Zeitgeist

Mannsein als Krankheit

Kürzlich habe ich darüber berichtet, dass gemäß einer neuen Richtlinie der American Psychological Association (APA) „traditionelle Männlichkeit“ für Männer und Jungen „schädlich“ ist. Es freut mich, dass ein linker Hegelianer diese Entscheidung ähnlich kritisch sieht wie ich.  Der Philosoph Slavoj Žižek fühlt sich an die totalitäre Psychiatrie der Sowjetunion erinnert:

Im Folgenden der exakte Wortlaut jener Aussage, die so schamlos an die Öffentlichkeit gebracht wurde: „Eigenschaften, die der sogenannten traditionellen Männlichkeit zuzuordnen sind, wie die Unterdrückung von Emotionen und das Verbergen von Schmerz, beginnen oftmals schon früh im Leben und stehen offenbar im Zusammenhang mit einer geringeren Bereitschaft von Jungen und Männern, sich Hilfe zu suchen, einem Hang zum Risiko und zur Aggression – wobei das Risiko besteht, dass sie sich selbst, oder jene mit denen sie interagieren, verletzen.“

Dem aufmerksamen Leser kann Ideologie, die klingen möchte wie nüchterne Expertise, kaum entgehen: eine starke ideologische Geste, die Phänomene, die sie als inakzeptabel definiert, als neutrale Beschreibung medizinischer Fakten maskiert und so pathologisiert. So wird unter dem Deckmantel medizinischer Beschreibung eine neue Normativität definiert, ein neues Feindbild entwickelt.

Der vollständige Artikel liegt hinter eine Paywall: www.welt.de.

Die Grenzen des Kulturrelativismus

Während der Universalismus davon ausgeht, dass es eine allgemein gültige Ethik oder ein Moralgesetz gibt, die oder das für alle Menschen und Situationen gilt, schränkt der Kulturrelativismus die Anwendbarkeit ethischer Kategorien auf die Kultur ein, die sie hervorgebracht hat.

Prominent wurde der Kulturrelativismus durch den deutschstämmigen US-amerikanischen Ethnologen Franz Boas. Seiner Meinung nach ist jede Kultur relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Er entwickelte dementsprechend einen historischen Partikularismus. Danach hat jede Kultur ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, eine allgemeine Kulturtheorie zu entwerfen oder gar alle Ethnien usw. in das Korsett einer Kultur zwingen.

Boas hat mit seinen Forschungen und Thesen dem Postmodernismus Vorschub geleistet. Der Postmodernismus wendet sich gegen das Ideal der Einheit (Krieg dem Ganzen) und hat die Zersplitterung von moralischen Vorstellungen und Wahrheitskonzepten akzeptiert und gar befördert.

Der Kulturrelativismus ist ein wichtiger Bestandteil des Multikulturalismus. Oder anders ausgedrückt: Der Multikulturalismus beruft sich darauf, dass jede Kultur ihr eigenes Recht hat und widersteht der Gleichmacherei. Mit den Argumenten des Kulturrelativismus wurden etwa Forderungen nach einer Leitkultur dekonstruiert. Die Annahme oder Schaffung einer Leitkultur setzt nämlich voraus, dass bestimmte Überzeugungen, Regeln, Grundwerte usw. anderen überlegen sind.

Allerdings zeigt sich, dass der Kulturrelativismus gewisse Probleme schafft und sich kaum konsequent umsetzen lässt. So überrascht es nicht, dass Vertreter des Kulturrelativismus darauf drängen, bestimmte Werte für alle Kulturen verbindlich zu machen. In den Debatten zum Klimawandel wird beispielsweise eine Drohkulisse für die gesamte Menschheit aufgebaut, um globale Regeln zu legitimieren.

Ein anderes aktuelles Beispiel stammt aus der Ethnologie. In der Regel zählen Ethnologen zu den entschiedenen Verteidigern des Kulturrelativismus. Susanne Schröter, Professorin für Ethnologin und Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam in Frankfurt, erkennt aber an, dass es notwendig ist, dem Kulturrelativismus, den sie verteidigt, gewisse Grenzen zu setzen. In einem Interview mit der NZZ sagte sie kürzlich:

Viele fragen sich, ob sie sich überhaupt einmischen dürfen in andere Kulturen. Diese Haltung basiert unter anderem auf dem Kulturrelativismus, den die Ethnologie hervorgebracht hat. Franz Boas, einer der ethnologischen Gründungsväter, war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der Ersten, die Europa nicht als Krönung der Zivilisation verstanden haben. Alle Kulturen seien gleichwertig. Das war eine revolutionäre Sichtweise, die dem herrschenden Rassismus und Überlegenheitsdünkel etwas entgegengesetzt hat – und letztlich eine wichtige und gute Entwicklung, denn die Ethnologie begann ja als Kolonialwissenschaft. Seitdem hat sich allerdings vieles getan. Die Menschenrechte wurden verabschiedet. Dazu gehören die Frauenrechte und die Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung. Das setzt dem Kulturrelativismus Grenzen. Gewalt gegen Frauen kann und darf niemals gerechtfertigt werden.

