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Feuilleton & Kunst

Der Preis der Spezialisierung

Der Romanist Gerhard Poppenberg bedauert in „Das Leben des Geistes“ die Abwertung der Geisteswissenschaften und macht dabei auf zwei wichtige Sachverhalte aufmerksam (FAZ, 25.02.26, Nr. 47, S. N4). 

Erstens erklärt Poppenberg, dass wir bei aller vermeintlichen „Faktizität“ Dinge wie Naturphänomene immer auslegen. O-Ton:

Warum und wozu brauchen wir Geisteswissenschaften? Philosophie und Kunst, Literatur und Geschichte sind Teil der westlichen Zivilisation. Ideen, Bilder, Geschichten und Erinnerungen machen die Verfassung des menschlichen Geistes aus. Die Philosophie zeigt, dass Gedanken und Begriffe eine historische Dimension haben. Sie entfalten sich im Laufe der Zeit durch Differenzierung und setzen so ihre Wahrheit nach und nach frei. Bei Worten und Bildern, Mythen und Geschichten verhält es sich entsprechend. Diese Dynamik, so Gadamer in der Nachfolge Hegels, bildet das Leben des Geistes.

Die Erklärung beispielsweise von Naturphänomenen ist immer auch in eine Auslegung der Welt, der Natur und des Menschen eingebunden. Es ist ein bedeutender Unterschied, ob die Welt griechisch als physis und kosmos, christlich als Schöpfung und gefallene Welt oder wissenschaftlich als naturgesetzmäßig geordnete Ansammlung von Atomen, hervorgegangen aus einem Urknall, konzipiert wird. Welt ist nicht einfach da, sie wird immer schon gedeutet. Und sich darüber Klarheit zu verschaffen, ist die Aufgabe jeder historisch ausgelegten Forschung. Sie zeigt, dass es auch anders sein könnte und dass Veränderungen des leitenden Deutungsmusters zu Veränderungen im Weltbild führen können.

Zweitens spricht er an, dass wir heutzutage durch eine immer weitergehende Spezialisierung verlernt haben, in Zusammenhängen zu denken:

Vergangenes Jahr hat der Historiker Dieter Langewiesche eine Studie über die im 19. Jahrhundert bis tief ins 20. Jahrhundert an Universitäten regelmäßig gehaltenen Rektoratsreden vorgelegt. Auffällig ist, dass in den Reden ein Grundgedanke über alle Fächer und alle Zeiten hinweg gleich blieb. „Die Universität ist ein Ort der Forschung und deshalb eine Bildungsinstitution.“ Das Bildende der Forschung liege im wissenschaftlich-methodisch ausgerichteten Zugang zur Welt, der nicht nur für einen besonderen Beruf qualifiziere, sondern darüber hinaus grundlegende Fähigkeiten ausbilde. Das Ziel war ein „Habitus, den man im Studium erwirbt und sich lebenslang bewahrt“: eine Form von Urteilskraft, die neue Probleme anzugehen und mit Unvorhergesehenem und Unbekanntem umzugehen versteht.

Dieser Grundgedanke wird mit zunehmender Differenzierung und Spezialisierung der Fächer immer problematischer. Schon vor hundert Jahren stellten Fachwissenschaftler ernüchtert fest, dass sie Mühe hatten, etwa als Physiker von der ingenieurwissenschaftlichen Mechanik über die Teilchenphysik bis zur Astrophysik das gesamte Fach im Einzelnen im Blick zu haben – von anderen Fächern zu schweigen.

Das gilt heute endgültig, und zwar nicht nur für ganze Fachkomplexe, denn die Spezialisierungen reichen inzwischen bis in die Spezialgebiete eines Faches.

Kehrt das „Sie“ langsam zurück?

Jahrhundertelang wurden die Anredeformen respektvoller, doch seit sechzig Jahren breitet sich das „Du“ aus. Eine Wirkung der 68er-Generation. Jannis Koltermann erklärt die Entwicklung und sieht inzwischen ausgerechnet in Skandinavien Anzeichen für einen Gegentrend.

