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Francis Schaeffer: Warum Wahrheit wichtig ist

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Bruce A. Little hat ein kleines Buch über Francis Schaeffer veröffentlicht. Why Truth Matters (DeWard Publishing, 2026, #ad) stellt sein einflussreiches Wirken vor und unterstreicht dessen Überzeugung, dass wahre Geistlichkeit ein Leben im Glauben ist, das jeden Augenblick von dem unfehlbaren Wort Gottes geprägt und geleitet wird. Ohne Vertrauen auf die objektive Offenbarung in der Heiligen Schrift läuft das christliche Leben Gefahr, die Orientierung vor Gott und in der Welt zu verlieren.

Ich werde ab heute einige Zitate aus dem gut lesbaren Buch veröffentlichen. Ich beginne mit einigen Ausführungen zu Geistliches Leben – Was ist das? (Haus der Bibel, 1975, #ad), ein Buch, dass für Schaeffer sehr wichtig war.

Bruce A. Little schreibt (S. 68–69): 

In Geistliches Leben – Was ist das? verdeutlichte Schaeffer die Grundlage dessen, was er als wahre Geistlichkeit bezeichnete – nämlich das christliche Leben. Er schrieb:

„Die Realität, im Glauben zu leben, als wären wir bereits gestorben, im Glauben in offener Gemeinschaft mit Gott zu leben und dann in die äußere Welt zurückzukehren, als wären wir bereits von den Toten auferstanden – das ist keine einmalige Angelegenheit, sondern eine Frage des Glaubens von Augenblick zu Augenblick und des Lebens von Augenblick zu Augenblick. Der Glaube von heute Morgen reicht für heute Mittag nicht aus. … Gott sei Dank für die Realität, für die wir geschaffen wurden, eine Kommunikation mit Gott selbst von Moment zu Moment. Wir sollten in der Tat dankbar sein, denn die Qualität von Augenblick zu Augenblick bringt das Ganze auf die Größe, die wir haben, so wie Gott uns geschaffen hat.“

Wie Jesus uns sagt, sollen wir um unser tägliches Brot beten, nicht um unser monatliches Brot So wie das Manna im Alten Testament, das am Montag gegeben wurde, für den Dienstag nicht ausreichen würde, so reicht der Glaube von heute Morgen nicht für heute Abend aus.

Über die Beziehung zwischen Rechtfertigung und wahrer Geistlichkeit sagte Schaeffer:

„Lassen Sie mich wiederholen: Der einzige Unterschied in der Praxis besteht darin, dass die Rechtfertigung ein für alle Mal geschieht, während das christliche Leben von Augenblick zu Augenblick gelebt wird. Das christliche Leben besteht darin, von Moment zu Moment nach dem gleichen Prinzip und auf die gleiche Weise zu handeln, wie ich im Moment meiner Rechtfertigung gehandelt habe.“

Später erklärte er: „Wenn wir also an Gottes Verheißungen glauben, wenden wir sie an – die gegenwärtige Bedeutung des Werkes Christi für den Christen – für und in diesem einen Moment – einen Moment nach dem anderen. Wenn man das nur erkennen kann, ändert sich alles.“

Existentiell gesehen wirkt wahre Spiritualität von Augenblick zu Augenblick, da der Christ aus dem Glauben an die Wahrheit der Gegenwart Gottes in ihm lebt, die durch den Glauben an das vollendete Werk Christi ermöglicht wird. Das habe ich einmal geglaubt, aber im Laufe der Jahre verlor diese Realität langsam ihren Platz in meinem Leben. Ich bin Schaeffer dankbar, dass er mich zu dieser grundlegenden Wahrheit des Christentums zurückgebracht hat.

„Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt“

Jeff Bezos von Amazon hat bei der von ihm gekauften WASHINGTON POST massive Kürzungen durchgesetzt. Einerseits kann ich verstehen, dass er irgendwann mal schwarze Zahlen schreiben möchte, andererseits ist es irgendwie betrüblich, dass er auch die Redaktion der „Book World“ und damit den kompletten Rezensionsteil rausgeworfen hat. Amazon ist ursprünglich mit dem Verkauf von Büchern groß geworden. Bücher scheinen aber inzwischen für den Chef (und den Konzern) nur noch Waren zu sein, mit denen Geld verdient werden soll. 