Es geht darum, realistische Bedingungen zu schaffen für das Zusammenleben und über Regeln nachzudenken. Das haben wir ja bisher nicht gemacht. ‚Anything goes‘ war das Credo der freien Gesellschaft. Aber im Zusammenprallen mit Menschen aus autoritär-patriarchalischen Strukturen, in denen auch Gewalt legitimiert wird, hilft das nicht weiter. Wir müssen klar sagen, dass unsere Werte und emanzipativen Errungenschaften nicht verhandelbar sind. Wer sich daran nicht halten will, muss wieder gehen.

Solche Beobachtungen lassen mich darüber staunen, dass das jüdisch-christliche Weltbild sowohl vor einem Kollektivismus als auch vor dem Individualismus schützt, da es universalistisch ist und zugleich das partielle Recht von Kulturen schätzt. Ausgewogen eben.

Hier das vollständige Interview: nzzas.nzz.ch.

APA: Traditionelle Sicht von Männlichkeit ist schädlich

Vor genau ziemlich einem Jahr habe ich auf den Beitrag eines Psychologen verwiesen, der auf die Kulturabhängigkeit  psychiatrischer Kränkheitsbilder aufmerksam gemacht hat (siehe hier). Ähnlich kulturgetränkt dürften neue Richtlinien der American Psychological Association (APA) sein, demnach „traditionelle Männlichkeit“ für Männer und Jungen „schädlich“ ist.

Die Agentur THE CHRISTIAN POST schreibt:

Die American Psychological Association hat neue Richtlinien herausgegeben, die beschreiben, wie „traditionelle Männlichkeit“ für Männer und Jungen „schädlich“ ist, um Psychologen zu helfen, die mit ihnen arbeiten. Die Leitlinien haben bereits erhebliche Kritik hervorgerufen.

Die Berufsrichtlinien, deren Entwicklung angeblich 13 Jahre gedauert hat, sind die ersten ihrer Art, die die Gruppe klinischer Psychologen für die Arbeit mit Männern und Jungen veröffentlicht hat.

Die APA stützt sich auf 40 Jahre Forschung, „die zeigt, dass traditionelle Männlichkeit psychologisch schädlich ist und dass das Zusammensein von Jungen, um ihre Emotionen zu unterdrücken, Probleme verursacht, die sowohl nach innen als auch nach außen wirken“, erklärt eine Pressemitteilung vom Januar 2019.

Zu den Behauptungen der APA gehört, dass „je mehr Männer sich an männliche Normen halten, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ein normales, riskantes Gesundheitsverhalten wie starkes Trinken, Tabakkonsum und die Vermeidung von Gemüse als solche betrachten und sich selbst an diesem riskanten Verhalten beteiligen“.

„Was ist das Geschlecht in den 2010er Jahren?“ fragt Ryon McDermott, ein Psychologe an der University of South Alabama (USA), der half, die Richtlinien für Männer zu entwerfen, im Bericht. Die Antwort: „Es ist nicht mehr nur dieses binäre männlich-weibliche.“

Die Rolle des Arztes kann darin bestehen, Männer zu ermutigen, „die schädlichen Ideologien der traditionellen Männlichkeit (Gewalt, Sexismus) aufzugeben und Flexibilität in den potenziell positiven Aspekten (Mut, Führung) zu finden“. McDermott und sein Team arbeiten an einer „positiven Männlichkeitsskala“, um die Einhaltung der von Männern erwarteten pro-sozialen Eigenschaften zu erfassen, die bisher noch nicht systematisch gemessen wurde.

Mehr hier: www.christianpost.com.

Frauen, lasst die Teilzeit bleiben?

Frauen investieren viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung. Doch kaum sind die Kinder da, ziehen sich viele in die Teilzeit zurück. Ein fataler Trend, findet Inge Kloepfer in ihrem Beitrag für die FAZ. Sie hat dafür die Studie Making Motherhood Work von Caitlyn Collins ausgewertet.