Hier ein Auszug (FAZ, 21.02.26, Nr. 44, S. 14): 

In den Siebzigerjahren sorgte der Soziologe Richard Sennett mit dem Schlagwort „Tyrannei der Intimität“ für Aufsehen. Die Gegenwart, beklagte er, habe Nähe zu einem moralischen Wert an sich erhoben und den Mythos etabliert, dass sich „sämtliche Missstände der Gesellschaft auf deren Anonymität, Entfremdung, Kälte zurückführen“ ließen.

Die Ausbreitung des Duzens hatte Sennett damals nicht gemeint – vielleicht, weil er sich vorrangig im englischen Sprachraum bewegte, vielleicht, weil sie damals gerade erst eingesetzt hatte. Doch fühlt sich unweigerlich an Sennett erinnert, wer heute an einem gewöhnlichen Tag in Deutschland darauf achtet, wie er von wem angesprochen wird. „Was möchtest du trinken?“, fragt der Kellner im Café. Auf der Arbeit eine E-Mail von der Chefin: „Würdest du das bis heute Abend schaffen?“ Der Energieanbieter teilt mit: „Deine Rechnung ist online.“ Und das Museum verspricht: „Du bist Teil der Geschichte!“

In all diesen Situationen wäre vor sechzig und vermutlich noch vor zwanzig Jahren das Sie üblich gewesen. In all diesen Situationen wird einem das Du heute geradezu aufgedrängt. Servicekräfte und Unternehmen scheinen gar nicht daran zu denken, dass man vielleicht lieber gesiezt werden möchte – und wer lehnt schon das Duz-Angebot seines Vorgesetzten ab? Während man früher im Zweifel auf das Sie setzte, gilt gerade das heute in vielen Situationen als deplatziert. Siezen auf Twitter sei „unhöflich“, befand der Youtuber Rezo einmal.

Historisch ist diese Entwicklung nahezu einmalig. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Anredeformen immer respektvoller. Ursprünglich gab es im Deutschen nur das Du, ehe sich im Hochmittelalter das Ihr als höflichere Anrede für und unter Adeligen herausbildete. Um 1600 kam das Er/Sie (dritte Person Singular), um 1700 das Sie (dritte Person Plural) als jeweils noch ehrerbietigere Formen hinzu, sodass im 18. Jahrhundert ganze vier Anredeformen nebeneinanderstanden, mit denen sich gesellschaftliche Rangunterschiede präzise benennen ließen. Dann erfolgte eine Angleichung nach oben: Ihr und Er gerieten allmählich in Vergessenheit, weil das aufstrebende Bürgertum nun ebenfalls das Sie als höchste Höflichkeitsform für sich in Anspruch nahm.

Magisches Denken

Jan Wiele fragt sich, weshalb viele Menschen für die KI schwärmen, obwohl die Schwächen so offensichtlich sind. Hier ein Auszug (FAZ, 23.02.26, Nr. 43, S. 11):

Warum reden rationale Menschen so schwärmerisch über Künstliche Intelligenz wie die Anhänger einer Religion? Woher das Vertrauen?
Was „Künstliche Intelligenz“ angeht, erleben wir seit einiger Zeit einen Extremfall von kognitiver Dissonanz: Auf der einen Seite wird ständig erzählt, wie diese sogenannte Intelligenz immer besser werde und immer komplexere Aufgaben lösen könne. Auf der anderen Seite zeigen sich weiter jeden Tag die haarsträubenden Fehler, die KI erzeugt. Längst ist die Welt durchsetzt von Falschinformationen, die zum Teil leicht erkennbar sind, in vielen Fällen aber nicht, weil das Erkennen Expertenwissen erfordert.