In dem Artikel „Büchertapete gefällig?“ (FAZ, 28.02.2026, Nr. 50, S. 12) weist Steffen Martus darauf hin, dass die Einstellung der seriösen Literaturkritik ein Symptom einer größeren Entwicklung sei. Diese Entwicklung könne auf den Punkt gebracht werden: „Der Kunde wird überall zum König. Dieser Marketinggrundsatz, den sich niemand so sehr zu eigen gemacht hat wie Amazon, klingt schlicht, bedeutet aber für bestimmte Gesellschaftsbereiche eine enorme Herausforderung. Statt nämlich die Güte eines Produkts aus dessen Leistung und Qualität abzuleiten, tritt der Rezeptionserfolg in den Vordergrund. Der Fehler liegt somit stets beim Produkt, das sich nicht verständlich machen kann, und nicht etwa beim Kunden, der zu wenig von der Sache versteht.“

Für Bücher bedeutet das:

Diese Umorientierung ist durch viele unscheinbare Signale fest im Alltag verankert. So bestätigen etwa die omnipräsenten Kundenbefragungen den Konsumenten permanent in seiner Urteilsbefugnis und erzeugen im gleichen Moment Urteilsbedarf. Wer an immer mehr Orten – in der Toilette, im Zug, im Restaurant, beim Bäcker, in der Bibliothek, im Museum – und in immer mehr Situationen als Kunde angeschaut wird, schaut dann eben auch immer häufiger als Kunde zurück, und zwar auch auf jene Bereiche, denen das nicht guttut. Im Fall des Buches bedeutet dies: Die Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt und nicht umgekehrt. Die Populärliteratur hat damit, wie der Namen [sic!] schon sagt, keine Probleme. Für die „hohe“ Literatur, die auf Originalität, Konventionsbruch und die Herausforderung der Leser setzt, verändert es die Geschäftsgrundlage.

Wenn ein Buch immer nur den Erwartungen der Leser entspricht, bleibt kaum Raum für eine Transformation durch die Lektüre. Bücher dürfen und sollen Leser herausfordern – und auch überfordern. Kant hat die Welt verändert, obwohl seine Leser zunächst die kantische Sprache erlernen mussten – nicht, weil er ihnen entgegengekommen ist.

Übrigens lässt sich in der christlichen Szene ein vergleichbarer Trend im Umgang mit der Bibel feststellen. Die Bibelleser werden dazu erzogen, dass die Heilige Schrift auf sie zukommt. Einige Kirchenvertreter fordern, dass die alten Sprachen aus dem Theologiestudium verbannt werden. Und auch die immer stärkere Verbreitung kommunikativer Bibelübersetzungen ist nichts anderes als ein Auf-den-Leser-Zugehen. Sätze in der BasisBibel enthalten in der Regel nicht mehr als 16 Wörter. Der eine Satz aus Epheser 1,3–14 enthält nach meiner Zählung 202 Wörter. 

Wenn die Bibel ständig an den Erkenntnishorizont ihrer Leser herangeführt wird, können diese nicht aus ihrer Erkenntnisenge herausgeführt werden. Kommunikative Bibelübersetzungen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Bei ihrem besonnenen Einsatz darf allerdings nicht vergessen werden, dass es der menschliche Sinn ist, der einer Transformation bedarf. Die Bibel darf und soll ihren Leser überfordern, aufregen und stören. Nur dann kann das Gedankenkarussell des menschlichen Denkens aufgebrochen werden. 

Gleiches ließe sich über die Predigt sagen. In vielen Kirchengemeinden wird noch maximal 15 Minuten gepredigt. Das mag den Erwartungshaltungen der Hörer entsprechen. Bibeltexte gründlich auslegen kann man in so einer kurzen Zeit aber nicht. 

Hier übrigens noch eine Buchempfehlung für Bibeleinsteiger: Bibelstudium für Einsteiger: Eine Einführung in das Verstehen der Heiligen Schrift von R.C. Sproul (#ad).

Der Preis der Spezialisierung

Der Romanist Gerhard Poppenberg bedauert in „Das Leben des Geistes“ die Abwertung der Geisteswissenschaften und macht dabei auf zwei wichtige Sachverhalte aufmerksam (FAZ, 25.02.26, Nr. 47, S. N4). 