Bemerkenswert ist das fehlende Verständnis dafür, dass es für Eltern und Kinder gut ist, mehr Zeit füreinander zu haben. Der Druck auf Frauen, die sich für mehr Zeit an der Seite der Kinder entscheiden, steigt – spürbar und ganz selbstverständlich. Das sind die Nebengeräusche der Emanzipation. Die jungen Mütter sind überhaupt nicht auf die emotionalen Kosten des Mutterseins vorbereitet und geraten, wenn die Kinder plötzlich da sind, in einen „Informationsschock“:

Ganze Kohorten jüngerer Frauen unterschätzten regelmäßig die Kosten, die ihnen durch ihr Muttersein entstehen, vor allem die „emotionalen Kosten“, die durch die Trennung von den Kindern, durch Schuldgefühle gegenüber Familie und Arbeitgeber oder etwa durch zu wenig Schlaf entstehen. Eine realistische Vorstellung davon machten sich junge Frauen kaum, nicht nur in Deutschland. „Man könnte das Mutterwerden als eine Art Informationsschock bezeichnen, der sich dramatisch auf das Verhalten der Frauen niederschlägt“, heißt es in der Studie. Mit erheblichen Folgen: „Die Wahrscheinlichkeit einer Anstellung nach der Geburt des Kindes sinkt für Frauen in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien um 30 bis 40 Prozent. Dabei wirkt der Informationsschock nicht nur lange nach. Er verstärkt sich sogar. Frauen, die direkt nach der Geburt einer festen Arbeit gegenüber skeptisch werden, seien es zwei Jahre später erst recht. Und noch stärker sind die Effekte, wenn das zweite Kind geboren wird. Betroffen sind davon vor allem die gut ausgebildeten Frauen. Bei Vätern indes sind derlei Effekte nicht nachzuweisen.

Anstatt den Rechtfertigungsdruck unter Frauen, die sich für die Familie entscheiden, zu erhöhen, sollten wir viel mehr danach fragen: Was ist gut für die Kinder? Aber das ist natürlich altbacken oder eben politisch unkorrekt.

Hier der vollständige Artikel: www.faz.net.

Der „SPIEGEL“ und Claas Relotius

Nach den Enthüllungen gefälschter Geschichten beim SPIEGEL bleiben etliche Fragen offen. Einer Frage ist Claudius Seidl, Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der FAS in Berlin, nachgegangen: War Claas Relotius ein Einzeltäter? Oder lag, was er tat, in der Logik des Systems?

Eine bestechende Analyse, die zeigt, wohin uns das „Storytelling“ geführt hat (siehe a. hier). Kurz: Relotius hat geliefert, was sich gut verkaufen lässt. Es geht einer mächtigen journalistischen Kaste mehr ums Erzählen als um das Schildern und Durchdringen des Wirklichen. Anders formuliert: Es fehlt an der Liebe zur Wahrheit; und an der Lust daran, Unbekanntes zu entdecken.

Es gibt auf der Website des sogenannten Reporterforums den Audiomitschnitt einer Vorlesung, die Ullrich Fichtner für junge, lernbegierige Journalisten hält; es ist ein bisschen langatmig und langweilig, dem zuzuhören; aber wenn man es, „Spiegel“-gerecht, verdichten und zuspitzen müsste: Dann liefe es auf den Lehrsatz hinaus, dass man sich beim Reportageschreiben an der Erzählstruktur und der Montagetechnik von Spielfilmen orientieren solle; Fichtner verweist da allen Ernstes auf „Mission Impossible 5“. Und genau so bringen das auch andere hochdekorierte Reportagepreisträger in Seminaren und Workshops den jungen Kollegen bei: Dass es bei der Reportage um Casting und Dramaturgie gehe; dass, wer in diesen schnellen Zeiten noch gelesen werden wolle, sich an der Erzähltechnik von Spielfilmen orientieren solle. Keiner hat diese Forderungen besser erfüllt als der Superstreber Claas Relotius, dessen Texte jetzt, so stand es gerade noch auf der Website des Reporterforums, von krimineller Energie in Schwung gebracht worden seien.

