Bibelwissenschaft

N.T. Wright

Als ich vergangenen Sonntag bei der Bibelbund-Konferenz über die Neues Paulusperspektive sprach, konnte ich es mir nicht verkneifen, ein paar persönliche Worte über N.T. Wright zu verlieren. Ein Auszug:

Nicholas Thomas Wright, ein Freund von James Dunn, ist Professor für Neues Testament an der Universität von St. Andrews (Schottland). Er studierte Geschichte und Theologie in Oxford und promovierte 1981 zum Römerbrief. Von 2003 bis 2010 war er Bischof von Durham (England) in der anglikanischen Kirche.

Wright ist inzwischen für viele Evangelikale eine Art Superstar. Die Zeitschrift Christianity Today schrieb im Jahr 2014 über ihn:

Leuten, die aufgefordert werden, über N.T. Wright zu schreiben, gehen schnell die Superlative aus. Er ist der produktivste Bibelwissenschaftler seiner Generation. Einige sagen, er ist der bedeutendste Apologet für den christlichen Glauben seit C. S. Lewis. Er hat die umfangreichste allgemein verständliche Kommentarreihe zum Neuen Testament seit William Barclay geschrieben. Und für den Fall, dass drei Karrieren nicht reichen, ist er auch noch ein Kirchenführer, der als Bischof von Durham in England gedient hatte, bevor er seinen Posten als Professor an der University of St. Andrews in Schottland annahm.

Ich füge hinzu: Er schreibt Bücher schneller als andere sie lesen.

N T. Wright, der populärwissenschaftlich unter dem Namen Tom Wright publiziert, hat sich als neutestamentlicher Theologe sowohl in der Leben-Jesu-Forschung als auch in den Paulusstudien große Aufmerksamkeit erarbeitet.

Als bahnbrechend gilt seine Untersuchung zur leiblichen Auferstehung von Jesus Christus, in der er zeigt, dass im jüdischen Umfeld von einer leibhaftigen Auferstehung auszugehen ist. Auch in der vertrackten Frage nach dem historischen Jesus hat Wright Grundlagenarbeit geleistet und den sogenannten dritten Weg vorgeschlagen. Als beispielgebend kann Wrights Versuch gelten, erneut nach der Einheit in der biblischen Offenbarung zu suchen. Er will die in Einzelteile zerfallene Schrift wieder als Ganzes wahrnehmen. Und zwar nicht nur innerhalb des Neuen oder des Alten Testaments, sondern auch zwischen den Testamenten. So versucht er, all die kleinen Erzählungen in der Bibel zu einer großen Geschichte (engl. story) zusammen zu ziehen und dabei auch scheinbar widersprüchliche Passagen stimmig auszudeuten.

Hinweisen möchte ich gleichwohl darauf, dass Wright sehr frustrieren kann. Er tritt ungemein selbstbewusst auf und liebt Gesten eines Provokateurs. Oft problematisiert er Spannungen in überzogener Weise und preist dann seine eigenen Entwürfe als Lösungen an.

Um ein Beispiel zu nennen: Mit großem Sendungsbewusstsein erklärt Wright, es gehe beim Christsein nicht darum, wie ein Mensch in den Himmel komme. Nun hat es in der Kirchengeschichte immer wieder Leute gegeben, die einseitig den Glauben als Flucht vor dem Hier und Jetzt gepredigt haben. Aber zu sagen, dass es den Christen bisher meist nur darum gegangen sei, wie ein Mensch in den Himmel komme, ist eine zynische Überzeichnung. Wright ist Historiker und sollte wissen, welchen Einfluss Christen beispielsweise auf die Entwicklung der Krankenhäuser oder der Universitäten gehabt haben. Von Weltflucht kann da keine Rede sein. Freilich auch nicht davon, dass die Christen glaubten, den Himmel auf die Erde zu ziehen.

Wright hat einmal seine Sympathien für den Lutheraner Ernst Käsemann zum Ausdruck gebracht. Er sagte: „Wenn ich mich entscheiden müsste, die Werke eines einzigen Paulusexegeten mit auf eine einsame Insel zu nehmen, würde ich Käsemann wählen.“ Ich finde diese Worte nicht nur hinsichtlich der Exegese, sondern auch psychologisch, interessant. Käsemann wurde einmal von einem Rezensenten bescheinigt, ein Mann zu sein, „der gegenüber jedem und allem eine andere Meinung vertritt“. Ähnliches kann man – und jetzt übertreibe ich mal – von N.T. Wright behaupten.

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Paulinische Rechtfertigungslehre nur Missionstheologie?

Für Krister Stendahl und andere Vertreter der Neuen Paulusperspektive (siehe auch: Was ist die „Neue Paulusperspektive?“) geht es im Galaterbrief nicht um die Frage, wie ein Mensch mit Gott versöhnt wird, sondern vielmehr darum, unter welchen Bedingungen Heiden in das Volk Gott aufgenommen werden können.

