Was passiert, wenn eine Journalistin in Glaubensfragen ĂŒberfordert ist und trotzdem darĂŒber schreibt, kann in der FAZ-Ausgabe vom 26. Januar nachgelesen werden (26.01.2021, Nr. 21, S. 3). Frauke Steffens liefert dort in âDer Glaube ist nicht genugâ den ultimativen Nachweis dafĂŒr, dass der neue US-PrĂ€sident Joe Biden ein ĂŒberzeugter Christ ist und jene, die daran zweifeln, mehrheitlich dem rechten und vor allem rassistischem Spektrum zuzuschlagen sind.
Was macht Joe Biden zum frommen Mann? Nun, er nutzte in seiner Antrittsrede biblische Metaphern und stellte im Oval Office ein Bild von Papst Franziskus und sich auf. Dies zeige, dass er und die Trump-AnhĂ€nger christliche Werte teilten und er fĂŒr den Dialog mit ihnen offen sei. Doch da ein wesentlicher Teil der republikanischen Machtbasis und der Trump-AnhĂ€nger christliche Nationalisten seien, werde es keinen Dialog geben.
Sie zitiert beispielsweise den Trump-UnterstĂŒtzer Josh Hawley, der 2017 gesagt habe, dass es keinen Zentimeter des Lebens gebe, ĂŒber den Jesus Christus nicht herrsche. Das deute darauf hin, âdass in diesem Denken in letzter Konsequenz nur Christen Anspruch auf volle Rechte oder etwa auch staatliche Hilfe erheben könntenâ. Dass der Spruch auf Abraham Kuyper zurĂŒckgeht und dieser von der SouverĂ€nitĂ€t im eigenen Kreise gesprochen hat, kann ein religiös unmusikalischer Mensch nicht wissen. Aber muss er dann darĂŒber schreiben? Kuyper jedenfalls war Verfechter einer pluralistischen Demokratie, betonte scharf, dass alle Menschen und alle Völker vor Gott gleich sind und förderte die Religionsfreiheit.
Auch den Baptismus meint Frauke Steffens bestens zu verstehen. âViele weiĂe Baptisten hĂ€ngen der Vorstellung anâ, schreibt sie, âdass es etwa göttliche Belohnungen fĂŒr FleiĂ gibt und Armut durch SĂŒnde entstehe. Das gipfelt in der Vorstellung, durch groĂe Spenden und viel Arbeit Heil erlangen zu können.â Wirklich?
Dass Biden das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch in Gesetzesform gieĂen möchte, ist hingegen eine feine Sache. Der kann sich dabei freilich weder auf die Bibel, den Katholischen Katechismus oder Franziskus persönlich berufen. Aber wen interessiert so etwas schon?
Sowohl Trump als auch Biden profitieren von einem verbreiteten Storytelling, das sich fĂŒr die Wahrheit kaum noch interessiert (Trump mochte alternative Fakten, Biden nimmt die Wahrheit wichtiger als Tatsachen). Bei vielen Leuten kommt gut an, was sich gut anfĂŒhlt. Aufgabe der Presse wĂ€re es freilich, eine missbrĂ€uchliche Inanspruchnahme des christlichen Narratives zu benennen, wo immer es geschieht.
Das ist Steffens zumindest bei Biden nicht gelungen. TatsĂ€chlich beherrscht dieser (oder sein Redenschreiber) das Instrument der rhetorischen Betörung brillant. Der katholische Dogmatiker C.C. Pecknold hat das an dem in der Antrittsrede verwendeten Augustinuszitat eindrĂŒcklich demonstriert. âVor vielen Jahrhundertenâ, so Biden, âschrieb der heilige Augustinus, ein Heiliger meiner Kirche, dass ein Volk eine Menge ist, die durch die gemeinsamen Objekte ihrer Liebe definiert wird. Was sind die gemeinsamen Objekte, die wir lieben, die uns als Amerikaner definieren?â Die Antwort, die Biden gibt, hat mit den Vorstellungen von Augustinus nichts zu tun. WĂ€hrend der Kirchenvater darauf bestand, dass es objektive moralische Normen gibt und ein funktionierendes Gemeinwesen darauf angewiesen ist, dass Gott durch Gnade eine âStadtâ regiert und es Gesetze gibt, die mit der Liebe zu Gott und zum NĂ€chsten ĂŒbereinstimmen, spricht der neue PrĂ€sident von âChancen, Sicherheit, Freiheit, WĂŒrde, Respekt, Ehre und ja, die Wahrheitâ.
C.C. Pecknold schreibt:
Sind wir uns einig darĂŒber, was eines dieser Worte bedeutet? Stimmt der gewöhnliche amerikanische Arbeiter, der das GefĂŒhl hat, dass alle seine Möglichkeiten nach China ausgelagert wurden, zu, dass wir einen Konsens ĂŒber unsere gemeinsamen Möglichkeiten haben? WĂŒrden die Ungeborenen im Mutterleib oder die Nonnen, die versuchen, im Einklang mit der Tugend zu leben, oder die Studenten, die mit verwirrenden sexuellen und rassistischen Ideologien bombardiert werden, ein GefĂŒhl dafĂŒr haben, dass alle Amerikaner eine gemeinsame Vereinbarung ĂŒber MenschenwĂŒrde, Respekt und Ehre haben? Das sind die Arten von Fragen, die Augustins alternative Definition [von Gemeinwohl] hervorrufen sollte. Aber weil er den Zweck der neuen Definition herausgeschnitten hat, gibt Biden uns einen sehr schlaffen Augustinus, der nur vage liberale PfrĂŒnde von âFrieden, Friedenâ liefert.