Erstens erklärt Poppenberg, dass wir bei aller vermeintlichen „Faktizität“ Dinge wie Naturphänomene immer auslegen. O-Ton:

Warum und wozu brauchen wir Geisteswissenschaften? Philosophie und Kunst, Literatur und Geschichte sind Teil der westlichen Zivilisation. Ideen, Bilder, Geschichten und Erinnerungen machen die Verfassung des menschlichen Geistes aus. Die Philosophie zeigt, dass Gedanken und Begriffe eine historische Dimension haben. Sie entfalten sich im Laufe der Zeit durch Differenzierung und setzen so ihre Wahrheit nach und nach frei. Bei Worten und Bildern, Mythen und Geschichten verhält es sich entsprechend. Diese Dynamik, so Gadamer in der Nachfolge Hegels, bildet das Leben des Geistes.

Die Erklärung beispielsweise von Naturphänomenen ist immer auch in eine Auslegung der Welt, der Natur und des Menschen eingebunden. Es ist ein bedeutender Unterschied, ob die Welt griechisch als physis und kosmos, christlich als Schöpfung und gefallene Welt oder wissenschaftlich als naturgesetzmäßig geordnete Ansammlung von Atomen, hervorgegangen aus einem Urknall, konzipiert wird. Welt ist nicht einfach da, sie wird immer schon gedeutet. Und sich darüber Klarheit zu verschaffen, ist die Aufgabe jeder historisch ausgelegten Forschung. Sie zeigt, dass es auch anders sein könnte und dass Veränderungen des leitenden Deutungsmusters zu Veränderungen im Weltbild führen können.

Zweitens spricht er an, dass wir heutzutage durch eine immer weitergehende Spezialisierung verlernt haben, in Zusammenhängen zu denken:

Vergangenes Jahr hat der Historiker Dieter Langewiesche eine Studie über die im 19. Jahrhundert bis tief ins 20. Jahrhundert an Universitäten regelmäßig gehaltenen Rektoratsreden vorgelegt. Auffällig ist, dass in den Reden ein Grundgedanke über alle Fächer und alle Zeiten hinweg gleich blieb. „Die Universität ist ein Ort der Forschung und deshalb eine Bildungsinstitution.“ Das Bildende der Forschung liege im wissenschaftlich-methodisch ausgerichteten Zugang zur Welt, der nicht nur für einen besonderen Beruf qualifiziere, sondern darüber hinaus grundlegende Fähigkeiten ausbilde. Das Ziel war ein „Habitus, den man im Studium erwirbt und sich lebenslang bewahrt“: eine Form von Urteilskraft, die neue Probleme anzugehen und mit Unvorhergesehenem und Unbekanntem umzugehen versteht.

Dieser Grundgedanke wird mit zunehmender Differenzierung und Spezialisierung der Fächer immer problematischer. Schon vor hundert Jahren stellten Fachwissenschaftler ernüchtert fest, dass sie Mühe hatten, etwa als Physiker von der ingenieurwissenschaftlichen Mechanik über die Teilchenphysik bis zur Astrophysik das gesamte Fach im Einzelnen im Blick zu haben – von anderen Fächern zu schweigen.

Das gilt heute endgültig, und zwar nicht nur für ganze Fachkomplexe, denn die Spezialisierungen reichen inzwischen bis in die Spezialgebiete eines Faches.

Kehrt das „Sie“ langsam zurück?

Jahrhundertelang wurden die Anredeformen respektvoller, doch seit sechzig Jahren breitet sich das „Du“ aus. Eine Wirkung der 68er-Generation. Jannis Koltermann erklärt die Entwicklung und sieht inzwischen ausgerechnet in Skandinavien Anzeichen für einen Gegentrend.

Hier ein Auszug (FAZ, 21.02.26, Nr. 44, S. 14): 

In den Siebzigerjahren sorgte der Soziologe Richard Sennett mit dem Schlagwort „Tyrannei der Intimität“ für Aufsehen. Die Gegenwart, beklagte er, habe Nähe zu einem moralischen Wert an sich erhoben und den Mythos etabliert, dass sich „sämtliche Missstände der Gesellschaft auf deren Anonymität, Entfremdung, Kälte zurückführen“ ließen.