Und genau diese Baupläne sind falsch, lange bevor ein Reporter mit der sogenannten Wirklichkeit in Berührung gekommen ist. All diese Baupläne sind dazu da, dem Unverstandenen, den unauflöslichen Widersprüchen, den nicht begründbaren und nicht ganz auf den Begriff zu bringenden Gefühlen, den Phänomenen, die sich Argumenten und Erklärungen verschließen, trotzdem, im Akt des Erzählens eine Form zu geben. Was dabei herauskommt, ist immer Fiktion, und im Glücksfall, wenn die Form sich selbst reflektieren kann, ist es Kunst.

Unbedingte Empfehlung: www.faz.net.

Die Rückkehr des Heidentums

Ross Douthat meint, dass das postchristliche Nordamerika zum Neuheidentum zurückkehrt. Er schreibt in der NEW YORK TIMES:

Was ist das für eine Vorstellung? Einfach gesagt: Die Göttlichkeit ist grundsätzlich innerhalb der Welt und nicht außerhalb, dass Gott oder die Götter oder das Sein letztendlich Teil der Natur und nicht Schöpfer außerhalb von ihr sind, und dass Bedeutung und Moral und metaphysische Erfahrung in einer volleren Gemeinschaft mit der immanenten Welt und nicht in einem Sprung zum Transzendenten zu suchen sind. Dieses Heidentum ist nicht materialistisch oder atheistisch; es erlaubt den Glauben an spirituelle und übernatürliche Wirklichkeiten. Es akzeptiert sogar die Möglichkeit eines Jenseits. Aber es ist bewusst agnostisch in Bezug auf das Endgültige, das, was jenseits der Ufer dieser Welt wartet, und es ist skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass es einen asketischen, weltabweisenden moralischen Standard gibt, nach dem wir streben sollten. Stattdessen sieht es den Zweck von Religion und Spiritualität im Therapeutischen, als Mittel zur Suche nach Harmonie mit der Natur und dem Glück im Alltag …

Mehr: www.nytimes.com.

VD: WH

Wie die Genderforschung Gewalt verharmlost

Einige Genderforscherinnen bringen die Gewalt durch Genitalverstümmelung oder Terrorismus mit ihren Sprachregelungen zum Verschwinden. Durch queere Rhetorik wird etwa der islamische Terrorismus verteidigt. Judith Basar schreibt für die FAZ am 22.11.2018 (im geschlossenen Bereich):

Auch Judith Butler legt sich in „Raster des Krieges“ mit der Moral an. Das Wort „Terrorist“ sei nur ein Produkt des westlichen Liberalismus, weswegen sie Wörter wie „terroristisch“ und „terroristische Gewalt“ konsequent in Anführungszeichen setzt. Auch die moralische Ablehnung des Terrors sieht Butler als Resultat unserer westlichen Überlegenheit an. Die Konsequenz: Nicht mehr islamistische Attentäter sind moralisch zu verurteilen, sondern die westliche Staatsgewalt. Sie schreibt: „Wenn wir erst einmal in der Lage sind, diese Formen der Gewalt vergleichend zu betrachten, das heißt sie als Bestandteil des heutigen Spektrums tödlicher Akte zu erkennen, wird auch sichtbar, dass die Zerstörungen und Übergriffe durch die Staatsgewalt weit schwerwiegender sind als die Wirkungen jener Akte, die in die Kategorie ‚terroristisch‘ fallen.“

Generation der Lustlosen

Der jungen Generation in Deutschland geht es einerseits glänzend. Es gibt  attraktive Ausbildungsmöglichkeiten oder Jobperspektiven und natürlich unglaublich fasziniernde Freizeitangebote. Sie erhalten mehr Aufmerksamkeit als wahrscheinlich jemals zuvor junge Leute sie bekommen haben. Trotzdem muss man, wie Göttinger Wissenschaftler herausfanden, seit 2005 einen Anstieg von Depressionen um 76 Prozent im Segment der 18- und 25-Jährigen verzeichnen. Jeder sechste Studierende quält sich mit Gefühlen von Hoffnungs- und Lustlosigkeit, Resignation und innerer Leere.

