht prinzipiell, aber doch potentiell in Konflikt stehen“ (S. 303–304). Der Christ, der sich von einem durch die Wahrheit erleuchteten Gewissen leiten lässt, wird aber zugleich die demokratischen Verfahrensregeln befolgen und versuchen, „der pluralistischen Logik der modernen Gesellschaft gerecht zu werden“ (S. 305). Es kann den Glaubenden also nicht darum gehen, die Fundamente der Laizität zu zerstören. „Das den modernen demokratischen Verfassungsstaat und seine Säkularität prägende Ethos des Friedens, der Freiheit und der Gleichheit sind zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften, die in einer erneut ‚christianisierten‘ Gesellschaft der Zukunft nicht nur zu erhalten, sondern in einer solchen Gesellschaft sogar von besonderer Wichtigkeit,  ja  von  zentraler  Bedeutung  wären. Sie sind  auch  dort unverzichtbar, damit gerade eine christliche Gesellschaft nicht der Versuchung erliegt, Religion und weltliche Zwangsgewalt erneut zu vereinen sowie die Freiheitsrechte der Bürger und legitimen gesellschaftlichen Pluralismus mit Füßen zu treten“ (S. 305–306). Das durch die historischen Erfahrungen geläuterte Christentum ist nach Rhonheimer „auch heute noch der natürliche Verbündete des säkularen Staates“ (S. 318). Im dritten Teil seiner Untersuchung widmet sich Rhonheimer zentralen Themen der Zukunft und damit der Moderne, dem Christentum und der Herausforderung des Islam. Die Moderne, die aus einer tiefen geistig-geistlichen Krise heraus geboren wurde und ihrerseits wieder eine moralische Krise provoziert hat, sieht Rhonheimer nicht nur, wie heute üblich, als Problem. Es stimme zwar, dass die Moderne mit ihrem Hang zum Subjektivismus in eine „Diktatur des Relativismus“ (so Kardinal Joseph Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Oberhaupt der Katholischen Kirche) geführt habe. Trotzdem sei diese verkürzte Selbstinterpretation der Moderne nicht aufrechtzuerhalten. „Denn auch wenn wir der Ansicht sind, Moderne und Aufklärung hätten die neuzeitliche religiöse und metaphysische Krise des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit nie wirklich zu überwinden vermocht, sie vielmehr nur verschleiert oder sogar verschärft, und habe deshalb zunehmend in einen Zustand der geistigen und metaphysischen Orientierungslosigkeit geführt, ja sogar wenn wir akzeptieren, dass es heute in mancher Hinsicht so etwas wie eine ‚Diktatur des Relativismus‘ tatsächlich gibt, so scheint mir die Diagnose doch in zwei wesentlichen Hinsichten nicht zuzutreffen: Sie trifft nicht zu auf die modernen Naturwissenschaften (inkl. Technik und Medizin) und auch nicht auf die moderne politischrechtliche Kultur des säkularen Staates in seiner Ausformung als freiheitlicher, demokratischer Verfassungsstaat“ (S. 322).