Jüngst etwa musste Google KI-Zusammenfassungen über Leberfunktionstests entfernen. Die falschen Informationen in den Zusammenfassungen wurden von Experten als gesundheitsgefährdend und daher alarmierend eingestuft. Eine von 22 internationalen Nachrichtenportalen gemeinsam durchgeführte Überprüfung aus dem Herbst 2025 ergab, dass KI-Assistenten Nachrichteninhalte in 45 Prozent der Fälle falsch darstellen.

Die Fehler der KI, so auffällig oder so alarmierend sie sind und so oft sie dokumentiert werden, scheinen allerdings weder bei den bezahlten Propagatoren noch den freiwilligen Werbeträgern zu einer Einsicht zu führen. Egal, wie eklatant KI versagt, die Reaktion darauf scheint stets schon ausgemacht: Das seien eben „Kinderkrankheiten“, die bald überwunden sein werden.

Erstaunlich ist, dass dieses Mantra auch aus den Mündern von Menschen kommt, die es eigentlich besser wissen müssten und wider alle Evidenz daran festhalten.

Auf der Suche nach Halt

Uwe Wolf hat für DIE TAGESPOST einen Band mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll vorgestellt (#ad Ingeborg Bachmann u. Heinrich Böll: „Was machen wir aus unserem Leben?“ Der Briefwechsel, hrsg. von Renate Langer, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025, 485 S.). Und er deutet diesen Austausch zwischen den beiden Schriftstellern zurecht als ein Werk, das den Traditionsverlust im 20. Jahrhundert dokumentiert. Es war die Zeit, in der die Asche des Abendlandes vom Winde verweht wurde.

Hier ein Auszug:

Böll schickte gerne Postkarten mit religiösen Motiven an die Freundin und lud sie zu einem Madonnenspaziergang nach Köln ein. Er liebte damals das alte katholische Irland, für das sein Freund George Fleischmann, Kameramann von Leni Riefenstahl, Türöffner war. Böll hatte wie Grass in der Wehrmacht gedient. In Irland wurde Hitler fast „wie eine mythische Gestalt“ verehrt, weil er den Engländern die Stirn geboten habe. Die Dämonie der Geschichte beschäftigte Böll auch als Leser von Joseph von Görres: „Es macht mich bange bei dem Gedanken, dass die Kirche seit langer Zeit schon den Exorzismus nicht mehr anwendet. Ich kann nicht glauben, dass die Dämonen um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum plötzlich alle gestorben sein sollen.“

Bachmanns Dämonen trugen keine schwarzen Uniformen. Sie kamen von innen und wurden mit Tabletten, Alkohol und Nikotin in Schach gehalten. Auch Böll war nikotinsüchtig und rauchte im Alter nach der Amputation seines Raucherbeines weiter. Im Vorfeld des 50. Geburtstages stürzte er in eine schwere mentale Krise. Er fühlt sich „schon mehr als lebensmüde“. Der Arzt hatte ihm das Rauchen und Trinken verboten. Natürlich ohne Folgen. Bachmann meldet aus Rom schwere depressive Anfechtungen durch ihre Dämonen und „Angst, mit nichts zurechtzukommen“ und „Geldsorgen natürlich, wie immer“. Da sie keinen Halt in sich findet, stürzt sie sich in neue Beziehungen, die immer in einer Katastrophe enden. Das gilt auch für ihre Flucht in die Politik. Günter Grass hatte die Trommel für die SPD geschlagen. Böll aber marschierte nicht mit. Aus dem sowjetisch besetzten Riga berichtet er am Tag Assumptio Mariae 1965 über seinen „Eindruck, dass die SPD die niederträchtigste Partei sei“. Grass’ Engagement halte er „für Selbstmord, durchaus jenem vergleichbar, den so viele Deutsche verübten, weil sie 1933 politisch für etwas sein wollten, nicht immer dagegen.“ SPD? „Ich kann für diese bürgerlich-nationalistische Idiotenpartei nichts tun.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.die-tagespost.de.