Die Ausbreitung des Duzens hatte Sennett damals nicht gemeint – vielleicht, weil er sich vorrangig im englischen Sprachraum bewegte, vielleicht, weil sie damals gerade erst eingesetzt hatte. Doch fühlt sich unweigerlich an Sennett erinnert, wer heute an einem gewöhnlichen Tag in Deutschland darauf achtet, wie er von wem angesprochen wird. „Was möchtest du trinken?“, fragt der Kellner im Café. Auf der Arbeit eine E-Mail von der Chefin: „Würdest du das bis heute Abend schaffen?“ Der Energieanbieter teilt mit: „Deine Rechnung ist online.“ Und das Museum verspricht: „Du bist Teil der Geschichte!“

In all diesen Situationen wäre vor sechzig und vermutlich noch vor zwanzig Jahren das Sie üblich gewesen. In all diesen Situationen wird einem das Du heute geradezu aufgedrängt. Servicekräfte und Unternehmen scheinen gar nicht daran zu denken, dass man vielleicht lieber gesiezt werden möchte – und wer lehnt schon das Duz-Angebot seines Vorgesetzten ab? Während man früher im Zweifel auf das Sie setzte, gilt gerade das heute in vielen Situationen als deplatziert. Siezen auf Twitter sei „unhöflich“, befand der Youtuber Rezo einmal.

Historisch ist diese Entwicklung nahezu einmalig. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Anredeformen immer respektvoller. Ursprünglich gab es im Deutschen nur das Du, ehe sich im Hochmittelalter das Ihr als höflichere Anrede für und unter Adeligen herausbildete. Um 1600 kam das Er/Sie (dritte Person Singular), um 1700 das Sie (dritte Person Plural) als jeweils noch ehrerbietigere Formen hinzu, sodass im 18. Jahrhundert ganze vier Anredeformen nebeneinanderstanden, mit denen sich gesellschaftliche Rangunterschiede präzise benennen ließen. Dann erfolgte eine Angleichung nach oben: Ihr und Er gerieten allmählich in Vergessenheit, weil das aufstrebende Bürgertum nun ebenfalls das Sie als höchste Höflichkeitsform für sich in Anspruch nahm.

Magisches Denken

Jan Wiele fragt sich, weshalb viele Menschen für die KI schwärmen, obwohl die Schwächen so offensichtlich sind. Hier ein Auszug (FAZ, 23.02.26, Nr. 43, S. 11):

Warum reden rationale Menschen so schwärmerisch über Künstliche Intelligenz wie die Anhänger einer Religion? Woher das Vertrauen?
Was „Künstliche Intelligenz“ angeht, erleben wir seit einiger Zeit einen Extremfall von kognitiver Dissonanz: Auf der einen Seite wird ständig erzählt, wie diese sogenannte Intelligenz immer besser werde und immer komplexere Aufgaben lösen könne. Auf der anderen Seite zeigen sich weiter jeden Tag die haarsträubenden Fehler, die KI erzeugt. Längst ist die Welt durchsetzt von Falschinformationen, die zum Teil leicht erkennbar sind, in vielen Fällen aber nicht, weil das Erkennen Expertenwissen erfordert.

Jüngst etwa musste Google KI-Zusammenfassungen über Leberfunktionstests entfernen. Die falschen Informationen in den Zusammenfassungen wurden von Experten als gesundheitsgefährdend und daher alarmierend eingestuft. Eine von 22 internationalen Nachrichtenportalen gemeinsam durchgeführte Überprüfung aus dem Herbst 2025 ergab, dass KI-Assistenten Nachrichteninhalte in 45 Prozent der Fälle falsch darstellen.

Die Fehler der KI, so auffällig oder so alarmierend sie sind und so oft sie dokumentiert werden, scheinen allerdings weder bei den bezahlten Propagatoren noch den freiwilligen Werbeträgern zu einer Einsicht zu führen. Egal, wie eklatant KI versagt, die Reaktion darauf scheint stets schon ausgemacht: Das seien eben „Kinderkrankheiten“, die bald überwunden sein werden.

Erstaunlich ist, dass dieses Mantra auch aus den Mündern von Menschen kommt, die es eigentlich besser wissen müssten und wider alle Evidenz daran festhalten.

Auf der Suche nach Halt

Uwe Wolf hat für DIE TAGESPOST einen Band mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll vorgestellt (#ad Ingeborg Bachmann u. Heinrich Böll: „Was machen wir aus unserem Leben?“ Der Briefwechsel, hrsg. von Renate Langer, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025, 485 S.). Und er deutet diesen Austausch zwischen den beiden Schriftstellern zurecht als ein Werk, das den Traditionsverlust im 20. Jahrhundert dokumentiert. Es war die Zeit, in der die Asche des Abendlandes vom Winde verweht wurde.