Schon im „Paulus“ von William Wrede gehörte die Rechtfertigungslehre nicht in die Soteriologie. Sie erscheint bei ihm als Nebenkrater der apostolischen Missionstheologie. 1904 schrieb er:

Die Reformation hat uns gewöhnt, diese Lehre als den Zentralpunkt bei Paulus zu betrachten. Sie ist es aber nicht. Man kann in der Tat das Ganze der paulinischen Religion darstellen, ohne überhaupt von ihr Notiz zu nehmen, es sei denn in der Erwähnung des Gesetzes. Es wäre ja auch sonderbar, wenn die vermeintliche Hauptlehre nur in der Minderzahl der Briefe zum Worte käme. Und das ist der Fall; d. h. sie tritt überall nur da auf, wo es sich um den Streit gegen das Judentum handelt. Damit ist aber auch die wirkliche Bedeutung dieser Lehre bezeichnet: sie ist die Kampfeslehre des Paulus, nur aus seinem Lebenskampfe, seiner Auseinandersetzung mit dem Judentum und Judenchristentum verständlich und nur für diese gedacht, – insofern dann freilich geschichtlich hochwichtig und für ihn selbst charakteristisch.

Bei N.T. Wright klingt es folgendermaßen: (Worum es Paulus wirklich ging, 2010, S. 151):

Die Frage, um die es in der Gemeinde von Antiochien ging, auf die Paulus im 2. Kapitel [des Galaterbriefes; Anm. R.K.] verweist, lautet nicht, wie Menschen in eine Beziehung zu Gott eintreten, sondern sie lautete: Mit wem darf man essen? Wer gehört zum Volk Gottes? Sind ehemalige heidnische Konvertiten Mitglieder im vollen Sinne sind oder nicht.

Stephen Westerholm hält in seinem hilfreichen Buch Justification reconsidered entgegen (zitiert nach Stephen Westerholm, Angriff auf die Rechtfertigung: Die Neue-Paulus-Perspektive auf dem Prüfstand, Oerlinghausen: Bethanien, 2015, siehe meine Rezension hier):

Wie können Sünder einen gnädigen Gott finden? Diese Frage ist für den modernen westlichen Menschen alles andere als typisch; doch Paulus weckte diese Frage mit seiner Botschaft überall, wohin er auch ging. Paulus aber war nicht dazu gesandt, einen Notstand zu beleuchten, sondern einer Welt, die unter dem Gericht Gottes steht, Rettung zu bringen. Seine Antwort lautete (in den Thessalonicherbriefen inhaltlich, wenn auch nicht ausdrücklich; in den Korintherbriefen ausdrücklich, wenn auch nicht vorherrschend; im Galaterbrief thematisch und in seinen weiteren Briefen regelmäßig): Sünder, für die Christus starb, werden von Gott für gerecht erklärt, wenn sie an Jesus Christus glauben.

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Die Bibel in bunt

In Washington (USA) entsteht ein gewaltiges Bibelmuseum – unter der Verantwortung des Heidelberger Theologen David Trobisch. Finanziert wird das gigantische Projekt zu großen Teilen von Evangelikalen. 

DLF hat über den Museumsaufbau informiert. Der skeptische Unterton darf nicht fehlen. Verdächtig macht allein die Tatsache, dass der größte Finanzier aus einer evangelikalen Gemeinde kommt. Die kritischen Anfragen hat der Sammlungsleiter David Trobisch jedoch glänzend gemeistert.

Hier:

Tatum über Wrights „Rechtfertigung“

41gD9TbQ9BL SX332 BO1 204 203 200Dass ein katholischer Theologe Βegründungsversuche einer forensischen Rechtfertigungslehre mit größter Skepsis wahrnimmt, ist verständlich. Aber diese Kritik an N.T. Wrights groß angelegtem Unternehmen, die Lehre der Glaubensrechtfertigung in seinem Paul and the Faithfulness of God (PFG) bundestheologisch zu verankern, hat es in sich. Gregory Tatum resümiert:

Wright wrote PFG to provide a new foundation for forensic justification (understood as a change in legal status and nothing more) in terms of a grand covenantal narrative. This grand covenantal narrative is built on sand – the select Abraham texts of Gal 3 and Rom 4 disconnect the promise/heir schema from the covenantal life of pre-Messianic Israel (circumcision and Torah). Wright’s reading of the Abrahamic promises collapses the New Covenant into the Old and eradicates the Torah and Israel-according-to-the-flesh both inside and outside the κοινονία of the New Covenant.

Hier bin ich – für einige sicher überraschend – doch geneigt, Wright in Schutz zu nehmen. Die eigentliche Innovation in PFG findet Gregory Tatum übrigens in Wrights Exegese zu Römer 2,5–13. Gerade die Auslegung von Röm 2 finde ich bei Wright alles andere als überzeugend.