Wissenschaft und Politik sind für Rhonheimer die beiden Bereiche, die die Krise der Neuzeit produktiv verwertet haben. Er geht sogar noch weiter und behauptet, dass ihre „Wurzeln vormodern und, auch wenn dies vielen nicht ins weltanschauliche Konzept passt, genuin christlicher Natur“ sind (S. 324). Obwohl der säkulare Staat um religiöse Neutralität bemüht ist, stehen nicht alle Religionen im gleichen Verhältnis zu ihm. „Zwischen der politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates – dem säkularen, liberalen und demokratischen Rechtsstaat abendländischer Prägung – und dem Christentum besteht eine Ursprungsbeziehung, die für diese politische Kultur konstitutiv und prägend ist. Mit anderen, nichtchristlichen Religionen hingegen – dem Judentum als Wurzel, mehr noch: eigentlichem Stamm, auf den, wie Paulus im Römerbrief sagt, das Christentum aufgepfropft ist, kommt hier freilich eine Sonderstellung zu – existiert entweder keine innerliche Beziehung oder aber eine solche der fundamentalen Unvereinbarkeit. Eine solche Unvereinbarkeit ist genau dann gegeben, wenn eine Religion Elemente enthält, die für sie als Religion konstitutiv sind, sich aber mit politischen Wesensmerkmalen des säkularen demokratischen Verfassungsstaates westlicher Prägung nicht vereinbaren lassen, ja sogar zu diesen in direktem Gegensatz stehen“ (S. 328). Ohne in Klischees abzugleiten, beschreibt Rhonheimer den dominierenden Islam als eine Religion mit grundlegenden ideellen Divergenzen. „Der Islam ist seit seiner frühesten Ausprägung während Mohammeds Exil in Medina von seinem Wesen her mehr als einfach eine Religion; er ist ein politisch-religiöses Sozial-, Rechts- und Herrschaftssystem. Deshalb präsentiert er sich heute als eine – durchaus religiös begründete – Alternative zur säkularen und pluralistischen politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates westlicher Prägung. Christentum und Islam teilen zwar einen Universalanspruch, sie unterscheiden sich aber dadurch, dass der Islam einen Totalitätsanspruch erhebt. Der Autor zitiert den melkitisch-katholischern Theologen Adel Th. Koury (Der Islam, 2001, S. 30):  „Dieser Totalitätsanspruch bedeutet, dass der Islam den gesetzlichen Rahmen festsetzt, in den sich das Leben der einzelnen Gläubigen einfügt, und die Ordnung erlässt, an der sich das Familienleben, die Gesellschaft, die Struktur des Staates und die internationalen Beziehungen dieses Staates zu orientieren haben. In diesem Sinne wird der Islam bekanntlich als ‚Religion und Staat‘ zugleich bezeichnet. Und in diesem Sinn weigert sich der Islam, eine Trennung zwischen Religion, Gesellschaftsordnung und Staat zuzulassen“ (S. 329–330). Rhonheimer sieht hier eine neuralgische Spannung: „Wer im Rahmen des säkularen demokratischen Verfassungsstaates westlicher Prägung als Muslim lebt und sich in dessen Kultur wirklich zu integrieren bemüht, muss notwendigerweise Abstriche an dem machen, was der Islam von seinem religiösen Wesen her ist“ (S. 341). „Nicht nur ‚extreme‘ oder ‚fundamentalistische‘ Versionen des Islam, wie er zumeist auch in westlichen, aus saudi-arabischen, wahhabitischen Quellen gesponserten Koranschulen gelehrt wird, sondern der Islam als solcher bildet seinem innersten Selbstverständnis gemäß eine radikale kulturelle und politische Alternative zur säkularen politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates und zu den Gestaltungskräften der mehrtausendjährigen Geschichte, welche diesen hervorgebracht haben“ (S. 344).

Eine politische Gestaltung der Gesellschaft, die garantiert, dass Muslime in westlichen Gesellschaften in einer Minderheitsposition verbleiben, reiche – so der Autor – nicht aus. Es scheint nur einen Weg zu geben, der islamischen Herausforderung zu begegnen: „die der säkularen politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates zugrundeliegenden Werte im Bewusstsein aller Bürger zu stärken und sowohl die islamische Welt als solche wie auch unsere muslimischen Mitbürger von ihrer kulturellen Überlegenheit zu überzeugen. Das wiederum ist jedoch nur möglich, wenn wir selbst von der Überlegenheit dieser Werte überzeugt sind und – ein Tabubruch? – den weit verbreiteten Kulturrelativismus aufgeben, wie ihn uns Philosophen des Kontextualismus, wie etwa Richard Rorty, nahezulegen suchen. Zudem kann dies nur gelingen, wenn wir verstehen, welchen Wurzeln diese Werte letztlich entspringen. Denn ohne diese Wurzeln und die Herkunft dieser Werte zu kennen, ist es unmöglich, sie in ihrer historischen Einmaligkeit zu verteidigen“ (S. 346). Die Zukunft, so schlägt Rhonheimer vor, sollte einem vertieften Verständnis von Laizität und Säkularität gehören. Die Religion habe sich der reinigenden Vernunft zu stellen und der säkulare Staat müsse seine eigenen Grenzen achten. Nur so können der Gefahr der Totalisierung begegnet werden. Rhonheimer schlägt für dieses tiefere Verständnis den Ausdruck „christliche Säkularität“ vor (S. 415). „Christen, die Säkularität und den damit verbundenen Pluralismus gerade als christliche Aufgabe verstehen und dadurch mit Nichtchristen in fruchtbare Kooperation treten. Das wiederum wird jedoch nur möglich sein, wenn auch Nichtchristen und Nichtgläubige anzuerkennen vermögen, dass die Fundamente der politischen Kultur des freiheitlichen säkularen Staates sich nur auf christlichem Humus entfalten konnten und deshalb in der mit dieser politischen Kultur versöhnten Religion trotz aller nötigen und heilsamen kritischen Distanz der beiden zueinander keinen Gegner, sondern einen Verbündeten sehen“ (S. 416).