Hier ein Auszug:

Böll schickte gerne Postkarten mit religiösen Motiven an die Freundin und lud sie zu einem Madonnenspaziergang nach Köln ein. Er liebte damals das alte katholische Irland, für das sein Freund George Fleischmann, Kameramann von Leni Riefenstahl, Türöffner war. Böll hatte wie Grass in der Wehrmacht gedient. In Irland wurde Hitler fast „wie eine mythische Gestalt“ verehrt, weil er den Engländern die Stirn geboten habe. Die Dämonie der Geschichte beschäftigte Böll auch als Leser von Joseph von Görres: „Es macht mich bange bei dem Gedanken, dass die Kirche seit langer Zeit schon den Exorzismus nicht mehr anwendet. Ich kann nicht glauben, dass die Dämonen um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum plötzlich alle gestorben sein sollen.“

Bachmanns Dämonen trugen keine schwarzen Uniformen. Sie kamen von innen und wurden mit Tabletten, Alkohol und Nikotin in Schach gehalten. Auch Böll war nikotinsüchtig und rauchte im Alter nach der Amputation seines Raucherbeines weiter. Im Vorfeld des 50. Geburtstages stürzte er in eine schwere mentale Krise. Er fühlt sich „schon mehr als lebensmüde“. Der Arzt hatte ihm das Rauchen und Trinken verboten. Natürlich ohne Folgen. Bachmann meldet aus Rom schwere depressive Anfechtungen durch ihre Dämonen und „Angst, mit nichts zurechtzukommen“ und „Geldsorgen natürlich, wie immer“. Da sie keinen Halt in sich findet, stürzt sie sich in neue Beziehungen, die immer in einer Katastrophe enden. Das gilt auch für ihre Flucht in die Politik. Günter Grass hatte die Trommel für die SPD geschlagen. Böll aber marschierte nicht mit. Aus dem sowjetisch besetzten Riga berichtet er am Tag Assumptio Mariae 1965 über seinen „Eindruck, dass die SPD die niederträchtigste Partei sei“. Grass’ Engagement halte er „für Selbstmord, durchaus jenem vergleichbar, den so viele Deutsche verübten, weil sie 1933 politisch für etwas sein wollten, nicht immer dagegen.“ SPD? „Ich kann für diese bürgerlich-nationalistische Idiotenpartei nichts tun.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.die-tagespost.de.

Der woke Moralismus verfängt nicht mehr

Gideon Böss meint, dass wir „gerade wohl so etwas wie einen metaphysischen Zusammenbruch des westlichen Lebensstils, der über Jahrzehnte hinweg alles Konservative ironisierte, kritisierte und verlachte“ erleben.

Zitat: 

Menschen sind nicht für ein Leben frei von Hoffnung gemacht. Doch genau dieses toxische Leben bot der linksradikale Moralismus ihnen an: ein Leben aus gegenseitiger Verachtung, Feindschaft und Scham. Eine Ideologie wie eine ewige Depression. Da aber der Markt der Ideen nach Angebot und Nachfrage funktioniert, schiebt sich nun das Christentum zurück ins Rampenlicht. Es wirbt mit Vergebung, mit Nächstenliebe und der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Kein Wunder also, dass es eine stetige Abwanderung aus der Ecke der linken „Schäm dich“-Rhetorik gibt – hin zu „Wir sind alle Kinder Gottes“. Oftmals ist das Bekenntnis zum Christentum dabei eines zur Familie, es ist ein Wunsch nach Stabilität und Werten. Ob aus diesem Phänomen ein langfristiger Trend wird, ist nicht ausgemacht – und vermutlich war die Dämonisierung des Christentums ähnlich übertrieben wie es aktuell dessen Glorifizierung in manchen Kreisen ist. Doch es könnte der Beginn einer kulturellen Gegenbewegung sein, die sich nicht nur gegen die woke Linke richtet, sondern ebenso gegen den Aufstieg des Islam im Westen, der wegen seines Dominanzanspruchs als Bedrohung empfunden wird.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Seminar: „Existenzielle Verzweiflung“

Studenten lesen keine Literatur mehr – außer bei Justin McDaniel. Der Professor erlöst sie vom Smartphone. Sein Rezept: Ausgerechnet „Bücher, die traurig anfangen, in der Mitte traurig sind und traurig enden“ machen die jungen Leute glücklich und frei. 