Der woke Moralismus verfängt nicht mehr

Gideon Böss meint, dass wir „gerade wohl so etwas wie einen metaphysischen Zusammenbruch des westlichen Lebensstils, der über Jahrzehnte hinweg alles Konservative ironisierte, kritisierte und verlachte“ erleben.

Zitat: 

Menschen sind nicht für ein Leben frei von Hoffnung gemacht. Doch genau dieses toxische Leben bot der linksradikale Moralismus ihnen an: ein Leben aus gegenseitiger Verachtung, Feindschaft und Scham. Eine Ideologie wie eine ewige Depression. Da aber der Markt der Ideen nach Angebot und Nachfrage funktioniert, schiebt sich nun das Christentum zurück ins Rampenlicht. Es wirbt mit Vergebung, mit Nächstenliebe und der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Kein Wunder also, dass es eine stetige Abwanderung aus der Ecke der linken „Schäm dich“-Rhetorik gibt – hin zu „Wir sind alle Kinder Gottes“. Oftmals ist das Bekenntnis zum Christentum dabei eines zur Familie, es ist ein Wunsch nach Stabilität und Werten. Ob aus diesem Phänomen ein langfristiger Trend wird, ist nicht ausgemacht – und vermutlich war die Dämonisierung des Christentums ähnlich übertrieben wie es aktuell dessen Glorifizierung in manchen Kreisen ist. Doch es könnte der Beginn einer kulturellen Gegenbewegung sein, die sich nicht nur gegen die woke Linke richtet, sondern ebenso gegen den Aufstieg des Islam im Westen, der wegen seines Dominanzanspruchs als Bedrohung empfunden wird.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Seminar: „Existenzielle Verzweiflung“

Studenten lesen keine Literatur mehr – außer bei Justin McDaniel. Der Professor erlöst sie vom Smartphone. Sein Rezept: Ausgerechnet „Bücher, die traurig anfangen, in der Mitte traurig sind und traurig enden“ machen die jungen Leute glücklich und frei. 

Die Story ist so lustig und schön, dass ich sie gern empfehle. Zwei Auszüge: 

Von einem säkularen Wunder ist zu berichten: Justin McDaniel, einem Professor an der University of Pennsylvania, ist es gelungen, seine Studentinnen und Studenten zu verführen, dass sie ihre Nasen in leibhaftige Bücher stecken. Nicht in irgendwelche Bücher, sondern in Romane. Nicht in irgendwelche Romane, sondern Literatur; keine leichte Kost, keine Strandlektüre, sondern Bücher über existenzielle Probleme. Dafür schalten die Kids sogar ihre Smartphones aus.

Justin McDaniels Seminar heißt: „Existenzielle Verzweiflung“. Er sagt den jungen Leuten: „Hier werden Bücher gelesen, die traurig anfangen, in der Mitte traurig sind und traurig enden.“ Warum das so ist? „Weil die Leute viel Selbsthilfebücher lesen, viel Malcolm Gladwell, Romane, in denen es darum geht, Schwierigkeiten zu überwinden und ähnlichen Blödsinn.“ In McDaniels Seminar geht es hingegen darum, dass Menschen komplizierte Wesen sind; dass es häufig keine Lösungen gibt. „Eigentlich“, sagt der vergnügte Mann mit der Hornbrille, „eigentlich will ich sie fürs mittlere Alter stählen. Dann sterben die Eltern. Man hat vielleicht schon eine Scheidung hinter sich. Die Karriere hat sich nicht so entwickelt, wie sie sollte. Man versucht, selber Kinder großzuziehen.“ Er selber habe vor ein paar Jahren einen schweren Herzinfarkt überlebt.