Diese Einstellung kann die christliche Kirche gegenüber der Staatlichkeit entwickeln und fördern, weil sie einerseits in die Geschichte eingegangen ist, diese aber zugleich auch transzendiert. „Die Kirche lebt nicht aus der Hoffnung, in und durch die Geschichte zu ihrer Erfüllung oder vollen Ausgestaltung zu gelangen. Das Reich Gottes, wie es die Kirche erwartet, ist nicht Produkt der Geschichte, sondern wird an deren Ende, – bei dem sich die immer unter dem Kreuz Christi stehende Kirche keineswegs unbedingt als triumphierende präsentieren wird –, als Gabe Gottes gänzlich Neues in die menschliche Geschichte hereinbrechen und an deren Stelle treten“ (S. 414). Es gibt viele Gründe, dieses Buch zu lesen, „sich von seinen Thesen und Argumenten in Zustimmung und Kritik anregen und herausfordern zu lassen und ihm weite Verbreitung zu wünschen“, schreibt Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem Vorwort (S. 12–13). Dieser Auffassung kann ich mich nur anschließen. Es handelt sich um einen substantiellen katholischen Beitrag zum Thema Christentum und säkularer Staat aus der Feder eines herausragenden Gelehrten.

Ron Kubsch

Die Grünen: Höhenflug oder Absturz?

güllner.jpgProfessor Manfred Güllner, Gründer und Geschäftsführer von Forsa, einem der führenden deutschen Meinungsforschungsinstitute, hat ein Buch über „Die Grünen“ geschrieben.

  • Manfred Güldner: Die Grünen: Höhenflug oder Absturz?, Verlag Herder, 2012, 180 S.

Wolfgang Jäger hat es für die FAZ besprochen:

Die Mehrheitsmeinung der Sozialwissenschaftler, dass die Grünen aus den „neuen sozialen Bewegungen“ herauswuchsen, bestreitet Güldner. Stattdessen sieht er als Antrieb der neuen Partei die „Bewegung an sich“, die wie in der Weimarer Republik bei Teilen eines radikalisierten Bürgertums eine Revolte gegen die Moderne sein will, mit dem Ziel, das gesamte System zu verändern. Die gesellschaftstheoretisch zugespitzte These übersieht aber doch die große Bedeutung des sozialen Wurzelgrunds der grünen Bewegung. Sie ist ohne die massenhafte und bunte Bürgerinitiativen-Bewegung sowie die vor allem von Wühl und Brokdorf symbolisierte Anti-Kernkraft-Bewegung und die vom Nato-Doppelbeschluss ausgelöste Friedensbewegung nicht zu denken. Hier entstanden Netzwerke und die für eine erfolgreiche Parteigründung so wichtigen neuen Milieus.

Der Wert des Buches liegt in der Anatomie der grünen Wählerschaft. Ausführlich seziert der Verfasser die Grünen von ihrer Gründung bis heute als Klientelpartei der oberen Bildungsschichten und zunehmend auch der oberen Einkommensschichten. Die Grünen verfügen über ein recht großes Potential an Stammwählern. Waren sie zum Zeitpunkt ihrer Gründung mehrheitlich eine Partei der unter 35-Jährigen, so unterscheiden sie sich im Hinblick auf die jungen Anhänger heute nicht mehr von den etablierten Parteien. Sie laufen sogar Gefahr, zu einer „Ein-Generationen-Partei“ zu werden. Von Anfang an dominierten unter den grünen Wählern die Frauen. In Baden-Württemberg finden sich die höchsten Sympathien für die Grünen mit 40 Prozent bei den 30- bis 59-jährigen Frauen. Von Beginn an ordneten sich die Grünen im politischen Spektrum links ein – weiter links als die SPD.