Die Story ist so lustig und schön, dass ich sie gern empfehle. Zwei Auszüge: 

Von einem säkularen Wunder ist zu berichten: Justin McDaniel, einem Professor an der University of Pennsylvania, ist es gelungen, seine Studentinnen und Studenten zu verführen, dass sie ihre Nasen in leibhaftige Bücher stecken. Nicht in irgendwelche Bücher, sondern in Romane. Nicht in irgendwelche Romane, sondern Literatur; keine leichte Kost, keine Strandlektüre, sondern Bücher über existenzielle Probleme. Dafür schalten die Kids sogar ihre Smartphones aus.

Justin McDaniels Seminar heißt: „Existenzielle Verzweiflung“. Er sagt den jungen Leuten: „Hier werden Bücher gelesen, die traurig anfangen, in der Mitte traurig sind und traurig enden.“ Warum das so ist? „Weil die Leute viel Selbsthilfebücher lesen, viel Malcolm Gladwell, Romane, in denen es darum geht, Schwierigkeiten zu überwinden und ähnlichen Blödsinn.“ In McDaniels Seminar geht es hingegen darum, dass Menschen komplizierte Wesen sind; dass es häufig keine Lösungen gibt. „Eigentlich“, sagt der vergnügte Mann mit der Hornbrille, „eigentlich will ich sie fürs mittlere Alter stählen. Dann sterben die Eltern. Man hat vielleicht schon eine Scheidung hinter sich. Die Karriere hat sich nicht so entwickelt, wie sie sollte. Man versucht, selber Kinder großzuziehen.“ Er selber habe vor ein paar Jahren einen schweren Herzinfarkt überlebt.

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„Lobet den Herrn, und: Lobet ihn mit Saitenspiel!“

Der Geiger Renaud Capuçon beantwortet in einem FAZ-Interview zu seiner neuen Platte mit Sonaten und Partiten von Johann Sebastian Bach die Frage „Im Booklet Ihrer neuen CD haben Sie statt eines Infotextes eine Passage aus dem 150. Psalm abgedruckt und erläutert. Warum?“ wie folgt: 

Man bat mich, einen Text zu schreiben. Ich dachte: Wie kann ich beschreiben, was Bach für mich bedeutet? Entweder schreibe ich zehn Seiten und es reicht immer noch nicht, oder ich zitiere einfach den Psalm, der alles schon ausdrückt. Lobet den Herrn, und: Lobet ihn mit Saitenspiel!

Wir brauchen eine Revolte gegen die KI-Sprache

Laut einer Analyse des Internetdienstleisters „Graphite“ wurden im Mai des vergangenen Jahres 52 Prozent aller neu publizierten Internetartikel von künstlicher Intelligenz verfasst. Insgesamt betrug der Anteil an KI-generierten Texten im Internet – also inklusive der vor Mai 2025 publizierten Artikel – sogar 57 Prozent.

Jens Ulrich Eckhard plädiert dafür, diesem Trend etwas entgegenzusetzen. Zum Beispiel Gedichte. Denn die Poesie überfordert die Dummheit der digitalen Logik.

Zitat: 

Gedichte werden den Lauf der Zeit nicht aufhalten, generative KI wird weiter das Internet fluten. Worum es vielmehr geht, ist die Frage, wie wir uns dazu verhalten. Irgendetwas macht es mit uns, dass es seit einigen Jahren diese digitalen Maschinen gibt, die in unserer Sprache herumfuhrwerken und Sätze nach Wahrscheinlichkeiten bilden.

Einen Hinweis auf die Dimension dieser Umwälzung liefert Rüdiger Safranski, dessen für Herbst angekündigtes Buch den Titel „Die vierte Kränkung. Der Mensch im Schatten der Künstlichen Intelligenz“ trägt. Nach der kopernikanischen Wende, Darwins Evolutionstheorie und Freuds Entdeckung des Unbewussten hat nun das „rechnende Denken“ Einzug in unsere Sprache gehalten. Generative KI macht uns einmal mehr klar: Der Mensch ist nichts Besonderes, seine Kommunikation ist reproduzierbar und sein „Haus des Seins“, wie Heidegger die Sprache nannte, hat er sich fortan mit den Algorithmen zu teilen.

Gegen die Schwemmgebiete im Digitalen, die sprachliche Landschaften aus Kies und Geröll hinterlassen, hilft somit nur die Ausweichbewegung in die Höhe. Das Gedicht als karstiger Fels, in dessen Spalten züngelnde Salamander hausen. Wer Weltfremdheit aushält, wird dort oben eine schöne Zeit haben.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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