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„Lobet den Herrn, und: Lobet ihn mit Saitenspiel!“

Der Geiger Renaud Capuçon beantwortet in einem FAZ-Interview zu seiner neuen Platte mit Sonaten und Partiten von Johann Sebastian Bach die Frage „Im Booklet Ihrer neuen CD haben Sie statt eines Infotextes eine Passage aus dem 150. Psalm abgedruckt und erläutert. Warum?“ wie folgt: 

Man bat mich, einen Text zu schreiben. Ich dachte: Wie kann ich beschreiben, was Bach für mich bedeutet? Entweder schreibe ich zehn Seiten und es reicht immer noch nicht, oder ich zitiere einfach den Psalm, der alles schon ausdrückt. Lobet den Herrn, und: Lobet ihn mit Saitenspiel!

Wir brauchen eine Revolte gegen die KI-Sprache

Laut einer Analyse des Internetdienstleisters „Graphite“ wurden im Mai des vergangenen Jahres 52 Prozent aller neu publizierten Internetartikel von künstlicher Intelligenz verfasst. Insgesamt betrug der Anteil an KI-generierten Texten im Internet – also inklusive der vor Mai 2025 publizierten Artikel – sogar 57 Prozent.

Jens Ulrich Eckhard plädiert dafür, diesem Trend etwas entgegenzusetzen. Zum Beispiel Gedichte. Denn die Poesie überfordert die Dummheit der digitalen Logik.

Zitat: 

Gedichte werden den Lauf der Zeit nicht aufhalten, generative KI wird weiter das Internet fluten. Worum es vielmehr geht, ist die Frage, wie wir uns dazu verhalten. Irgendetwas macht es mit uns, dass es seit einigen Jahren diese digitalen Maschinen gibt, die in unserer Sprache herumfuhrwerken und Sätze nach Wahrscheinlichkeiten bilden.

Einen Hinweis auf die Dimension dieser Umwälzung liefert Rüdiger Safranski, dessen für Herbst angekündigtes Buch den Titel „Die vierte Kränkung. Der Mensch im Schatten der Künstlichen Intelligenz“ trägt. Nach der kopernikanischen Wende, Darwins Evolutionstheorie und Freuds Entdeckung des Unbewussten hat nun das „rechnende Denken“ Einzug in unsere Sprache gehalten. Generative KI macht uns einmal mehr klar: Der Mensch ist nichts Besonderes, seine Kommunikation ist reproduzierbar und sein „Haus des Seins“, wie Heidegger die Sprache nannte, hat er sich fortan mit den Algorithmen zu teilen.

Gegen die Schwemmgebiete im Digitalen, die sprachliche Landschaften aus Kies und Geröll hinterlassen, hilft somit nur die Ausweichbewegung in die Höhe. Das Gedicht als karstiger Fels, in dessen Spalten züngelnde Salamander hausen. Wer Weltfremdheit aushält, wird dort oben eine schöne Zeit haben.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Die Abwärtsspirale bei den Bildungsleistungen

Was Heiko Schmoll heute in der FAZ schreibt, klingt schon wie ein Offenbarungseid. Die Reformpädagogik mit ihrer Bedürfnisorientierung und dem Kompetenzetwicklungswahn hat den Weg frei gemacht für die Verblödung und Infantilisierung der Gesellschaft. Und sie hat auch den wirtschaftlichen Absturz vorbereitet, der nämlich sehr viel mit Neugier und Leistungswilligkeit zu tun hat. 

Hier ein Auszug aus „Abwärtsspirale im Deutschunterricht“ (FAZ, 20.01.2026, Nr. 16, S. 1):

Eigentlich waren die Klassiker in einfacher Sprache für den Deutschunterricht an allen Schulen gedacht, aber nicht für die Gymnasien. Inzwischen nutzen Deutschlehrer sie auch für die Oberstufe des Gymnasiums. Denn das in vielen Ländern mehr oder weniger zugangsfreie Gymnasium ist längst zu einer Art Einheitsschule geworden, die mit unterschiedlichsten Schülern und Sprachniveaus zurechtkommen muss. Wie sehr auch die Gymnasien in den Sog der Abwärtsspirale bei den Bildungsleistungen geraten sind, hat der letzte Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen gezeigt.