Insgesamt ist der Rezensent eher zurückhaltend: „Güllners These findet allerdings in der von ihm nur am Rande erwähnten Forschung über die Nichtwähler keinen Rückhalt, wie überhaupt der Autor die Literatur zur Parteien- und Demokratieforschung nur sehr sparsam nutzt. Das Buch lebt von der polemischen Zuspitzung.“

Andere sind begeistert. Empfehlen kann ich die Rezension von J. Schneidereit. Dort heißt es:

Manfred Güllners Analyse der Grünen nimmt eine Sonderstellung in der sich mit den Grünen beschäftigenden Publizistik ein durch einen nüchternen Blick auf eine, wie Güllner sagt, kaum in Politik und Gesellschaft kritisierte Partei. Wie man später erfahren kann, sehen sich 39 Prozent der deutschen Journalisten als Anhänger der Grünen; vielleicht ein Fingerzeig auf die oftmals verklärende und sehr wohlwollende Sicht auf die Partei.

Güllner geht zunächst von den messbaren Tatsachen aus, dass die deutschen und österreichischen Grünen zum einen europaweit die höchsten Zustimmungswerte bei Wahlen erhalten, zum anderen aber auch einen weit über ihre Wählerschaft hinausgehenden politischen Einfluss. Güllner geht der Frage nach, wie sich diese Erfolge erklären lassen und welcher Methoden sich die Grünen dabei so erfolgreich bedienen. Kurz gesagt: Die Grünen vermochten es, in Zusammenarbeit mit Unterstützern aus Wissenschaft, Bildungswesen, Medien und Verwaltung, ihre Partikularinteressen als allgemeine Interessen der Gesellschaft darzustellen, obwohl sie oft nur eine Minorität der deutschen Bildungs- und Einkommenselite vertreten.

Seine Analyse beginnt mit der Feststellung, dass die Grünen in den siebziger Jahren nicht, wie oft behauptet, auf neue Zeit-Erfordernisse reagierten oder auf Versäumnisse anderer Parteien, sondern dass die fünf z.T. sehr unterschiedlichen Milieus, aus denen die Grünen hervorgingen, geeint wurden durch ihre Gegnerschaft zur modernen Gesellschaft der bestehenden Bundesrepublik.

Das Buch verkauft sich derzeit übrigens ausgesprochen gut.

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Das Evangelium für die nächste Generation

R.Kubsch_Das_Evangelium_fuer_die_naechste_Generation_(Edition-E21).jpgDer Pietist Philipp Jacob Spener diagnostizierte im 17. Jh. zwei Bedrohungen für die Gemeinde Jesu: außen Verfolgungen und innen Versuchungen. Er entwarf ein Reformprogramm, welches verschiedene Lebensbereiche erfassen sollte. Einen besonderen Stellenwert räumt er dabei der Theologie und der Theologenausbildung ein. Seine Anmerkungen zur Theologie sind bemerkenswert. Was er damals schrieb, klingt immer noch sehr aktuell:

Aber wir können ja nicht in Abrede stellen, dass, ob wir wohl durch Gottes Gnade die reine Lehre aus Gottes Wort noch haben, dass gleichwohl hin und wieder allgemach in die Theologie viel Fremdes, Unnützes und mehr nach Weltweisheit Schmeckendes eingeführt wird.

Das E21-Booklet:

  • Ron Kubsch: Das Evangelium für die nächste Generation, 3L Verlag, 2012, 27 S.

geht auf das Thema ein. Es kann hier gratis heruntergeladen werden: Generation_(Edition-E21).pdf.

Die Theologie des Jonathan Edwards

Das Buch:edwardstheol.jpg

  • Michael McClymond u. Gerald McDermott: The Theology of Jonathan Edwards, Oxford University Press, 2011, 757 S.

hat es in die CT-Liste der Bücher 2013 geschafft. Der Verlag schreibt über das Buch:

Scholars and laypersons alike regard Jonathan Edwards (1703-58) as North America’s greatest theologian. The Theology of Jonathan Edwards is the most comprehensive survey of his theology yet produced and the first study to make full use of the recently-completed seventy-three-volume online edition of the Works of Jonathan Edwards. The book’s forty-five chapters examine all major aspects of Edwards’s thought and include in-depth discussions of the extensive secondary literature on Edwards as well as Edwards’s own writings. Its opening chapters set out Edwards’s historical and personal theological contexts. The next thirty chapters connect Edwards’s theological loci in the temporally-ordered way in which he conceptualized the theological enterprise-beginning with the triune God in eternity with his angels to the history of redemption as an expression of God’s inner reality ad extra, and then back to God in eschatological glory.