Das Buch:

  • Christoph Heilig, J. Thomas Hewitt u. Michael F. Bird (Hg.), God and the Faithfulness of Paul: A Critical Examination of the Pauline Theology of N.T. Wright, Bd. 413, WUNT 2, Tübingen: Mohr Siebeck, 2016

hat viel zu bieten!

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ESV wird doch revidiert

Mitte September 2016 habe ich kurz darüber berichtet, dass der Verlag Crossway entschieden hat, den Text der englischsprachigen Bibelübersetzung ESV einzufrieren. Nach massiver Kritik rudert der Verlag nun zurück. In einer Pressemitteilung heißt es:

We have become convinced that this decision was a mistake. We apologize for this and for any concern this has caused for readers of the ESV, and we want to explain what we now believe to be the way forward. Our desire, above all, is to do what is right before the Lord.

Our goal at Crossway remains as strong as ever to serve future generations with a stable ESV text. But the means to that goal, we now see, is not to establish a permanent text but rather to allow for ongoing periodic updating of the text to reflect the realities of biblical scholarship such as textual discoveries or changes in English over time. These kinds of updates will be minimal and infrequent, but fidelity to Scripture requires that we remain open in principle to such changes, as the Crossway Board of Directors and the ESV Translation Oversight Committee see fit in years ahead.

Mehr: www.crossway.org.

ESV wird nicht mehr revidiert

EsvstudybibleDer Verlag Crossway hat bekannt gegeben, dass der Text der beliebten englischsprachigen Bibelübersetzung ESV nach der diesjährigen Revision (es wurden 52 Worte geändert) nicht mehr bearbeitet werden soll. Der Text bleibt ab jetzt also stabil. In der Mitteilung des Herausgebers heißt es:

Beginning in the summer of 2016, the text of the ESV Bible will remain unchanged in all future editions printed and published by Crossway—in much the same way that the King James Version (KJV) has remained unchanged ever since the final KJV text was established almost 250 years ago (in 1769). This decision was made unanimously by the Crossway Board of Directors and the ESV Translation Oversight Committee. All future Crossway editions of the ESV, therefore, will contain the Permanent Text of the ESV Bible—unchanged throughout the life of the copyright, in perpetuity.

Hier die vollständige Pressemitteilung des Verlags: www.esv.org.

Die Gerechtigkeit gewährenden Offenbarung Gottes

Eckhard Schnabel schreibt zu Römer 3,24 (Der Brief des Paulus an die Römer: Kapitel 1–5, HTA, Witten; Gießen: R. Brockhaus; Brunnen, 2015 S. 389–390):

Mit dem Verb δικαιόω betont Paulus den forensischen Aspekt der Heil schaffenden, Gerechtigkeit gewährenden Offenbarung Gottes (s. zu 1,17). Die Sünder, die die Teilhabe an der Realität der Herrlichkeit Gottes verspielt haben (V. 23), werden von Gott für gerecht erklärt. Im Kontext der Rechtssprache beschreibt die Rechtfertigung des Sünders seinen Freispruch als Angeklagter. Dieser Freispruch ist nur möglich, wenn die Ungerechtigkeit des Sünders (1,18; 3,5.10) gegen die Gerechtigkeit Gottes ausgetauscht wird: Der Sünder steht vor Gott nicht als Sünder, sondern als Gerechter, was nur möglich ist, wenn er ein Gerechtfertigter ist. Der Freispruch ist keine Amnestie, nach der begangenes Unrecht für folgenlos erklärt wird, sondern effektive Vergebung der konkreten Sünden der Ungerechten infolge des Sühnetodes Jesu Christi. Das Rechtsurteil Gottes, das Sünder für gerecht erklärt, hat forensisch effektive Bedeutung: Es hat „schöpferische Kraft“. Im Kontext des Hinweises auf den Verlust der Realität der Herrlichkeit Gottes in V. 23 bedeutet dies, dass Gott dem gerechtfertigten Sünder eine „eschatologisch gewandelte Existenz“ zuspricht und ermöglicht, die von Friede mit Gott (5,1) und von der Bewahrung vom Zorn Gottes (5,0) gekennzeichnet ist sowie von einem Leben, in dem sich der gerechtfertigte Sünder Gott zur Verfügung stellt und die Glieder seines Leibes als Waffen der Gerechtigkeit für Gott (6,13). Die Rechtfertigung des Sünders kann nicht vom Sünder selbst, sondern nur durch Gott bewerkstelligt werden. Dies wird durch die Passivform den Partizips (δικαιούμενοι) angezeigt. Gott selbst ist derjenige, der den Sünder gerecht spricht (8,33: θεὸς ὁ δικαιῶν; vgl. 3,26; 4,5; Gal 3,11). Das Präsens des Partizips ist im Kontext von V. 19-20 einerseits futurisch auf das Endgericht zu beziehen, in dem Gott sein gerechtes Gerichtsurteil offenbaren wird (vgl. 2,5), andererseits im Kontext von V. 25 auf das Geschehen im Sühnetod Jesu in der Vergangenheit, in dem Gott Heil geschaffen hat.

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