Im Unterschied zum Englischunterricht, den Schüler wegen der vielen filmischen und aktuellen Zugänge attraktiv finden, wird der Deutschunterricht als langweilig und angestaubt empfunden. In beiden Fächern ist die Lektüre von bestimmten Klassikern in vielen Ländern nicht mehr verpflichtend. Goethes Faust I (von Faust II ganz zu schweigen) ist häufig aus den Lehrplanempfehlungen ebenso verschwunden wie Shakespeare – selbst im Leistungsfach Englisch.

Oft genug wird Literatur nicht als eigener Inhalt oder ästhetische Kategorie gesehen, sondern funktionalisiert. Literarische Texte werden analysiert, um sprachliche, kommunikative und mediale Fähigkeiten einzuüben. Hinzu kommt, dass der Deutschunterricht als Querschnittsfach gesehen wird. So steht etwa im Kernlehrplan Nordrhein-Westfalens nicht nur Literatur im Mittelpunkt, sondern auch Menschenrechtsbildung, Werteerziehung, Demokratieerziehung, Bildung für die digitale Welt oder für nachhaltige Entwicklung.

Dabei bietet die Schule für die meisten Schüler die einzige Möglichkeit, die Hürde zu einer fremd wirkenden sprachlichen Welt zu überwinden. Die erste Lektüre eines klassischen literarischen Textes erfordert Anstrengung, mehrfaches Lesen, Sicheinlassen auf eine andere, neue Welt, sich auf eine gedankliche Erkundung zu begeben.

Warum eigentlich trauen Lehrer ihren Schülern immer weniger zu, obwohl die Bildungsforschung erwiesen hat, dass niedrigere Erwartungen auch zu schwächeren Leistungen führen? Warum entwickeln viele so wenig Phantasie, wenn es darum geht, Schülern Zugänge zu Klassikern zu schaffen?

Religiöse Symbole reichen nicht

Francis Schaeffer (#ad Gott ist keine Illusion, 1974, S. 62–63):

Auf den ersten Blick erscheint die Neo-Orthodoxie sehr „geistlich“. „Ich frage nicht nach Antworten, ich glaube einfach.“ Das klingt ungeheuer fromm, und viele Menschen lassen sich dadurch täuschen, besonders junge Männer und Frauen, die sich nicht damit begnügen, die Phrasen des intellektuellen oder geistlichen Status quo nachzuplappern. Sie sind zu Recht unzufrieden mit den abgedroschenen Sprüchen einer verstaubten und selbstgefälligen Orthodoxie. Die moderne Theologie hingegen erscheint ihnen geistlich und schwungvoll, und so tappen sie in die Falle.

Sie zahlen jedoch für diese vermeintliche „Geistlichkeit“ einen hohen Preis, denn wer im oberen Bereich mit Undefinierten religiösen Wörtern arbeitet, der verliert die Möglichkeit des Erkennens und Handelns für den ganzen Menschen, ja gibt seine Ganzheit auf. Diese jungen Leute dürfen wir nicht auffordem, zu einem erbärmlichen Status quo zurückzukehren, sondern wir müssen sie zu einer lebendigen Orthodoxie rufen, die sich mit dem Verhältnis des ganzen Menschen zu Gott befaßt – einschließlich seiner Vernunft und seines Intellekts.

Wo immer Menschen nach der letzten Wirklichkeit suchen, müssen wir ihnen das wahre Christentum zeigen. Hier können sie die Wirklichkeit finden, denn hier begegnen sie dem Gott, der da ist und der Aussagen über sich selbst gemacht hat, und nicht nur den Symbolen „Gott“ oder „Christus“, die zwar geistlich klingen, es aber nicht sind. Die Menschen, die lediglich das Symbol gebrauchen müßten eigentlich Pessimisten sein, denn das Wort Gott oder die Idee Gott allein bietet keine ausreichende Grundlage für den Optimismus, den sie zur Schau stellen. 

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