The authors analyze such themes as aesthetics, metaphysics, typology, history of redemption, revival, and true virtue. They also take up such rarely-explored topics as Edwards’s missiology, treatment of heaven and angels, sacramental thought, public theology, and views of non-Christian religions. Running throughout the volume are what the authors identify as five basic theological constituents: trinitarian communication, creaturely participation, necessitarian dispositionalism, divine priority, and harmonious constitutionalism. Later chapters trace his influence on and connections with later theologies and philosophies in America and Europe. The result is a multi-layered analysis that treats Edwards as a theologian for the twenty-first-century global Christian community, and a bridge between the Christian West and East, Protestantism and Catholicism, conservatism and liberalism, and charismatic and non-charismatic churches.

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C. Trueman: The Creedal Imperative

51NKLaLC8cL._AA160_.jpgDas ist mein persönliches Buch des Jahres 2012. Ich bin noch nicht ganz durch, kann es trotzdem innig empfehlen:

  • Carl Trueman: The Creedal Imperative, Crossway: 2012

Der Verlag schreibt:

Recent years have seen a number of high profile scholars converting to Roman Catholicism and Eastern Orthodoxy while a trend in the laity expresses an eclectic hunger for tradition. The status and role of confessions stands at the center of the debate within evangelicalism today as many resonate with the call to return to Christianity’s ancient roots. Carl Trueman offers an analysis of why creeds and confessions are necessary, how they have developed over time, and how they can function in the church of today and tomorrow. He writes primarily for evangelicals who are not particularly confessional in their thinking yet who belong to confessional churches—Baptists, independents, etc.—so that they will see more clearly the usefulness of the church’s tradition.

Ein geistreiches und leidenschaftliches Plädoyer für den konfessionellen Gemeindebau. Wer das Buch gelesen hat, wird (hoffentlich) verstehen, weshalb die Rückbindung an Bekenntnisse so wichtig ist.

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Im Zweifel für den Zweifel?

978-3-86269-011-4Karl-Heinz Vanheiden schreibt in Bibel und Gemeinde (4/2012, S. 80):

  • Ron Kubsch (Hrsg.): Im Zweifel für den Zweifel?: Beiträge zur christlichen Apologetik, 2011

Der Aufsatzband ist ein Muss für jeden, der sich mit christlicher Apologetik befasst.

Das Buch enthält folgende Beiträge:

  1. Vorwort
  2. Ron Kubsch: Glauben fängt mit dem Zweifel an
  3. Daniel von Wachter: Schlechte, aber einflußreiche Argumente gegen die Existenz Gottes
  4. Harald Seubert: Glaube, Zweifel und die Gottesfrage: Einige Überlegungen im Blick auf den neuen Atheismus
  5. Thomas Schirrmacher: „Und sie bewegt sich doch!“ und andere Galilei-Legenden – 28 Thesen zum Prozess gegen Galilei
  6. Wim Rietkerk: Ist Gott eine Projektion? Zweifel an der Existenz Gottes
  7. Wim Rietkerk: Ich fühle ganz anders! Gefühlszweifel
  8. Robb Ludwick: Gott im Kino: Wie Filme geistliches Wachstum anstoßen können
  9. Ron Kubsch: Evangelium in der Postmoderne: Was wir von Francis Schaeffers weitsichtiger Apologetik lernen können

und kann hier bestellt werden:

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Gott und sein schlechter Ruf

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„Wie bringt man den liebenden Gott des Alten Testaments mit dem gestrengen Gott des Neuen Testaments überein?“

Dieser erste Satz des Buches Der missverstandene Gott? von David T. Lamb ist schon Mal gut. Der Verlag schreibt:

Man könnte fast glauben, Gott habe einen schlechten Ruf! Viele halten ihn für zornig und wütend. Sie meinen, er schlage Menschen ohne ersichtlichen Grund eins rechts und links um die Ohren. Das Alte Testament scheint Gott als launisch und heimtückisch darzustellen; als einen, der ganze Armeen auslöscht und Feinde aufgrund von extremen Vorurteilen bestraft. Doch neben den verstörenden Passagen von Gottes zornigem Handeln wird im Alten Testament auch ein Gott der Liebe, der Güte und der Geduld porträtiert. Wie sind diese scheinbaren Widersprüche miteinander vereinbar? Um den Charakter Gottes zu erforschen, taucht David Lamb tief in die komplexen Strukturen des Alten Testaments ein. Und findet die richtigen Antworten.

Ich freue mich auf die Lektüre während der Weihnachtstage.

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