Woran das liegt, danach fragt die Psychotherapeutin Astrid von Friesen. Einige Antworten mögen überraschen. Nicht nur die Smartphones spielen eine Rolle, sondern auch die oft instabilen Familienverhältnisse:

Liegt es am früh einsetzenden gesellschaftlichen, durch die Eltern transportierten Leistungsdruck, der viele in die Universitäten drängt, obwohl sie zur Theorie wenig befähigt sind? Liegt es an den prekären Arbeitsverhältnissen, die Ohnmachtsgefühle evozieren und zermürben? Tiefenpsychologisch lässt sich Folgendes konstatieren: Das Trauma von hässlichen Scheidungen ebenso wie das vom Vaterverlust. Wenn zudem Eltern, besonders alleinerziehende, den eigenen Entwicklungsschritt weder des emotionalen, finanziellen noch des putztechnischen Loslassens bewältigen, kann eine hermetische Abwehr aus Bequemlichkeit und Anspruchsdenken entstehen. Fällt der vor allem durch gute Väterlichkeit geprägte gesunde Ehrgeiz aus, wird die emotionale Unterversorgung durch passiv-aggressive Dauerausbeutung der Eltern als „Muttersöhnchen“ oder „Prinzessin“ sowie durch Leistungsverweigerung beantwortet.

Hier der volle DLF-Beitrag:

 

[asa]3945716284[/asa]

Heideggers Universitätskritik

Ich habe mehrfach darüber berichtet, dass der Wissenschaftsbetrieb an den Universitäten teilweise sehr „glattgebügelt“ worden ist. Besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften wird die Suche nach Wahrheit zugunsten der „Diversität“ vernachlässigt (vgl. hier). Wir haben inzwischen eine politisch korrekte Monokultur im Forschungsbetrieb. Anstatt Wahrheitsansprüche zu prüfen, suchen Studierende Aussagen ihrer Professoren, die emotional verletzen könnten. Lehrende und Kommilitonen werden in den USA wegen sogenannter „Mikroaggressionen“ inzwischen sogar denunziert.

In diesem Zusammenhang viel mir eine Aussage auf, die Peter Trawny in seinem frischen Heidegger-Buch zur Universitätskritik des Freiburger Philosophen gemacht hat (Heidegger Fragmente, 2018, S. 51):

Heidegger und die „Forschung“? Wer kann sich ernsthaft Heideggers Vorlesungen übers „faktische Leben“ oder über „Hölderlins ‚Ister‘“ an einer aktuellen Universität vorstellen?

Daher hat Heideggers Universitätskritik einen Punkt. Was, „wenn die Universität selbst keine Möglichkeit mehr bietet, einen Raum der Gefährlichkeit des eigentlichen Denkens freizugeben“? Gefahr meint hier intellektuelles Risiko, Lust zum Experiment, zum Abwegigen, zum Randständigen, philosophische Kreativität, Abstand zu den konformistischen Techniken, die nicht nur die Studierenden, sondern die Dozierenden selbst langweilen.

Ein paar Jahre später hat sich Heideggers Betroffenheit kanalisiert. „Lange Vermutetes“ bestätige sich „immer deutlicher durch die Organisation der Wissenschaften aus der Organisation ihrer Probleme“. Die Wissenschaften seien „während der letzten hundert Jahre auf das sichere Geleise ihres technischen Wesens gekommen“. Noch einmal der Hinweis auf die Gefahr-Reduzierung und Verharmlosung, d. h. auf die Unterdrückung improvisatorischer Spontaneität zugunsten bräsiger Forschungsprojekte („sichere Geleise“), die es im Philosophieren ohnehin nicht gibt.

[asa]3103972997[/asa]

Kritik an „Ehe für alle“ wird Fall für den Presserat

Der österreichische Journalist Martin Leidenfrost hatte sich erlaubt, in einem bissigen Kommentar den politischen Einfluss der Schwulen und Lesben zu hinterfragen. So schrieb er:

Der Nationalrat ist hier mit einem Herzstück der herrschenden Ideologie konfrontiert. Wo Gläubige früher durch die Straßen zogen, um den Leib Christi zu verehren, beten sie jetzt in Latex gepresste Männerärsche an. Die Gay-Pride-Parade ist die Fronleichnamsprozession des frühen 21. Jahrhunderts. Der propagandistische Aufwand ist gewaltig: Filmindustrie und Medien massieren uns mit homosexuellen Rührdramen, die Privilegierung einer im Westen wohlsituierten Minderheit wird als „Ehe für alle“ verkauft, Andersdenkende werden an Schandpfähle gebunden. Aus einer lustigen Travestie ist eine todernste Staatsdoktrin geworden.

Was passiert? Leidenfrost wird mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Tabu gebrochen zu haben und der Fall landet nun vor dem Presserat in Österreich.

Kurz: Diejenigen, die sich auf die Fahnen schrieben, im Namen von Toleranz, Aufklärung und Fortschritt möglichst alle Tabus zu brechen, wollen die Kritik an ihnen lieb gewordenen Überzeugungen und Rechten verbieten. Immunisierung.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner